Kalle Kalima & Knut Reiersrud (Foto: Siggi Loch)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

Nordic Guitar Night

In der Nordic Guitar Night treffen sich führende Jazzgitarristen unserer Zeit: der Däne Jakob Bro, der mit filigranen Klangräumen verzaubert, der Finne Kalle Kalima, der sich von Tango, Country- und Western Music inspirieren lässt, und der dem Blues verbundene Norweger Knut Reiersrud. Mit dem Jakob Bro Trio sowie dem Kontrabassisten Phil Donkin und dem Schlagzeuger Jim Black tauchen sie ein in skandinavische und amerikanische Jazzwelten.

Jakob Bro Trio:

Jakob Bro Gitarre

Thomas Morgan Kontrabass

Joey Baron Schlagzeug

Flying like Eagles:

Kalle Kalima Gitarre

Knut Reiersrud Gitarre

Phil Donkin Kontrabass

Jim Black Schlagzeug

Nordic Guitar Night

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Programm

Die Emanzipation des europäischen vom amerikanischen Jazz in den vergangenen Jahrzehnten ging entscheidend von Skandinavien aus. Man muss sich nur Namen wie Terje Rypdal oder Eiving Aarset vor Augen führen, um zu sehen, dass dies auch für die Jazzgitarre gilt. Anlass genug für Kurator Siggi Loch in der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic aktuelle Entwicklungen bei einer Nordic Guitar Night zu präsentieren.

Mit dabei ist der Däne Jakob Bro, der sich in den vergangenen Jahren einen Platz unter den führenden Gitarristen seiner Generation erspielt hat. Ein filigranes, Klangräume erschließendes und öffnendes Geflecht aus Melodien und sphärischen Flächen entspinnt sich bei ihm bevorzugt im Zusammenspiel mit dem Bassisten Thomas Morgan und dem Schlagzeuger Joey Baron. Beide sind prominente Repräsentanten der kreativen New Yorker Szene, sodass hier ein Zusammenwirken beider Jazzwelten zu erleben ist.

Ähnliches gilt für den vom Bros »nordic sound« allerdings deutlich entfernten Gitarristen Kalle Kalima, der zwar aus Finnland stammt, aber seit über 20 Jahren in Berlin lebt und deshalb ein integraler Teil der avantgardistischen Jazzszene der Hauptstadt ist. Einen Teil der typisch finnischen Musik-Extravaganz – so ist das Land zum Beispiel auch Tango-verrückt – hat er sich freilich bewahrt: Kalima liebt Country- und Western-Music und hat diese amerikanische Volksmusik schon bei vielen fremden und eigenen Projekten in futuristischen Jazz überführt. Schon der Name mancher seiner Bands (etwa Johnny La Marama oder Long Winding Road) verweist auf diesen Einfluss. Dass auch sein hier vorgestelltes neues Projekt einen populären amerikanischen Westküstensound verarbeitet, deutet nicht nur der Name Flying like Eagles an, sondern auch die Besetzung: Neben dem britischen, heute zwischen Berlin und New York pendelnden Bassisten Phil Donkin und dem amerikanischen Avantgarde-Schlagzeuger Jim Black ist mit dem vor allem dem Blues verbundenen Norweger Knut Reiersrud ein zweiter Gitarrist dabei.

Über die Musik

Nordlichter

Die skandinavische Jazz-Revolution und ihre Gitarristen

»Der Jazz kam an einem dunklen Herbstabend nach Schweden ‒ es war Mittwoch, der 25. Oktober 1933«, schreibt der Autor Lars Westin. An diesem Abend spielte ein schwarzer Trompeter in Stockholm Musik, wie sie das Publikum live noch nie gehört hatte: Louis Armstrong begeisterte die kühlen Schweden; aus dem Stand wurden drei weitere Konzerte organisiert, eines davon übertrug Schwedens einziger Rundfunksender landesweit. Die Jugend, und insbesondere junge Musiker, horchten auf. Während die wichtigsten musikalischen Einflüsse bisher aus Mitteleuropa und vor allem aus Deutschland gekommen waren, beschäftigte nun dieses ganz andere Genre die Musiker des Landes. Es ist umso bemerkenswerter, dass dies 1933 geschah, also just zu der Zeit, als der Jazz in Deutschland zur verfemten und verfolgten Musik wurde.

