Ilan Volkov (Foto: James Mollison)

Kammermusik

Wochenende Tel Aviv – Berlin

Tel Aviv ist die vielleicht spannendste Stadt Israels – modern, lebendig, pulsierend. Ein Ort der Lebensfreude, der Kreativität und Inspiration, an dem viele internationale Künstlerkarrieren begannen. Das Wochenende Tel Aviv – Berlin schlägt die Brücke von Israel nach Deutschland, wo mittlerweile viele israelische Künstler arbeiten. Am ersten Abend stellen Ilan Volkov und die Israel Contemporary Players führende zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten Israels vor.

Israel Contemporary Players

Ilan Volkov Dirigent

Saar Berger Horn

Yaron Deutsch Gitarre

Ohad Fishof Vocals und Electronics

Nico Teen Vocals

Zeitgenössische israelische Musik

Bnaya Halperin-Kaddari

Lessons from the spine: Atlas

Chaya Czernowin

Ayre: Towed

Dan Yuhas

Repercussions

Chaya Czernowin

Black flowers

Avshalom Ariel

All the boys forget about you

Adam Maor

Xiahe Variations

Samir Odeh-Tamimi

Ahinnu II

Ohad Fishof

Edgeless Language

Ohad Fishof

Gumboot

Ohad Fishof

Mar Tor

Ohad Fishof

Pendulum

Ohad Fishof

Customer Blues

Nico Teen

Where I Belong

Nico Teen

Eyes Wide Open

Nico Teen

Nitzaneem

Nico Teen

Daddy Please

Nico Teen

Hungry for Love

Termine und Karten

Verkaufshinweise

Fr, 13. Mär 2020, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:15 Uhr

Programm

Wer in Tel Aviv aufgewachsen ist oder dort studiert hat, sitzt am Puls der Zeit. Das vibrierende Lebensgefühl der Stadt prägte und prägt viele Komponisten und Musiker, inspirierte sie zu innovativen Projekten. 1991 gründete Dan Yuhas, heute Kompositionslehrer an der Buchman-Mehta School of Music, die Israel Contemporary Players: ein Ensemble, das sich nicht nur zur Aufgabe gemacht hat, in Israel Kammermusik des 20. Jahrhunderts aufzuführen, sondern mit Auftragswerken an zeitgenössische Komponisten das Musikschaffen des Landes zu fördern. Unter der Leitung des aus Tel Aviv stammenden Dirigenten Ilan Volkov präsentieren die Israel Contemporary Players ein Programm mit Werken führender Komponistinnen und Komponisten Israels.

Dan Yuhas, Samir Odeh-Tamimi und Chaya Czernowin haben sich mit ihren Kompositionen schon lange einen festen Platz im internationalen Musikleben erobert. Ihre Werke erklingen auf vielen wichtigen Festivals für Neue Musik. Regelmäßig schreiben sie für renommierte Klangkörper wie das Israel Philharmonic Orchestra, das Jerusalem Symphony Orcherstra sowie die Symphonieorchester des Saarländischen Rundfunks, des WDR und des Bayerischen Rundfunks. Der in Berlin lebende Samir Odeh-Tamimi verschmilzt in seinen Werken die Stile der westeuropäischen Avantgarde mit arabischer Musikpraxis, so auch in seinem Stück Ahinnuu II, dessen Titel sich auf ein Gedicht des palästinensischen Lyrikers Mahmoud Darwish bezieht. Ein spannendes Hörerlebnis versprechen die beiden Werke von Chaya Czernowin zu werden: Black Flowers für E-Gitarre sowie das Ensemblestück Ayre: Towed, in dem »repetiertes […] Material auf unterschiedliche Oberflächen gezogen zu werden scheint« (Czernowin).

Die junge Komponistengeneration Israels ist in diesem Programm ebenfalls vertreten: Bnaya Halperin-Kaddari, ein Schüler von Rebecca Saunders und Wahl-Berliner, verwischt in seinen Kompositionen die Grenzen von Notation und Improvisation, verbindet Musik und Raum zu einem eindrücklichen Klangerlebnis. Avshalom Ariel, der u.a. bei Chaya Czernowin studiert hat, sowie Adam Maor, Ohad Fishof und Nico Teen gehören ebenfalls zur jungen musikalischen Avantgarde Israels und zeigen in ihren Werken ihre Freude am musikalischen Experiment.

