»Einmal muss es ja doch durch dich durch«

Der Bariton Christian Gerhaher

(Foto: Gregor Hohenberg / Sony Classical)

Der Bariton Christian Gerhaher gehört zu den bedeutendsten Sängern unserer Zeit. Seit seinem philharmonischen Debüt im Jahr 2003 ist er immer wieder bei den Philharmonikern zu erleben, im Dezember präsentiert er nun Franz Schuberts Schwanengesang. Ein Porträt.

Wenn in einem Gedicht das Wörtchen »ich« steht, spricht der Dichter nicht unbedingt von sich selbst. Deutschlehrer können ein Lied davon singen. Und Lied-Sänger, das ist Christian Gerhaher überaus wichtig, sollten diese Erkenntnis niemals vergessen. Alle vier – nämlich der Dichter, der Komponist, der Sänger und sein Partner am Klavier – sagen auf jeweils unterschiedliche Weise »meine Seele«. Alle vier haben Anteil am Sinn und am Klang dieser Wörter. Trotzdem spricht letztlich keine dieser vier realen Personen. Denn wenn ihnen ihre Kunst vollendet gelingt, dann sind es am Ende wir, die Zuhörer, die sich auf rätselhafte Weise verwandeln. Das »lyrische Ich« ist also nicht deckungsgleich mit dem realen Ich des Autors. Andererseits: Kann man Gefühle ausdrücken, die man nie hatte?

»Man kann natürlich Privates sehr gut ausstellen. Das machen ja manche Menschen. Für mich persönlich kommt das einfach nicht infrage.« Christian Gerhaher hasst den biografischen Kurzschluss. »Ich möchte Identifikation vermeiden – jedenfalls in dem Sinn, dass ich ein Stück überhaupt nur dann darstellend und verstehend auf die Bühne bringen kann, indem ich es von seinem Verhältnis zu meiner persönlichen Gefühlslage und meinem persönlichen Lebenslauf abhängig mache. Das möchte ich nicht!« Im Vergleich zu Lied-Sängern, die vom Operngesang kommen und sich auch schauspielerisch den Text zu eigen machen, mag seine Vortragsweise fast etwas distanziert wirken. Sein Credo ist: »Lieder sind keine Miniopern.«

Intim und diskret zugleich

Ein Liederabend mit Christian Gerhaher ist intim und diskret zugleich. Vielleicht erwischt er uns gerade deshalb umso intensiver. Bei Gerhaher sprechen die Gefühle sozusagen für sich – ohne alles Getue. Nicht voyeuristisch-privat und erst recht nicht aufgesetzt oder gefühlig. Und gerade deshalb umso berührender. Der Kurzschluss zwischen dem Erleben, von dem ein Kunstwerk spricht, und den persönlichen Erlebnissen des Interpreten ist ja nicht ohne Grund so hartnäckig. Auch wider besseres Wissen bleiben wir dabei: Wenn wir ein Gedicht lesen, und erst recht, wenn wir ein Lied hören, möchten wir intuitiv glauben, dass derjenige, der da »ich« sagt, selbst fühlt, wovon er spricht oder singt. Jedenfalls für den Moment, in dem der Klang der Worte und die Sprache der Musik uns verzaubern.

Für Gerhaher ist das jedoch eher Resultat als Voraussetzung seiner Interpretation. Er steckt nicht seine privaten Gefühle in das Lied, sondern lässt sich selbst beim Singen davon berühren. Zunächst, sagt er, müsse er bei der Vorbereitung versuchen, ein Stück in einer gewissen Weise zu verstehen. Eine solche Interpretation bleibt aber immer nur vorläufig und ist niemals mehr als eine Annäherung – das ist ihm wichtig. Die eigenen Gefühle und Erlebnisse bleiben dabei erstmal draußen, soweit das möglich ist. »Aber dann, unabhängig von meinem vergangenen Erlebnishorizont, möchte ich tatsächlich eine momentane, durchaus emotionale Beziehung zu diesem Stück aufbauen. So wie der Zuhörer auch. Das heißt, ich möchte nicht mit Emotionen auf die Bühne gehen, sondern mit Emotionen von der Bühne weggehen, die meine eigenen, selbst empfundenen sind, die aber vom Stück erst ausgelöst wurden.«