Neben Frankreich, in das schon seit den 1920er-Jahren schwarze amerikanische Jazzmusiker Zuflucht vor der Diskriminierung in ihrer Heimat suchten und das mit dem Hot Jazz von Django Reinhardt den einzigen originären Jazzstil Europas vorweisen konnte, hatte also Schweden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Vorsprung. Man mag dies zum Beispiel am leider schon 1948 bei einem Autounfall gestorbenen Stan Hasselgård festmachen, den der deutsche Jazzkritik-Begründer und Impresario Joachim-Ernst Berendt für den ersten modernen Jazzklarinettisten der Post-Benny-Goodman-Ära hielt, also noch vor dem Amerikaner Buddy DeFranco. Der eigentliche Urknall eines europäischen Modern Jazz ereignete sich dann Anfang der 1960er-Jahre in Schweden. Er ist verbunden mit dem vor vier Jahren verstorbenen Trompeter Bengt-Arne Wallin und dem bereits 1968 ebenfalls bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Pianisten Jan Johannsen. Die beiden wiesen mit der Entdeckung der eigenen Volksmusik für den Jazz dem skandinavischen Jazz und seiner ästhetischen Außenwirkung bis heute den Weg. Dieser aus dem Norden kommende Impuls, der Nachweis nämlich, dass der Zugriff auf die jeweils eigene Musiktradition eine eigene Sprache und die Emanzipation von übermächtigen amerikanischen Vorbildern ermöglicht, hat in fast allen europäischen Jazzszenen entscheidende Entwicklungen ausgelöst.

Es war eine sanfte Revolution, die 1962 mit Wallins in großer Besetzung eingespieltem Album Old Folklore in Swedish Modern begann. Zwei Jahre später legte Johannson mit dem im intimen Duo Klavier und Bass gehaltenen Jazz på svenska nach, das zur zeitlosen Richtschnur für diese Art nordischer Improvisationsmusik werden sollte. Bei beiden Jazzinterpretationen schwedischer Volkslieder war der deutsche, schon lange in Schweden lebende Bassist Georg Riedel beteiligt. Er erinnerte sich viel später so daran: »Als wir in den 60ern Jazz på svenska aufnahmen, war mir nicht bewusst, dass dies ein Geniestreich von Jan war. War es überhaupt Jazz? Weder war ein Schlagzeug mit von der Partie, noch ›swingte‹ es im traditionellen Sinne. Aber Jan Johansson war seiner Zeit weit voraus. Ihm gelang es in noch nie gehörter Weise, Jazz mit der skandinavischen Klangwelt zu kombinieren. Damals standen diesem Projekt viele sogenannte ›Experten‹ sehr kritisch gegenüber. Die Hörer sahen das ganz anders. Jazz på svenska wurde in Schweden zum meist gekauften Jazzalbum überhaupt. Heute sind die Grenzen zwischen verschiedenen Stilen und Spielweisen fließender, als in jenen Tagen, in denen ich zu spielen begann.«

