Karajan-Akademie (Foto: Peter Adamik)

Karajan-Akademie

Reinhard Goebel und die Karajan-Akademie mit Vivaldis »Vier Jahreszeiten«

Der Konzertzyklus Die vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi zählt zu den berühmtesten Werken der Barockzeit – beschwingt, stimmungsvoll und hochvirtuos. Die Stipendiaten der Karajan-Akademie haben ihn zusammen mit weiteren Konzerten des venezianischen Komponisten unter der Leitung von Reinhard Goebel, einem Spezialisten für die Musik des 18. Jahrhunderts, einstudiert. Das Ergebnis: frische, unkonventionelle Interpretationen, die Vivaldis mitreißende Musiksprache wirkungsvoll zur Geltung bringen.

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker

Reinhard Goebel Leitung

Akademie IV

Antonio Vivaldi

Concerto für zwei Oboen, zwei Klarinetten, Streicher und Basso continuo C-Dur RV 559

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, Reinhard Goebel Leitung

Antonio Vivaldi

Concerto für zwei Violoncelli, Streicher und Basso continuo g-Moll RV 531

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, Reinhard Goebel Leitung

Antonio Vivaldi

Concerto für drei Violinen, Streicher und Basso continuo F-Dur RV 551

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, Reinhard Goebel Leitung

Antonio Vivaldi

Concerto für vier Violinen, zwei Violen und Basso continuo B-Dur RV 553

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, Reinhard Goebel Leitung

Antonio Vivaldi

Concerto für zwei Oboen, zwei Klarinetten, Streicher und Basso continuo C-Dur RV 560

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, Reinhard Goebel Leitung

Antonio Vivaldi

Die vier Jahreszeiten op. 8 Nr. 1 - 4

Termine und Karten

Mi, 18. Dez 2019, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:15 Uhr

Aboserie KA

Veranstalter/Kartenverkauf

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker e.V.

Herbert-von-Karajan-Straße 1

Website besuchen

Programm

Die »vorzüglichste Musik« in Venedig, schrieb Charles de Brosses, »ist die der Ospedali. Es sind deren vier, alle von außerehelichen Mädchen oder Waisen besetzt und von solchen, die die Eltern nicht imstande sind aufzuziehen. Sie werden auf Staatskosten erzogen und man bildet sie einzig dazu aus, um sich in der Musik auszuzeichnen. Daher singen sie wie Engel und spielen Violine, Flöte, Orgel, Oboe, Violoncello, Fagott, kurz es ist ihnen kein Instrument so groß, um ihnen Angst einzuflößen.« Weiter schwärmte der französische Musikkenner: »Jenes der vier Ospedali, welches ich am häufigsten besuche und wo es mir am Besten gefällt, ist das der Pietà; es ist auch das erste wegen der Vollkommenheit des Orchesters. Welche Korrektheit der Ausführung! Hier allein hört man diese hervorragenden Stricharten, die zu Unrecht an der Pariser Oper gerühmt werden.«

Für das offenkundig brillante Ensemble der Pietà komponierte Antonio Vivaldi neben zahlreichen Vokalwerken auch die meisten seiner mehr als 500 Instrumentalkonzerte, die auf den berühmten Flötisten, Komponisten und Flötenlehrer Friedrichs des Großen, Johann Joachim Quantz, »einen nicht geringen Eindruck« machten. »Ich unterließ nicht, mir davon einen ziemlichen Vorrath zu sammeln. Die prächtigen Ritornelle des Vivaldi haben mir, in den künftigen Zeiten, zu einem guten Muster gedienet.«

Die Stipendiaten der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker widmen sich unter Leitung von Reinhard Goebel einer Auswahl von Antonio Vivaldis Concerti »per vari strumenti«, in denen das barocke Prinzip des Wettstreits, der Zwiesprache und des Dialogs aufs anschaulichste gepflegt wird. Auch eine bekannte Sammlung ist an diesem Abend vertreten: der Konzertzyklus Le quattro stagioni (Die vier Jahreszeiten) op. 8, in dem Vivaldi die musikalische Illustrationskunst auf die Spitze trieb.

