Black String (Foto: Nah Inu)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic: East-West

Eine fruchtbare musikalische Begegnung zwischen Europa und Asien, zwischen Okzident und Orient: Das Quartett Black String verschmilzt die koreanische Musiktradition mit freier Improvisation und modernem Jazz, während das Trio NES arabisch-andalusischen Elemente, Jazz, Pop, Soul und Folk zu einem eigenen, unverwechselbaren Sound kombiniert. Eine weitere Brücke zwischen Ost und West schlagen die Stargäste dieses Abends: der französisch-vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê und der marokkanische Oud- und Gimbri-Spieler Majid Bekkas.

Black String:

Yoon Jeong Heo Geomungo

Jungsoo Oh E-Gitarre

Aram Lee Daegeum und Yanggeum

Minwang Hwang Ajaeng und Janggu

NES:

Nesrine Belmokh Gesang und Violoncello

Matthieu Saglio Gesang und Violoncello

David Gadea Perkussion

Special Guests:

Nguyên Lê Gitarre

Majid Bekkas Gimbri und Gesang

East-West − In memoriam Nesuhi Ertegün (1917-1989)

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Programm

Die fruchtbare musikalische Begegnung zwischen Europa und Asien, zwischen Okzident und Orient (der ja bis nach Nordafrika reicht und zu weiteren Verbindungen führt) steht im Mittelpunkt des East-West-Abends im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin.

Dieser beginnt mit Black String, dem außergewöhnlichen Quartett der Koreanerin Yoon Jeong Heo, die das Geomungo spielt, die sechssaitige koreanische Zither mit langem Griffbrett, die mit dünnen Bambusstöcken angeschlagen wird. Zusammen mit Jungsoo Oh an der Gitarre, Aram Lee an den Bambusflöten Daegeum und Yonggeum sowie Min Wang Hwang an der zweifelligen Trommel Janggu und der Webbrettzither Ajaeng tragen sie die eineinhalb Jahrtausende umspannende koreanische Musiktradition in die freie Improvisation und den modernen Jazz.

Als zweites Ensemble ist das Trio NES mit der Sängerin und Cellistin Nesrine Belmokh, dem Cellisten Matthieu Saglio und dem Perkussionisten David Gadea zu Gast. Ihre mit der hypnotischen, unerhört harmonisch verschmolzenen und stets mit arabisch-andalusischen Elementen unterlegte Mischung aus Jazz, Pop, Soul und Folk ist ein faszinierendes Klangerlebnis. In Valencia, einem ethnischen wie kulturellen Schmelztiegel, haben sich die Franko-Algerierin, der Franzose und der Spanier kennengelernt, und entsprechend vielstimmig, vielsprachig und multistilistisch ist ihre Musik. Zumal die drei aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen: Belmokh trat bereits unter Dirigenten wie Lorin Maazel oder Daniel Barenboim sowie mit dem Cirque du Soleil auf, Gadea mit der Flamenco-Elite und Saglio wird als vielseitiger Solist gefeiert.

Die perfekte Brücke zwischen all diesen Provenienzen schlagen die Stargäste dieses Abends: Der französisch-vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê, der mit seiner Musik seit jeher zwischen Ost und West, zwischen Jazz und asiatischer Volksmusik, zwischen Jimi Hendrix und Quincy Jones vermittelt. Und der marokkanische Oud- und Gimbri-Spieler Majid Bekkas, der schon seit den 1990er Jahren die Gnawa-Musik seines Landes in Blues und Jazz überführt, unter anderem im Joachim Kühn Trio und bei Klaus Doldingers Passport.