Die Verquickung nordischer »Vemod« mit impressionistischem Esprit und ungewohnten Wechseln zwischen Dur- und Moll-Stimmungen machte in den traditionell eng miteinander verbundenen skandinavischen Ländern schnell Schule. Die internationale Verbreitung dieses neuen Sounds ist jedoch mit dem Namen des norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek verbunden, der für Amerikaner wie Mitteleuropäer zum Prototyp des Nordic Jazz wurde. Er hat den Mix aus hymnischen Melodien, flächigen Harmonien und erdigen Fundamenten, aus Schönklang, Innigkeit und ein bisschen Pathos, bei dem nicht der afrikanische Blues, sondern das folkige Liedgut des europäischen Nordens das Rückgrat bildet, in die Jazzgeschichte eingeschrieben. Es muss festgehalten werden, dass dieses Neue, Eigene, nur in der Reibung mit den amerikanischen Jazz-Wurzeln entstand und entstehen konnte. Der Autodidakt Garbarek etwa erwähnt als prägenden Einfluss den in Schweden lebenden Freejazz-Trompeter und frühen Weltmusiker Don Cherry, auf dessen Bitten er sich überhaupt erst mit skandinavischer Folklore beschäftigt habe. Später war die Zusammenarbeit mit Keith Jarrett wichtig, bevor Garbarek seinen eigenen weltmusikalischen Stil entwickelte, den er selbst nur noch »entfernt dem Jazz verwandt« einordnet.

Ein Weg, den auch die wegweisenden Gitarristen des Nordic Jazz gingen und bis heute gehen. Zunächst ein Terje Rypdal, wie Garbarek ebenfalls Jahrgang 1947 und an seinem Instrument Autodidakt. Die Musik von György Ligeti führte ihn zum Entschluss, selbst Musiker und Komponist zu werden. Zunächst war Jimi Hendrix Rypdals wichtigster Einfluss. So gründete er 1967 die psychedelische Rockband Dream, wo er auch Jan Garbarek kennenlernte, bei dessen frühen Alben für das deutsche ECM Label er ab 1970 mitwirkte. Rypdal führte das Spiel mit der verzerrten E-Gitarre, wie es im Rock zu finden war, in den modernen Jazz ein. Ein Weg, den Rypdals Landsmann Eivind Aarset eine Musikergeneration später fortsetzte. Der heute 58-Jährige steht für die Verbindung von Jazz mit elektronischer Musik und einen unverwechselbaren eigenen Klang, den er für die verschiedensten Jazzmusiker auf über 150 Alben beisteuerte, der aber vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem Trompeter Nils Petter Molvær international bekannt wurde.

Auch in Schweden kann man den nachhaltigen Einfluss dieser Strömungen verfolgen, etwa beim jungen Gitarristen Carl Mörner Ringström, der vor allem mit seinen eigenwilligen, effektgeladenen Jazzversionen von Rock-Klassikern Aufsehen erregt. Vor allem aber beim wohl bekanntesten skandinavischen Vertreter seines Fachs, dem auch bei Jazz at Berlin Philharmonic bekannten Ulf Wakenius. Der an der Seite des Bassisten Ray Brown und durch seine zehnjährige Mitgliedschaft im Oscar Peterson Quartet bekannt gewordene Stargitarrist verblüfft seither zum Beispiel an der Seite der koreanischen Sängerin Youn Sun Nah mit einer herausragenden Technik und für die Gitarre untypischen stilistischen Ausflügen und Experimenten.

Viele heimische Vorbilder also für die skandinavische Gitarrenszene, und Anlass genug für Siggi Loch, den Kurator von Jazz at Berlin Philharmonic, aktuellen Entwicklungen bei einer Nordic Guitar Night nachzuspüren. So präsentieren sich im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie drei skandinavische Gitarristen, die völlig eigene Wege gehen.

Ein Däne in New York – Jakob Bro

Da wäre zunächst der 41-jährige dänische Gitarrist Jakob Bro, der sich auf Eivind Aarset und Bill Frisell – der amerikanische Gitarrenlyriker hat inzwischen auf mehreren Alben von Bro mitgespielt und ihn auch live begleitet – als frühe Vorbilder beruft. Wie diese eignete Bro sich die Grundlagen seines Instruments autodidaktisch an, bevor er sich doch noch zum Studium entschloss, erst an der königlichen Musikakademie in Aarhus, dann am Berklee College of Music in Boston, schließlich an der New School in New York, wo er seitdem lebt. Doch das im immer noch größten Schmelztiegel des Jazz übliche Powerplay ist seine Sache nicht. Er lässt seiner Musik gerne viel Zeit, Raum und Ruhe. Ein österreichischer Kritiker nannte ihn unlängst einen »Aquarellisten auf der Gitarre«: »Mit viel Hall tupft er sparsam Töne in den Raum, wo sie langsam verschwimmen und erst im Zusammenspiel mit verblassenden Klängen ihre volle Wirkung entfalten.«