Über die Musik

Vielgestaltigkeit und Zusammenhalt in aller Widersprüchlichkeit

Ein Panorama der Neuen Musik in Israel

Spannungsreich und vital präsentiert sich die Szene Neuer Musik in Israel. Über eingefahrene Teilungen und Grenzen setzt sie sich hinweg: über die Funktionstrennung von Komponisten und Interpreten, über die Separierung von Milieus wie Avantgarde-, Club- und Popkultur, über Gegensätze von Religion und familiärer Herkunft. Unterschiede und Konflikte werden nicht verwischt, sondern als explosive oder ins Innere lenkende Produktivkräfte der Kunst genutzt. Die israelischen Musiker*innen sind international gut vernetzt: Neue Musik will von ihrem Ansatz her stets auch die Erkundung und Erfahrung des Anderen.

Die Israel Contemporary Players spiegeln diese Szene wider. Ihre Mitglieder, Interpreten und Komponisten, sind auch solistisch sowie in anderen Gruppen und Künsten aktiv. Das Ensemble wurde 1991 von dem Komponisten und Dirigenten Dan Yuhas gegründet, um einerseits das Beste aus der Kammer- und Ensemblemusik des 20. Jahrhunderts zu spielen und um andererseits die Kreativen aus Israel durch Aufführungen und Aufträge zu fördern. Alle namhaften Komponisten, welche die Neue Musik international geprägt haben und prägen, sind im Repertoire der Gruppe vertreten. Mehr als andere berücksichtigt sie allerdings das aktuelle Schaffen israelischer Künstler.

Zwei Jahrzehnte Neuer Musik – drei Komponistengenerationen

Beim Wochenende Tel Aviv – Berlin gastieren die Contemporary Players mit Werken, die in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden. Sie vermitteln einen Eindruck von der Energie und den Kontrasten, in denen sich auch die gesellschaftlichen und politischen Widersprüche in Israel niederschlagen. Vertreten sind Künstler*innen aller Generationen, die im Staat Israel groß geworden sind. Dan Yuhas, der Ensemblegründer, wurde 1947 in Ungarn geboren, wuchs in Israel auf und wurde noch von den Klassikern der Israelmusik ausgebildet, von Mordecai Seter, Ödön Pártos und Alexander Uriah Boskovitch; von den Ausläufern des »östlichen Mittelmeerstils« aus ging er seinen Weg in eine prononcierte Moderne. Chaya Czernowin ist zehn Jahre jünger. Ihre Kammeroper Heart Chamber feierte im November 2019 an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Bekannt wurde sie 2000 durch ihr Musiktheater Pnima… ins Innere. In dem Werk, das bei der Münchener Biennale uraufgeführt, oft neu inszeniert und auch verfilmt wurde, setzt sie sich mit dem Trauma der zweiten und dritten Generation der Holocaust-Überlebenden auseinander, dem der Kinder und Kindeskinder.

Der palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamimi, der vor Kurzem den 50. Geburtstag feierte, ist in Berlin kein Unbekannter. Seine Kammermusik wurde und wird hier von verschiedensten Ensembles aufgeführt, das Oratorium Hinter der Mauergab der RIAS Kammerchor in Auftrag, der es auch 2010 anlässlich des 20. Jahrestags der Vereinigung Deutschlands und Berlins präsentierte; beim Festival Ultraschall im Januar 2019 erklang Odeh-Tamimis Orchesterwerk Rituale. Bnaya Halperin-Kaddari (geboren 1983) erhielt 2015 den Busoni-Förderpreis der Akademie der Künste und war von 2016 bis 2018 Stipendiat beim Berlin Center of Advanced Studies an der Universität der Künste. Zu den wichtigen Stationen in Adam Maors Laufbahn zählt der Kompositionsauftrag für eine Oper, die im vergangenen Jahr im Rahmen des Festivals von Aix-en-Provence uraufgeführt wurde; seine Xiahe Variations erleben in diesem Konzert ihre Premiere. Der Jüngste der Gruppe ist der Komponist, Producer und Gitarrist Avshalom Ariel (geboren 1992), der für sein Schaffen aus einem großen stilistischen Reservoir schöpft. Sie alle haben ihre persönliche Musiksprache in der Auseinandersetzung mit der Realität und mit einem hohen Anspruch an ihre Kunst entwickelt. Darin liegen die Modernität und das entschieden Kommunikative ihrer Kompositionen.