Über die Musik

East-West: In memoriam Nesuhi Ertegün

Orient und Okzident – eine spannende Beziehung

Auf der kulturellen Weltkarte steht East-West seit jeher für das spannungsreiche Verhältnis zwischen Okzident und Orient. Mal war es von Missverständnissen und Abschottung, mal von fruchtbarem Austausch geprägt – und das ist es bis heute. Man kann dabei zurückgehen bis zu dem Konflikt zwischen dem antiken Griechenland und Persien, der schon damals in Kunst und Literatur beider Sphären seine Spuren hinterließ. Und der sich über das Schisma von Ost- und Westrom sowie von römischer und orthodoxer Kirche mitsamt seiner unterschiedlichen Ikonografie fortsetzte. Von der Renaissance bis zur Klassik kann man Wellen der Begeisterung für die arabische Kultur im Westen beobachten: Ob Potentaten wie etwa Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz bei Schlössern z. B. in Schwetzingen Minarette und arabische Ornamentik verwendeten, ob Goethe sich vom persischen Dichter Hafis – vom Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall 1812 erstmals ins Deutsche übersetzt – zu seiner zwölf Bücher starken Gedichtsammlung West-östlicher Divan inspirieren ließ oder ob Mozart in Werken wie der Sonate »Alla Turca« oder der Oper Die Entführung aus dem Serail Motive der östlichen Musik einfließen ließ.

Andererseits kann man auch viele Formen der »Verwestlichung« der slawischen, osmanischen und arabischen Kultur beobachten. An den Schnittpunkten, von der iberischen Halbinsel über Südosteuropa und den Balkan bis zum Heiligen Land hat die Begegnung bis heute zu Auseinandersetzungen positiver wie negativer Art geführt. Naheliegenderweise bedient sich auch der Jazz, die aus der Mischung verschiedenster Elemente der Musiktraditionen Afrikas, Europas und Amerikas entstandene Hybrid-Musik par excellence, bei Formen aus dem Osten, auch wenn dies sehr spät begonnen hat.

All dies spielt eine Rolle bei der aktuellen Ausgabe der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic die den Titel »East-West« trägt. Die Idee zu diesem Programm stammt von Siggi Loch, dem Kurator der Reihe. Sein Wunsch ist es, an den 30. Todestag vom Nesuhi Ertegün zu erinnern, des kraft seiner Biografie wie seines Schaffens herausragenden Vermittlers zwischen den Kulturen wie von Musik überhaupt. Für Loch war er zugleich Mentor und väterlicher Freund.

Der große Vermittler – Nesuhi Ertegün

Wenn Nesuhi Ertegün zu einem der wichtigsten Botschafter des Jazz wurde, so trat er damit auf seine Weise in die Fußstapfen seines Vaters. Denn Münir Ertegün war einer der wichtigsten Diplomaten Kemal Atatürks und wurde nach Stationen in der Schweiz, in Paris und London der erste Botschafter der türkischen Republik in den USA. So wuchs der 1917 in Istanbul geborene Nesuhi wie sein sechs Jahre jüngerer Bruder Ahmet in Washington auf. Die Liebe der beiden zum Jazz hatten sie freilich schon aus London mitgebracht, wo sie ein Konzert von Duke Ellington und Cab Calloway im Palladium besucht hatten, daraufhin die Bigband-Sendungen der BBC hörten und fortan dieser Musik verfallen waren.

In den USA legte sich Nesuhi Ertegün schon in jungen Jahren eine phänomenale Plattensammlung zu, mit allem von Jelly Roll Morton, Bessie Smith und Louis Armstrong bis zu Duke Ellington und Fats Waller; er tummelte sich in der Washingtoner Szene und bald auch in der New Yorker, wo er Stars wie Billie Holiday and Lester Young sah. Schon Anfang der 1940er-Jahre begann er als Konzertpromoter für den National Press Club in Washington zu arbeiten. 1944 zog er nach Los Angeles, um den Jazzman Record Shop zu übernehmen und als Redakteur beim Magazin Record Changer zu arbeiten. Nebenbei stellte er Orson Welles die Band für dessen Radioshow Mercury Theater Presents zusammen und überredete mit einer ebenfalls eigens rekrutierten Band den Veteranen des New Orleans Jazz Kid Ory zu einem Comeback. Um das zu dokumentieren, gründete Ertegün sein eigenes Label, Crescent Records, das bald ebenfalls Jazzman hieß. Neben Ory veröffentlichte er wenig später auch Platten von Jelly Roll Morton and Jimmy Noone, bevor er auf die sicherere Angestelltenseite zu Good Time Jazz und Contemporary Records wechselte. Nebenbei leitete er an der University of California in Los Angeles von 1951 bis 1954 den ersten Jazzkurs überhaupt.

