Abenteuerlust und Unangepasstheit

Olga Neuwirths
»Keyframes for a Hippogriff« feiert Premiere

Olga Neuwirth
(Foto: Harald Hoffmann)

Mit sechzehn Jahren begegnete Olga Neuwirth Elfriede Jelinek, mit der sie seitdem freundschaftlich verbunden ist. Mit gerade mal 22 Jahren wurde Olga Neuwirth durch ihre zwei Mini-Opern nach Texten ihrer Freundin international bekannt. Heute werden ihre Werke weltweit präsentiert und prämiert. Unter der Leitung von Dirigent Jakub Hrůša kommt ihr Werk Keyframes for a Hippogriff nun zur Uraufführung.

Sucht man im fast unüberschaubar vielgestaltigen Schaffen der heute 53-Jährigen den berüchtigten roten Faden, ist dieser nicht in stilistischen oder formalen Kategorien zu finden, sondern in einer grundsätzlichen Haltung zur Kunstform Musik: Abenteuerlust und Unangepasstheit haben Olga Neuwirth zu einer der außergewöhnlichsten Vertreterinnen zeitgenössischer Musik gemacht, die den Begriff von Komposition fundamental erweitert hat. Ihre Inspirationsquellen sind universal: Phänomene aus Kunst, Architektur, Literatur und Musik, Geistesgeschichte, Psychologie, Naturwissenschaft und Alltagswirklichkeit finden sich in eine Poesie des Schrägen und Abgründigen transformiert, die stets um den Menschen, seine Befindlichkeiten und Widersprüche kreist.

Ihre jüngste Oper Orlando (UA 2019) nach dem epochalen Roman von Virginia Woolf markiert die erste große Oper einer Frau an der Wiener Staatsoper. Die österreichische Kosmopolitin gilt als Pionierin intermedialen Komponierens auch jenseits der Opernbühne. Dies erfordert einen aktiven Zuhörer, den Olga Neuwirth sich ausdrücklich wünscht: »Für mich als Komponistin kann der Sinn von Musik nicht darin liegen, Menschen mit Verheißungen einer alle Grenzen überbrückenden Gemeinsamkeit einzulullen […]. Ich möchte bewußt denkende Menschen, Selberdenker, als Zuhörer haben, die in der Musik und in der Kunst überhaupt die Widerspiegelung des suchenden Menschen sehen, der entschlossen ist, das Gewohnte zu begreifen, das Herrschende zu überwinden und ins Unbekannte vorzustoßen.«


Uraufführung: »zwischen Furor, Zerbrechlichkeit und Einsamkeit«
 

Keyframes for a Hippogriff  entstand 2019/20 im Auftrag einer Konzertreihe der New Yorker Philharmoniker zur Feier des 19th Amendment, des 19. Zusatzartikels der amerikanischen Verfassung, der 1920 Frauen das Wahlrecht zusprach. Doch erst am 11. September 2021 wird die Komposition aufgrund der Corona-Epidemie uraufgeführt.

Das groß besetzte Vokalwerk für Countertenor, Kinderchor und Orchester basiert auf einer Text-Collage unterschiedlichster Epochen und Stilformen: Fragmente von Ariost, William Blake, Edward Lear, Herman Melville, Walt Whitman, Emily Dickinson, Friedrich Nietzsche, Zinaida Gippius, Gertrude Stein, Olga Neuwirth sowie diverse Street-Graffiti finden sich in einen Dialog von Countertenor und Kinderchor verwoben, der einem maroden Weltgetriebe das Prinzip Hoffnung entgegenstellt.

Die dahinter liegende Idee beschreibt Olga Neuwirth so: »Wir versuchen, die vielfältigen Geschichten unseres kleinen Lebens gegen das weiße Rauschen der Informationen zu erzählen, in dem die Technologie die menschliche Interaktion bereits überholt zu haben scheint.«

Die Pluralität der textlichen und musikalischen Inhalte entspringt Neuwirths Wunsch, einer Vielfalt existentieller Erfahrungen Ausdruck zu verleihen – Freiheit und Diversität als Utopie einer menschlicheren Gesellschaft. Die Musik schwankt »zwischen Furor, Zerbrechlichkeit und Einsamkeit«, um der Wut und Ohnmacht des Individuums ebenso Ausdruck zu verleihen wie dessen Potential zur gesellschaftlichen Veränderung, so die Komponistin.

 Weiter sagt sie, dass der Kinderchor, der Graffitis »wie ein Chor an Slam-Poeten« zum Besten gebe als Hoffnungsträger fungiere sowie als »Stimme des Widerstands gegen eine ruinöse öffentliche Ordnung, die durch das Eigeninteresse von Regierung und Industrie geschädigt wird. Möge Keyframes ein Beitrag zu einem ›humanistischen Komponieren‹ sein. In einer Zeit von politischer und sozialer Instabilität und der Zerstörung unseres Planeten.«

Keyframes for a Hippogriff – Musical Calligrams in memoriam Hester Diamond

Olga Neuwirths Werk ist eine Hommage an Hester Diamond (1928–2020), die bedeutende amerikanische Kunstsammlerin und Innenarchitektin, die alte Kunst und modernes Design auf einzigartige Weise zusammenbrachte und die Olga Neuwirth 2006 kennenlernte.

Ein »Keyframe« ist ein Begriff aus der Animationstechnik und bezeichnet ein Bild, das als Vorlage für die dazwischen liegenden Bilder dient. (Neuwirth hatte zunächst Film in San Francisco studiert, und es finden sich Comics und Zeichentrickfilme in ihrem Werkkatalog!).

Ein »Hippogryph« ist eine Fabelgestalt aus Greifvogel und Pferd; das »Kalligramm« ist eine Textform, deren Zeilenanordnung eine figürliche Darstellung ergibt – also ein Mischwesen aus Wort und Bild. Die Fährten einer »Fluid Identity«, einer fließenden Identität, sind also in den »Schlüsselbildern für einen Hippogryphen« gelegt.

 

Dirk Wieschollek

Erleben Sie Olga Neuwirths Uraufführung an zwei Konzertabenden