Les Arts Florissant (Foto: Julien Benhamou)

Kammermusik

Barock-Festival

Les Arts Florissants zwischen Lachen und Grübeln

Lachen oder Grübeln? Das ist hier die Frage. In Georg Friedrich Händels Oratorium L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato diskutieren drei Temperamente – der Heitere, der Grüblerische und der Gemäßigte – welche Haltung die bessere ist. Eines sei schon verraten: Natürlich siegt zum Schluss der Heitere. Das philosophische Libretto gab dem Komponisten eine geeignete Vorlage, um ein Feuerwerk an musikalischen Emotionen zu zünden. Zur Lieblingsnummer wurde zu Händels Zeiten die Lach-Arie Haste thee Nymph. Dirigent ist mit William Christie einer der ganz Großen der Alten Musik.

Les Arts Florissants

William Christie Dirigent

Rowan Pierce Sopran(anstelle von Rachel Redmond)

Leo Jemison Knabensopran

James Way Tenor

Sreten Manojlović Bass

Georg Friedrich Händel

L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato HWV 55

Termine und Karten

Programm

Menschen sind heiter oder nachdenklich, gesellig oder scheu, das stellten bereits die antike Säftelehre und das barocke Affektkonzept fest. Und auch die moderne Psychologie kennt solche Charaktereigenschaften. Was aber ist vorzuziehen: Heiter zu sein, nachdenklich oder doch lieber ausgeglichen? Dies fragt Georg Friedrich Händel in L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato (Der Heitere, der Nachdenkliche und der Ausgeglichene). 1740 wurde das Oratorium zum ersten Mal in London aufgeführt. Charles Jennens, der Librettist des Messiah, hat das Libretto, angeregt durch Gedichte von John Milton, geschaffen und den dritten Teil über den »Ausgeglichenen« selbst hinzu gedichtet. Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht, stattdessen stellt Händel Frohsinn und Melancholie einander in zahlreichen gegensätzlichen Bildern von Stadt und Land, Geselligkeit und Einsamkeit, Tag und Nacht gegenüber.

Für Händel die Gelegenheit, alle kompositorischen Register zu ziehen: In den zauberhaften Lachchor »Haste thee, nymphs« möchte man ebenso einstimmen wie man dem traurig-schönen Ruf der Nachtigall in »Sweet bird« auf ewig lauschen könnte. Wenngleich der Heitere den Tag, der Nachdenkliche die Nacht vorzieht: An der Natur erfreuen sich beide. Aber weder ungetrübte Fröhlichkeit noch zu viel Nachdenklichkeit verkörpern hier das Ideal. Der dritte Affektträger Il Moderato mahnt, die Extreme zu meiden und das Glück in der Mäßigung zu suchen. Dies kulminiert in »As steals the morn upon the night«, einem Duett von leuchtender Schönheit und transzendenter Anmut: Es lenkt die verschwenderische Bilderfülle der Partitur nach innen und bemüht das Aufklärungs-Symbol des Lichts, das die Schatten im menschlichen Gemüt – Vergnügungssucht nicht weniger als Melancholie – vertreiben soll.


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Biografie

William Christie – Cembalist, Dirigent, Musikwissenschaftler und Pädagoge – ist eine der legendären Künstlerpersönlichkeiten der Originalklang-Szene. Kein Wunder, dass sich unter seinen Schülern so illustre Namen wie Christophe Rousset, Hervé Niquet und Emmanuelle Haïm finden. William Christie wurde in Buffalo (New York) geboren, studierte an den Universitäten von Harvard und Yale und begann sich unter dem Einfluss seines Lehrers Ralph Kirkpatrick für die französische Musikkultur zu interessieren. 1971 ging er nach Paris, wo er acht Jahre später das Alte-Musik-Ensemble Les Arts Florissants gründete, mit dem er Pionierarbeit im Bereich der französischen Barockmusik leistete. Durch seine Forschungen an historischem Quellenmaterial wurden unzählige Schätze gehoben, die bis dahin unbeachtet ihr Dasein in Bibliotheken und Sammlungen in aller Welt fristeten. William Christie hat unter anderem das Cembalo-Gesamtwerk, verschiedene Opern sowie die Grands Motets von Jean-Philippe Rameau aufgenommen. Weitere Veröffentlichungen, die mit zahllosen internationalen Preisen ausgezeichnet wurden, sind Purcells Dido and Aeneas und King Arthur, Charpentiers La Déscente d’Orphée aux enfers und Les Plaisirs de Versailles, Händels Orlando, Landis Il Sant’Alessio sowie Couperins Leçons de ténèbres. William Christie, seit 1995 französischer Staatsbürger, ist Mitglied der Ehrenlegion und der Académie des Beaux-Arts.


Die »formidable Barock-Combo Les Arts Florissants« (Süddeutsche Zeitung) wurde 1979 von William Christie gegründet. Das Vokal- und Instrumentalensemble hat sich wie kein anderes um die Wiederbelebung des lange in Vergessenheit geratenen französischen Barockrepertoires der Tragédie lyrique und des Opéra-ballet des 17. und 18. Jahrhunderts verdient gemacht: von Lully über Charpentier bis Rameau, mit Werken von Campra, Montéclair, Couperin oder Mondonville – Musik, die heute in den renommiertesten Konzerthäusern weltweit zu hören ist. Seit dem legendären Debüt an der Pariser Opéra-Comique mit Jean-Baptiste Lullys Tragédie en musique Atys zählen die Aufführungen von Les Arts Florissants zum Besten, was die Wiederbeschäftigung mit dem barocken Musiktheater hervorgebracht hat. Das Ensemble widmet sich jedoch nicht nur französischen Barockopern. Es sorgt ebenso mit unbekannten geistlichen und weltlichen Vokalwerken für Furore wie mit gelegentlichen Abstechern in die Wiener Klassik – eine Forschungs- und Innovationstradition, die die beiden künstlerischen Leiter William Christie und Paul Agnew mit großem Einsatz pflegen. Neben internationalen Gastspielen sind Les Arts Florissants in Frankreich jede Saison mit rund 100 Konzerten und Opernaufführungen zu erleben – in der Philharmonie, an der Opéra Comique und im Théâtre des Champs-Élysées in Paris, im Théâtre de Caen, im Schloss von Versailles sowie bei zahlreichen Festivals.

Les Arts Florissant (Foto: Julien Benhamou)

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