Ohnehin war Nesuhi genau wie sein Bruder gebildeter und aufgeschlossener als die meisten anderen Glücksritter der Musikbranche. So liebte und sammelte Nesuhi surrealistische Kunst. 1999 wurde seine enorme Sammlung zusammen mit der seines Freundes Daniel Filipacchi in einer opulenten Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum gezeigt. Außerdem waren die Ertegüns große Fußballfans und gründeten 1971 den Fußballverein Cosmos New York. Fünf Mal gewann der Club mit Stars wie Franz Beckenbauer oder Pelé zwischen 1972 und 1982 die Meisterschaft und stellt den wohl bis heute erfolgreichsten Versuch dar, diesen Sport auch in den Vereinigten Statten zu etablieren.

Im Musikgeschäft hatten die beiden Brüder sich schon viel früher wiedergefunden. Denn auch Ahmet Ertegün machte schon während seines Kunst- und Philosophiestudiums 1943 in Washington erste Aufnahmen (mit der R&B-Sängerin Little Miss Cornshucks) und gründete 1947 zusammen mit Herb Abramson in New York das Musiklabel Atlantic Records – wofür er sich 10.000 Dollar vom Zahnarzt der Familie lieh. Mit Größen wie Tom Dowd oder Jerry Wexler waren zwar renommierte Produzenten an Bord, doch brauchte Ahmet dringend jemanden für die Entwicklung des Repertoires. Dafür stieß Nesuhi 1956 dazu und zog zurück an die Ostküste. Er baute die Jazzabteilung des Labels auf, und es gelang ihm in kürzester Zeit, die innovativsten Jazzmusiker dieser Zeit unter Vertrag zu nehmen, allen voran John Coltrane, Charles Mingus, das Modern Jazz Quartet und Ornette Coleman. Im folgenden Jahrzehnt wurde Atlantic zum Gral des Jazz und Nesuhi Ertegün zu einer der Schlüsselfiguren seiner Verbreitung und Entwicklung. Er produzierte nahezu alle Berühmtheiten, darunter heute legendäre Scheiben von John Coltrane (wie Giant Steps), Charles Mingus, Eddie Harris und zahllosen anderen; nebenbei nahm er auch Rhythm and Blues-Alben von Ray Charles, Bobby Darin, den Drifters oder Roberta Flack auf.

Als Atlantic 1971 samt Elektra Records mit dem Major Label Warner fusionierte, wurde Nesuhi der Leiter der Dachfirma WEA International – und fand Siggi Loch für den Aufbau erst der deutschen, dann der europäischen Dependance. Dabei hatte Loch zu dieser Zeit bei Liberty Records – dessen deutsche Filiale er als jüngster Plattenboss des Landes erfolgreich aufgezogen hatte – gekündigt, um seinen Traum vom eigenen Jazzlabel nach dem Vorbild von Blue Note wahrzumachen. Doch Ertegün überzeugte Loch, lieber für ihn zu arbeiten, mit dem Argument: »Du solltest wissen, dass man mit Jazz kein Geld machen kann. Aber er ist eine wichtige musikalische Ausdrucksform, und ich werde immer neue Jazzkünstler verpflichten und mit etablierten arbeiten, egal ob das große Publikum danach verlangt. Wenn wir etwas zusammen machen, wird immer Jazz dabei sein, aber nebenbei werden wir ein bisschen Geld verdienen.« Die überaus erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden endete 1988, als neue Konzernherren den 70-jährigen Ertegün erst wegbeförderten und dann aufs Altenteil schickten, Loch wiederum daran ging, endlich sein ACT-Label ins Leben zu rufen. Schwer getroffen erlag Nesuhi Ertegün bereits im Juli 1989 einem Krebsleiden.

