Kirill Petrenko (Foto: LUCERNE FESTIVAL/ Priska Ketterer)

Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko Dirigent

Frank Peter Zimmermann Violine

Alban Berg

Konzert für Violine und Orchester »Dem Andenken eines Engels«

Frank Peter Zimmermann Violine

Antonín Dvořák

Symphonie Nr. 5 F-Dur op. 76

Eine Veranstaltung der Stiftung Berliner Philharmoniker in Kooperation mit Berliner Festspiele/Musikfest Berlin

Termine und Karten

Do, 17. Sep 2020, 20.00 Uhr

Philharmonie

Fr, 18. Sep 2020, 20.00 Uhr

Philharmonie

Sa, 19. Sep 2020, 19.00 Uhr

Philharmonie

Live in der Digital Concert Hallzur Übertragung

Programm

»Alban Bergs Violinkonzert ist ein Stück, das unter die Haut geht«, sagt der Geiger Frank Peter Zimmermann. Erschüttert über den Tod von Manon Gropius, der Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius, setzte der Komponist mit diesem Werk dem jungen Mädchen ein musikalisches Denkmal und schuf gleichzeitig eines der berührendsten Konzerte des 20. Jahrhunderts. Eine ganz andere Stimmung schlägt Antonín Dvořák in seiner Fünften Symphonie an – heiter, gelöst, pastoral. Das Werk ist Hans von Bülow gewidmet, dem ersten Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker.

Über die Musik

Katastrophe und Idyll

»Dem Andenken eines Engels«, lautet die Widmung von Alban Bergs Violinkonzert. Dieser Engel hieß Manon Gropius. Sie war die Tochter von Gustav Mahlers Witwe Alma aus deren Ehe mit dem Architekten Walter Gropius; mit 17 Jahren erkrankte die junge Frau an Kinderlähmung und starb ein Jahr später. Um der vielbewunderten Manon ein klingendes Denkmal zu setzen, unterbrach Berg die Arbeit an seiner zweiten Oper Lulu. Er sollte sie nicht mehr fertigstellen können, denn kurz nach Beendigung des Violinkonzerts starb er selbst: Die Hommage wurde zum Vermächtnis.

In diesem Stück wandte Berg als einer der ersten die Zwölftontechnik seines Lehrers Arnold Schönberg auf ein Solokonzert an – in einer Weise, die diese Kompositionsmethode auch dem musikalischen Laien zugänglich machte. Denn während Schönberg die zufällige Entstehung klassischer Dreiklänge ausdrücklich vermied, um Anklänge an schon Vertrautes zu minimieren, suchte Berg geradezu die Überschneidung von Dur-Moll-Harmonik und Zwölftönigkeit. Das war nicht nur ein kompositorischer Kunstgriff, sondern vertiefte auch den lyrischen Gehalt des Werks, indem traditionelle Tonalität und deren Auflösung als Dualismus von Leben und Tod erscheinen.

Ein musikalisches Porträt

Im ersten der beiden je zweiteiligen Sätze zeichnet er ein Porträt von Manons vielgesichtigem Wesen. Die Musik ist mal verträumt, mal rustikal und lässt sogar einen Kärntner Ländler anklingen. Im zweiten Satz werden die Katastrophe der ausbrechenden Krankheit (ein neuntöniger Fortissimo-Akkord) und der Tod des Mädchens mit einem variierten Zitat des Bach-Chorals »Es ist ­genug« thematisiert. Am Ende verliert sich die Solovioline in höchsten Höhen über einer Reminiszenz der ­Anfangstakte. Theodor W. Adorno schrieb über diesen Schluss: »Der Abschied jedoch, von dem die Musik tönt, scheint der von der Welt, Traum und Kindheit selbst.«

Der als »böhmischer« Komponist so beliebte Antonín Dvořák gehört zu den meistunterschätzten Symphonikern des 19. Jahrhunderts. Die immense Popularität, die er mit seinen Slawischen Tänzen errang, führte dazu, dass das Publikum in seinen Werken das hörte, was es von ihm erwartete: Folklore – und wenn keine tschechische, dann eben eine andere, und sei es vermeintlich amerikanische. Dabei zitiert Dvořák sehr selten originale Volksmusik, und das Klischee vom unverdorbenen Naturburschen und ländlichen Musikanten könnte falscher nicht sein. Seine Kunst beruht vielmehr auf harter Arbeit, und nur deshalb wirkt sie bisweilen so mühelos.