Repercussions von Dan Yuhas

Dan Yuhas schrieb Repercussions für den Hornisten Saar Berger. Dessen unglaubliche Virtuosität fordert das gut viertelstündige Werk in allen Bereichen von Spieltechnik und Ausdruck heraus: in Tempo und Wendigkeit, in Varianten der Tongebung, aber auch in der Kunst des langen Atems, der Fähigkeit, weite Zeitbögen zu schlagen und sie quasi gesanglich zu überwölben. Der Solopart strahlt aus: Sein Interpret bildet die Mitte in einem Ensemble von Virtuosen, hält es zusammen und versorgt es mit entscheidenden Impulsen. Unter den Mitspielern tritt der Pianist besonders stark hervor, aber auch den Bläsern und Streichern sind exponierte, konzertante Passagen zugedacht. Die Initiative liegt nicht immer beim Solisten, sondern wird in einem Prozess beständiger Interaktion bisweilen auch von anderen übernommen. Auf dieses Verhältnis von Impuls und Nachwirkung dürfte sich der Titel des Werks beziehen. Es ist wie bei guter Kammermusik: Die Spieler reagieren aufeinander, setzen fort, was einer begann, entgegnen darauf, kultivieren ein Zusammenspiel in Polyfonie und synchroner Aktion. Bewegung vollzieht sich nicht nur in raschen Gesten, sondern auch im Verlauf der Form, im Wechsel vor allem des inneren Tempos. Repercussions ist ein Solokonzert, es verlangt vom Protagonisten ganzen Einsatz, es ist aber zugleich ein Ensemblekonzert, bei dem jede und jeder Beteiligte mit ihren und seinen Möglichkeiten an Virtuosität, Geistesgegenwart und Souveränität zum Zuge kommt.

Chaya Czernowins Ayre: Towed

Es ist, als höre man mit einer akustischen Lupe und empfinde in Realzeit. Ein Ton, gleichzeitig von verschiedenen Instrumenten angeschlagen – was enthält er nicht alles? Welche Vielfalt kann sich aus ihm entwinden und entwickeln? In kleinsten Bewegungen, die wie Trübungen erscheinen und sich zur Differenz weiten, spaltet er sich auf und wird zum Intervall. Aus solchen Differenzen bildet sich das Empfinden für einen imaginären Raum, den die Musik schafft. Die gründliche Inspektion des Kleinsten lässt ein Gefühl für große Dimensionen aufkommen. Man muss in Chaya Czernowins Stück Ayre: Towed die Orientierung finden; sie ist nicht vorgezeichnet. Was man sieht und was man hört, fügt sich nicht in gewohnten Koordinaten zusammen, denn alle Instrumente werden verstärkt. Die Erwartung, die der Anblick einer instrumentalen Aktion weckt, wird vom Klang, den man hört, gebrochen.

