Akademie für Alte Musik (Foto: Uwe Arens)

Kammermusik

Akademie für Alte Musik Berlin

Bernhard Forck Violine und Leitung

Isabelle Faust Violine

Xenia Löffler Oboe

Johann Sebastian Bach

Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo d-Moll BWV 1043

Isabelle Faust Violine

Carl Philipp Emanuel Bach

Symphonie C-Dur Wq 182 Nr. 3

Johann Sebastian Bach

Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo c-Moll (Rekonstruktion nach BWV 1060)

Isabelle Faust Violine, Xenia Löffler Oboe

Johann Sebastian Bach

Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo g-Moll (Rekonstruktion nach BWV 1056)

Isabelle Faust Violine

Johann Sebastian Bach

Triosonate für zwei Violinen und Basso continuo C-Dur nach der Triosonate für Orgel BWV 529

Isabelle Faust Violine

Johann Sebastian Bach

Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo d-Moll (Rekonstruktion nach BWV 1052)

Isabelle Faust Violine

Termine und Karten

Programm

Sieben Jahre vor dem Fall der Mauer in Ost-Berlin ins Leben gerufen, musizierte sich die Akademie für Alte Musik – von Fans und Freunden kurz »Akamus« genannt – rasch auf einen der vorderen Plätze international renommierter Ensembles für historisch informierte Aufführungspraxis. Seit 1984 gestaltet Akamus eine bis heute bestehende Abonnementreihe im Konzerthaus Berlin, 1987 legte sie ihre erste von mittlerweile unzähligen, vielfach mit Preisen bedachten Tonträgeraufnahmen vor. 1994 begann eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Staatsoper, für deren Aufführungen barocker Bühnenwerke die Formation unter der Leitung von René Jacobs regelmäßig Unter den Linden gastiert.

Seit 2012 ist Akamus mit einer eigenen Konzertreihe außerdem fest im Spielplan des Prinzregententheaters in München verankert. Von den rund hundert Auftritten, welche die Akademie für Alte Musik pro Jahr bestreitet, finden viele im Rahmen von Gastspielen rund um den gesamten Globus statt – denn nicht nur in ganz Europa, sondern auch in Süd- und Nordamerika sowie auf dem asiatischen Kontinent ist das Orchester, das je nach Werk in kammermusikalisch reduzierter oder großer orchestraler Besetzung musiziert, ein vielgefragter und gerne gesehener Gast. Zu den Solisten, mit denen Akamus eine langjährige künstlerische Freundschaft verbindet, gehört neben dem Cembalisten Andreas Staier, dem Countertenor Bejun Mehta, dem Pianisten Alexander Melnikov oder dem Bariton Michael Volle auch die Geigerin Isabelle Faust. Zusammen mit ihr spielte die Akademie für Alte Musik auf ihrer jüngsten CD unter der musikalischen Leitung von Bernhard Forck Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach ein. Die Presse war begeistert: Ein »Heidenspaß« befand die Welt am Sonntag und der Bayerische Rundfunk jubelte: »Ein Bach-Album, das keine Wünsche offen lässt.«

Auch dieses Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie steht ganz im Zeichen der Musik des Thomaskantors. Neben Isabelle Faust ist dabei nicht nur die Oboistin Xenia Löffler – seit 2001 Mitglied und Solo-Oboistin der Akademie für Alte Musik – sondern auch Bernhard Forck in Doppelfunktion als Dirigent und Geiger zu erleben. Außerdem auf dem Programm: eine Komposition des 1714 geborenen Bach-Sohnes Carl Philipp Emmanuel, der lange Jahre in musikalischen Diensten des preußischen Königs Friedrich II. stand. Mit der Aufführung von Carl Philipp Emmanuel Bachs Symphonie in C-Dur ist in diesem Konzert somit auch ein Stück klingende Berliner Musikgeschichte am Übergang vom Barockzeitalter zur Klassik zu erleben.

