Meister der versteckten Botschaft

Dmitri Schostakowitsch und die Berliner Philharmoniker

Dmitri Schostakowitsch dankt den Berliner Philharmonikern mit einem Zitat aus seiner Zehnten Symphonie, signiertes Foto von 1969
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)

Wegen des unbekannten Komponistens »D. Szostakowicz« auf der Programmankündigung waren die Besucherinnen und Besucher ganz sicher nicht in das philharmonische Konzert am 6. Februar 1928 gekommen. Sie wollten vor allem den berühmten Pianisten Arthur Schnabel und den gefeierten Dirigenten Bruno Walter erleben. Walter, eher zurückhaltend in der Aufführung von sogenannten »Novitäten«, stellte an diesem Abend die Erste Symphonie des damals 21-jährigen Schostakowitsch als Deutsche Erstaufführung vor, weil er den Schöpfer und sein Werk kurz zuvor in Leningrad kennen- und schätzen gelernt hatte. Als Abschlussarbeit für das Konservatorium entstanden, bescherte die Erste dem jungen Russen weltweit einen phänomenalen Erfolg. Auch in Berlin. »Was an dem Komponisten so wohltuend berührt, ist, dass er den Mut zur Natürlichkeit findet, ohne dem Spießertum zu verfallen«, hieß es nach dem Konzert in den Signalen für die musikalische Welt. Die Aufführung eines Werks von Dmitri Schostakowitsch durch die Berliner Philharmoniker blieb damals allerdings zunächst ein singuläres Ereignis.

Im Orchesterrepertoire angekommen

Das änderte sich jedoch nach Ende des Zweiten Weltkriegs sehr schnell. Im Juli 1946 – Schostakowitsch führte mittlerweile in der von Stalin regierten Sowjetunion ein Leben zwischen Anerkennung und Repression – stellte das Orchester unter der Leitung von Sergiu Celibidache dem Publikum erstmals seine Fünfte Symphonie vor, bald darauf folgten die Siebte und Neunte. Diese drei Werke gehörten fortan zum ständigen Orchesterrepertoire und wurden regelmäßig auf das Programm gesetzt. Herbert von Karajan, seit 1956 Chef der Philharmoniker, dirigierte 1959 die Deutsche Erstaufführung der Zehnten Symphonie – und wurde fortan deren musikalischer Botschafter. Wann immer bei Karajan-Konzerten der Name des Russen auf dem Programmzettel zu lesen war, erklang die Zehnte. Dirigent und Orchester liebten sie, weil die für dieses Werk typischen zahlreichen Bläsersoli den Musikern die Möglichkeit gaben, ihr solistisches Können zu zeigen.

Unvergessen auch das legendäre Konzert 1969, in dem die Philharmoniker unter Karajans Leitung die Zehnte anlässlich ihres Russland-Gastspiels im Moskauer Konservatorium aufführten. Im Publikum saß schweratmend und vor Aufregung zitternd – wie es in einem Bericht der Welt heißt – der 63-jährige Schostakowitsch. Nach dem Konzert »erhebt er sich, steigt die kleine Treppe zur Bühne hoch, Karajan eilt ihm entgegen, ergreift seine Hand, der Beifall wird  – mag es auch abgegriffen klingen  – in der Tat zum Orkan«. Eine Sternstunde in der Geschichte des Orchesters!

Programmheft zur deutschen Erstaufführung der Ersten Symphonie 1928
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)

Schostakowitsch aus erster Hand

Während Karajan bei den Philharmonikern ausschließlich die Zehnte dirigierte, waren es in den 1970er- und 80er-Jahren vor allem Gastdirigenten wie Dmitri Kitajenko, Gennady Roschdestwensky, Riccardo Chailly, Bernard Haitink oder Semyon Bychkov, die die anderen Symphonien des Komponisten interpretierten. Ab 1988 hatte das Orchester mit Kurt Sanderling und Mariss Jansons zwei Gastdirigenten, die das Werk Schostakowitschs durch ihre langjährige Freundschaft mit dem Komponisten aus erster Hand kannten und durch eine authentische Wiedergabe beeindruckten. Mit der Aufführung der  Film- und Bühnenmusiken zu King Lear bestritt Claudio Abbado 2002 sein letztes Berliner Konzert als Chef des Orchesters. Sir Simon Rattle war der erste Chefdirigent, der ein gesamtes Konzert nur mit Werken von Schostakowitsch bestritt: Anlässlich des 100. Geburtstags des Komponisten stellte er dessen erste und letzte Symphonie einander gegenüber. Nicht zu vergessen, dass in der Amtszeit von Simon Rattle bei den philharmonischen Ensembles die Kammermusik Schostakowitschs immer mehr in den Fokus rückte. Viel Beachtung fand die Aufführung sämtlicher Streichquartette durch das Philharmonia Quartett.

Passend für unsere Zeit

Auch für unseren jetzigen Chefdirigenten Kirill Petrenko ist das Werk Dmitri Schostakowitschs eine Herzensangelegenheit. Unter dem Eindruck des Corona-Shutdowns hat er mit den Philharmonikern zuletzt Schostakowitschs Achte und Neunte ohne Publikum in der Digital Concert Hall aufgeführt. »Ich bin mit seiner Musik aufgewachsen«, verrät er in einem Interview für die Digital Concert Hall. Die Doppelbödigkeit seiner Kunst, die versteckten Botschaften, die Auseinandersetzung des Komponisten mit den Repressalien, dem Krieg und Leid seiner Zeit faszinieren und berühren ihn. »Schostakowitsch war ein Humanist. Er hat an die Menschen geglaubt.«


Mehr zum Thema