Auf der Suche nach der beständigen Zeit

Der Komponist Miroslav Srnka

Miroslav Srnka
(Foto: Vojtech Havlik)

Zum Auftakt der Biennale dirigiert Kirill Petrenko die Uraufführung von Miroslav Srnkas Superorganisms. Das Werk ist von vernetzter Intelligenz inspiriert, wie man sie in Bienenschwärmen ebenso findet wie in unserer digitalen Welt. Wir stellen Ihnen den Komponisten vor.

Auf zwei Arten ist der Komponist Miroslav Srnka bevorzugt unterwegs. Zum einen zu Fuß: Im Gehen formen sich seine Gedanken. Beim Gehen – also in der Fortbewegungsgeschwindigkeit, auf die unser Körper von Natur aus optimal eingestellt ist – wird für ihn das Nachdenken buchstäblich zum Spaziergang. Am liebsten tut er es dort, wo Wasser ist, am Flussufer, wo Bewegung und Begrenzung zusammenkommen, am Rande von allem: bis hier und nicht weiter.

Zum anderen im Auto: Da fährt er gerne stundenlang, empfindet eine Beruhigung im Wissen, für eine bestimmte Zeit an diesen Ort gebunden zu sein und doch schnell voranzukommen; eine Zeit, in der man sich auf etwas einlassen kann: konzentriert ein Werk hören, sei es Musik oder Literatur, neue Anregungen in sich hineinsaugen, Repertoire tanken.

Uraufführung von »Superorganism«

Donnerstag,

09. Feb 2023,
20.00 Uhr

Großer Saal

Aboserie: G – Konzerte mit den Berliner Philharmonikern

Do. 09. Feb 2023, 20:00 Uhr
Großer Saal

Biennale der Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Daniel Harding Dirigent (anstelle von Kirill Petrenko)

Werke von Jean Sibelius, György Ligeti, Benjamin Britten und Claude Debussy

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Freitag,

10. Feb 2023,
20.00 Uhr

Großer Saal

Aboserie: F – Konzerte mit den Berliner Philharmonikern

Fr. 10. Feb 2023, 20:00 Uhr
Großer Saal

Biennale der Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Daniel Harding Dirigent (anstelle von Kirill Petrenko)

Werke von Jean Sibelius, György Ligeti, Benjamin Britten und Claude Debussy

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Samstag,

11. Feb 2023,
19.00 Uhr

Großer Saal

Aboserie: H – Konzerte mit den Berliner Philharmonikern

Sa. 11. Feb 2023, 19:00 Uhr
Großer Saal

Biennale der Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Daniel Harding Dirigent (anstelle von Kirill Petrenko)

Werke von Jean Sibelius, György Ligeti, Benjamin Britten und Claude Debussy

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Musik zwischen zwei Polen: Natur und Wissenschaft

Beides gehört zu seiner Persönlichkeit. Natur auf der einen, Wissenschaft und Technik auf der anderen Seite sind wie zwei Pole seiner Auseinandersetzung mit der Welt. Gegensätze locken ihn, Widersprüchliches findet er reizvoll. So zielstrebig er seine Anliegen verfolgt, so verspielt entdeckt er Nebenpfade. Er ist neugierig auf neurobiologische Forschungserkenntnisse ebenso wie auf nützliche Funktionen seines Notebooks, interessiert sich für Planeten und für Pfefferminze.

Für seine Arbeit nutzt er alles, was der Stand der Dinge hergibt. Zu seiner Oper South Pole über Amundsens und Scotts Wettlauf zum Südpol hat er mit Hilfe elaborierter Diagramme minutiös die szenischen Vorgänge mit Dauer, Personen, Tageszeit, Wetter, Emotion, Gestus und musikalischer Temperatur entworfen. Solche Vorarbeiten gibt es dutzendfach, genau geplant und dabei bunt und wild – und immer fantasievoll anzuschauen.

Miroslav Srnka ist inzwischen Mitte 40. Das ist selbst für Weggefährten, die ihn schon lange kennen, immer wieder verblüffend, denn nicht nur seine schlanke, fast schmächtige Statur suggeriert Jugendlichkeit, auch der Blick aus seinen wachen Augen scheint eher einem Studenten anzugehören als einem arrivierten Vertreter seiner Zunft, der seit einiger Zeit seinerseits angehenden Musikern das Handwerk beibringt: 2019 wurde er auf die Kompositionsprofessur an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln berufen.

