Daniel Harding (Foto: Julian Hargreaves)

Berliner Philharmoniker

Daniel Harding Dirigent

Alban Berg

Drei Stücke aus der Lyrischen Suite für Streichorchester

Ludwig van Beethoven

Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68 »Pastorale«

Eine Veranstaltung der Stiftung Berliner Philharmoniker in Kooperation mit Berliner Festspiele/Musikfest Berlin

Termine und Karten

Sa, 12. Sep 2020, 19.00 Uhr

Philharmonie

So, 13. Sep 2020, 20.00 Uhr

Philharmonie

Live in der Digital Concert Hallzur Übertragung

Programm

Als »kleines Denkmal einer großen Liebe«, bezeichnete Alban Berg seine Lyrische Suite. In ihr schildert der Komponist musikalisch verschlüsselt seine Leidenschaft für die verheiratete Hanna Fuchs, verwob darin die klanglichen Initialien beider Liebenden und schuf somit eine sehr persönliche Programmmusik. Ebenfalls Programmmusik ist die sogenannte »Pastorale«, in der Beethoven seine Liebe zur Natur zum Ausdruck bringt – mit Vogelrufen, Bachgeplätscher und Gewittersturm. Eine heitere Hommage an das Landleben, dirigiert von Daniel Harding anlässlich des Beethoven-Jahrs.

Über die Musik

Empfindungsstürme

Als Alban Berg im Mai 1925 auf Einladung von Hanna Fuchs-Robettin zum Internationalen Musikfest nach Prag aufbrach, konnte er nicht ahnen, dass diese Reise einen emotionalen Sturm in ihm entfachen würde: »Ich bin seit diesem größten Ereignis nicht mehr ich«, gestand er hinterher der Gastgeberin, »nur ein Gedanke, nur ein Trieb, nur eine Sehnsucht beseelt mich: das bist Du!« Das heimliche Liebesverhältnis dauerte bis Ende des Jahres an – in Bergs Lyrischer Suite hallt es bis heute nach.

Erst als in den 1970er Jahren die Briefe zwischen Berg und seiner »unsterblichen Geliebten« sowie eine Partitur mit handschriftlichen Notizen des Komponisten entdeckt wurden, offenbarte das Werk sein brisantes Geheimprogramm. Der Titel ist eine Reminiszenz an den Liederzyklus Lyrische Symphonie von Alexander von Zemlinsky, dem die Lyrische Suite gewidmet ist. Unter dem Deckmantel eines vordergründig unverfänglichen Streichquartetts schrieb sich Berg die aufwühlenden Erinnerungen an seine Schicksalsbegegnung von der Seele.

Eine kurze Liason

Während die sechs hochexpressiven Sätze des Quartetts diese in Gänze nachzeichnen, vom unbeschwerten Kennenlernen bis hin zum schmerzhaften Verzicht, beleuchten die 1927 vom Komponisten für Streichorchester arrangierten Sätze 2, 3 und 4 das amouröse Herzstück der kurzen Liaison, deren Höhepunkt das leidenschaftliche Liebesgeständnis im Trio estatico bildet. Als Hommage an seinen Freund Zemlinsky getarnt, zitiert Berg gleich zweimal aus der Lyrischen Symphonie eine Melodie zu den Worten »Du bist mein Eigen«, und selbst den spitzfindigsten Analytikern gelang es ohne die Partiturnotizen nicht, die allerorts in den zwölftönig verschlungenen Satz eingewobenen Initialen H-F und A-B aufzuspüren.

»Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei«

Zu den ersten Werken, die abstrakte Musik mit lyrischem Inhalt anreicherten, gehörte Ludwig van Beethovens »Pastorale«. Deren Programm war allerdings nie ein Geheimnis, sondern wurde unter dem Titel »Erinnerung an das Landleben« schon zur Uraufführung publiziert. Ein zeitgenössischer Kritiker reagierte mit Staunen und leichtem Befremden: »Excentrisch ist wol die Bahn, die [Beethoven] selbst sich vorzeichnet: er erhebt uns über das Gemeine, und versetzt uns, obwohl manchmal ziemlich unsanft, in das Reich der Phantasie.« Für Beethoven selbst war die Komposition der »Pastorale« ein Balanceakt, bei dem die Musik nie zur bloßen Illustration des Programms werden sollte. Zwar erlaubte er sich, die Rufe von Kuckuck, Wachtel und Nachtigall recht naturalistisch nachzuahmen, doch eine tönende Tierschau wie in Haydns Oratorium Die Schöpfung lag ihm fern. Entsprechend stellte er auf dem Programmzettel zur Uraufführung klar, die Symphonie sei »mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei«.

Nicht zufällig erklang im selben Konzert erstmals auch Beethovens Fünfte, bekannt als »Schicksalssymphonie«. An beiden Werken hatte er zeitgleich gearbeitet, sie bilden ein komplementäres Geschwisterpaar: Während die Fünfte sich drängend auf ihr triumphales Finale hin verdichtet, vermittelt der entspannte Zeitfluss der »Pastorale« Ruhe und Weite. Im Dezember 1808 erklangen die Symphonieschwestern noch in umgekehrter Folge; erst nachträglich änderte Beethoven ihre Nummerierung. Die erregte Innenschau des individuellen Schicksalskampfes findet so ihr energetisches Gegengewicht in der befreienden Außenperspektive eines universellen Naturerlebnisses, an dessen Ende die »frohen und dankbaren Gefühle nach dem Sturm« stehen.

Susanne Ziese

Biografie

Daniel Harding ist nicht nur Dirigent, sondern auch Verkehrspilot – eine Kombination, die sich womöglich kein zweites Mal auf der Welt findet. Beide Tätigkeiten verlangen ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit und Teamgeist. Das Fliegen – so Daniel ­Harding in einem Interview der Digital Concert Hall – habe ihn zu einem besseren Dirigenten gemacht: »Ich habe gelernt, positiver und produktiver mit Schwierigkeiten umzugehen.« Gleich zwei große Dirigenten nahmen Harding, 1975 in Oxford geboren, am Anfang seiner Karriere unter ihre Fittiche: Sir Simon Rattle und Claudio Abbado. Rattle, damals noch Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra, war von einer Audioaufnahme des gerade 17-Jährigen so begeistert, dass er ihn zu seinem Assistenten machte. Es folgte eine weitere Assistenz bei Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern, die ihm – als Einspringer für Franz Welser-Möst – sein Debüt bei dem Orchester bescherte. Daniel Harding war damals gerade 21 Jahre alt und sein Auftritt geriet zur Sensation. Die Presse war verblüfft über seinen »Reichtum an Erfahrung« und seinen temperamentvollen Dirigierstil. Das war der Beginn einer langjährigen künstlerischen Freundschaft mit dem Orchester, die sich in den letzten Jahren intensiviert hat: Zu den Höhepunkten der gemeinsamen Arbeit zählten bislang Aufführungen von Schumann Faust-Szenen, Berlioz’ Roméo et Juliette und das Europakonzert 2019 im Pariser Musée d’Orsay sowie Interpretationen der Werke Gustav Mahlers. Daniel Harding, von 2003 bis 2011 musikalischer Leiter des Mahler Chamber Orchestra und seit 2007 Musikdirektor des Schwedischen Radio-Symphonieorchesters, gilt wegen seiner expressiven, aber gleichzeitig analytisch fundierten Interpretationen als einer der interessantesten Dirigenten der jüngeren Generation. Sein Erfolg beruht nicht zuletzt darauf, dass er keine Angst vor Risiken hat. »Als Pilot tue ich mein Möglichstes um jedes Risiko zu vermeiden. Aber als Musiker muss ich etwas wagen, denn nur so entsteht Schönheit.«

Daniel Harding (Foto: Julian Hargreaves)