Über die Musik

Komposition – Transkription – Rekonstruktion

Werke von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach

In der Tat, das war eine Sensation! Ein Cembalokonzert von Johann Sebastian Bach stand auf dem Programm einer der sogenannten Freitagsmusiken der Ripienschule. Diese war im April 1807 von Karl Friedrich Zelter, dem Leiter der Berliner Sing-Akademie seit 1800, mit anfangs zehn Instrumentalisten ins Leben gerufen worden. Und nun wollten diese sogar ein Cembalokonzert Bachs vorstellen. Nach dem Tod des »alten« Bach im Jahr 1750 war dessen Schaffen – namentlich seine Orgelmusik und seine Kompositionen für Cembalo – in der preußischen Residenzstadt keineswegs vergessen. So ließ Zelter rückblickend am 6. April 1829 seinen Freund Goethe wissen: »Ich bin seit 50 Jahren gewohnt, den Bachschen Genius zu verehren, Friedemann [Bachs erstgeborener Sohn Wilhelm Friedemann] ist hier gestorben, Emanuel [Bachs Zweitgeborener Carl Philipp Emanuel] war hier Königlicher Kammermusiker, Kirnberger, Agricola Schüler vom alten Bach [...] sie ließen fast nichts anderes hören als des alten Bachs Stücke […]«. Johann Philipp Kirnberger hatte sogar für seine Kompositionsschülerin Anna Amalia von Preußen eine beträchtliche Sammlung von Handschriften zusammengetragen, die berühmte Amalien-Bibliothek. Deren erste 84 Nummern verweisen auf Werke von Johann Sebastian Bach.

Doch eine Konzertaufführung? Aber es war so: Am 31. Dezember 1807 wurde in Berlin Johann Sebastian Bachs Konzert für Cembalo, Streicher und Basso continuo d-Moll BWV 1052 bei einer der bereits erwähnten halböffentlichen Freitagsmusiken der Ripienschule zu Gehör gebracht. Die Noten stammten wahrscheinlich aus der umfangreichen Sammlung von Sara Levy, Felix Mendelssohns Großtante und vermutlich Schülerin von Wilhelm Friedemann Bach. Selbst eine gute Pianistin, hatte Sara Levy dann auch den Solopart in dem Konzert übernommen. Ihre Notensammlung bestand im Wesentlichen aus Abschriften von Werken Bachs und seiner Söhne, darunter übrigens auch der Matthäus-Passion. Mit deren Aufführung 1829 durch die Sing-Akademie unter der Leitung des damals 19-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy begann die endgültige Wiederentdeckung des bachschen Schaffens. Denn nach Bachs Tod 1750 hatte ein fundamentaler Geschmacks- und Stilwandel eingesetzt, ein anderes Klangideal siegreich Einzug gehalten. Die Tonsprache des »alten« Bach galt seither als antiquiert und zopfig.

In seinem Sohn Carl Philipp Emanuel hingegen bewunderte man den Protagonisten des Neuen, des Sprechenden in der Musik, den Meister der subjektiven und gefühlsbetonten Empfindsamkeit. Ihm war es gelungen, für das emotionale und gestische Wesen des Sturmund Drang eine Tonsprache zu finden. Die ausdrucksvolle »Klang-Rede«, wie der Musiktheoretiker und Komponist Johann Mattheson es nannte, sollte die Herzen bewegen, unterschiedliche Klangcharaktere sollten den Eindruck eines »Zwiegesprächs« vermitteln. Doch ganz überholt waren auch des Vaters Werke nach 1750 eben nicht – die Freitagsmusiken hatten es bewiesen. In ihrem Rahmen, wenngleich als seltene Ausnahmen, wurden in den folgenden Jahren nicht weniger als neun weitere bachsche Konzerte aufgeführt, darunter das expressive Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo d-Moll BWV 1043, mit dem der heutige Abend eröffnet wird.