Ein Lernender, schon immer, bis heute

Tatsächlich ist er ein Lernender, schon immer, bis heute. In Prag geboren und aufgewachsen, hat er seine Studien der Musikwissenschaft und der Komposition (bei Milan Slavický) in seiner Heimatstadt abgeschlossen, ist mehrmals für Studienaufenthalte ins Ausland gegangen, hat in Berlin gelebt und am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris ein Volontariat absolviert.

Er hat in einem Musikverlag gearbeitet, als Lektor und Verlagsleiter, bis das Komponieren keinen Raum mehr dafür ließ. Denn, wie er sagt: Musik schreiben ist für ihn keine freie Entscheidung, sondern Notwendigkeit; und aus der Erkenntnis, dass er es ohne das Komponieren nicht aushält, hat er für sich die Konsequenz gezogen, diesem Bedürfnis gegenüber alles Übrige zurückzustellen. (Vielleicht mit Ausnahme seiner beiden Kinder, die ihre Schullaufbahn mittlerweile abgeschlossen haben.)

Die Beschäftigung mit den großen tschechischen Komponisten hat Spuren hinterlassen, und die Frage, wo sich ein Künstler verwurzelt sieht, stellt sich umso eher, je kleiner, enger umrissen die Nation ist, aus der man stammt. »Als ich zum Studium nach Paris ging, haben Kollegen dort oft gesagt, meine Musik klinge irgendwie böhmisch. Als ich dann nach Prag zurückgekehrt bin, meinten meine Freunde, meine Stücke hätten so etwas Französisches an sich.

Trotzdem ist die Musik meiner Heimat Teil meiner geistigen Muttermilch. Ich bin fast ausschließlich mit dem tschechischen Repertoire aufgewachsen, ohne zu wissen, dass es überhaupt etwas anderes, gar Zeitgenössisches gibt. Das hat mit Sicherheit bestimmte Muster in meinem musikalischen Denken beeinflusst – die Musik von Antonín Dvořák und Leoš Janáček vor allem. Ich versuche in keiner Weise, ›tschechische‹ Musik zu schreiben. Wenn überhaupt fühle ich mich persönlich als Europäer.«

Von böhmischen Klängen zu modernem Musiktheater

Sein Werdegang verläuft stetig, wenngleich mit Umwegen, auf klassischen Alleen und durch überwachsene Pfade. Seine Musik wird bei den einschlägigen Neue-Musik-Festivals und in bedeutenden Konzertreihen aufgeführt, bei den Tagen für neue Kammermusik in Witten etwa oder bei musica viva in München.

Auch im Musiktheater ist Srnka zu Hause, er schreibt die Kammeropern Wall (für die Berliner Staatsoper) und Make No Noise im Auftrag der Bayerischen Staatsoper. Letzteres Stück ist Auslöser für den bislang größten Auftrag, den Miroslav Srnka erhalten hat, Kulmination seiner bisherigen kompositorischen Forschungen zu Klang, Stimme und Struktur – und ein Stück spannendes Musiktheater, ein großes erzählerisches Abenteuer: die Oper South Pole über Roald Amundsens und Robert Falcon Scotts Wettlauf zum Südpol.

Die Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper im Januar 2016 – unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko und in einer Inszenierung von Hans Neuenfels – wurde zum Ereignis, die vier Jahre Arbeit daran zur Bewährungs- und Belastungsprobe.

Nun übernimmt Kirill Petrenko die Uraufführung eines weiteren Werks von Miroslav Srnka, diesmal mit den Berliner Philharmonikern. Der Titel Superorganisms verweist auf Daseinsformen, in denen gleichartige Lebewesen synergetisch und selbstorganisiert zusammenwirken – typische Beispiele sind Ameisenvölker und Bienenschwärme. In unserer Zeit hat der Begriff »Superorganismus« neue Aktualität gewonnen, denn auch der Mensch wandelt sich offenbar: weg vom selbständigen Homo sapiens, hin zum vernetzten Element einer größeren Gruppe.

Ein schon lange existierendes Beispiel für Superorganismen in der menschlichen Kultur sind Symphonieorchester – und hier setzt das neue Stück von Miroslav Srnka an. Die vier Sätze untersuchen mit unterschiedlichen Settings, wie sich Mengen bilden und Koalitionen formen, worin im »Clash des Individuellen und des Kollektiven« (Srnka) die Chancen und Risiken liegen. Und man erfährt: Durch Gemeinschaft wird der einzelne nicht schwächer, sondern stärker, und die Welt im Ganzen vielfältiger.

Malte Krasting

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