Neuerworbenes Selbstvertrauen

Die Fünfte Symphonie hat Dvořák im Sommer 1875 in fünf Wochen komponiert. Es war die Zeit, in der er sich – auch dank der Unterstützung durch Johannes Brahms – von der Fron des Orchesterdienstes (er spielte Bratsche) und seinen Unterrichts- und Organistenpflichten langsam lösen und zunehmend dem Komponieren widmen konnte. Seine Fünfte reflektiert die Souveränität und das Selbstvertrauen des Komponisten. Schon mit dem ersten Takt entsteht eine oft als »pastoral« beschriebene Stimmung, doch schon bald zeigt sich deren doppelter Boden. Ein weiteres Beispiel: Im Andante wird das von den Celli vorgestellte melancholische, an die slawische Volksliedform der Dumka angelehnte Thema von den Geigen und dann von Holzbläsern aufgegriffen; der Mittelteil hellt sich auf, doch das Wehmutsthema gesellt sich wieder dazu – Gleichzeitigkeit der Gegensätze. Ohne Pause wird ins tänzerische Scherzo übergeleitet, als Baustein in Dvořáks Bestreben, alle Symphoniesätze miteinander zu verknüpfen. Der letzte Satz stellt erst einmal alles in Frage. 54 Takte lang kämpft a-Moll mit der Grundtonart F-Dur, das Hauptthema wechselt seine Gestalten und feuert aus vielen Rohren: Dvořák war eben auch ein großer Dramatiker. Erst am Schluss folgt dem Aufruhr die Auflösung, wenn die Posaunen unüberhörbar das pastorale Thema des ersten Satzes zurückbringen und damit den Glauben an das Idyll bestätigen.

Malte Krasting

Biografie

Seit der Saison 2019/20 ist Kirill Petrenko Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker. Ausgebildet wurde er zunächst in Russland, dann in Österreich. Die internationale Musikwelt wurde erstmals auf ihn aufmerksam, als er 2001 am Meininger Theater Wagners Ring des Nibelungen in der Regie von Christine Mielitz und im Bühnenbild von Alfred Hrdlicka an vier aufeinanderfolgenden Tagen zur Premiere brachte. Zwölf Jahre später leitete er den Zyklus dann bei den Bayreuther Festspielen zum zweiten Mal. Zur selben Zeit trat Kirill Petrenko sein Amt als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper an, nach Meiningen und der Komischen Oper Berlin die dritte Chefposition an einem Opernhaus. Parallel gastierte er sowohl an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt (von der Wiener Staatsoper über den Londoner Covent Garden und die Opéra National in Paris bis zur Metropolitan Opera in New York) wie auch bei den großen internationalen Symphonieorchestern – in Wien, München, Dresden, Paris, Amsterdam, London, Rom, Chicago, Cleveland und Israel. Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab er im Jahr 2006. Auch außerhalb Berlins ist Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern zu erleben – auf Tournee und natürlich in der Digital Concert Hall. Ausgewählte Aufführungen erscheinen zudem als Mitschnitte auf Tonträger; nach einer bereits veröffentlichten CD/SACD mit Tschaikowskys Symphonie Nr. 6 »Pathétique« folgt nun eine Edition mit symphonischen Werken von Beethoven, Tschaikowsky, Franz Schmidt und Rudi Stephan.

»Ich werde Weldgeiger«, schrieb der gerade eingeschulte Frank Peter Zimmermann in sein Heft. Der Spross einer Musikerfamilie kannte schon früh seine Berufung. Seine Eltern, beide Streicher, vermittelten ihm von Kindheit an durch das eigene Musizieren und durch Aufnahmen von großen Geigern wie Leonid Kogan oder David Oistrach einen Sinn für künstlerische Qualität. Dieses Gespür ebenso wie technische Brillanz, nuancenreiche Tongebung und eine großartige Gestaltungskraft bildeten die Voraussetzungen für Frank Peter Zimmermanns Weg an die geigerische Weltspitze. 1965 in Duisburg geboren, startete er nach Studien bei Valery Gradow (einem Schüler von Leonid Kogan) sowie bei Saschko Gawriloff und Herman Krebbers 1983 eine beeindruckende internationale Karriere. 19-jährig gab er sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern und präsentierte sich – so die Berliner Morgenpost – »selbstsicher, tonstark und mit viel Saitenschmelz«. Frank Peter Zimmermann hat seither mit dem Orchester die großen Konzerte des 19. und 20. Jahrhunderts interpretiert sowie Matthias Pintschers en sourdine (2003) uraufgeführt. Alban Bergs Violinkonzert nimmt im Repertoire des Geigers, der auch ein leidenschaftlicher Kammermusiker ist, einen besonderen Platz ein: Es sei – so der Künstler – neben dem Violinkonzert Beethovens seine »musikalische Visitenkarte«.

Kirill Petrenko (Foto: LUCERNE FESTIVAL/ Priska Ketterer)

Frank Peter Zimmermann (Foto: Harald Hoffmann)

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Das Programmheft des Konzerts

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Frank Peter Zimmermann im Gespräch

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