»Bei jedem Konzert wollte ich das Beste von mir geben«

Konzertmeister Daniel Stabrawa nimmt Abschied

Daniel Stabrawa während einer Probe
(Foto: Monika Rittershaus)

Er spielte unter vier Chefdirigenten: Daniel Stabrawa kam 1983 als Geiger zu den Berliner Philharmonikern und übernahm drei Jahre später die Stelle des Ersten Konzertmeisters. Eine Position, die der aus Krakau stammende Musiker mit Engagement, Enthusiasmus und Leidenschaft ausfüllte. Nach 38 Berufsjahren heißt es nun für ihn, Abschied zu nehmen. In unserem Interview blickt Daniel Stabrawa auf seine Zeit bei den Berliner Philharmonikern zurück.

Wir sitzen hier im Konzertmeisterzimmer, in dem Raum, in dem Sie sich 35 Jahre lang vor und nach den Konzerten aufgehalten haben. Nach unserem Interview geben Sie den Schlüssel dafür zurück. Wie ist Ihre momentane Stimmungslage?

Sehr relaxed, frei und erleichtert. Ich habe viele Jahre hier verbracht. Es war eine wunderschöne Zeit, aber sie war auch mit viel Stress verbunden. Der Stress gehört in unserem Beruf einfach dazu.

Sie verfügen über eine große technische und musikalische Souveränität, die Ihnen eine große Sicherheit gegeben hat. Was genau machte diesen Stress aus?

Es geht vor allem darum, sich diese professionelle und musikalische Souveränität zu erhalten. Und das auf höchstem Niveau! Ich musste sehr hart daran arbeiten und mich ständig fragen: »Bin ich der Aufgabe noch gewachsen?« Bei jedem Konzert wollte ich das Beste von mir geben. Dieser hohe Anspruch an sich selbst bedeutet Stress.

In der Digital Concert Hall gibt es ein Filmporträt über Sie, in dem Sie erzählen, dass Herbert von Karajan zunächst nicht damit einverstanden war, dass Sie Konzertmeister werden. Er drohte, zu gehen, wenn Sie zur Probe kämen. Sie ließen sich nicht einschüchtern, erschienen zur Probe und anschließend schüttelte Karajan Ihnen die Hand. Woher nahmen Sie diese mentale Stärke?

Ich dachte mir: »Ich habe ja nichts zu verlieren.« Ich kam, fühlte mich frei und spielte meine Musik. Ich glaube, damit habe ich Karajan beeindruckt. Im Nachhinein denke ich, er wollte mich prüfen, ob ich psychisch stark genug bin, diese Stelle in diesem Orchester auszufüllen.

Daniel Stabrawa
(Foto: Stephan Rabold)

Karajan brachte Ihnen dann eine große Wertschätzung entgegen. Er hat Ihnen vollkommen vertraut. Wie haben Sie das erreicht?
Karajan wusste, dass sich das Orchester verändert. Junge Musiker besetzten auf einmal die Spitzenpositionen und er spürte, dass seine Zeit zu Ende geht. Als er merkte, dass ich die Musik hinsichtlich der Phrasierung und der Tempi ähnlich spüre wie er, war er beruhigt und zufrieden mit mir.

Als sie 1983 als Geiger zu den Berliner Philharmonikern kamen, war das Verhältnis von Karajan und dem Orchester nicht mehr das Beste. Wie haben sie als »Neuer« den Konflikt zwischen Dirigent und Orchester empfunden?
Ich habe mich damit gar nicht beschäftigt. Und wenn das Orchester unter der Leitung Karajans spielte, hat man von den Konflikten nichts gemerkt.

Was änderte sich für Sie als Konzertmeister als dann Claudio Abbado und später Sir Simon Rattle und Kirill Petrenko kamen? Das sind ja ganz unterschiedliche Dirigentenpersönlichkeiten.

