Daniil Trifonov (Foto: Dario Acosta)

Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko Dirigent

Daniil Trifonov Klavier

Ludwig van Beethoven

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37

Daniil Trifonov Klavier

Felix Mendelssohn Bartholdy

Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 11

Termine und Karten

Di, 01. Sep 2020, 16.00 Uhr

Philharmonie

Di, 01. Sep 2020, 20.00 Uhr

Philharmonie

Live in der Digital Concert Hallzur Übertragung

Programm

Schumann, Skrjabin, Rachmaninow – bislang interpretierte Daniil Trifonov bei den Berliner Philharmonikern romantische und spätromantische Klavierkonzerte. Nun präsentiert er sich bei dem Orchester erstmals als Beethoven-Interpret – mit dem Dritten Klavierkonzert, dessen Reiz im Wechsel von heroischer Geste und träumerischer Versonnenheit liegt. Gleichzeitig ist es eine musikalische Verbeugung vor Mozart, den Beethoven sehr bewunderte. Von Mozart inspiriert ist auch die Erste Symphonie, die Mendelsohn im Alter von 15 Jahren schrieb. Ein Jugendwerk und doch auf den Stil des reifen Komponisten vorausweisend.

Über die Musik

Empfindungswelten

»Es erfordert die musikalische Politik, die besten Sachen eine Zeitlang für sich zu behalten«, schrieb Ludwig van Beethoven 1801 seinem Verlag und meinte damit wahrscheinlich (auch) sein damals noch unaufgeführtes Drittes Klavierkonzert. Denn das wollte er, der gefeierte Pianist, noch nicht veröffentlichen, sondern erst einmal selbst vor Publikum spielen. Deswegen brauchte er die Solostimme für die Uraufführung auch gar nicht vollständig auszuschreiben – er hatte sie schließlich im Kopf. Das wiederum brachte seinen Umblätterer, den früheren Mozart-Schüler Ignaz von Seyfried, gehörig ins Schwitzen: Der sah »fast lauter leere Blätter; höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar […] mir rein unverständliche egyptische Hieroglyphen hingekrizelt; denn er spielte beynahe die ganze Prinzipalstimme blos aus dem Gedächtniß«.

Verbeugung vor Mozart

Beethovens Klavierkonzert in c-Moll ist nicht zuletzt eine Verbeugung vor Mozarts Klavierwerken in derselben Tonart – und vor allem ein ganz persönliches Werk. Der Kompositionsprozess zog sich über mehrere Jahre hin. Beethoven erlebte in dieser Zeit eine zunächst glückliche, wegen des höheren Standes der Angebeteten aber hoffnungslose Liebesbeziehung; er litt unter Depressionen, die er in seinem Heiligenstädter Testament schilderte, begann sein Gehör zu verlieren – und ließ sich trotz allem nicht unterkriegen: »Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht.«

Das scharf modellierte erste Thema des Konzerts durchmisst spannungsvoll den c-Moll-Dreiklang, fast wie der Anfang eines Manifests: Viertel für Viertel, sozusagen Wort für Wort, prägnant formulierend. Der langsame Satz entführt in eine harmonisch ferne, traumverlorene Welt, eine andere Wirklichkeit. Von Beethoven ersehnte »selige Augenblicke« ereignen sich hier, die einst vom »zauberischen Mädchen« ausgelöst worden waren. Es ist ein »Verweile doch«, wie Beethoven – das schmerzlich-süße Empfinden bis zur Endlosigkeit ausdehnend – es selten in seiner Musik zugelassen hat. Und nach mancherlei musikalischem Ringen mit dem Schicksal überwiegt am Ende des Finales das hoffnungsvolle C-Dur.

Auf der Suche nach dem eigenen Tonfall

Auch Felix Mendelssohn Bartholdy beschreitet in seiner Ersten Symphonie (zwölf vorausgegangene Streichersymphonien gingen nicht in die offizielle Zählung ein) einen Weg von c-Moll nach C-Dur. Natürlich kannte er die berühmten Beispiele von Mozart und Beethoven – wobei man sich vor Augen führen muss, dass es sich dabei nicht um musikhistorische Klassiker handelte, sondern um zeitgenössische Musik. Schließlich war Anfang 1824, als der 15-jährige Mendelssohn diese Symphonie schrieb, Beethovens Neunte noch nicht einmal uraufgeführt.