»Dieses Stück mit dem langen poetischen Titel ist ein kleines Fenster, durch das man wie durch ein Mikroskop schaut, um zu sehen, was kleinste Dinge in Bewegung bringt, was Schichten von sich bewegendem Lärm oder Klängen zu einem Lied formt. Die Instrumente konzentrieren sich auf sehr begrenzte Bewegungsräume, in denen repetiertes eingeschränktes Material auf unterschiedliche Oberflächen gezogen zu werden scheint. Im zweiten Teil öffnen die winzigen Bewegungen den musikalischen Raum zu einem unerwarteten negativen Raum. ›Negativer Raum‹ kann hier als ein musikalisches Kontinuum gesehen werden, das eher die Vorstellung eines Raumes hervorruft als die eines Ereignisses oder eines Prozesses. Dieser Raum wird durch die musikalischen Aktionen und Klänge geschaffen und geformt, die sich krümmen und Zwischenräume intensiven Schweigens öffnen.« (Chaya Czernowin)

Ahinnu II von Samir Odeh-Tamimi

Samir Odeh-Tamimi entstammt einer palästinensischen Familie in Israel. Er wuchs mit traditioneller arabischer Musik auf, begleitete sie als Jugendlicher zum Teil auf modernen Tasteninstrumenten. Den Heranwachsenden faszinierten die europäische Klassik und Moderne. Er entschloss sich zu einem Kompositionsstudium, das er zunächst in Israel und dann in Deutschland absolvierte. Ahinnu sind gleich zwei seiner Werke benannt: ein Stück für drei elektronisch verstärkte Blockflöten sowie eine Komposition für ein Septett aus drei Holzbläsern, Streichtrio und Schlagzeug. Der Titel geht auf ein Poem des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish zurück: »Illa ummi, übersetzt ›An meine Mutter‹, hat er im Alter von 16 Jahren geschrieben. Es beginnt mit dem Wort ›Ahinnu‹, zu Deutsch ›Ich sehne mich‹. Es ist ein Liebes- und Abschiedsgedicht, gleichzeitig an die eigene Mutter und an die Heimat gerichtet« (Samir Odeh-Tamimi). Das Gedicht, das seinerzeit rasch populär wurde, diente dem Komponisten als Idee und Anstoß für ein Stück des Erinnerns. Das Melos vor allem der Streicher, das Ineinander verschiedener Linien, die harten Einwürfe des Schlagzeugs und die instrumentalen Farben, die Odeh-Tamimi erzeugt, sind aus dem Gedächtnis an die arabische Musik inspiriert. Die Form gewinnt aus quasi strophischen Ansätzen eine individuelle Struktur, ein Fließen und Abbrechen, das in einem »sich verdichteten, plötzlichen Finale« kulminiert: »Ausruf und Standortbestimmung« (Stefan Fricke).

Adam Maors Xiahe Variations

Als Komponist gehe es ihm vor allem darum, »eine persönliche musikalische Sprache zu entwickeln, die meine Sicht auf die kulturellen und politischen Zusammenhänge auszudrücken vermag, in denen ich im heutigen Israel-Palästina aufgewachsen bin«, erklärt Adam Maor. »Ich tue dies durch das Prisma der zeitgenössischen westlichen Tradition, die ich in Genf und am IRCAM in Paris studierte.« Der Komponist begegnet politischen und menschlichen Konflikten mit avantgardistischen Mitteln. In sie bezieht er Elemente der arabischen Musik mit ein, die »ein Teil des kulturellen Erbes meiner Familie und ein Gegenstand fortgesetzter ästhetischer Recherchen für mich ist«. Er leistete diese persönliche Synthese eindrucksvoll in seiner neuesten großen Arbeit, der Oper The Sleeping Thousand für das letztjährige Festival in Aix-en-Provence. Zentrum der Handlung ist ein Hungerstreik von tausend politischen Gefangenen, die der politischen Macht ein Dorn im Auge sind.

Weniger offenkundig treten die unterschiedlichen Komponenten in den Xiahe Variations für die Israel Contemporary Players zutage. Es sind Variationen, Weitungen und (dramatische) Reflexionen über eine Grundkonstellation und einen Grundklang – Klang verstanden nicht als Akkord, sondern als Farbe, Timbre, Bewegung, Interaktion und Charakter. Die Stilmittel, die Maor einsetzt, sind erkennbar an der Avantgarde geschult und zur individuellen Sprache geworden. Die Mikrotonalität, die bisweilen den Eindruck heterofonen Musizierens erwecken mag, hat in der arabischen Literaturgattung der Makamen wie auch in der Neuen Musik eine feste ästhetische Heimat. Die Vereinigung der ursprünglich fremden Traditionen war in der Entwicklung der Israelmusik bereits in den 1960er-Jahren ein wichtiges Thema, etwa in den Überlegungen und Kompositionen eines Ödön Pártos. Die Klangbilder in Maors Stück entbehren bisweilen nicht der Schärfe, die starken Modulationen des Tempos mögen wie der Zeitspiegel eines inneren, möglicherweise auch eines äußeren Dramas wirken.