Die minimalistische, schwebende Musik, die Bro dem klaren, lange anhaltenden, gerne mit Delay-Effekten angereicherten Ton seiner Fender Telecaster entlockt, findet sich schon auf seinem mit Chris Cheek und Anders Christensen eingespielten Debütalbum Daydreamer von 2003, dem noch im selben Jahr die erste bereits mehrfach preisgekrönte CD Beautiful Day folgte. In hoher Schlagzahl erarbeitete Bro zwischen 2006 und 2012 weitere Alben, unter anderem 2008 das sehr passend betitelte Balladeering, das er mit Lee Konitz und Bill Frisell einspielte, dem Besetzungskern für zwei weitere Einspielungen. Der Regisseur Sune Blicher erstellte aus Bros New York-Session mit Konitz und Frisell den Dokumentarfilm Weightless: A Recording Session with Jakob Bro. Regelmäßig spielte Bro auch mit Bandapartdes Pianisten Søren Kjærgaard und mit den Bands seines langjährigen Freundes und Weggefährten, dem Trompeter Jakob Buchanan, mit dem er für die Zukunft ein Chorprojekt plant. Derzeit konzentriert sich Bro auf seine eigenen Ensembles: Seine zehnköpfige Formation mit vielen Landsleuten, sein Quartett mit Palle Mikkelborg, Jon Christensen und Thomas Morgan und vor allem sein Trio mit Thomas Morgan und Joey Baron.

Bereits 15 eigene Alben hat Bro bislang veröffentlicht, fast alle gewannen den Danish Music Award, im vergangenen Jahr wurde er aber auch in den Kritikerumfragen des führenden amerikanischen Jazzmagazins Downbeat zum »Rising Star Guitar« gewählt. Die verstärkte Aufmerksamkeit und sein Aufstieg zu einem »Fixpunkt der europäischen Jazzgitarre«, wie der Kritiker Wolf Kampmann schreibt, hat auch damit zu tun, dass Bro seit 2015 bei dem Label veröffentlicht, für das seine Musik wie prädestiniert wirkt: ECM Records, das ja für »sound next to silence« bekannt ist. Schon 2006 wirkte er beim ECM-Album Garden of Eden von Paul Motian & The Electric Bebop Band mit, 2009 dann bei Tomasz Stańkos Dark Eyes. 2015 schließlich markierte GefionBros ECM-Debüt unter eigenem Namen. Neben dem Quartettalbum Returnings erschienen mit Streams und der zuletzt erschienenen Live-CD Bay of Rainbows bereits zwei weitere in der Besetzung, die sich immer mehr zum idealen Medium für Bros Kompositionen herauskristallisiert und das nun auch in Berlin zu erleben ist: dem Trio mit Thomas Morgan und Joey Baron.

Beide sind prominente Repräsentanten der kreativen New Yorker Szene, die perfekt auf die nordeuropäische Klangästhetik ihres Bandleaders eingehen können. Der aus Kalifornien stammende Thomas Morgan begann mit sieben Jahren zunächst Cello zu spielen, bevor er mit 14 Jahren zum Kontrabass wechselte. Morgan arbeitete im Laufe seiner Karriere mit New Yorker wie internationalen Größen, unter anderem mit David Binney, Steve Coleman, Timuçin Şahin, Gerald Cleaver, Kenny Werner, Dan Tepfer, Masabumi Kikuchi, Alexandra Grimal und dem Sylvie Courvoisier ‒ Mark-Feldman-Quartet. Stets präsentierte er sich dabei als meisterlicher rhythmischer Dekonstruktivist, der die musikalischen Innenwelten betont.

