Besiegelt von der Liebe Kuss

Richard Wagner und
Mathilde Wesendonck

Das »Asyl« der Wagners neben der Villa Wesendonck

 Der wegen seiner revolutionären Umtriebe in Dresden steckbrieflich gesuchte Richard Wagner lernte die verheiratete Mathilde Wesendonch im Schweizer Exil kennen, wo ihr Ehemann den Flüchtling finanziell unterstützte. Sie wurde seine Angebetete und Muse, die ihn zu seiner Oper Tristan und Isolde inspirierte.

Am 28. Mai 1849 überquerte Richard Wagner den Bodensee und erreichte mit einem gefälschten Pass das rettende Ufer der Schweiz. Er war auf der Flucht vor den sächsischen Justizbehörden, die ihn beschuldigten, an der Dresdner Mairevolution mitgewirkt zu haben.

Eine Gefängnis- oder Todesstrafe, die ihm gedroht hätte, konnte Wagner durch den Schritt ins Exil umgehen, doch finanziell ging es ihm miserabel. Um seine spärlichen Tantiemen aufzubessern, musste er sich als Dirigent betätigen. Bei einem seiner Zürcher Konzerte saß Anfang 1852 auch das Ehepaar Mathilde und Otto Wesendonck im Publikum und stellte sich dem »Meister« anschließend vor.

Der fand seine neuen Verehrer auf Anhieb interessant. Für Otto Wesendonck sprach schon die Tatsache, dass er als erfolgreicher Seidenhändler über ein beträchtliches Vermögen verfügte. Mathilde aber, damals erst 23 Jahre alt, zog den 15 Jahre älteren Wagner in jeder Hinsicht an: Sie war attraktiv, gebildet, feingeistig. Und sie schwärmte nicht nur für seine Kunst, sondern bewunderte ihn auch als Mann oder zumindest als Persönlichkeit.

Da hatte Minna, seit 1836 Wagners Ehefrau, das Nachsehen. Und so kam es, dass Mathilde Wesendonck zu Wagners Muse aufstieg. Schon im Mai 1853 komponierte er für sie eine Klaviersonate, und als er 1854 den ersten Akt seiner Walküre in Angriff nahm, muss er bei der Liebesszene zwischen Sieglinde und Siegmund an sie und sich selbst gedacht haben.

»GSM« kritzelte er an den Rand der Notenblätter: »Gesegnet sei Mathilde«. Aber auch Otto Wesendonck machte sich nützlich. Er unterstützte Wagner großzügig und ermöglichte ihm, seine Zürcher Wohnung mit den schönsten Möbeln und Teppichen, seidenen Vorhängen und kristallenen Kronleuchtern auszustatten.

Doch häufte Wagner dabei 10.000 Franken Schulden an, für die sein Gönner geradestehen musste. »So viel ist klar«, stellte Wesendonck fest: »Wagner selbst darf kein Geld in die Hand gegeben werden.«

Die Konsequenz, die er aus dieser Erkenntnis zog, war allerdings fatal. Er bot den Wagners an, ein Haus auf dem Nachbargrundstück der Wesendonck-Villa zu beziehen. Wagner, der sich in seiner Zürcher Stadtwohnung von gleich fünf Pianisten, einem Flötisten und einem Blechschmied im selben Haus massiv gestört fühlte, sagte begeistert zu und übersiedelte am 28. April 1857 in sein neues Domizil, das er »Asyl« nannte.

Die räumliche Nähe nutzte er für fast tägliche Besuche bei Mathilde. An den Nachmittagen, wenn Otto geschäftlich zu tun hatte, suchte er sie auf, las ihr aus seinen Dichtungen vor oder präsentierte ihr seine Errungenschaften auf dem Klavier.

Mathilde Wesendonck, 1860. Gemälde von Johann Conrad Dorner
(Foto: akg-images)

Ein Jahr später eskalierte die Situation. Minna, misstrauisch geworden, fing am 7. April 1858 einen Dienstboten der Wesendoncks ab, den Wagner als eine Art »Postillon d’Amour« für vertrauliche Botschaften einsetzte.

Sie ließ sich den jüngsten Brief aushändigen und las, was ihr Mann Mathilde zu sagen hatte: »Heut’ komm ich in den Garten; sobald ich Dich sehe, hoffe ich einen Augenblick Dich ungestört zu finden! – Nimm meine ganze Seele zum Morgengruße!« Minna stellte Richard zur Rede, der aber kühl und abweisend reagierte. Daraufhin sprach sie bei Mathilde vor, die ihr über jeden Zweifel erhabenes Verhältnis zu Wagner in den Schmutz gezogen sah und Otto einschaltete.

Mit dem Ergebnis, dass die Wesendoncks zu einer mehrwöchigen Italienreise aufbrachen und Wagner das »Asyl« verlassen musste. Am 17. August 1858 machte er sich auf nach Venedig – ohne Minna, von der er sich nun endgültig getrennt hatte.

Susanne Stähr

 

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