Drei Werke für Yaron Deutsch

Drei Werke wurden für den zweiten Instrumentalsolisten des heutigen Abends komponiert, für den E-Gitarristen Yaron Deutsch. Es dauerte einige Zeit, bis die E-Gitarre, die zum Sound-Image der Rockmusik gehört, avantgardistisch akkreditiert wurde. Frank Zappa, Schüler von Edgard Varèse, leistete in dieser Hinsicht Richtungsweisendes. Inzwischen ist eine Musikergeneration herangewachsen, der die E-Gitarre selbstverständlich ist und die erlebte, wie manch anderes Instrument aus der populären Sphäre, etwa das Akkordeon, eine unerwartete Karriere in der Neuen Musik machte. Yaron Deutsch ist ein Musiker, den ästhetische Dogmen nicht beeindrucken, dem aber künstlerische Neugier alles bedeutet. Seit einem Jahrzehnt unterrichtet er, der alles andere als ein akademischer Typ ist, bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, und er schätzt die avantgardistisch offene Atmosphäre dort. 2018 initiierte er ein Projekt Zwölf Etüden für elektrische Gitarre. Chaya Czernowin bereicherte es um ein rund sechsminütiges Stück, das von einem Motto des Dichters und Philosophen Gaston Bachelard ausgeht: »Auf dem Grund der Materie wächst eine dunkle Vegetation hervor, in der Nacht der Materie blühen schwarze Blumen. Sie haben schon ihre samtige Beschaffenheit und die Formel ihres Dufts.«

Avshalom Ariel, der sich durch viele Stile und Sphären bewegt, ist selbst ein experimentierfreudiger Gitarrist. Seinem kurzen Solostück gab er den launigen Titel all the boys forgot about you und einen nicht minder launigen Kommentar mit: »Auf die andere Seite der Saite, auf die Seite, die nicht über elektromagnetische Tonabnehmer verstärkt wird. Ihr schenktet mir so schöne Melodien und Harmonien. Ich liebe euch!« – Bnaya Halperin-Kaddari begann seine Musikerlaufbahn als Saxofonist. Erst während des Studiums an der Hebrew University und an der Musikakademie in Jerusalem ging er dazu über, seine Werke auch zu notieren. Improvisation und Komposition, akustische und elektronische Klangvermittlung, Klang- und Bildende Kunst wirken bei ihm produktiv aufeinander ein. Die Wahrnehmung des suggestiven Raums, den Musik schafft, und des emotionalen Raums, den der Ausübende mitbringt, will er in seinen Werken erkunden. Seine neue Arbeit für Yaron Deutsch nannte er Lessons from the spine: Atlas (Lektionen vom Rückgrat: Atlas).

Finale mit Gesang

Lied und Avantgarde, das scheint sich oft nicht zu vertragen. In der neuen israelischen Musikszene ist das anders. Zwei Sänger*innen, die im Übergangsbereich zwischen Experimentellem und Pop agieren, sind die Solist*innen im dritten und letzten Teil des Abends. Die Songs von Ohad Fishof entstanden ursprünglich in unterschiedlichen Zusammenhängen. Zwei von ihnen, Mar Tor und Costumer Blues schrieb er zusammen mit Ishai Adar, seinem Partner im Avant-Pop-Duo Bney Hama. Edgeless Language stamm aus Fishofs Album 1, die anderen Stücke aus Rakonto Kun, seinem neuesten Werk für das Tanztheater.