Keine Werkgruppe innerhalb des bachschen Œuvres wirft so viele Fragen auf wie die Orchestermusik. Von ihr scheint nur ein sehr kleiner Teil erhalten zu sein. Warum? Darüber zerbrechen sich die Fachleute immer wieder die Köpfe. »Es ist«, schreibt der Bachforscher Peter Wollny, »viel gemutmaßt worden, doch wirklich schlüssige Erklärungen fehlen bislang.« Tatsache ist, dass sich unmittelbar nach Bachs Tod offenbar der Schleier des Vergessens über diesen Schaffensbereich gelegt hat. Nur so ist es zu erklären, dass im 1754 veröffentlichten Nekrolog auf den »Weltberühmte[n] HochEdle[n] Herrn Johann Sebastian Bach, Königlich-Pohlnische[n] und Churfürstlich Sächsische[n] Hofcompositeur, und Musikdirector in Leipzig« im Anhang unter den »ungedruckten Werke[n] …. ungefehr folgende« als letzte und nur subsummarisch aufgelistet werden: »15) Verschiedene Concerte für 1. 2. 3. und 4. Clavicymbale. 16) Endlich eine Menge anderer Instrumentalsachen, von allerley Art, und für allerley Instrumente.« Weder die Violinkonzerte noch die von Bach höchstpersönlich in einer sorgfältigen Reinschrift angefertigten und dem in Berlin residierenden Markgrafen Ludwig Christian von Brandenburg gewidmeten Six Concerts avec plusieurs Instruments, die – später so genannten – Brandenburgischen Konzerte BWV 1046 – 1051 finden eine Erwähnung. Haben die Verfasser des Nekrologs, der Bachsohn Carl Philipp Emanuel und die drei weiteren Vertrauten des Verstorbenen, seinen hier in Rede stehenden Schaffensbereich etwa unterbewertet? Wohl kaum!

Eine nicht unwesentliche Rolle wird bei den in diesem Kontext aufgeworfenen Fragen allerdings der bereits erwähnte, um die Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgte fundamentale Geschmacks- und Stilwandel in der Musik gespielt haben. Doch noch etwas muss in Betracht gezogen werden, wenn es um die Überlieferung von Ensemblewerken des »alten« Bach geht. Wer bekam bei der Erbteilung nach 1750 welche Stimmen? Existierten hierfür überhaupt Kriterien? Im Gegensatz zu den Vokalkompositionen, deren Bestand für uns gut zu überblicken ist, ergibt sich für die Instrumentalwerke ein diffuses Bild. Häufig existieren nur noch einzelne Originalstimmen in der Handschrift Johann Sebastians, daneben etliche Abschriften der weiteren Stimmen, angefertigt von oft unbekannten Kopisten. Das Doppelkonzert d-Moll BWV 1043 liefert hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. Aus dem Nachlass von Carl Philipp Emanuel Bach stammen die drei Originalstimmen: »Violino 1. Concertino / Violino 2 Concertino / Continuo«, die der Vater in seiner Leipziger Zeit um 1730 niedergeschrieben hat. Zu einem späteren Zeitpunkt fertigte ein namentlich nicht bekannter Kopist die fehlenden Stimmen an, sicherlich angewiesen von Carl Philipp Emanuel. Für ihn hatte dieser Schreiber bereits in Frankfurt an der Oder Noten kopiert, wo der Bach-Sohn von 1734 bis 1738 Jura studierte und wo er wohl auch das d-Moll-Doppelkonzert BWV 1043 musiziert haben wird. Denn dort leitete er neben dem Studium der Jurisprudenz eine sogenannte Musikalische Akademie, ein studentisches Collegium musicum. Mit diesem, so berichtete er es später dem englischen Musikschriftsteller Charles Burney, habe er »alle damals vorfallenden öffentlichen Musiken bey Feyerlichkeiten dirigirt und komponirt«.