Über die Musik

»Meine Seele, ein Saitenspiel«

Concerti von Antonio Vivaldi

»Wenn ich ein and’res Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig«, schrieb Friedrich Nietzsche 1888 einem Freund als Kommentar zu seinem Gedicht Venedig. Von 1880 bis 1887 hatte der Philosoph die Lagunenstadt mehrfach besucht. Nun wollte er sich von ihr angemessen verabschieden und tat es mit den folgenden Worten:

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quollʼs
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwammʼs in die Dämmrung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hörte jemand ihr zu? ...

Ob Nietzsche wohl je den Namen Vivaldi gehört hat, der doch in jeder Zeile seines Gedichts mitschwingt? Wohl kaum, denn die Nachwelt hatte den in Venedig geborenen und zu Lebzeiten umjubelten maestro di violino und maestro deʼ concerti bereits im 19. Jahrhundert gründlich vergessen. Im folgenden allerdings, erst zögernd, nach dem Zweiten Weltkrieg dann aber ungemein intensiv und mit zunehmender Begeisterung, entdeckten Musikwissenschaftler, Interpreten und Konzertbesucher sein gewaltiges Œuvre. Binnen kurzem wurde Vivaldi »zu einem der meistgespielten und populärsten Komponisten des frühen 18. Jahrhunderts« (Karl Heller).

Serenissima Repubblica di San Marco

Die Anfänge der so besonderen, ja einzigartigen Stadt, in der Vivaldi 1678 geboren wurde, gehen bis ins 5. Jahrhundert zurück. Damals waren die Veneter, denen die Region ihren späteren Namen verdankt, vor den Goten und Hunnen aus dem antiken Venetien auf die Laguneninseln geflohen. Als danach auch noch die Langobarden das Gebiet überfielen, besiedelten die Veneter die Inselgruppen dauerhaft. Im 8. Jahrhundert dann gewann hier der vom Adel und vom Klerus gewählte Dux, der Doge, an Bedeutung.

Nachdem um 828 venezianische Kaufleute die Gebeine des Heiligen Markus von Alexandria aus Ägypten in die Lagunenstadt überführt hatten, wurde die dort gerade erbaute Kirche 832 als Ruhestätte ebendieser Reliquien des Evangelisten geweiht. Fortan sprach man in Bezug auf Venedig und dessen Herrschaftsgebiet von der Repubblica di San Marco. Diese unterhielt bereits im 12. Jahrhundert an der östlichen Mittelmeerküste zahlreiche Handelsstützpunkte. Zudem hatte sie sich – neben Genua – im byzantinischen Reich eine wirtschaftliche Spitzenposition erobert und war so auch zu einem Staat mit größter politischer Einflussnahme aufgestiegen.

Mit dem Fall von Konstantinopel im Jahr 1453 begann sich die politische und ökonomische Machtverteilung dann zugunsten der siegreichen Osmanen zu verschieben. Venedig musste auf seine Besitzungen im östlichen Mittelmeer verzichten, unter anderem auf Zypern und Kreta. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte der Lagunenort dann endgültig den Status einer politischen Großmacht eingebüßt. Doch genoss er – wegen seiner konsequent neutralen Haltung, auch und besonders gegenüber dem Habsburger Reich – auf der europäischen Bühne nach wie vor hohes Ansehen. Die Französische Revolution allerdings bescherte Italien und damit auch Venedig grundlegende politische Veränderungen. 1797 besetzten Napoleons Truppen die Stadt, und der letzte Doge legte sein Amt nieder. Doch da weilte Vivaldi bereits nicht mehr unter den Lebenden.

Eine Kunst- und Kulturmetropole

Auch wenn er (am 28. Juli 1741) in Wien gestorben ist – Antonio Vivaldi war mehr als 50 Jahre mit nur kurzen Unterbrechungen in Venedig zu Hause. Lediglich von 1718 bis 1720 wirkte er als Kammerkapellmeister am Hofe des Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt in Mantua, und 1723/1724 führten ihn eigene Opernproduktionen nach Rom. Während der Jahrzehnte vor und nach 1700 hatte sich die einstige dynamische Seehandelsmacht Venedig zu einem Zentrum des Geldgeschäfts und der Spekulationen entwickelt, zugleich aber auch zu einer weit über ihre Grenzen ausstrahlenden Kunst- und Kulturmetropole.

