Overture to Bird

Eine Hommage an Charlie Parker

Magnus Lindgren und die SWR Big Band können ihre während der Pandemie entstandene, mit dem Grammy gekrönte Hommage an Charlie „Bird” Parker Bird Lives beim Jazz At Berlin Philharmonic endlich live präsentieren. Mit großartigen und preisgekrönten Arrangements, die den klassischen Big-Band-Stärken und Parkers genialer Musik gleichermaßen Respekt erweisen.

In der Klassik wie im Jazz wäre 2020 ein Jahr großer Feierlichkeiten gewesen. Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag stand ebenso auf allen Programmzetteln wie der 100. Geburtstag von Charlie Parker. Der mit 34 Jahren so früh Verstorbene wurde in seiner kurzen Blütezeit zum Mitbegründer des Bebop, zum kühnen Improvisator und bis heute prägenden Interpreten, und seine Musik blieb bei aller Intensität immer zugänglich und klangschön. Die Pandemie aber machte fast allen Planungen den Garaus, unter anderem auch dem Vorhaben der SWR Big Band, am 29. August, eben Parkers Geburtstag, ihr Projekt Bird Lives in der legendären Hollywood Bowl uraufzuführen.

Frühzeitig war klar, dass daraus – wie auch aus weiteren Konzerten – nichts werden würde. Trotzdem waren die treibenden Kräfte des bereits weit gediehenen Projekts nicht bereit, ihre Hommage an den neben John »Trane« Coltrane wichtigsten Saxofonisten des 20. Jahrhunderts, liebevoll »Bird« genannt, ad acta zu legen. Allen voran der Saxofonist, Flötist, Komponist und Arrangeur Magnus Lindgren, der seit 2018 Artist in Residence der SWR Big Band ist und Bird Lives initiiert hatte.

Die Band

Für das Projekt holte Lindgren den amerikanischen Pianisten, Komponisten und Big-Band-Leader John Beasley als Co-Arrangeur mit ins Boot. Lindgren und Beasley machten sich also an die Arbeit, den grundlegenden Score für die große Charlie-Parker-Geburtstags-Hommage für die SWR Big Band zu schreiben, sozusagen den Daimler unter den Jazz-Orchestern. Das aus dem 1951 von Erwin Lehn gegründeten Südfunk-Tanzorchester hervorgegangene Ensemble gehört seit Jahrzehnten zu den besten Big Bands der Welt und teilte die Bühne mit Jazz-Stars wie Miles Davis, Chick Corea, Astrud Gilberto, Chet Baker, Pat Metheny, Gary Burton, Ivan Lins, Roy Hargrove und vielen, vielen mehr. Seit den Neunzigerjahren holt sich dieses virtuose Solistenensemble je nach Projekt und Musikstil die passenden Dirigenten. Etliche der daraus hervorgegangenen Projekte wurden in aller Welt preisgekrönt.

Selten freilich musste man unter schwierigeren Bedingungen arbeiten als bei Bird Lives. Nachdem Lindgren und Beasley ihre Vorarbeiten getan hatten und man den Score fertig hatte, ging es noch im November 2020 zwei Wochen lang ins Funkstudio des SWR in Stuttgart, wo man das Album unter schwierigsten Corona-Bedingungen einspielte. Schwierig überdies, weil die Band auch noch durch zehn Streicher und einige Gaststars verstärkt wurde. Allein fünf amerikanische Weltklasse-Saxofonistinnen und -Saxofonisten verbeugten sich mit vor dem Saxofon-Revolutionär Charlie Parker: Chris Potter, Joe Lovano, Miguel Zenon, Tia Fuller und Charles McPherson. Dazu stießen auch noch zwei Perkussionisten sowie Camille Bertault, der junge Gesangsstar der französischen Jazzszene.