Natürlich siegte auch bei diesem Bach-Sohn, den seine Zeitgenossen später als »Originalgenie« verehren sollten, das künstlerische Talent. Zwischen 1738 und 1768 war er Kammercembalist in der preußischen Hofkapelle und von 1768 bis 1788 in Hamburg – als Nachfolger Georg Philipp Telemanns – Kantor am Johanneum und Musikdirektor der fünf Hauptkirchen der Stadt. In Berlin, seiner vormaligen Wirkungsstätte, lernte er den Baron Gottfried van Swieten kennen, der von 1770 an als Gesandter des Österreichischen Kaiserhauses dort lebte. Dieser erteilte ihm zu Beginn jenes Jahrzehnts den Auftrag, Symphonien zu schreiben, in denen er sich – so van Swieten – »ganz gehen« lassen könne, »ohne auf die Schwierigkeiten Rücksicht zu nehmen, die daraus für die Ausübung nothwendig entstehen mussten.« Daraufhin komponierte Carl Philipp Emanuel Bach die Sechs Sinfonien Wq 182 für vierstimmiges Streichorchester und Basso continuo. Sie fanden, kaum gedruckt, ein großes Echo der Bewunderung. »Schwerlich ist je eine musikalische Composition von höherm, keckerm, humoristischerm Charakter einer genialen Seele entströmt«, jubelte Johann Friedrich Reichardt noch 1814. Gleich der erste Satz der C-Dur-Symphonie Wq 182 Nr. 3 gibt ihm Recht. Zu hören sind »neue« Töne, es spricht der Geist des Sturm und Drang, kraftvoll und vorantreibend. Alles ist anders als gewohnt: Mutig werden ganz schnell und unerwartet die Tonarten gewechselt. Und dann das tiefempfundene Adagio, in dem schwere Fortissimoschläge drei Mal den melodischen Fluss unterbrechen. Der Finalsatz wiederum nimmt sich geradezu leicht aus – hier ist der humorvolle C. P. E. Bach ganz gegenwärtig.

Auf seine ganz eigene und so ganz andere Weise präsent ist im heutigen Konzert der Vater. Johann Sebastian Bach scheint sich in Weimar erstmals mit der damals beliebtesten und zugleich modernsten Form des instrumentalen Zusammenspiels auseinandergesetzt zu haben, mit dem Concerto italienischer Provenienz. Er übernimmt sowohl die Dreisätzigkeit als auch den in den schnellen Sätzen prägnanten Wechsel zwischen Tutti bzw. Ripieno (von ital. »ripieno« für »voll« oder »aufgefüllt«) und Solo bzw. Concertino (das Diminutiv von »Concerto« für eine kleinere Gruppe von Solisten). Zwischen 1708 und 1717 wirkt er in Weimar als Hoforganist und Kammermusiker; Von 1714 an steht er zudem als Konzertmeister der herzoglichen Hofkapelle an der Spitze eines ausgezeichneten Instrumentalensembles. Angeregt durch den Prinzen Johann Ernst von Sachsen-Weimar, einen hochtalentierten Geiger und begabten Komponisten, der von seiner Bildungs- und Studienreise nach Utrecht in den Jahren 1711 bis 1713 zahlreiche Musikalien mitgebracht hatte, beschäftigt sich Bach intensiv mit Antonio Vivaldis gerade bei Estienne Roger in Amsterdam unter dem Titel L’estro armonico erschienenen zwölf Violinkonzerten op. 3, einem »Schlüsselwerk in der Geschichte des Instrumentalkonzerts« (Werner Breig). Bereits vor dieser »Begegnung« hatte Bach die neue italienische Musik studiert. Nun also nimmt er den legendären Venezianer in den Fokus: Zehn von dessen stets dreisätzigen Concerti transkribiert er für unbegleitetes Tasteninstrument, dazu einige weitere Konzerte anderer Komponisten. Dabei lernt er enorm viel für sein eigenes Schaffen. Von 1717 bis 1723 dient er dann in Köthen dem dortigen Herzog Leopold als Kapellmeister. Da an dessen reformiertem Hof kein Bedarf an geistlicher Musik besteht, kann sich Bach vollständig auf die Produktion von Instrumentalwerken konzentrieren. Er komponiert die sechs Brandenburgischen Konzerte, in deren Nr. 5 er erstmals ein Cembalo als Partner in einer aus drei Instrumenten bestehenden Sologruppe einsetzt. Damit ist der Grundstein für die Gattung Klavierkonzert gelegt.