Wer sich auf eine für Söhne des europäischen Adels und später auch des gehobenen Bürgertums obligatorische Grand Tour (eine sogenannte Kavalierstour bzw. Bildungs- und Vergnügungsreise) begab, für den war der Besuch von Venedig obligatorisch. Hier konnten die das Stadtbild prägenden Palazzi und Kirchen – etwa der Dogenpalast und die Markuskirche – bewundert werden. Sie zogen sich wie viele andere architektonisch bedeutende Gebäude an der Hauptverkehrsader der Stadt, dem Canal Grande, entlang.

Ob Vivaldi mitunter wohl auf der damals einzigen Brücke gestanden hat, die – von nur einem Segmentbogen getragen – den Canal Grande auch heute noch überspannt? Und ob er dort den zahlreichen Gondeln zuschaute, die ihre Spur durchs Wasser zogen? Der Zauber, der von diesen Bildern ausging – auch er hat die kompositorische Handschrift des Musikers geprägt, ob es sich nun um die Leichtigkeit und Eleganz der Linienführung oder um das zarte Mit- und Gegeneinander der einzelnen Stimmen handelt.

Maestro di violino am Ospedale della Pietà

Ebenfalls nicht entziehen konnte oder wollte Vivaldi sich dem Erlebnis der vokalen und instrumentalen Mehrstimmigkeit – jener besonders in San Marco praktizierten und auf Raumwirkung zielenden Kompositions- und Aufführungspraxis eines Giovanni Gabrieli oder Claudio Monteverdi, deren Wirken bereits Kollegen wie Heinrich Schütz nach Venedig geführt hatte. Vivaldis Vater, selbst Geiger und der erste Lehrer des kleinen Antonio, wollte diesen allerdings zum Priester ausbilden lassen. Pflichtbewusst ist der Sohn ihm in den Jahren 1693 bis 1703 gefolgt – und übernahm, obwohl geweiht, doch kein geistliches Amt, sondern wurde ein schon bald über Venedigs Grenzen hinaus berühmter maestro di violino am Ospedale della Pietà (Waisenhaus der Barmherzigkeit).

Die Ospedali, von denen damals noch drei weitere Einrichtungen Venedigs Ruhm als Musikpflegestätte in die Welt trugen, waren wohltätige Einrichtungen, die mit staatlichen Geldern, mit Stiftungen und durch private Spenden unterhalten wurden. Aufgenommen wurden verwaiste, uneheliche und ausgesetzte Kinder – ausschließlich Mädchen! Dass nicht alle eine gründliche musikalische Ausbildung erhalten konnten, liegt auf der Hand. Wer jedoch zu den »auserwählten« Instrumental- und Vokalsolistinnen gehörte, schaffte durch Staunen erregende Konzertauftritte auch schon einmal den Weg in ein Musicalisches Lexicon. So kann man in dem gleichnamigen, 1732 von Johann Gottfried Walther in Leipzig veröffentlichten Nachschlagewerk über »Anna Maria, eine Italiänerin im Hospital alla Pietà« erfahren, dass sie »auf der Violin ungemein wohl, so fertig, als delicat spielet«.

Die »beliebte Manier von Conzerten«

Spätestens seit Vivaldis L’estro armonico (Die harmonische Eingebung) op. 3, das als sein überhaupt erster Konzertdruck 1711 bei Estienne Roger in Amsterdam erschienen war, sprachen Kenner und Liebhaber der Musik gleichermaßen nur noch von dem »berühmten Vivaldi«. Mit seinen mehr als 400 überlieferten Konzerten, aber auch mit seinen Opern und einer vielfältigen Sakralmusik hat er sich dieses »Ritterschlags« in jeglicher Hinsicht als würdig erwiesen. Erhalten hatte er ihn jedoch für die Entwicklung einer völlig neuen Musizierform: der des Solokonzerts. Konsequent dreisätzig angelegt, umrahmen zwei schnelle Ecksätze stets einen langsamen mittleren. Vivaldi hat dieses Konzertmodell nicht nur erfunden, sondern ihm auch die entscheidende Prägung gegeben »[…] und nicht nur dadurch unendlichen Nutzen gestiftet, daß er angehenden Künstlern gute und richtig gesetzte Violinsachen zum Studio daran in die Hände gab; sondern […] auch gleichsam darinne den Ton zu der über dreyßig Jahre […] beliebten Manier von Conzerten angegeben«, wie 1792 der Lexikograf Ernst Ludwig Gerber in seinem Historisch-Biographischen Lexicon der Tonkünstler urteilte.