Nico Teen ist ein Pseudonym der Musikerin und Performerin Zohar Shafir und zugleich ein Soloprojekt der Künstlerin, in dem sie sich mit dem Zerlegen und Wieder-Zusammensetzen von Konstrukten der Popmusik beschäftigt. Sie erforscht die Ausdruckskraft der Stimme über eigene Texte, die auf Fragen an die Popmusik resultieren. Im Gesamtbild des Programms deutet sich das Panorama einer Musikszene an, deren Vielgestaltigkeit und Zusammenhalt in aller Widersprüchlichkeit ihresgleichen suchen.

Habakuk Traber

Biografie

Die Israel Contemporary Players wurden 1991 von Dan Yuhas mit dem Anliegen gegründet, die besten Werke der Kammer- und Ensemblemusik des 20. und 21. Jahrhunderts aufzuführen. Ein besonderer Akzent bei der Repertoireauswahl liegt auf dem Schaffen von Komponisten aus bzw. in Israel, an die die Formation auch regelmäßig Aufträge für neue Stücke vergibt. Das Ensemble gilt als das beste seiner Art in Israel und wird für die außergewöhnliche Qualität und die Vielseitigkeit seiner Programmdramaturgie gleichermaßen gefeiert. Die Konzerte der Israel Contemporaray Players in Tel Aviv und Jerusalem erfreuen sich einer ständig wachsenden Zahl an Abonnenten; zudem werden sie vom israelischen Rundfunk übertragen bzw. aufgezeichnet. Tourneen führten die Gruppe bereits nach Deutschland, Polen, Frankreich, Ungarn und Georgien sowie nach Hong Kong und Schanghai; 2009 wurde sie mit dem Exzellenzpreis der staatlichen israelischen Lottogesellschaft ausgezeichnet. Die Israel Contemporary Players sind dem Jerusalem Music Center in einer Kooperation verbunden und werden vom israelischen Kulturministerium, von der israelischen Rundfunkgesellschaft und von der Stadt Tel Aviv gefördert.

Ilan Volkov, 1976 in Tel Aviv geboren, studierte am Royal College of Music in London. 2003 wurde er zum Hauptdirigenten des BBC Scottish Symphony Orchestra ernannt und 2009 zu dessen wichtigstem Gastdirigenten. Von 2011 bis 2014 war er Musikdirektor und Chefdirigent des Iceland Symphony Orchestra in Reykjavik. Hier entwickelte er das Tectonics Festival, das Neue Musik mit anderen Genres wie Improvisation, Elektronik und Rock verbindet. Mittlerweile findet Tectonics auch in Adelaide, Athen, Glasgow, Krakau, New York, Oslo und Tel Aviv statt. Als Gastdirigent stand Ilan Volkov u. a. am Pult des Israel Philharmonic Orchestra, des National Symphony Orchestra Washington, des Orchestre de Paris, des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, des Konzerthausorchesters Berlin sowie des Ensembles Modern. Im Bereich des Musiktheaters leitete er Produktionen an Häusern wie der San Francisco Opera, der Washington National Opera, der Israeli Opera, des Glyndebourne Festivals und der Staatsoper Stuttgart. Olga Neuwirths The Outcast, ein »musicstallation-theater with video« nach Herman Melvilles Moby Dick, brachte Ilan Volkov Mitte November 2018 in einer revidierten Fassung im Wiener Konzerthaus zu Uraufführung; Anfang März 2019 präsentierte er das Stück auch in der Elbphilharmonie Hamburg. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt er heute Abend sein Debüt. Bereits mehrere der unter Ilan Volkovs Leitung entstandenen CD-Einspielungen wurden mit einem Gramophone Classical Music Award ausgezeichnet.