1723 beginnt Bach in Leipzig seine Tätigkeit als Kantor der Thomasschule und Director musicesder Stadt. Hier übernimmt er 1729 die Leitung des ehedem von Georg Philipp Telemann gegründeten studentischen Collegium musicum, unterbricht diese Tätigkeit von 1737 bis 1739 und führt sie dann noch einmal bis 1742 fort. Mit diesem semiprofessionellen Instrumentalensemble tritt er wöchentlich auf, während der Sommermonate im Zimmermannschen Kaffeegarten »vor dem Grimmischen Thore« und zur Winterzeit im Zimmermannschen Kaffeehaus in der Catharinenstraße. Daneben, aber keineswegs nebenbei, berichtet ein Alumne der Thomasschule, wird im bachschen Haus »öfters Concert gehalten, wo ich denn auch den Herrn Bach in Berlin [Carl Philipp Emanuel] und den andern Herrn Bruder in Halle [Wilhelm Friedemann], welche in Leipzig zum Besuch waren, wie auch dessen Herrn Schwager […] und die beyden jüngsten Herrn Brüder […] mehr als einmal habe spielen hören«. Auch wenn nicht präzise angeführt wird, welche Werke dort zur Aufführung kamen, werden es vor allem die Konzerte für zwei bis vier Cembali gewesen sein. Und welch’ ein Glück angesichts des hohen Verlusts an bachschen Originalhandschriften: Sieben Konzerte für Cembalo und Orchesterbegleitung sind erhalten geblieben! Bach hat sie in der zweiten Hälfte der 1730er-Jahre niedergeschrieben möglicherweise für einen Besuch in Dresden im Mai 1738 angefertigt, »bei dem er sicherlich im Umkreis des Hofes oder in privaten Adelskreisen auftrat« (Peter Wollny).

Die von ihm in die autografe Partitur eingefügten Notizen beweisen es eindeutig: Die Cembalo-Konzerte BWV 1052 – 1058 sind keine Neukompositionen, sondern beruhen auf zuvor entstandenen Werken. Zum kühnen d-Moll-Konzert BWV 1052, mit dessen Rekonstruktion als Violinkonzert das heutige Programm beendet wird, gibt es für die Vorgeschichte bis dato keine einheitliche Meinung, zumal eine weitere, von Carl Philipp Emanuel Bach 1734 angefertigte Fassung existiert. Die polyfone Gestaltung, besonders der beiden Ecksätze, verweist in die Köthener, wenn nicht sogar in die Weimarer Zeit des Vaters. Auch das Gegeneinander von außerordentlich virtuoser und fast ein wenig dämonischer Solostimme und ungewöhnlich dicht gearbeiteter Begleitung, das gegenseitige Durchdringen dieser beiden Akteure, das prägnante Ritornellthema – all’ das spricht für eine frühe Entstehungszeit. Beim elegischen Mittelsatz, Variationen voll pathetischer Gestik über einem ostinaten Bass, umschlingen sich Solostimme und Begleitung inniglich. Ein brillantes, in der Stimmung aber gleichwohl düsteres Finale beendet das Konzert.

Beim Konzert g-Moll BWV 1056 gibt die Vorlage ebenfalls etliche Rätsel auf, denn es existiert eine weitere Fassung in f-Moll. Die drei Sätze sind im Unterschied zum d-Moll-Konzert BWV 1052 einfacher und kürzer angelegt, allerdings betsteht auch hier zwischen Solostimme und Begleitung ein polyfones Stimmengeflecht. Das nur in einer Abschrift überlieferte c-Moll-Konzert BWV 1060 beruht abermals auf einer Frühfassung: auf einem Doppelkonzert, wie es heute hier erklingt, nämlich für Violine und Oboe. Beide Soloinstrumente sind, besonders in den schnellen Ecksätzen, eng miteinander verwoben. Im Adagio lassen die fein geknüpften Girlanden von Violine und Oboe über der einfachen Basslinie sowie die fast dahinschwebenden Streicherakkorde an eine Triobearbeitung für zwei gleiche Melodieinstrumente und Generalbass denken. Dann allerdings brechen Streicherakkorde in die Idylle und es kommt zu einer fast dramatischen Zuspitzung. Die C-Dur-Triosonate nach dem Orgeltrio BWV 529 erinnert noch einmal an diese Art der Triobearbeitung in BWV 1060. Faszinierend, wie Bach hier in den Ecksätzen das Konzerthafte mit dem Fugenprinzip verknüpft und wie im expressiven zentralen Largo allein schon die Arbeit mit dem motivischen Material verblüfft. Alle hier vorgestellten Konzerte sind Rekonstruktionen bereits vorhandener Werke Johann Sebastian Bachs und auf jener Basis hat sein Sohn Carl Philipp Emanuel meisterhaft das eigene symphonische Gebäude errichtet.

