Osterfestspiele 2022

Russland und Baden-Baden:
Eine große, alte Liebe

Die russisch-orthodoxe Kirche zur »Verklärung des Herrn«
(Foto: Monika Rittershaus)

Russland und Baden-Baden – das ist eine große, alte Liebe. Im 19. Jahrhundert war der mondäne Kurort am Rande des Schwarzwalds ein wichtiges gesellschaftliches Zentrum, ein beliebter Treffpunkt für den Adel und die Kunstschaffenden des Zarenreichs. Vor allem die Spielbank lockte viele an. Hier stand so manches Vermögen zur Disposition. Welche zerstörerische Macht die Spielleidenschaft haben kann, zeigt Peter Tschaikowsky in seiner Oper Pique Dame, die Kirill Petrenko und die Berliner  Philharmoniker bei den Osterfestspielen 2022 im Festspielhaus herausbringen.

Es geht um einen jungen Offizier, der davon besessen ist, das Geheimnis der drei Karten zu erfahren, mit denen man jedes Spiel gewinnt. Dabei verliert er seine große Liebe und schließlich auch sein Leben. Ein spannendes Drama, das menschliche Abgründe aufzeigt und eindrucksvoll von Tschaikowsky in Musik gesetzt wurde. Die Hauptpartien singen der Tenor Arsen Soghomonyan, der den spielsüchtigen Offizier verkörpert, die Sopranistin Asmik Grigorian, die seine angebetete Lisa darstellt, und die Mezzosopranistin Doris Soffel (Gräfin). Regie führen Moshe Leiser und Patrice Caurier.

Und noch ein weiteres Bühnenwerk von Tschaikowsky führen die Berliner Philharmoniker und ihr Chef konzertant auf: Jolanthe, die letzte Oper des Komponisten. Es ist ein charmantes, lichtes Werk, in dessen Zentrum eine erblindete Prinzessin steht, die durch Liebe sehend wird. Tschaikowsky schuf dazu eine leuchtende, poetische Musik, aus der nicht zuletzt seine Liebe zur französischen Oper spricht. In der Titelpartie ist Sonya Yoncheva zu erleben, die als Jolanthe bereits an der New Yorker Met und bei den Berliner Philharmonikern als Desdemona in Verdis Otello gefeiert wurde.

Hommage an Russland

Die Musik Russlands bildet auch bei den Orchesterkonzerten der Osterfestspiele einen Schwerpunkt. Anlässlich des 140. Geburtstags und des 50. Todestags von Igor Strawinsky erklingen seine drei berühmtesten Ballettmusiken: François-Xavier Roth dirigiert Petruschka, Andris Nelsons Le Sacre du printemps und Kirill Petrenko leitet Der Feuervogel. Außerdem dürfen wir uns auf herausragende Solistinnen und Solisten freuen: Die Sopranistin Anna Netrebko interpretiert Lieder von Sergej Rachmaninow und die berühmte Briefszene der Tatjana aus Tschaikowskys Eugen Onegin. Der Trompeter Håkan Hardenberger spielt das Trompetenkonzert von Mieczysław Weinberg, einem Freund Dmitri Schostakowitschs, das sich durch Brillanz, Virtuosität und Witz auszeichnet.

In Johann Sebastian Bachs Konzert für Oboe d'amore, Streicher und Basso continuo greift der philharmonische Solooboist Albrecht Mayer zur großen Schwester der Oboe. Im Ton dunkler und weicher entführt die Oboe d'amore in eine ganz eigene Klangwelt. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker feiern in diesem  Jahr ihren 50. Geburtstag – mit einem Konzert, in dem sie ihre schönsten Titel und Arrangements von der Klassik bis zum Pop vorstellen. Auch das Bundesjugendorchester, das »Patenkind« der Berliner Philharmoniker, ist zu einem Auftritt eingeladen. Unter der Leitung von Kirill Petrenko spielt der Orchesternachwuchs Ludwig van Beethovens Fünfte Symphonie und die Tondichtung Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss.

Nicht nur das Festspielhaus, ganz Baden-Baden ist erfüllt von Musik. Viele Kultureinrichtungen der Stadt wie die Orangerie, der Weinbrennersaal, der Runde Saal im Kurhaus, der Malersaal, das Kulturhaus und die Kirche St. Bernhard werden zu philharmonischen Spielstätten – für Konzerte der philharmonischen Kammermusikensembles, die in diesem Jahr ebenfalls im Zeichen der russischen Musik stehen.

Und dabei gibt es so einiges zu entdecken: Beispielsweise die Serenata all spagnola, ein Streichquartett, zu dem die Komponisten Nikolaj Rimsky-Korsakow, Anatoli Ljadow, Alexander Borodin und Alexander Glasunow je einen Satz beigesteuert haben, oder das Klavierquintett g-Moll von Anton Rubinstein und das Klaviertrio von Anton Arensky.

Kurhaus in Baden-Baden
(Foto: Monika Rittershaus)

Daneben stehen mit Streichquartetten von Peter Tschaikowsky und Dmitri Schostakowitsch Klassiker des Kammermusikrepertoires. Im Russland des 19. Jahrhunderts war die Gattung des »Trio élégiaque« sehr beliebt. Wegen seiner getragenen, wehmütigen Stimmung schrieben die russischen Komponisten solche Trios gerne als musikalischen Nachruf für bedeutende Persönlichkeiten. Die berühmtesten stammen von Peter Tschaikowsky und Sergej Rachmaninow und dürfen bei den philharmonischen Kammerkonzerten in Baden-Baden nicht fehlen.

Den musikalischen Kontrapunkt zur russischen Musik setzen Werke von Hans Werner Henze, Johannes Brahms, Claude Debussy und Maurice Ravel. Neben festen philharmonischen Formationen wie dem Feininger Trio, dem Venus und dem Brahms Ensemble sowie dem Philharmonia Klaviertrio Berlin treten in den Kammermusikkonzerten Mitglieder des Orchesters auf, die sich aus Begeisterung am kammermusikalischen Spiel für ein bestimmtes Programm zusammengefunden haben.

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