Als sich nun der 30. Todestag dieses für die Jazzgeschichte so bedeutenden Mannes näherte, trat Siggi Loch an das Montreux Jazzfestival heran, ob man dort nicht eine Gedenkveranstaltung organisieren wolle. Eine Hommage, die Ertegüns damals prophetische, heute auf breiter Front Wirklichkeit gewordene Idee in den Mittelpunkt stellt, dass Jazz als eigenständige Entwicklung, nicht als Epigonentum, auch außerhalb der USA existiert. War Ertegün doch vor allem zu Beginn der vermutlich größte Förderer dieses wichtigsten europäischen Festivals. Er war der Einzige der US-Bosse, der für den Montreux-Initiator und -Leiter Claude Nobs ein offenes Ohr hatte, und der ihn jahrzehntelang auch gegen finstere Intrigen unterstützte. Denn Montreux war ganz im Sinne von Ertegüns Vision eines über Amerika und Westeuropa hinausreichenden Jazz. »East-West« war früh seine Bezeichnung für diese Vision. Bereits 1955 hatte Ertegün bei Atlantik ein Unterlabel mit diesem Namen gegründet, das freilich bald seinen vielen anderen Aufgaben zum Opfer fiel. Doch aus dem Blick verloren hatte er es nicht, noch 1988 ging er daran, es zu reaktivieren. Zwar hat sein Bruder Ahmet es später zu Nesuhis Ehren tatsächlich fortgeführt, und das East-West-Label besteht bis heute, jedoch als reines Pop- und Rocklabel, auf dem nie auch nur eine Jazzplatte erschien. Umso logischer war Lochs East-West-Tribute-Vorschlag. Doch kam – Claude Nobs ist nun auch schon seit sechs Jahren tot – aus Montreux nie eine Reaktion.

Und so dürfen nun die Besucher dieses Konzerts der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic erleben, wie dieser Traum Ertegüns mit Leben erfüllt wird. Bei der Begegnung des westlichen Jazz mit der östlichen Musik, wie sie zum Glück mittlerweile vielfach geschieht.

Koreas Aufbruch – Black String

Den Auftakt macht dabei ein Ensemble, das Nesuhi Ertegün sicher begeistert hätte: das südkoreanische Quartett Black String. Die Band ist ein einzigartiges Projekt der Geomungo-Spielerin Yoon Jeong Heo. Die Geomungo ist eine sechssaitige Zither mit langem Griffbrett, die mit dünnen Bambusstöcken (Suldae genannt) angeschlagen wird, und die in der koreanischen Musik seit Jahrhunderten eine tragende Rolle spielt, fast vergleichbar mit der des Klaviers im Westen. Heo hat das Instrument dementsprechend von alten Meistern gelernt, doch sie verharrt nicht in der Tradition. Zusammen mit dem in Paris und New York ausgebildeten, bereits an der Seite von John Scofield, Uri Caine oder Steve Coleman zu sehenden Gitarristen Jean Oh, mit Aram Lee an den Bambusflöten Daegeum und Yanggeum sowie mit Min Wang Hwang an der zweifelligen Trommel Janggu und der Webbrettzither Ajaeng trägt Heo die eineinhalb Jahrtausende umspannende koreanische Musiktradition in die Moderne. Kunstvoll und vielschichtig werden die typischen Melodielinien der klassischen asiatischen Musik – pentatonisch, melismatisch und monofon – und das tonale Spektrum der traditionellen Instrumente mit dem Mitteln aktueller westlicher Stile erweitert, ja zu einer völlig neuen, eigenen Musik verschmolzen.