Standen beim Concerto grosso eines Giuseppe Torelli (1658 – 1709) oder Arcangelo Corelli (1653 – 1713) noch das volle Orchester (Tutti oder Ripieno) und das Concertino (eine kleine Instrumentengruppe) einander gegenüber, so konfrontiert Vivaldi in seinen Konzerten das Tutti ausschließlich mit einem oder mehreren Soloinstrumenten. Alle heute Abend zu hörenden und mit Ausnahme der vier Jahreszeiten-Konzerte lediglich handschriftlich überlieferten Werke sind mit zwei, drei und vier Soloinstrumenten besetzt.

Für drei und vier Violinen

Es ist nicht verwunderlich, dass Vivaldi der Violine, seinem Instrument, den Vorrang für die Solopartien gegeben hat. Doch wie setzt man drei oder gar vier »Helden« – oder wohl besser »Heldinnen« – gleichzeitig und dazu noch wirkungsvoll in Szene? Die Schülerinnen am Ospedale della Pietà scheinen es ihn in jeglicher Hinsicht gelehrt zu haben. Denn, so berichtet es der Musikschriftsteller Charles Burney in seinem Tagebuch einer musikalischen Reise 1770, sie ließen sich gegenüber ihrem Lehrer »immer neuen Schabernack einfallen, vor allem in den Duos, um ihr Können und ihre Begabung unter Beweis zu stellen; man wollte zeigen, wer am höchsten hinauf oder am tiefsten hinunter kam, wer Haltetöne am längsten aushalten oder Rouladen mit der größten Geschwindigkeit ausführen konnte«.

Das alles führt uns Vivaldi exemplarisch sowohl in seinem F-Dur-Concerto RV 551 für drei Violinen als auch besonders im B-Dur-Concerto RV 553 für vier Violinen vor Ohren. Bei beiden Werken schweigt im langsamen Mittelsatz das Tutti, dafür präsentiert jede der drei bzw. vier Solostimmen das Thema mal gestrichen und klangintensiv, mal in Arpeggien, dann wieder im Pizzicato. Großartig, auf welche Weise sich im ersten Satz von RV 551 die SpielerInnen der drei Soloviolinen erst ganz harmonisch aufeinander einstellen, dann aber einander übertreffen und – jede für sich – zeigen wollen, wie das Ganze ihrer Meinung nach wohl vom Komponisten intendiert war. Doch am Schluss finden sie alle drei in zärtlicher Vertrautheit wieder zusammen.

Eine außergewöhnliche Aufführung

Vivaldi bedachte aber nicht nur die Violine mit wunderbaren Konzerten, sondern auch andere damals gebräuchliche Instrumente. Zumal er die Möglichkeit hatte, sie direkt an seinen Wirkungsstätten zu studieren. Denn die Mädchen beherrschten wohl so gut wie jedes Klangwerkzeug. Schließlich waren sie auch die Orchestermitglieder, ohne die die jeden Samstag und Sonntag in der Basilika von San Marco veranstalteten Konzerte nicht hätten stattfinden können. Der französische Musikreisende Charles de Brosses (1709 – 1777) schildert begeistert so eine außergewöhnliche Aufführung aus dem Jahr 1739: »Daher singen sie wie Engel und spielen Violine, Flöte, Orgel, Oboe, Violoncello, Fagott, kurz, es ist kein Instrument so groß, um ihnen Angst einzuflößen. […] Sie allein führen Konzerte aus, jedesmal in einer Besetzung von etwa 40 Mädchen. Ich schwöre Ihnen, es gibt nichts so angenehmes als eine junge und hübsche Nonne zu sehen, weiß gekleidet, mit einem Granatsträußchen über den Ohren, wie sie das Orchester leitet und mit einer unvorstellbaren Genauigkeit den Takt schlägt.«

Von allen Blasinstrumenten scheint Vivaldi zur Oboe eine ganz besondere Beziehung gehabt zu haben. Mehr als 50 Werke mit mindestens einem Oboenpart sind überliefert, darunter auch die beiden C-Dur-Concerti für je zwei Oboen und Klarinetten, Streicher und Basso continuo RV 559 und 560. In ihnen kommt es zwischen dem Oboen- und dem Klarinettenpaar zu einem klangfarblich aparten Wechselspiel. Vivaldi nutzt sowohl das hohe als auch das tiefe Register der beiden Klarinetten und weitet das Tonspektrum noch durch Spezialgriffe aus. Im langsamen Satz entspinnt sich nur zwischen den vier Holzbläsern ein zärtlicher Diskurs, ehe sich im Finale die Streicher wieder beteiligen dürfen.