Saar Berger, Jahrgang 1980, wurde zunächst an der Rubin Academy of Music in seiner Geburtsstadt Tel Aviv ausgebildet; dank verschiedener Stipendien und Auszeichnungen (Zvi and Ofra Meitar Family Fonds, America-Israel Cultural Foundation) konnte er das Studium in Berlin bei Marie-Luise Neunecker fortsetzen und in Frankfurt bei Erich Penzel sowie bei Esa Tapani abschließen. 2007 übernahm er die Position des 1. Solohornisten im Ensemble Modern. Außerdem spielte Saar Berger u. a. im Orchester der Israeli Opera Tel Aviv, im West Eastern Divan Orchestra, im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Zahlreiche Konzerte und Solostücke für Horn von jungen und international etablierten Komponisten hat Saar Berger in enger Kooperation mit ihren Schöpfern uraufgeführt. Er unterrichtet an der Internationalen Ensemble Modern Akademie und seit 2017 auch an der Lucerne Festival Academy. Zum Wintersemester 2019/2020 übernahm Saar Berger eine Professur für Horn an der Staatlichen Musikhochschule in Trossingen.

Yaron Deutsch, 1978 in Tel Aviv geboren, studierte an der Jerusalem Academy of Music and Dance bei den Gitarristen Steve Paskof und Yossi Levi. Er ist künstlerischer Leiter des Kammerquartetts NIKEL, das sich der zeitgenössischen Musik widmet und das u. a. Werke von Sivan Cohen-Elias, Chaya Czernowin, Philippe Hurel und Helmut Oehring uraufgeführt hat. Yaron Deutsch konzertiert mit Ensembles wie Court-circuit (Paris), Talea (New York) und Musikfabrik (Köln); als Solist gastierte er z. B. beim Israel Philharmonic Orchestra, beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und beim Los Angeles Philharmonic. Der Künstler, der mit Dirigenten wie Sylvain Cambreling, Peter Eötvös, Zubin Mehta und Ilan Volkov zusammengearbeitet hat, engagiert sich mit ungewohnten Formen des Musizierens auch in Bereichen des Improvisatorisch-Experimentellen und des Musiktheaters. Yaron Deutsch lehrt im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik und ist Leiter von Tzlil Meudcan, einem auf seine Initiative zustande gekommenen internationalen Festival mit Sommerkurs für zeitgenössische Musik in Israel.

Ohad Fishof ist ein interdisziplinärer Künstler, der in so verschiedenen Bereichen wie Tanz, Sounddesign, Performance, Video und Installation arbeitet. Er begann seine künstlerische Ausbildung im Bereich Musik und bezog für seine kreativen Bestrebungen zunehmend andere Medienformen mit ein. 1997 schloss er eine Tanzausbildung am Laban Centre in London ab und verbrachte die folgenden Jahre in der britischen Haupstadt mit der Entwicklung von Performances und Tanzstücken sowie Klangkompositionen und Videos. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat Ohad Fishof seinen Werkkomplex – ein schwer zu kategorisierendes Kontinuum von idiosynkratischer Kunst, Livemusik, ortsspezifischen Performances, Videoanimation, Installation, Tanzstücken und Soundtracks – stetig erweitert. Mit der Batsheva Dance Company und deren künstlerischem Leiter Ohad Naharin verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit als Soundtrack-Designer, musikalischer Leiter und Dramaturg. Ohad Fishof, der in Tel Aviv lebt, unterrichtet außerdem an der Bezalel Academy of Arts and Design sowie am Beit Berl College.

Zohar Shafir alias Nico Teen ist eine experimentelle Musikerin und Performancekünstlerin aus Tel Aviv. Sie arbeitet sowohl in Partnerschaften mit anderen Interpreten, bei denen sie ihren einzigartigen, von Indiepop und New Wave beeinflussten Sound einbringt, als auch an Soloprojekten (Nico Teen). Ihr Augenmerk gilt der Dekonstruktion und neuen Synthese von Versatzstücken der Popmusik. Sie schreibt und produziert ihre Songs selbst, ihr Gesang experimentiert mit neuen Ausdrucksformen. Die Songs des heutigen Abends stammen von Nico Teens zwei Alben In the Eye of the Storm (2012) und In the Houses (2015).

Ilan Volkov (Foto: James Mollison)

Saar Berger (Foto: Ilkka Karppanen)

Yaron Deutsch (Foto: Markus Sepperer)

Nico Teen: »Where I belong«

Wochenende »Tel Aviv – Berlin«

Between Worlds

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