Loslassen und frei sein

Thomas Larcher über sein neues Klavierkonzert

Komponist Thomas Larcher
(Foto: Richard Haughton)

Komponist Thomas Larcher hat in seinen Werken für Klavier mehrfach Grenzen überschritten: zunächst weg vom typischen Klang, mit präparierten Instrumenten und vielen Experimenten, dann zurück zum ursprünglichen Charakter. Am 2. Dezember steht die deutsche Erstaufführung seines neuen Klavierkonzerts mit Semyon Bychkov und Kirill Gerstein auf unserem Programm. Wir haben vorab mit ihm über sein Werk gesprochen.

Was reizt Sie an der Form des Klavierkonzerts?

Das Klavier ist eng mit meiner Geschichte verwoben. Als Pianist kenne ich das Repertoire. Ich hatte eine gewisse Scheu, für das Klavier zu komponieren, weil mir jede Idee bereits bekannt vorkam, als hätte ich alles schon einmal gehört. Zunächst schrieb ich daher für präpariertes Klavier, um den »Klischee-Klavierklang« zu umgehen. Ich wollte ein neues Instrument erschaffen, um diesem Gefangensein im Repertoire etwas entgegenzusetzen. So entstand Böse Zellen für Klavier und Orchester. Dann habe ich Jahre lang wenig Klavier gespielt. Das klassische Repertoire rückte in meinem Kopf mehr in den Hintergrund und wurde überlagert von vielen Schichten des eigenen Schreibens. Dadurch konnte ich mir die Freiheit nehmen, wieder zum ursprünglichen Klavierklang zurückzukehren.

Woher kam die Inspiration für Ihr aktuelles Stück?

Die Idee hatten Matthias Naske und Rico Gulda vom Wiener Konzerthaus mit Semyon Bychkov. Sie sprachen nach einem Konzert darüber und riefen mich direkt nachts um halb 12 an. Für mich ist es gut, beim Schreiben zu Beginn nicht zu konkret zu sein. Ich möchte nicht zu viele Vorgaben bekommen, sondern mir eine Freiheit und Offenheit bewahren. Diese Freiheit spürt man in diesem Klavierkonzert, im Hineinfinden in dieses Stück, das vorsichtig und tastend ist und sich erst im Laufe der Zeit findet und manifestiert.

Sie sprechen von der Freiheit beim Komponieren. Hatten Sie im Entstehungsprozess auch Zweifel?

Als Pianist hat man Angst vor den pianistischen Klischees. Das gipfelt in Bergen von weggeworfenem Papier. Gleichzeitig gehe ich an ein anderes Instrument viel naiver heran. Das habe ich vor allem bei den Stücken gelernt, die für mich von Nicht-Pianisten geschrieben wurden. Wenn man für ein fremdes Instrument schreibt, hat man ein gewisses Bild dieses Instruments im Kopf. Es ist schwieriger einschätzen, was machbar ist, und man erfasst das Instrument nur oberflächlich. Ich glaube aber, man entwickelt nur wirklich ein Verhältnis zu einem Instrument, wenn man sich intensiv sich damit beschäftigt. Es gibt da Dinge – Gefühle, Instinkte, Bewegungen – die man jemand anderem nur schwer vermitteln kann.

Und wie gehen Sie mit diesen Zweifeln um?

Wenn man das Repertoire kennt, verliert man eine gewisse Unbefangenheit. Man weiß um die damit verbundenen Klischees, um die Geschichte und um alles, was dazugehört. Diese Unbefangenheit muss ich mir zurückholen, wenn ich für Klavier schreibe. Man kann jeden Takt zerlegen und sagen: »Das gibt es schon«. Das gilt im Übrigen genauso für die Neue Musik. Im Grunde haben wir musikalisch alles ausgereizt. Aber durch die Verschränkung mit unserer individuellen Persönlichkeit, unseren Erfahrungen, unserem ganzen Leben erhält Musik etwas Einzigartiges und Neues. Diesen Glauben konnte ich mir bewahren.

Inwiefern inspirierte Sie auch das Spiel von Kirill Gerstein?

Die Arbeit mit ihm war tatsächlich sehr inspirierend. Ich empfinde eine große Freiheit beim Schreiben, wenn ich weiß, es gibt wenige Limitierungen und viele Möglichkeiten. Kirill Gerstein – und das verstehe ich gut – bat mich, auf den Tasten zu bleiben, und keine Aktionen einzubauen, für die er zum Beispiel ins Klavier greifen und die Saiten zupfen muss oder Ähnliches. Ganz habe ich das nicht geschafft, weil man gewisse musikalische Ebenen nur durch verschiedene Klänge deutlich machen kann. Aber größtenteils.

Worauf sollte man achten, wenn man das Stück zum ersten Mal hört?

Auf etwas, worauf der Komponist auch achten sollte: eine Leere, dass man in sich eine freie Fläche hat, bevor das Stück wahrgenommen werden kann. Die Wahrnehmung bedarf einer Offenheit. Wir sind geprägt von unserer Umwelt und unserer täglichen akustischen Umgebung. Man fühlt manchmal all die Klischees, die Vorstellungen, die gesamte Musikgeschichte hinter sich. Diese Erwartungen sollte man loslassen um beim Hören frei zu sein.

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