»Ein kühnes Wagnis …«

1725 erschien, ebenfallls bei Roger in Amsterdam, Vivaldis Opus 8: zwölf Violinkonzerte unter dem Titel Il cimento dell’armonia e dell’inventione. »Ein kühnes Wagnis von Harmonie und Erfindung« (so die Übersetzung) sind vor allem die Nummern 1 bis 4, die Vier Jahreszeiten. Vivaldi hat zu allen vier Konzerten erläuternde Texte direkt in die Partitur geschrieben und jedem von ihnen zudem ein sonetto dimostrativo vorangestellt. Mit den literarischen Beigaben verweist er darauf, dass »diese Musik durch extreme Gegensätze polarisiert. Es gibt niemals nur ›heile Welt‹, sondern immer ›sowohl als auch‹« (Volker Müller). Da singen im Frühling die Vögel – dann wieder blitzt und donnert es; der Ziegenhirt will schlafen, aber der Hund bellt. Da säuseln die Zephirwinde, doch plötzlich braust der heulende Nordwind heran … – Gegensätze, die auch nach knapp drei Jahrhunderten als Aufforderung verstanden werden können, die vermeintlich vertraute Musik neu zu hören.

Ingeborg Allihn

Biografie

Reinhard Goebel, 1952 in Siegen geboren, ist als Vermittler historischer Aufführungspraxis und Entdecker von zu Unrecht in Vergessenheit geratenem Repertoire ein weltweit gefragter Spezialist. Seine Interpretationen zeichnen sich durch mitreißende Vitalität, höchstes Detailbewusstsein und penible Intonationsgenauigkeit aus. Er studierte Violine bei Franzjosef Meyer an der Staatlichen Hochschule für Musik in Köln, bevor er zu Saschko  Gawriloff an die Folkwangschule Essen wechselte; daneben vertiefte der Musiker seine philologischen Interessen durch ein Studium der Musikwissenschaften an der Universität Köln. Nach Kursen bei Eduard  Melkus und Unterricht bei Marie Leonhardt gründete Reinhard Goebel 1973 zusammen mit dem Bratscher Hajo Bäß das in der Folgezeit vielfach ausgezeichnete Ensemble Musica Antiqua Köln. Mit ihm spezialisierte er sich auf das Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts, das er inzwischen auch mit »modernen« Klangkörpern wie den Symphonieorchestern diverser deutscher Rundfunkanstalten (HR, BR, WDR), den Berliner Philharmonikern, der Sächsischen Staatskapelle Dresden sowie den Symphonieorchestern von Taipeh, Melbourne und Sydney zur Aufführung brachte. Mit Stipendiaten der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker hat er seit 2008 mehrfach Werke der Barockzeit einstudiert und im Kammermusiksaal präsentiert (zuletzt Anfang Dezember 2017). Im Herbst 2010 übernahm Reinhard Goebel in der Nachfolge von Nikolaus Harnoncourt eine Professur für historische Aufführungspraxis an der Universität »Mozarteum« in Salzburg. Seit Mai 2018 ist er Künstlerische Leiter der Berliner Barock Solisten, mit denen ihn eine lange Zusammenarbeit verbindet. Für sein facettenreiches Wirken wurde der Künstler wiederholt geehrt, u. a. mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen (1997), dem Telemann-Preis der Stadt Magdeburg (2002) und der Bach-Medaille der Stadt Leipzig (2017). In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker moderierte Reinhard Goebel zuletzt Ende Oktober 2019 ein von Raimar Orlovsky geleitetes Konzert des Ensembles Concerto Melante anlässlich des 400. Geburtstags des Geigenbauers Jacob Stainer mit anschließender Gesprächsrunde.

Karajan-Akademie (Foto: Peter Adamik)

Reinhard Goebel (Foto: Christina Bleier)