Von »hinreißendem, hypnotischem, psychedelischen, majestätischem Korea-Postrock« etwa sprach zum Beispiel New York Daily Music und das deutsche Magazin Jazzthetik von »einer kleinen Sternstunde für die Weltmusik«. Gemünzt war das auf den Sensationserfolg des 2016 erschienenen Debütalbums Mask Dance, das vom führende Weltmusikmagazin Songlines gar zur »besten asiatischen Produktion« des Jahres gekürt wurde. Zwei Jahre lang ging es danach auf Welttournee, und so hat die Band noch enger zueinandergefunden und ihren Ansatz vertiefen und erweitern können. Es ist nun eine höchst sinnliche und mitreißende Erfahrung, Black String zu hören: Groovende Bluescluster unterlegen da ätherische Themen, Hwang lässt den in Vierteltönen phrasierenden koreanischen Gesang mal zu einer Art Hip-Hop, dann zu Shouting anschwellen, und auch elektronische Sounds kommen sparsam zum Einsatz. Ohnehin ist die – nicht zufällig auch mal von einem Titel des Esbjörn Svensson Trios inspirierte – rhythmische und dynamische Wucht unwiderstehlich, mit der diese Mischung aus alt und neu auf den Hörer zurollt. Und dass jedes Instrument die Motive aufnimmt und weiterspinnt, ist nicht allein dem Jazzspirit geschuldet: Improvisation gehört seit Jahrhunderten zur koreanischen Musik, ob bei der im Ensemble gespielten »Sinawi«-Begleitmusik zu schamanischen Ritualen oder bei der »Sanjo« für Solisten und Trommler, die wörtlich übersetzt »zerstreute Melodien« bedeutet. Heo selbst betont diesen Aspekt: »Wir spielen zusammen, schaffen Kontraste, teilen und folgen Betonungen oder Tonhöhen, und unter all dem spielt sich etwas ab, das traditionellen koreanischen Formen und Skalen sehr nahe kommt.«

Treffender lässt sich die Idee des East-West-Gedankens kaum ausdrücken. Da ließ es sich auch Nguyên Lê, einer der wesentlichen Vertreter des asiatisch-europäischen Musiktransfers – in seinem Fall zwischen vietnamesischer Volksmusik zu Jazz und Rock – nicht nehmen, bei der Produktion des vor einigen Monaten erschienenen zweiten Black-String-Albums Karma bei zwei Stücken mitzuspielen – und mit seiner effektvollen E-Gitarre zum Beispiel aus »Blue Shade« eine Art fernöstlichen Prog-Rock zu machen.

Identitätsfindung als Klang – Nguyên Lê

Der französisch-vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê ist der perfekte Gast eines Gedächtnisabends für Nesuhi Ertegün, vermittelt er doch mit seiner Musik seit jeher zwischen Ost und West, zwischen Jazz und asiatischer Volksmusik, zwischen Jimi Hendrix und vietnamesischem Gesang. Aus eben diesem Grund gehört der Gitarrist seit vielen Jahren zu den Großen des Jazz: Der spätberufene Autodidakt, der sich auch intensiv mit Literatur und Philosophie beschäftigte, ist nicht nur wegen seiner unverwechselbaren Technik ein Stilist von eigenem Rang, er war von Anfang an auch ein Mittler zwischen den Kulturen. »Ich bin als Sohn vietnamesischer Eltern in Frankreich geboren. Als Künstler begann ich, meine eigene Identität aufzubauen, mit der Kultur meiner Eltern und der des Landes, in dem ich lebte. Und ich bin nicht allein. Diese Erfahrung haben viele und sie kann geteilt werden, überall auf der Welt, nicht nur von Vietnamesen«, sagt Lê. Und so hat er sich in seinem gesamten Schaffen, ob an der Seite berühmter amerikanischer Kollegen, im E-L-B-Trio mit Peter Erskine und Michel Benita, auf den Alben mit der grandiosen vietnamesischen Sängerin Huong Thanh oder seinen verschiedenen eigenen Projekten – demnächst erscheint Overseas, eine Art Soundtrack, den er für das gleichnamige Programm des vietnamesischen Cirque Nouveau von Tuan Le geschrieben hat – stets mit der Kultur seiner wiederzugewinnenden Heimat beschäftigt. Der Jazz war sein Medium, die vietnamesische Musiktradition mit den verschiedensten Stilen zu verschmelzen, vom Flamenco über die Musik des Nahen Ostens und des Orients bis zu asiatischen Formen. Und auch seine Interpretationen von Led Zeppelin, Janis Joplin und vor allem sein bahnbrechendes Jimi-Hendrix-Projekt sind davon ein Zeugnis, beschäftigen sie sich doch mit den herausragenden Künstlern der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg.