Wie es gar nicht anders sein kann, spielt Mendelssohn mit dem, was er an seinen Vorgängern bewundert, lässt im Menuett die Melodie über den zugrunde liegenden Dreiertakt hinausstreben, zitiert auch mal bestimmte motivische Wendungen (eine zwischen zwei Harmonien pendelnde Figur, die er Mozarts g-Moll-Symphonie Nr. 40 abgelauscht hat, sogar gleich zweimal, im ersten und vierten Satz) und beweist im Finale mit einem Fugato in anspruchsvoller Stimmführung, wie souverän er sein Handwerk beherrscht.

Junge musikalische Avantgarde

Aber es geht ihm schon in diesem jungen Alter um viel mehr: einen eigenen Tonfall zu finden, einen Ausdruck für die Empfindungswelt seiner Epoche. Das war nicht mehr das Revolutionspathos eines Beethoven, sondern ein Zeitalter, das äußerlich von der Restauration geprägt war, dafür aber ins Innere schaute, sich für das Übersinnliche begeisterte, in unheimlichen Naturerscheinungen Abgründe des menschlichen Wesens wiederfand. So etwas klingt an im zauberhaften zweiten Thema des Finales: erst nur gezupfte Streicher, dann eine Klarinettenmelodie wie aus einer anderen Welt. Dass Mendelssohn außerdem – durchaus innovativ – alle Sätze motivisch miteinander verknüpfte, beweist, dass er gar nicht vorwiegend Klassizist war, sondern mindestens so sehr Exponent einer jungen musikalischen Avantgarde.

Malte Krasting

Biografie

Seit der Saison 2019/20 ist Kirill Petrenko Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker. Ausgebildet wurde er zunächst in Russland, dann in Österreich. Die internationale Musikwelt wurde erstmals auf ihn aufmerksam, als er 2001 am Meininger Theater Wagners Ring des Nibelungen in der Regie von Christine Mielitz und im Bühnenbild von Alfred Hrdlicka an vier aufeinanderfolgenden Tagen zur Premiere brachte. Zwölf Jahre später leitete er den Zyklus dann bei den Bayreuther Festspielen zum zweiten Mal. Zur selben Zeit trat Kirill Petrenko sein Amt als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper an, nach Meiningen und der Komischen Oper Berlin die dritte Chefposition an einem Opernhaus. Parallel gastierte er sowohl an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt (von der Wiener Staatsoper über den Londoner Covent Garden und die Opéra National in Paris bis zur Metropolitan Opera in New York) wie auch bei den großen internationalen Symphonieorchestern – in Wien, München, Dresden, Paris, Amsterdam, London, Rom, Chicago, Cleveland und Israel. Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab er im Jahr 2006. In den bisherigen gemeinsamen Konzerten seit seinem Amtsantritt zeichnen sich bereits wesentliche inhaltliche Schwerpunkte ab. Auch außerhalb Berlins ist Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern zu erleben – auf Tournee und natürlich in der Digital Concert Hall.

Alexander Skrjabins Le Poème de l’extase bescherte dem zwölfjährigen Daniil Trifonov ein Schlüsselerlebnis: Ihn faszinierten die kraftvollen Orchesterfarben des Werks so sehr, dass er seither danach strebt, diesen Klangreichtum auch auf dem Klavier zu erzielen. Neben seiner Ausdruckskraft und technischen Brillanz ist es dieser Ansatz, der Daniil Trifonov an die Weltspitze führte. Dass er selbst auch komponiert, trägt zusätzlich zu seinem Verständnis für die von ihm interpretierten Werke bei. 1991 in Nischni Nowgorod geboren, studierte der Spross einer Musikerfamilie bei Tatiana Zelikman in Moskau und Sergei Babayan in Cleveland. 2011 gewann er zwei prestigeträchtige Wettbewerbe, den Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv sowie den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau, und startete anschließend eine spektakuläre internationale Karriere. Mit Daniil Trifonovs Debüt bei den Berliner Philharmonikern 2016 begann eine intensive Zusammenarbeit zwischen Pianist und Orchester, die mit einer Residency des Künstlers in der Saison 2018/19 ihren ersten Höhepunkt fand. Schwerpunkte der gemeinsamen Arbeit waren bislang romantische und spätromantische Klavierkonzerte von Schumann, Skrjabin und Rachmaninow. Nun präsentiert sich Daniil Trifonov bei den Berliner Philharmonikern erstmals in einem Klavierkonzert Ludwig van Beethovens.

Daniil Trifonov (Foto: Dario Acosta)

Kirill Petrenko (Foto: Stephan Rabold)

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Das Programmheft des Konzerts

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