Unzertrennlich: Christian Gerhaher und Gerold Huber

Gerhaher macht es sich nicht einfach. Grundsätzlich. Und mit nichts. Sein Pianist Gerold Huber ist in diesen Fragen etwas weniger skrupulös. Oder vielleicht auch einfach nur lebensnäher? Die beiden sind unzertrennlich, aber auch ein bisschen wie ein altes Ehepaar. Wenn Gerhaher von Hubers typischer Reaktion auf seine etwas komplizierten ästhetischen Gedanken erzählt, kommt plötzlich ein sehr wacher Sinn für Selbstironie in seine Stimme. Und die Färbung durch den niederbayerischen Dialekt schlägt etwas stärker durch: »Weil ich ja immer versuch, diese ganze Sache quasi aseptisch zu händeln, sagt mein Pianist, der viel klüger ist als ich: ›Naja, mit deinem ganzen Distanz-Quatsch kannst mal aufhörn. Einmal muss es ja doch durch dich durch.‹«

Dieses Bild gefällt Gerhaher: »Man gießt heißes Wasser in einen Kaffeefilter und unten kommt halt der Kaffee raus – aber ohne die Körner. So ist die Darstellungsfähigkeit dessen, der ein Stück vermitteln muss, begrenzt durch den eigenen Erlebnishorizont.« Die Musik muss durch ihn durch. Andere Künstler genießen das, erleben sich selbst in der Verschmelzung mit dem genialen Werk eines Komponisten intensiver und projizieren dieses gesteigerte Ich-Erlebnis auf das Publikum. Gerhaher dagegen scheint es fast zu bedauern, dass die Musik durch ihn durch muss. Lieber wäre er quasi ein Medium – ohne die zufälligen Grenzen der eigenen Erlebnisse und der eigenen Biografie.

Und doch weiß Gerhaher genau, wo seine Kraftquellen liegen. Und er ist denen sehr dankbar, die sie freigelegt haben. Der Erlebnishorizont von Gerhahers Jugend ist der Himmel über Straubing. In seinem neuen Buch (es ist schon sein zweites, Lyrisches Tagebuch heißt es, erschienen im März bei C. H. Beck) beschreibt er ein Erlebnis, das ihn tief beeindruckt hat. Als Junge half er auf dem einige Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Hof seines Freundes mit. Danach telefonierten die beiden miteinander. Und weil damals Kalter Krieg herrschte und der Eiserne Vorhang nicht weit war, flogen regelmäßig Tiefflieger über die Gegend. Beim Telefonieren hörte er das ohrenbetäubende Geräusch eines sich nähernden Düsenjets erst durch das Telefon. Und wenige Sekunden später spürte er es am eigenen Leib. Jetzt hörte es, das wurde ihm plötzlich klar, sein Freund durchs Telefon – genauso wie gerade eben er selbst. Es war derselbe Tiefflieger, der erst über den Hof des Freundes und dann über sein eigenes Haus geflogen war. Von diesem Erlebnis zieht Gerhaher eine überraschende Parallele zu den lyrischen Bildern in Beethovens Liederzyklus An die ferne Geliebte. Da geht es immer wieder darum, dass die Liebenden einen Gleichklang der Gefühle spüren trotz ihrer räumlichen Entfernung: Verbundenheit in der Distanz.

»Rhythmisch bin ich ja insuffizient, aber zum Glück habe ich meinen Pianisten.«

Zum Singen kam er durch einen Chor. Eingetreten sei er eigentlich hauptsächlich, weil da auch Mädchen mitsangen, die ihn interessierten. Aber dann wurde der Chorleiter auf ihn aufmerksam. Es war der Vater von Gerold Huber, Gerold Huber der Ältere – beide haben den gleichen Namen. Der wurde sein Mentor, vertraute ihm erst kleine, dann größere Soli an. Und brachte ihn mit seinem Sohn zusammen, der ihn am Klavier begleitete. Seit mehr als 30 Jahren sind die beiden nun ein Duo. Beide gingen nach München zum Studieren. Gerold Huber gleich an die Musikhochschule. Christian Gerhaher begann erst mit Philosophie, und absolvierte dann ein Medizinstudium samt Promotion (nahm aber währenddessen immer Gesangsunterricht und probte täglich mit seinem Klavierpartner), bevor er sein Gesangsstudium aufnahm.