Ein mächtiger Film-Score

Das im November 2021 erschienene Ergebnis klingt wie ein mächtiger Film-Score, der Charlie Parkers Vermächtnis zu neuem Leben erweckt. Keine »Anbetung der Asche, sondern ein Weiterreichen des Feuers«, um ein gerne Gustav Mahler zugeschriebenes Zitat von Jean Jaurès zu verwenden. »Wir wollten neue Generationen an Bird heranführen, aber wir wollten auch, dass Bird-Fans die Musik auf eine frische neue Art und Weise hören«, erklären denn auch Lindgren und Beasley. Dazu diente bereits die Auswahl der Kompositionen: Neben Parker-Originals wie dem vor Bebop platzenden Scrapple from the Apple eben auch Standards, die zu seinen Favoriten gehörten, ein in clubbige Ambient-Sounds getauchtes Summertime beispielsweise. Oder gelungene Mashups wie beim Einstieg mit Cherokee/Koko und beim großen Finale mit der Overture to Bird.

Der Schlüssel zu dieser so ungemein frischen Parker-Blutauffrischung sind aber vor allem die großartigen Arrangements, die den klassischen Big-Band-Stärken und Parkers genialer Musik gleichermaßen Respekt erweisen, sie aber mit modernen Elementen bis hin zum Funk (Confirmation) anreichern. Dass das Projekt gelungen ist, belegen insgesamt drei Nominierungen für die Grammy-Verleihung 2023 und John Beasley durfte dann im Februar den Preis für das Beste Arrangement für seine Bearbeitung von Scrapple from the Apple auch tatsächlich entgegennehmen. Fehlt also nur noch die letzte Krönung: die Live-Aufführung im großen Rahmen – wo doch gerade der Jazz Musik aus dem Moment für den Moment ist, und ein Tonträger in letzter Konsequenz nur ein Notbehelf.

Auftritt in der Philharmonie

Nun aber ist es soweit, und die SWR Big Band ist zusammen mit den Arrangeuren John Beasley und Magnus Lindgren am 22. Februar beim Jazz At Berlin Philharmonic im Kammermusiksaal zu Gast. Und wie schon auf dem Album, so sind auch jetzt wieder erlesene Gäste mit von der Partie, die sich auf ihre Art in Charlie Parkers Welt versetzen. 

Da ist zum einen Jakob Manz, eines der derzeit weit über Deutschland hinaus größten jungen Saxofon-Talente. Erst 22, hat das Naturtalent doch schon diverse Wettbewerbe gewonnen und sorgt seit gut fünf Jahren mit seinen Bands The Jakob Manz Project und Groove Connection, im Duo mit Johanna Summer oder an der Seite von Größen wie Randy Brecker oder Simon Oslender für Furore. Mit fast unerklärlich reifer und virtuoser Technik, gnadenlosem Groove und einem Energie-Level, für den auch Charlie Parker berühmt war. Als Schwabe hat er natürlich bereits des Öfteren mit der SWR Big Band zusammengearbeitet, für ihn ist es gewissermaßen ein Heimspiel.

SWR Big Band
(Foto: Lena Semmelroggen)

Sogar noch ein Jahr jünger ist die britische Tenorsaxofonistin Emma Rawicz, die nächste große Entdeckung aus der boomenden Londoner Jazzszene. Die Vielseitige, die mit Geige und Klavier begann, auch Flöte und Bassklarinette spielt und erst vor sechs Jahren zu ihrem Hauptinstrument fand, hat gerade auf ihrem internationalen Albumdebüt Chroma mit druckvollem, knochentrockenem und hochintelligentem Jazzrock bewiesen, dass sie ebenfalls zu den herausragenden Talenten der europäischen Szene zählt. Und schließlich ist auch ein Gast vom Album erhalten geblieben:

Camille Bertault, die man hier fast als weitere Saxofonstimme deklarieren könnte, wird sie doch vor allem mit furiosen Vokalisen in der Art ihrer verblüffenden Scat-Version von Coltranes Giant Steps glänzen, mit der ihre Karriere vor ein paar Jahren Fahrt aufnahm. 

Alles zusammen ergibt ein mehr als würdiges Geburtstagsgeschenk für Charlie Parker. Erfüllt sich mit Bird Lives doch nicht zuletzt der wegen seines frühen Todes nie verwirklichte Traum einer großen Orchesterproduktion. Und das auf eine Art und Weise, die seine Musik nicht museal, sondern auf der Höhe der Zeit erklingen lässt.

Oliver Hochkeppel