Das stimmt. Und es war zunächst nicht einfach, sich darauf einzustellen. Ich hatte ja auch meine eigenen musikalischen Vorstellungen. Aber meine Aufgabe als Konzertmeister war es dann, mich an unseren Chefdirigenten zu orientieren, zu verstehen, was sie wollen. Claudio Abbado war ein toller Musiker, aber er wollte das Orchester umkrempeln. Das konnte ich anfangs nicht akzeptieren, erst allmählich verstand ich seine Ideen. Durch Sir Simon Rattle habe ich gelernt, dass es ganz verschiedene Facetten des Musizierens gibt. Mein Horizont als Musiker hat sich unter ihm enorm erweitert. Bei Kirill Petrenko habe ich den Eindruck, er kommt zu dem Musizierstil meiner Anfangsjahre zurück. Für mich schließt sich hier ein Kreis.

Was war die herausforderndste Situation, die Sie als Konzertmeister bewältigen mussten?

Es gab mal eine Situation, bei einem Werk von Schubert, in der alles auseinanderzubrechen drohte. Da musste ich schnell reagieren. Ich habe mit einer entschiedenen Bewegung allen gezeigt, wo wir gerade sind. Aber glücklicherweise passierte so etwas sehr selten.

Daniel Stabrawa als Solist
(Foto: Monika Rittershaus)

Als Konzertmeister waren Sie auch für die Geigensoli zuständig. Auf welche Solostellen haben sie sich am meisten gefreut?

Ich habe mich auf jede Solostelle gefreut, auf jeden Ton, den ich noch extra dazugeben durfte. Es geht ja bei einem Solo darum, die Verbindung zu schaffen, zu dem, was vorher war und was danach kommt. Man muss in der Musik bleiben, die Phrase fortführen und gestalten. Wenn das gelingt, bin ich glücklich. Ich erinnere mich an einen Moment am Schluss von Strauss‘ Heldenleben, da hat Karajan wirklich geweint.

Der philharmonische Geigenklang hat ja auch etwas sehr Berührendes. Was macht für Sie das Besondere dieses Klangs aus?

Das kann ich gar nicht mit Worten beschreiben. Das ist ein Mysterium. Eines kann ich sagen: Man darf nicht zu vorsichtig sein, man muss riskieren. Und unsere Gruppe riskiert viel… Den besonderen Geigenklang verdanken wir in gewisser Weise auch unseren Chefdirigenten, die selbst in den leisesten Stellen eine Intensität und Leidenschaft verlangen, die unser Spiel auszeichnet.

Sie waren als Primarius des Philharmonia Quartetts auch als Kammermusiker sehr aktiv, außerdem dirigieren Sie. Wie hat sich dieser Dreiklang aus Orchestermusiker, Kammermusiker und Dirigent auf ihr Verständnis von der Rolle des Konzertmeisters ausgewirkt?

Das Quartettspielen war auf gewisse Weise eine Reinigung vom Orchesterdienst: Intonation, Phrasierung und Bogenführung konnten wir auf diese Weise immer wieder verfeinern. Außerdem war es beglückend diese wunderbare Quartettliteratur zu spielen. Und seitdem ich dirigiere, verstehe ich, dass Dirigieren mindestens so schwer ist, wie Geige spielen. Das Dirigieren hat mir sehr geholfen die Stelle als Konzertmeister auszufüllen. Ich finde, jeder Konzertmeister sollte dirigieren können.

Das ist natürlich ein guter Tipp zum Abschluss. Und welchen Rat würden Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger noch geben?

Ich gebe keinen Rat. Wenn jemand gut ist, zum Orchester passt und Spaß an dieser Aufgabe hat, dann wird daraus etwas Erfolgreiches. Die Menschen sind verschieden, das ist das Schöne. Jede oder jeder findet den Weg auf seine eigene Weise.

Nicole Restle

Aus der aktuellen Ausgabe von Phil – Das Magazin der Berliner Philharmoniker


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