Giftzwerge, bockspringende Philharmoniker und andere Schätze

Ein Blick in das Archiv der Berliner Philharmoniker

Jutta March widmet sich seit 40 Jahren mit großer Leidenschaft
dem Archiv der Berliner Philharmoniker.
(Foto: Frederike van der Straeten)

Sie ist die Frau der ersten Stunde: Die Bibliothekarin Jutta March erhielt vor 40 Jahren den Auftrag, das Archiv der Berliner Philharmoniker ehrenamtlich aufzubauen und zu betreuen. Heute ist die Sammlung über mehrere Standorte verteilt und beschäftigt eine festangestellte Archivarin. Jutta March ist aber nach wie vor die Seele dieser Schatzkammer. Wir besuchen sie in den Tiefen der Philharmonie, wo ein Teil der philharmonischen Artefakte gelagert ist – und werfen einen Blick zurück auf ihren langjährigen Einsatz.

Vor 40 Jahren wurden Sie Archivarin für das neugegründete Archiv der Berliner Philharmoniker. Wie kamen Sie zu dieser Aufgabe?

Ich leitete damals die Bibliothek des Staatlichen Instituts für Musikforschung, das 1983 zusammen mit dem Musikinstrumenten-Museum Berlin in den Neubau neben der Philharmonie gezogen war. Ich half beim Einrichten der Bibliothek und kniete gerade auf dem Boden, um Regalböden einzulegen. Plötzlich stand mein Chef mit zwei Berliner Philharmonikern neben mir: »Wir haben ein Attentat auf Sie vor: Könnten Sie sich auch um das Archiv der Berliner Philharmoniker kümmern?«

Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Anfangs protestierte ich, weil mich meine Bibliotheksarbeit bereits voll auslastete. Andererseits reizte mich die Aufgabe, weil ich ein großer Fan der Philharmoniker bin. Ich gehörte seit Jahren zu der sogenannten »Ansteher-Gilde«, die sich schon Tage vor dem Kartenvorverkaufsbeginn vor der Kasse anstellte. Und eigentlich hatte ich auch keine Wahl. Es war bereits beschlossene Sache, dass ich das Archiv betreuen sollte – in meiner Freizeit und ehrenamtlich. Dafür musste ich mich fortan nicht mehr für Konzertkarten anstellen, sondern bekam ein Abonnement für alle Konzerte. Und später durfte ich auch mal mit auf Konzertreisen.

Was war für Sie zu Beginn die größte Herausforderung?

Ich musste mir zunächst einen Überblick verschaffen. Es gab so viel Verschiedenes: Programmzettel und -hefte, Plakate, Fotos, Presseartikel, Autografe, Tonaufnahmen, Erinnerungsstücke… Als erstes überlegte ich mir eine Systematik, nach der ich das Material ordnete. Dabei hat mir mein Beruf als Diplom-Bibliothekarin sehr geholfen. Ich begann mit den Autographen, zu denen auch Briefe von Hans Pfitzner gehören. Der galt ja als Giftzwerg. Seine Briefe amüsierten mich besonders.

Berliner Philharmoniker vergnügen sich während einer
Tournee 1928 beim Bockspringen.
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)

Im Krieg wurde die Alte Philharmonie zerbombt, dabei ging vieles verloren. Was konnte gerettet werden?

Man staunt darüber, was trotz der Verluste erhalten geblieben ist. Während des Bombenangriffs konnten Musiker, die gerade Wachdienst hatten, noch einiges aus dem brennenden Gebäude wegschleppen. Zudem überdauerten viele persönliche Gegenstände der Philharmoniker den Krieg. Später erschienen in den Philharmonischen Blättern, dem damaligen Publikumsmagazin, sowie in Tageszeitungen Aufrufe an die Menschen, ihre Dachböden nach noch vorhandenem Material zu den Berliner Philharmonikern zu durchsuchen. Da kam im Laufe der Jahre aus Schenkungen und Nachlässen einiges zusammen. Den Grundstock des Archivs verdanken wir jedoch der Sammelleidenschaft des ehemaligen Bratschers Peter Muck.

Brief von Hans Pfitzner
(Foto: Frederike van der Straeten)

Was sind die ältesten und interessantesten Stücke des Archivs?

Zu den frühesten Dokumenten gehört beispielsweise der Programmzettel vom 17. Oktober 1882, in dem sich der neugegründete Klangkörper erstmals »Philharmonisches Orchester« nennt. Wir haben einige Fotos aus der Alten Philharmonie oder Fotos von frühen Konzertreisen. Sehr interessant sind auch die Dirigierpartituren von Wilhelm Furtwängler. Dann gibt es die Totenmasken von Hans von Bülow und Wilhelm Furtwängler sowie diverse Taktstöcke ehemaliger Chefdirigenten.

Welches Bild von den Berliner Philharmonikern haben Sie durch die Beschäftigung mit all diesen Dokumenten erhalten?

Die meisten denken sicherlich, dass die Philharmoniker schon immer so großartig waren und enorm viel Geld verdient haben. Nein, so war es nicht. Gerade die Anfangsjahre gestalteten sich sehr mühsam. Was die Musiker da geleistet haben!

Sie mussten jede Möglichkeit zum Geldverdienen annehmen. Ihre Tourneen in den frühen Jahren waren unglaublich strapaziös. Auf den frühen Reisefotos ist zu erkennen, dass die Musiker jede Gelegenheit nutzten, um ein wenig Spaß zu haben. Auf einem der Fotos kann man beispielsweise sehen, wie sie sich beim Bockspringen vergnügen.

Aus dem Orchester unterstützt derzeit der Bratscher Walter Küssner das Archiv. Es gab von Anfang an eine Zusammenarbeit zwischen der Sammlung und  Mitgliedern der Berliner Philharmoniker. Wie gestaltet sich diese Zusammenarbeit?

Vor allem bei der älteren Generation der Philharmoniker war und ist das Interesse an unserem Archiv groß. Die Philharmoniker bringen Dinge mit, die sie bei sich zu Hause gefunden haben, besuchen Versteigerungen und durchstöbern Antiquariate.

Eigentlich hätten Sie sich schon längst zur Ruhe setzen können. Aber Sie sind nach wie vor für das Archiv tätig. Woran arbeiten Sie gerade?

Ich sitze gerade an einer Mappe mit Konzertankündigen aus den 1920er-Jahren, die ich ordne und erfasse. Es handelt sich um sogenannte »populäre Konzerte«, die eine eigene, sehr interessante Programmatik haben. Ich habe all die Jahre viel Spannendes gesehen und dachte oft: »Ist das toll, was Du jetzt in den Händen hältst!« Daher erfüllt mich die Arbeit hier so. In diesem Archiv steckt ein Teil meines Lebens.