Thema »Lost Generation«

Erinnerung an vergessene Komponisten zwischen Spätromantik und Neuer Musik

Konzertmeister Noah Bendix-Balgley gibt einen kurzen Einblick in den Saisonschwerpunkt »Lost Generation«.

Die Begegnung mit unbekannten Meisterwerken ist eine besondere Erfahrung. Der eigene Horizont weitet sich, man erlebt neu den Reichtum der Musik. Das gilt vor allem, wenn sich gleich ein Netzwerk solcher Fundstücke auftut, die auf vielfältige Weise miteinander korrespondieren. In der Saison 2021/22 wollen wir solche neuen Perspektiven unter dem Titel »Lost Generation« eröffnen.

Diese Formulierung geht auf die Schriftstellerin Gertrude Stein zurück, die damit eine Gruppe von amerikanischen Intellektuellen meinte, die nach dem Ersten Weltkrieg ihren Wohnsitz nach Paris verlegten, um dem heimischen Provinzialismus zu entfliehen. Wir borgen uns den Begriff bei ihr und übertragen ihn auf die Musik. Im Mittelpunkt stehen dabei Komponisten, deren Werke einmal zum Repertoire der Berliner Philharmoniker zählten, doch im Laufe der Jahrzehnte mehr oder weniger in Vergessenheit gerieten. Dazu gehören etwa der Däne Rued Langgaard, der erstmals 1913 bei den Philharmonikern auf dem Programm stand, sowie der Italiener Leone Sinigaglia. Dessen Rapsodia piemontese wurde im Januar 1907 in Berlin präsentiert – 115 Jahre später führt Chefdirigent Kirill Petrenko sie zum zweiten Mal in der Geschichte des Orchesters auf.

 

 

Viele der Komponisten wurden Opfer der Nationalsozialisten oder fanden nach 1945 nicht mehr ins Konzertleben zurück.

Verfolgt, vertrieben oder ermordet

Viele Vertreter der »verschollenen Generation« wurden nach der national-sozialistischen Machtübernahme 1933 verfolgt, vertrieben oder ermordet. Werke wie Gideon Kleins Partita für Streichorchester und Pavel Haas’ Bläserquintett entstanden förmlich im Angesicht des Todes; beide Komponisten kamen in Auschwitz ums Leben. Auch Erwin Schulhoff wurde ein Opfer der Nationalsozialisten, als er 1942 in einem Internierungslager starb.

Exil in den USA

Dem Österreicher Alexander Zemlinsky, der 1923 als Dirigent bei den Philharmonikern debütierte, gelang Ende 1938 die Flucht in die USA. Sein Landsmann Ernst Toch konnte sich drei Jahre zuvor nach Amerika retten. Andere Musiker wie der Busoni-Schüler Philipp Jarnach blieben im Land, verstummten nicht selten künstlerisch und fanden nach 1945 nicht mehr in das Konzertleben zurück. So unterschiedlich ihre Lebenswege waren – diese einzigartige »Lost Generation« bildet ein Bindeglied zwischen der ausgehenden Spätromantik und der Neuen Musik nach dem Zweiten Weltkrieg. Unser Saisonschwerpunkt soll ein Schlaglicht auf diese zu Unrecht Vergessenen werfen – und großartige Werke neu für den Konzertsaal erschließen.

 

Komponisten


(Foto: Lebrecht Music & Arts/Alamy Stock Foto)

Leone Sinigaglia

Leone Sinigaglia hatte zwei große Leidenschaften: die Berge und die Musik. Gewissermaßen war er auf beiden Gebieten ein Pionier. Als Bergsteiger erklomm er die damals noch wenig beachteten Gipfel der Dolomiten und veröffentlichte seine Erfahrungen und Beobachtungen in seinem Buch Ricordi di arrampicate nelle Dolomiti, das damals in alpinen Kreisen Aufsehen erregte. Als Komponist widmete er sich einer in Italien, dem Land der Oper, sehr vernachlässigten Gattung: der Instrumentalmusik.

Mehr erfahren


Erwin Schulhoff

Dadaist, Kommunist, Jude – Erwin Schulhoff erfüllte alle Kriterien, um von den Nationalsozialisten als »entarteter Künstler« verfolgt zu werden. Radikal in seinen Ansichten, offen für stilistische Vielfalt saß er am Puls seiner Zeit, überraschte und verschreckte mit eigenwilligen Werken. Kein Geringerer als Antonín Dvořák soll sein Talent entdeckt haben. Eine glänzende Musikerkarriere schien ihm bevorzustehen...

Mehr erfahren
 


Karl Amadeus Hartmann

Er hätte auch das Zeug zum Maler gehabt, doch er entscheidet sich für die Musik: Karl Amadeus Hartmann,  Sohn eines Münchner Kunstmalers, beginnt nach einem Besuch von Webers Oper Der Freischütz zu komponieren. Als Student im München der 1920er-Jahre begeistern ihn nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und den daraus resultierenden politischen Umbrüchen die neuen Ideen und visionären Konzepte seiner Zeit...

Mehr erfahren
 


Ernst Toch

»Ich lebte in einer ziemlich amusischen Umgebung«, erzählt Ernst Toch. Die Eltern zeigen wenig Verständnis für seine musikalische Begabung. 1887 in Wien als Sohn eines jüdischen Lederhändlers geboren, soll er das väterliche Geschäft einmal fortführen. Doch Ernst Toch entdeckt schon früh die Musik, besonders das Komponieren, das ihm nach eigener Aussage so manche »Ekstase« beschert...

Mehr erfahren
 


Mieczysław Weinberg

Wie eine Flamme leuchtete der Name Mieczysław Weinberg auf, als ihn die westliche Kulturwelt vor einem guten Jahrzehnt für sich entdeckte. Die szenische Uraufführung der Oper Die Passagierin bei den Bregenzer Festspielen 2010 gestaltete sich zu einer Sensation; als »Meisterwerk«, »Wiederentdeckung des Jahres«, wenn nicht des Jahrzehnts, wurde das Werk gefeiert...

Mehr erfahren
 


Egon Wellesz

Als Vierzehnjähriger hat er sein Erweckungserlebnis: die Aufführungen von Beethovens Neunter und Webers Freischütz unter der Leitung des von ihm hochverehrten Gustav Mahlers beeindrucken ihn so stark, dass er – wie er schreibt – »am folgenden Tag zu komponieren begann […] So sehr, drängte es mich Musiker zu werden, dass ich anfing, ohne Hilfe und Unterricht zu Grundlagen des musikalischen Handwerks zu erlernen.«...

Mehr erfahren
 


Franz Schreker

Man kennt sich untereinander, trifft sich in den Kaffeehäusern der Stadt und diskutiert die neuen kulturellen Ideen. Mit der Uraufführung seiner Oper Derferne Klang steigt Franz Schreker 1912 zu einem der führenden Komponisten seiner Zeit auf. Als Professor an der Akademie der bildenden Künste unterrichtet er Ernst Krenek und Alois Hába...

Mehr erfahren