»Wir Finnen hängen an unserem Land«

Im Porträt: Dirigent Hannu Lintu

Hannu lintu
(Foto: Veikko Kähkönen)

In seiner finnischen Heimat hat Hannu Lintu auf musikalischem Gebiet fast alles erreicht, was man erreichen kann. Jetzt gibt der Dirigent sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern, natürlich auch mit Musik aus seiner Heimat.

Wer sich in Finnland für Musik interessiert, der kommt an Hannu Lintu nicht vorbei. Von 2013 bis 2021 war er Chefdirigent des dortigen Radio-Symphonieorchesters, seit zwei Jahren leitet er jetzt die finnische Nationaloper. Regelmäßig veröffentlicht er Aufnahmen beim Label Ondine. Und zwischendurch jettet er um die Welt und musiziert mit den renommiertesten Klangkörpern in Europa, Asien oder den USA. Seit dieser Saison ist er Chefdirigent des Orquestra Gulbenkian in Lissabon.

»Wenn wir die finnischen Komponisten nicht unterstützen, tut es niemand.«

Ein Wahnsinnspensum, das er aber gern absolviert. Denn er weiß auch um die Verpflichtungen, die die Ämter mit sich bringen: »Es ist wichtig, Musik zu spielen, die nicht viel gespielt wird, die es aber verdient, gespielt zu werden. Als Interpreten haben wir somit eine riesige Verantwortung für die Komponisten unserer Zeit«, so Lintu. Und so hat er natürlich ein Faible für Zeitgenössisches, gerne aus seiner finnischen Heimat: »Ich möchte eine CD-Serie mit Werken der jungen Generation machen. Jeweils 45 Minuten, das reicht. Klingende Visitenkarten. Das hilft den Komponisten sehr. Wenn wir die finnischen Komponisten nicht unterstützen, tut es niemand.«

Geboren 1967 in dem beschaulichen Städtchen Rauma, studierte Lintu zunächst Klavier und Violoncello an der Sibelius-Akademie in Helsinki, bevor er sich dem Dirigieren zuwandte. Seine Ausbildung bei Jorma Panula ergänzte er durch Meisterkurse bei Myung-Whun Chung. 1994 gewann er den »Nordic Conductor's Competition« in Bergen. Es folgten Leitungspositionen in Tampere, Helsingborg und Turku, bevor er Chef beim finnischen Radio-Symphonieorchester wurde.

Mit Ausdauer und Ehrgeiz hat er es ganz nach oben geschafft: »Als Dirigent wirst du nur besser, wenn du mit Orchestern arbeitest, die besser sind als du. Das heißt aber auch: Du musst dich entwickeln, sonst gehst du unter.«

Immer wieder Sibelius

Häufig stehen auf Lintus Konzertprogrammen Werke des wohl wichtigsten Komponisten, den Finnland hervorgebracht hat, Jean Sibelius. »Ich habe durch seine Partituren viel über das Dirigieren gelernt und weil sein musikalisches Material immer eng mit der finnischen Sprache verbunden ist, empfinden wir ihn ganz stark als ›unseren‹ Komponisten.« Überhaupt ‒ die Sprache: »Wir Finnen hängen an unserem Land ‒ und an unserer Sprache. Ich würde zum Beispiel sehr gern in Berlin wohnen, aber ich würde meine Sprache vermissen.«

Dass die Natur in Werken vieler finnischer Komponisten eine zentrale Rolle spielt, ist für Lintu kein Zufall: »Wir haben eine seltsame Verbindung zur Natur ‒ ich denke, die Japaner haben das gleiche ‒ wir beobachten den Himmel, die Wälder, die Seen und das Wetter. Aber es ist nicht nur eine praktische Angelegenheit, es ist metaphysisch. Wir verstehen, dass es in der Natur etwas gibt, das wir nicht sehen oder verstehen können, dass es größer ist als wir, und dass es hier sein wird, lange nachdem wir weg sind.«

»Oper kann ziemlich überwältigend sein«

Mit der Gattung Oper hat sich Lintu erst relativ spät auseinandergesetzt. Sie hatte in seiner Ausbildung praktisch keine Rolle gespielt. »Mein Dirigierlehrer hasste Oper. Dieses Fach wurde in der Klasse überhaupt nicht diskutiert.« Entsprechend groß war die Ehrfurcht, als er erstmals ein Musiktheaterprojekt realisierte: »Wenn man die ersten Male im Orchestergraben steht, kann die Oper ziemlich überwältigend sein, mit dem Orchester auf kleinstem Raum, der Bühne hoch oben und der Partitur unten auf dem Podium.« Inzwischen fühlt sich der überzeugte Wagnerianer Lintu in seiner Nationaloper aber längst heimisch.

Um die Zukunft der Musik ist Lintu, der die Lockdowns zu intensivem Partiturstudium genutzt hat, nicht bang. »Ich glaube, dass viele Menschen spüren, dass wir in unsicheren Zeiten leben, und da wenden sie sich der Kultur zu. Sie gehen in die Museen, in die Theater, in die Oper ‒ die laufen alle gut. Das ist auch eine Rückkehr zu den Wurzeln.«

Martin Demmler

Zum Weiterlesen