Ingeborg Allihn

Biografie

Die Akademie für Alte Musik Berlin, 1982 im Ostteil Berlins gegründet, gehört heute zur Weltspitze der Kammerorchester und gastiert in allen musikalischen Zentren Europas, Asiens sowie Nord- und Südamerikas. Seit 1984, dem Jahr der Wiedereröffnung des Konzerthauses (des ehemaligen Schauspielhauses) am Gendarmenmarkt, gestaltet die Akademie für Alte Musik dort eine eigene Konzertreihe. 1994 begann sie mit regelmäßigen Auftritten an der Berliner Staatsoper Unter den Linden; 2012 ist das Ensemble überdies mit einer eigenen Konzertreihe am Prinzregententheater in München vertreten. Die Akademie für Alte Musik Berlinpräsentiert sich mit rund 100 Auftritten pro Jahr in Besetzungsgrößen vom Kammerensemble bis zum symphonischen Orchester. Dabei musiziert sie unter der wechselnden Leitung ihrer Konzertmeister Bernhard Forck, Georg Kallweit und Stephan Mai sowie mit ausgewählten Dirigenten. Besonders mit René Jacobs verbindet das Ensemble seit rund 30 Jahren eine enge künstlerische Partnerschaft, aus der zahlreiche gefeierte Opern- und Oratorienproduktionen hervorgegangen sind. Weitere intensive Zusammenarbeiten bestehen mit den Dirigenten Marcus Creed, Daniel Reuss und Hans-Christoph Rademann, mit dem RIAS Kammerchor sowie mit Solisten wie Isabelle Faust, Anna Prohaska, Werner Güra und Bejun Mehta. Gemeinsam mit der Tanzcompagnie Sasha Waltz & Guests entstanden erfolgreiche Produktionen, etwa Dido & Aeneas (Musik: Henry Purcell) und Medea (Musik: Pascal Dusapin). Die Formation wurde mit vielen internationalen Schallplattenpreisen ausgezeichnet und erhielt 2014 die Bach-Medaille der Stadt Leipzig. In den Kammerkonzertender Stiftung Berliner Philharmoniker präsentierte die Akademie für Alte Musik Berlin zuletzt im Oktober 2018 Werke von Johann Bernhard und Johann Sebastian Bach.

Bernhard Forck studierte Violine bei Eberhard Feltz an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin. Von 1986 bis 1991 gehörte er dem Berliner Sinfonie-Orchester an. Bereits während des Studiums beschäftigte er sich intensiv mit Technik und Ästhetik barocker Spielweise auf der Violine und belegte Kurse bei Catherine Macintosh und Nikolaus Harnoncourt. Seit 1984 ist er Mitglied der Akademie für Alte Musik Berlin; 1985 wurde er einer ihrer Konzertmeister. 1992 begann Bernhard Forck eine Zusammenarbeit mit René Jacobs, z. B. bei Aufführungen barocker Opern an der Staatsoper Unter den Linden. Seiner solistischen Karriere kommt er insbesondere als Mitglied der Berliner Barock Solisten nach; darüber hinaus tritt er als Kammermusiker und Ensembleleiter mit den verschiedensten Formationen auf. 1995 gründete er das Manon-Quartett Berlin, um sich auch der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts zu widmen und hierbei insbesondere derjenigen der sogenannten Zweiten Wiener Schule. Von 2007 bis 2019 betreute Bernhard Forck das Händelfestspielorchester Halle als Musikalischer Leiter, vor allem im Rahmen der Konzertreihe Händel zu Hause. Die Vielseitigkeit seiner künstlerischen Tätigkeit ist auch durch zahlreiche CD-Einspielungen dokumentiert.