Des öfteren hatte er dabei schon Joey Baron an seiner Seite. Der 64-jährige aus Richmond, Virginia, gehört zu den eigenwilligsten Schlagzeugern der Jazzszene. Seine Bandbreite ist enorm, er begleitete klassische Jazzsänger wie Tony Bennett oder Carmen McRae ebenso wie Crossover- und Pop-Größen wie Al Jarreau, Marianne Faithfull, Laurie Anderson oder Philipp Glass, spielte mit Veteranen wie Dizzy Gillespie oder Art Pepper wie mit Avantgardisten wie John Zorn, Tim Berne oder Marc Johnson. Vor allem aber ist er ein erfahrener Begleiter von Jazzgitarrengrößen wie John Abercrombie, Jim Hall oder John Scofield. Zehn Jahre lang war er Mitglied der Band von Bill Frisell, mit dem er bis heute immer wieder auftritt. Dies qualifiziert ihn ebenso perfekt für Jakob Bros musikalische Entwürfe wie seine Arbeit als Komponist, bei denen er sich von den Harmolodics von Ornette Coleman beeinflusst zeigt und außerdem Elemente afroamerikanischer Musik, des Hip-Hop und des Free Jazz verwendet – zu hören vor allem in seinen eigenen Bands Down Home Group, Barondown und Killer Joey. Bei Jakob Bro bringt Baron sein Drumset meist mit den Besen, oft auch nur mit den bloßen Händen zum Singen. Greift er zu den Drumsticks, genügt ein Tänzeln auf den Becken für unwiderstehliche Grooves.

Das Repertoire, das die drei beim heutigen Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic präsentieren, stammt vom aktuellen Livealbum, das einige Stücke aus Bros Katalog neu beleuchtet. Was mit dem extrem ruhigen und reduzierten »Gefion« beginnt und bis zu den nun ganz intimen und federnden Stücken »Dug« und »Evening Song« reicht, die Bro ursprünglich mit größeren Ensembles aufgenommen hatte. Das in Melodielinien schwelgende »Mild« veranschaulicht eindrucksvoll, wie sehr es Bro und seine beiden Partner verstehen, aus dem Moment heraus immer neue faszinierende Formen für diesen minimalistische Kammerjazz zu finden. Ihr Auftritt bei Jazz at Berlin Philharmonic ist zugleich eine Verbeugung von ACT-Chef Siggi Loch vor Manfred Eichers ECM als dem neben Blue Note vielleicht wichtigstem Label der Jazzgeschichte und Wegbereiter des skandinavischen Jazzwunders.

Ein Finne in Berlin – Kalle Kalima

Die zweite Hälfte der Nordic GuitarNight präsentiert ähnlich entspannte, aber stilistisch völlig unterschiedliche Musik. Das Quartett mit den Gitarristen Kalle Kalima und Knut Reiersrud sowie dem Bassisten Phil Donkin und dem Schlagzeuger Jim Black wurde ebenso wie das Programm Flying Like Eagles eigens für das Konzert des heutigen Abends zusammengestellt und konzipiert. Vier Proben wurden angesetzt. Die vierte war so herausragend, dass Siggi Loch beschloss, den Mitschnitt zu veröffentlichen. Flying Like Eagles wird bei der Konzertpremiere in der Philharmonie Berlin also bereits als CD vorliegen.

Das Mastermind hinter den Kompositionen und Arrangements ist der 45-jährige finnische Gitarrist Kalle Kalima, der allerdings seit über 20 Jahren in Berlin lebt, ein integraler Teil der avantgardistischen Jazzszene der Hauptstadt ist und seit vielen Jahren einer der spannendsten Vertreter der europäischen Jazz-Szene. Der an der Sibelius-Akademie in Helsinki und der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin ausgebildete Virtuose glänzt durch Vielseitigkeit. In seinem ältesten Trio Klima Kalima, mit dem er unter anderem 2008 den Neuen Deutschen Jazzpreis gewann, spielt er zusammen mit dem Bassisten Oliver Potratz und dem Schlagzeuger Oliver Steidle. Zusammen mit dem amerikanischen Bassisten Chris Dahlgren und dem Schlagzeuger und Michael-Wollny-Weggefährten Eric Schäfer gründete er das Trio Johnny La Marama, mit dem er auch schon Goethe-Institute in Südamerika, Japan, Iran und Mittelamerika bereiste. Weitere eigene Projekte sind das kammermusikalische Quartett K-18, das 2013 den finnischen EMMA-Preis für Jazz gewonnen hat und Tenors of Kalma, wo er mit dem finnischen Multiinstrumentalisten und Sänger Jimi Tenor Avantgarde-Jazz mit Electro-Pop verquirlt.