Im heutigen East-West-Konzert wird Lê wie schon beim Album auch beim Auftritt von Black String einsteigen – und danach im Duo mit einem Kollegen zum zweiten Block des Abends überleiten. Dabei handelt es sich um den marokkanischen Oud- und Gimbri-Spieler Majid Bekkas. Dieser Musiker ist in Vielem mit Lê vergleichbar. Obwohl sie sich schon lange kennen, haben sie noch nie ein Konzert miteinander bestritten.

Blues à la Maroc – Majid Bekkas

Auch der 1957 im marokkanischen Salé geborene Majid Bekkas begann schon sehr früh, Formen und Elemente der Musik und Instrumente seiner Heimat mit westlichen zu kreuzen. Einer Gnawa-Familie entstammend und von Ba Houmane an Gimbri und Oud in der Gnawamusik unterwiesen, spielte er bereits als Jugendlicher Banjo in berühmten marokkanischen Bands wie Nass El Ghiwane, die sich dem Jil verschrieben hatten, dem modernen marokkanischen Rock. Von 1975 an studierte er dann am Konservatorium für Musik und Tanz in Rabat klassische Gitarre und Oud. Die ersten eigenen Bands folgten in den 1980er-Jahren, bis er 1990 sein Trio Gnaoua Blues Band gründete, in dem er explizit versuchte, Blues und Gnawamusik aufeinander zu beziehen. Dabei begann der Jazz allerdings eine immer stärkere Rolle zu spielen. Folgerichtig holte Bekkas, nachdem er 1996 die Leitung des Festivals »Jazz au Chellah« übernommen hatte, die offensten und experimentellsten Vertreter des amerikanischen und vor allem des europäischen Jazz nach Marokko, um von ihnen zu lernen – und mit ihnen zu spielen. Darunter befanden sich zum Beispiel der französische »Folklore imaginaire«-Weiterdenker Louis Sclavis, das deutsche Freejazz-Urgestein Peter Brötzmann oder der amerikanische Saxofon-Solitär Archie Shepp.

Umgekehrt erregten diese Kombinationen in Europa Aufmerksamkeit, und so wurde Bakkas vom Beginn des neuen Jahrtausends an regelmäßig dorthin eingeladen. Als Solist, mit seinem Trio oder auch in größeren weltmusikalischen Besetzungen zum Beispiel zur Womex in Sevilla 2003, aufs Grenoble Festival oder auf das European Jazztival auf Schloss Elmau. So fand Bekkas mit dem italienischen Trompeter Flavio Boltro zusammen, das gemeinsame Album Mogador gewann in Frankreich den Django d’Or. Ein Meilenstein war 2006 dann die Gründung eines Trios mit dem Pianisten Joachim Kühn – der wohl international wichtigsten deutschen Jazz-Persönlichkeit seiner Generation – und dem spanischen Perkussionisten und Schlagzeuger Ramón López. Durch bislang fünf mit zahlreichen Auszeichnungen bedachten Alben wurde diese Formation zum Vorreiter einer Welle nicht mehr nur amerikanisch-europäisch dominierter Bands. Schließlich spielte Bekkas auch bei Klaus Doldingers Album Passport to Morocco als Gastmusiker und Komponist eine tragende Rolle. Immer wieder pendelt er seither zwischen den Kontinenten, den Begleitern und den Stilen. Womit er bestens gerüstet sein dürfte für die Premiere an der Seite von Nguyên Lê. Für die Begegnung mit NES ist er es sowieso, erwartet ihn da doch zu großen Anteilen ein Rendezvous mit der eigenen nordarabischen Musik.