Isabelle Faust, 1972 in Baden-Württemberg geboren, gründete bereits im Alter von elf Jahren ein Streichquartett und gewann 1987 den Wettbewerb »Leopold Mozart« in Augsburg. Mit Christoph Poppen, dem langjährigen Primarius des Cherubini-Quartetts, suchte sie sich einen Lehrer, für den die Kammermusik ebenfalls ein zentraler Bestandteil der künstlerischen Arbeit ist. Ihre internationale Konzertkarriere begann, nachdem sie 1993 den »Premio Paganini« in Genua gewonnen hatte. Die Künstlerin von großer internationaler Ausstrahlung gastiert regelmäßig bei den bedeutendsten Orchestern der Welt. Auch mit den Berliner Philharmonikern war sie seit ihrem Debüt im Januar 2009 (unter der Leitung von Sakari Oramo) bereits mehrfach zu erleben, zuletzt im September 2019 als Solistin im Violinkonzert Alhambra von Peter Eötvös. Enge und nachhaltige Zusammenarbeiten verbinden sie mit Dirigenten wie Giovanni Antonini, Frans Brüggen, Sir John Eliot Gardiner, Bernard Haitink, Daniel Harding, Philippe Herreweghe, Andris Nelsons und Robin Ticciati sowie – im Bereich der Kammermusik – mit dem Pianisten Alexander Melnikov. Isabelle Faust konzertierte auch regelmäßig mit Claudio Abbado, unter dessen Leitung auch Einspielungen der Violinkonzerte von Beethoven und Berg entstanden, die mit dem »Diapason d’Or« und dem »Gramophone Award« ausgezeichnet wurden. Über das etablierte Repertoire hinaus ist Isabelle Faust eine begehrte Interpretin für die zeitgenössische Violinliteratur: Olivier Messiaen, Werner Egk und Jörg Widmann zählen zu den Komponisten, von denen sie Werke uraufgeführt hat. Leidenschaftlich engagiert sie sich auch für die Musik von György Ligeti, Morton Feldman, Luigi Nono und Giacinto Scelsi. In der Spielzeit 2019/2020 ist Isabelle Faust Artist in Residence im Royal Concertgebouw Amsterdam, in der Philharmonie Essen, im Centro Nacional de Difusión Musical Madrid und in der Philharmonie de Luxembourg.

Xenia Löffler, in Erlangen geboren und aufgewachsen, studierte an der Schola Cantorum Basiliensis Blockflöte (bei Conrad Steinmann) und Barockoboe (bei Katharina Arfken); später setzte sie das Oboenstudium bei Ku Ebbinge am Königlichen Konservatorium in Den Haag fort. Die Preisträgerin mehrerer Wettbewerbe gründete 1998 mit Studienkollegen das Amphion Bläseroktett, das bei internationalen Festivals auftritt und mittlerweile neun CDs eingespielt hat. Auf Einladung von Sir John Eliot Gardiner wirkte Xenia Löffler im Rahmen von dessen Bach Cantata Pilgrimage im Jahr 2000 als Erste Oboistin an zahlreichen Konzerten in Europa und den USA mit. Seit 2001 ist Xenia Löffler Erste Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, mit der sie regelmäßig auch als Solistin auftritt. Überdies konzertiert sie mit anderen Ensembles wie der Batzdorfer Hofkapelle, dem Collegium 1704 (Prag) und dem Händel-Festspielorchester (Halle) auf internationalen Konzert-Podien, etwa in der Wigmore Hall (London), der Carnegie Hall (New York), dem Teatro Colón (Buenos Aires) und dem Concertgebouw (Amsterdam). Xenia Löffler leitet die Klasse für historische Oboen an der Universität der Künstein Berlin und gibt Meisterkurse im In- und Ausland.

Akademie für Alte Musik (Foto: Uwe Arens)