Als Sideman und Gast trat Kalima in so unterschiedlichen Gruppen wie dem Ensemble Resonanz, der NDR Big Band oder der NuJazz-Formation Jazzanova auf, mit dem Freejazz-Veteranen Peter Brötzmann ebenso wie mit dem amerikanischen Modern-Jazz-Starpianisten Jason Moran, dem revolutionären Kontrabassklarinettisten Anthony Braxton oder dem Afrobeat-Schlagzeuger Tony Allen. Festes Bandmitglied ist Kalima derzeit beim IndieJazz-Kuriosum KUU!der Schauspielerin und Sängerin Jelena Kuljić und beim Quartett A Novel of Anomaly um den Schweizer Vokalartisten Andreas Schaerer. Außerdem ist Kalima ein gefragter Lehrer. Er hat an den Musikhochschulen in Weimar, Helsinki und Berlin unterrichtet und ist seit September 2017 Dozent für Jazzgitarre an der Universität Luzern.

Kritiker haben betont, dass Kalima die E-Gitarre in den Jazz des 21. Jahrhunderts geholt hat – mit viel Rock-Anteil, vor allem aber mit einem Schuss Verrücktheit. Denn einen Teil der typisch finnischen Musik-Extravaganz – so ist das Land bekanntlich auch Tango-verrückt – hat er sich auch in Berlin bewahrt: Kalima liebt Country- und Western-Music und hat diese amerikanische Volksmusik bereits oft in futuristischen Jazz überführt. Schon der Name mancher seiner Projekte (etwa Johnny La Marama oder Long Winding Road) verweist auf diesen Einfluss. »Als Teenager hatte ich einen Gitarrenlehrer, der mir Country und Western näherbrachte. Das hat mir sehr gefallen und seither habe ich das immer wieder für mich gespielt«, erklärt Kalima. Und nicht nur für sich. Schon mit dem österreichischen Schlagzeuger Alfred Vogel und dessen Glorreichen Sieben spielte er vor einigen Jahren bei zwei Country-Jazz-Projekten mit, einer Bearbeitung großer Western-Hits und einer Neil-Young-Hommage. Mit dem amerikanischen Bass-Altmeister Greg Cohen und dem jungen, bereits mit dem Neuen Deutschen Jazzpreis prämierten Schlagzeuger Max Andrzejewski nahm er zuletzt High Noon auf, einen Road Trip durch Country- und Western-Gefilde, »eine Art ›Kind of Blue‹ mit Country-Jazz«, wie er selber sagt.