Wenn die beiden über- und miteinander sprechen, herrscht fast immer ein witziger Ton. Gerhaher sagt dann gern Sätze wie: »Rhythmisch bin ich ja insuffizient, aber zum Glück habe ich meinen Pianisten.« Die gegenseitigen Neckereien können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide beim gemeinsamen Musizieren fast schlafwandlerisch sicher im Voraus wissen, wie der andere den jeweils nächsten Ton gestalten wird. So gespannt sind die Drähte, dass Huber manchmal an seiner eigenen Stimme eine Veränderung wahrgenommen hat, wenn er merkte, dass sein Liedpartner mal stimmlich nicht so gut disponiert war. Telepathie? Jedenfalls eine außergewöhnlich starke Verbindung.

Auch bei Dietrich Fischer-Dieskau hatten die beiden Unterricht. Gerhaher bewundert den Kunstlied-Übervater bis heute, sieht ihn als seinen wichtigsten Lehrer. Denn Fischer-Dieskau sei es gewesen, der als Erster dem Lied wieder seinen eigentlich lyrischen Charakter zurückerobert habe – in radikalem Ernst, mit dem er die Gestaltung auf das Verhältnis von Text und Musik fokussierte. Lieder sind eben keine »Miniopern«, sondern vertonte Gedichte. Einem Gedicht kann man seine Stimme leihen, aber man verkörpert es nicht wie ein Schauspieler seine Rolle.

Schauspielern kann er auch

Das allerdings, das Schauspielern, kann Gerhaher auch – und er tut es mit Leidenschaft. Die Zweifler und gebrochenen Charaktere spielt er am liebsten auf der Opernbühne. Wolfram im Tannhäuser, den vergeblich Liebenden. Wozzeck, den die psychische und physische Gewalt seiner Umwelt zum Mörder macht. Als unheilbar verwundeter Amfortas im Münchner Parsifal in der statischen Regie von Pierre Audi zu Bildern von Georg Baselitz war er, am Krückstock über die Bühne taumelnd, mit seiner intensiven schauspielerischen Leistung der Einzige, der überhaupt Leben auf die Bühne brachte, ein szenischer Lichtblick. Und selbst Rollen, die so gar nicht zu ihm zu passen scheinen, beleuchtet er auf überraschende und schlüssige Weise: Als Graf Almaviva im Figaro stolperte er in der Regie von Christof Loy charmant von einer Peinlichkeit in die nächste. Ein ebenso ungewöhnliches wie überzeugendes Figurenporträt war das. Gerhaher ist ja von seinem ganzen Wesen her so ziemlich das exakte Gegenteil eines oberflächlichen Filous. So sympathisch verpeilt hatte man den Grafen selten gesehen, und einen, der so fein und differenziert singt, gibt es ohnehin nicht alle Tage.

Sein beweglicher und heller, erst in den letzten Jahren allmählich etwas nachdunkelnder Bariton entwickelt auf der Opernbühne eine erstaunliche Kraft. Angst haben muss man um diese Stimme nicht. Trotz aller Selbstzweifel verlief Gerhahers Karriere steil und stetig. Ihren professionellen Anfang nahm sie, als ein BR-Redakteur ihn 1996 in der Münchner Musikhochschule hörte. Oswald Beaujean heißt er, heute ist er Chef von BR-Klassik. Spontan bot er dem jungen Bariton eine kleine Produktion in einem BR-Studio an. Damit konnte Gerhaher sich bei einer Agentur bewerben, mit der er bis heute zusammenarbeitet. Ebenso wie mit den BR-Tonmeistern, mit denen er alle seine CDs aufnahm. Zuletzt eine zyklische Gesamtaufnahme aller Lieder von Robert Schumann: 299 Lieder auf 11 CDs, ein gigantisches Projekt. Und ein »Geschenk für die Welt«, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Ein Geschenk – das trifft es gut. Ein Geschenk, das ist ein Angebot. Gerhaher lässt uns, den Hörenden, die Freiheit. Er drückt niemandem seine privaten Gefühle auf, er spielt sich nie in den Vordergrund.

Bernhard Neuhoff

Weiterlesen