World-Jazz der Stunde – Nesrine Belmokhs NES

Als Nesrine Belmokh und ihr Trio NES vor etwas mehr als einem Jahr zum ersten Mal bei Jazz at Berlin Philharmonic zu Gast waren, waren sie eine weithin unbekannte Band – die freilich das Berliner Publikum im Sturm eroberte. Jetzt kehren sie als preisgekrönte und europaweit gefeierte Stars zurück. Und der Grund für diese Blitzkarriere liegt in genau dem Phänomen, das an diesem Abend gefeiert wird: am unwiderstehlichen Ergebnis, das aus der Begegnung von Ost und West (in diesem Fall mit einem starken Anteil Süd) entstehen kann. Es ist das Charisma eines aus diesen verschiedenen Zutaten gefundenen eigenen Ausdrucks, das Nesrine Belmokh geradezu personifiziert.

»Music is my exorcism« singt sie in »Bye Bye«, einem fast liturgisch den Text wiederholenden, sich hypnotisch steigernden Stück. Man glaubt ihr das sofort, wenn man sie auf der Bühne erlebt. Nur selten erzählen Bewegungen, Blicke, Gesten von Sängerinnen so viel. Bei ihr ist es die Geschichte der erfolgreichen Suche nach der eigenen künstlerischen Identität. Eine Suche, die Belmokh als Sängerin und Mandolinespielerin in einer arabisch-andalusischen Band begann und die sie als klassische Cellistin von Algerien über Frankreich in die ganze Welt führte, wo sie in von Daniel Barenboim oder Zubin Mehta geleiteten Orchestern saß. Bis sie in Valencia – einem Schmelztiegel der arabischen, afrikanischen, iberischen und westeuropäischen Kultur – auf den spanischen Perkussionisten David Gadea und den französischen Cellisten Matthieu Saglio stieß und im übertragenen wie im Wortsinn ihre Stimme fand. Die unterschiedlichen musikalischen Strömungen seiner Protagonisten bringt NES so stimmig auf einen gemeinsamen Nenner, dass das Trio derzeit der große Aufsteiger des World-Jazz ist. Da ist das am Flamenco geschulte rhythmische Fundament von Gadea, der gerne mit der einen Hand Schlagzeug, mit der anderen Cajón spielt. Da ist die fantastische klassische Technik von Saglio am normalen und Belmokh am E-Cello. Und da ist die arabisch-andalusische Tradition mit den typischen Girlanden und gezogenen Tönen, die Belmokh all ihren Kompositionen und ihrem mehrsprachigen Gesang unterlegt, ob es nun stilistisch in Richtung Chanson (»Le Temps«), R&B (»Happy NES«) oder Pop (»The World Is Blue«) geht. Stets wird mit außergewöhnlicher Finesse und ausgeprägter musikalischer Ökonomie gespielt.

Über all dem thront Nesrine Belmokhs Stimme. Sie kann filigran phrasieren, singt glockenrein im Pianissimo, um dann wieder mit unglaublicher Kraft auszubrechen und auf eine ganz eigene Art zu scatten. Und sie hat etwas zu sagen. Zum Beispiel, wenn sie »Allouane« über eine mutige selbstbewusste algerische Sängerin der 1950er- und 1960er-Jahre allen freien Frauen widmet und denen, »die frei sein sollten«. Welche Schönheit aus Freiheit entstehen kann, demonstriert auch die NES-Version von Bill Withers Soft-Soul-Hit »Ain’t No Sunshine« als arabeske Elegie. Die Wirkung dieser arabisch-andalusischen, jazzigen, folkigen, popigen, souligen Mixtur sollte sich im Berliner Kammermusiksaal ins Hypnotische steigern, wenn am Ende alle gemeinsam improvisieren. Beim East-West-Meeting im Geiste Nesuhi Ertegüns.

Oliver Hochkeppel

Black String (Foto: Nah Inu)

NES (Foto: Nerea Coll)