Dass das neue, bei Jazz at Berlin Philharmonic erstmals live vorgestellte Projekt nun den populären amerikanischen Westküsten-Sound verarbeitet, deutet schon der Name Flying Like Eagles an. Zur Seite steht ihm dabei ein bewährter Begleiter, der amerikanische Avantgarde-Schlagzeuger Jim Black aus New York, der ebenfalls schon mit den unterschiedlichsten Musikern gespielt hat, von Laurie Anderson, Tim Berne und Dave Douglas bis zu Charlie Haden, Carla Bley, Christopher Dell oder Carlos Bicas Trio Azul. Black hat sich unter anderem in der eigenen Gruppe AlasNoAxis intensiv mit elektronischer Musik beschäftigt. Was ihn mit dem britischen, heute zwischen Berlin und New York pendelnden Bassisten Phil Donkin eint. Donkin begann in Rockbands, um dann nach dem klassischen Kontrabass-Studium an der Guildhall School of Music and Drama in die Londoner Jazz- und Popszene einzutauchen. Von 2009 an arbeitete er auch viel mit deutschen Musikern wie den Posaunisten Ed Kröger und Nils Wogram, seit dem dreijährigen New York-Aufenthalt zwischen 2010 und 2013 auch mit amerikanischen Größen wie Kevin Hays, Adam Rogers, Mark Turner, oder Steve Cardenas. Aktuell ist Donkin Begleiter des Pianisten Rainer Böhm und des Saxofonisten Ben Kraef, zudem Bandmitglied im Birds Quartet des Saxofonisten Marius Neset sowie im Quartett des Schlagzeugers Diego Piñera. Außerdem leitet Donkin zwei eigene Trios: das eine mit dem niederländischen Saxofonisten Hayden Chisholm und Jochen Rückert am Schlagzeug sowie Uncanny Valley mit dem Tenorsaxofonisten Tom Challenger und dem Schlagzeuger Oliver Steidle.

Das Besondere an Flying Like Eaglesund eine Herausforderung für diese drei Avantgardisten ist, dass mit dem Norweger Knut Reiersrud ein zweiter Gitarrist dabei ist, dessen Wurzeln im Blues liegen.

Ein Norweger hat den Blues – Knut Reiersrud

Der 58-jährige, in Oslo aufgewachsene Knut Reiersrud jammte schon als Jugendlicher in den heiligen Hallen der Chess Studios in Chicago mit Buddy Guy und Otis Rush. Das legendäre Team Dr. John/Doc Pomus schrieb Songs für ihn, auf seinen Platten gastierten The Blind Boys of Alabama und manche Stars aus der World-Music-Szene. Das siebte seiner zehn Soloalben Voodoo Without Killing Chicken wurde von Bugge Wesseltoft produziert. Reiersruds weit über den Blueshorizont hinausweisendes, innovatives Spiel, das auch Elemente traditioneller norwegischer Musik und afrikanische Rhythmen verwendet, wird zuweilen mit dem eines Derek Trucks oder des indischen Saitenvirtuosen Vishwa Mohan Bhatt verglichen. Es hat ihn mit Kultfiguren der Gitarrenzunft wie David Lindley und Avantgardisten vom Schlage eines Henry Kaiser zusammengeführt. Zu seinen Erfindungen gehört die Kombination von Kirchenorgel und Gitarre für neue Arrangements alter Folksongs, womit er seine Landsleute in Scharen in die Kirchen gelockt hat. In Afrika, den USA, in Indien oder Nepal und anderen Ländern sucht und findet Reiersrud immer wieder neue Wege des musikalischen Miteinanders der verschiedenen Kulturen.

Vor einigen Jahren produzierte Reiersrud eine Sammlung von Liebesliedern mit der persischen Sängerin Mahsa Vadat und Mighty Sam McClain. Aus der Begegnung mit dem 1943 in Louisiana geborenen Blues- und Soulsänger entstand eine tiefe – erst durch McClains Tod vor vier Jahren jäh unterbrochene ‒ Freundschaft und drei gemeinsame Alben. Der knorrige Blues-Erneuerer Knut Reiersrud erweist sich als ideale Komplementärfarbe für Kalle Kalimas mal coole, mal explosive Bearbeitungen von Traditionals wie »Strong Wind, Deep Water, Tall Trees, Warm Fire«, »Little One« oder »The Wayfaring Stranger«, wie auch für die umwerfende Version des Stephen-Stills-Klassikers »For What Itʼs Worth« und nicht zuletzt für die freche Adaption des Eagles-Ohrwurms »Hotel California«. Womit wieder einmal die Vitalität und Integrationskraft des skandinavischen Jazz unter Beweis gestellt wird – am kreativen Beispiel der Gitarristen aus dem hohen Norden.

Oliver Hochkeppel

Kalle Kalima & Knut Reiersrud (Foto: Siggi Loch)

Jakob Bro Trio (Foto: John Rogers)