Paavo Järvi (Foto: Julia Baier)

Paavo Järvi dirigiert die »Symphonie fantastique«

Die Romantik war nicht nur eine Epoche der Empfindsamkeit, sondern auch der radikalen Konzepte. Das zeigt kein Werk deutlicher als Hector Berlioz’ Symphonie fantastique. Zu erleben sind ein Drogenrausch, ein Mord aus Leidenschaft, eine Hinrichtung und ein Hexensabbat. Nicht weniger aufregend ist Berlioz’ Klangwelt: exzessiv, grell, brutal – und dann wieder von hinreißender Grazie. Paavo Järvi dirigiert zudem die Uraufführung eines Hornkonzerts von Hans Abrahamsen. Solist ist Stefan Dohr.

Berliner Philharmoniker

Paavo Järvi Dirigent

Stefan Dohr Horn

Igor Strawinsky

Scherzo fantastique op. 3

Hans Abrahamsen

Konzert für Horn und Orchester − Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker gemeinsam mit NHK Symphony Orchestra, NTR Zaterdag Matinee, Seattle Symphony Orchestra und Auckland Philharmonia Uraufführung

Stefan Dohr Horn

Hector Berlioz

Symphonie fantastique op. 14

Termine und Karten

Mi, 29. Jan 2020, 20.00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19.15 Uhr

Aboserie D

Do, 30. Jan 2020, 20.00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19.15 Uhr

Aboserie I

Programm

Stefan Dohr, Solohornist der Berliner Philharmoniker, liebt das klassische und romantische Repertoire. Sein Interesse gilt allerdings auch der zeitgenössischen Musik, für die er sich – als Interpret und Initiator neuer Werke – intensiv einsetzt. So brachte er die ihm gewidmeten Hornkonzerte von Herbert Willi (2008), Jorge E. López (2009), Johannes Wallmann (2010), Toshio Hosokawa (2011) und Wolfgang Rihm (2014) zur Uraufführung – das Konzert von Hosokawa, »Moment of Blossoming«, gemeinsam mit den von Sir Simon Rattle dirigierten Berliner Philharmonikern.

Nun steht eine weitere Premiere mit dem Orchester an: die Uraufführung des Hornkonzerts von Hans Abrahamsen. Der dänische Komponist, der zu den führenden Persönlichkeiten der Gegenwartsmusikszene seines Landes zählt, führt einen vielschichtigen musikalischen Dialog mit der Vergangenheit und pflegt ein Idiom poetisch-romantischer Intensität – wobei er sich in seinen Werken (wie die Titel October, Schnee, Wald, Storm og Stille usw. verraten) immer wieder auch auf Naturphänomene bezieht. Dirigent des Abends ist Paavo Järvi, der mit seinen ebenso differenzierten wie energiegeladenen Interpretationen das Publikum rund um den Erdball begeistert. Die Liebe zur Musik wurde ihm in die Wiege gelegt: 1962 als Sohn des Dirigenten Neeme Järvi in Tallinn geboren, studierte er zunächst Schlagzeug und Dirigieren, wobei er seine Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie bei Leonard Bernstein am Los Angeles Philharmonic Institute vervollständigte. Der langjährige Künstlerische Leiter der Kammerphilharmonie Bremen ist Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra in Tokio, ein Amt, das er ab dieser Spielzeit auch beim Tonhalle-Orchester Zürich übernimmt.

Nach der Pause widmen sich die Berliner Philharmoniker und Paavo Järvi der Symphonie fantastique vonHector Berlioz, die wie kaum ein zweites Werk der Musikgeschichte die Genrebezeichnung »Symphonische Dichtung« verdient. Fünf »Episode[n] aus dem Leben eines Künstlers« schildert das instrumentale Drama – allerdings nicht in der Realität, sondern in wirren Träumen. Heinrich Heine bezeichnete die Symphonie als »bizarres Nachtstück«, das »nur zuweilen erhellt wird von einer sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin- und herflattert, oder von einem schwefelgelben Blitz der Ironie«. Unbestimmte Leidenschaften werden hier in Klang gefasst, am radikalsten im Traum einer Sabbatnacht, dem fünften und letzten Symphoniesatz, der (wie Berlioz berichtete) »durch seine satanische Wirkung« bereits die Zeitgenossen überwältigte.

Über die Musik

Lebenswerk und Lebenswende: Neue Musik aus drei Jahrhunderten

Das Orchester klingt - das Scherzo fantastique op. 3 von Igor Strawinsky

Der 6. Februar 1909 sollte das Leben des damals 26-jährigen Igor Strawinsky schlagartig verändern. Bis dahin war er in der Musikwelt nahezu unbekannt: Er hatte nicht mit jugendlichen Geniestreichen für frühe Aufmerksamkeit gesorgt, sondern sein kompositorisches Handwerk gewissermaßen im stillen Kämmerlein erlernt, im Privatunterricht bei Nikolaj Rimsky-Korsakow – neben seinem Jurastudium. Nur einmal war bisher eine Arbeit von ihm öffentlich erklungen, die Gesangssuite Faune et bergère. An jenem schicksalhaften Februartag aber wurden gleich zwei Orchesterpartituren Strawinskys uraufgeführt, und dies auch noch in der vielbeachteten St. Petersburger Konzertreihe des Dirigenten und Pianisten Alexander Siloti: das Scherzo fantastique op. 3 und Feu d’artifice op. 4. Im Publikum saß Sergej Diaghilew, der berühmte Impresario und Gründer der Ballets russes: Er zeigte sich so beeindruckt, dass er Strawinsky sogleich um die Orchestrierung zweier Stücke von Chopin bat, die in das Ballett Les Sylphides Eingang fanden. Nur wenig später sprach Diaghilew dann den Auftrag zu Strawinskys erster großer Ballettmusik aus, zum Feuervogel: Eine der produktivsten Künstlerfreundschaften des 20. Jahrhunderts nahm ihren Anfang – und sollte Musikgeschichte schreiben.

Was hatte Diaghilew so sehr für diese »Gesellenstücke« des jungen Strawinsky und namentlich für das Scherzo fantastique eingenommen? Vergleicht man das zwischen Juni 1907 und März 1908 entstandene Scherzo mit den drei nur wenig später komponierten russischen Balletten, wirkt es noch konventioneller – Welten trennen seine unwirklich schillernde Klangsprache, die noch den Geist des Fin de Siècle atmet, von der brachialen Radikalität des Sacre du printemps. Andererseits stellt schon das Frühwerk Strawinskys das einzigartige Gespür des Komponisten für instrumentale Farben unter Beweis: Drei-bis vierfach besetzte Bläser, geteilte Streicher, drei Harfen und Celesta sieht die Partitur vor, wobei die unterschiedlichen Klangvaleurs charakteristisch herausgearbeitet werden. Rimsky-Korsakow, der im Juni 1908 verstarb, hatte das Autograf noch selbst durchgesehen, seinem Schüler gegenüber allerdings mit Anerkennung gegeizt. »Doch nach seinem Tod«, erinnerte sich Strawinsky später, »erzählten mir einige seiner Freunde, dass er sich sehr lobend über die Partitur des Scherzos geäußert habe.«

Gewiss enthält das Werk auch Reminiszenzen an die funkelnde Klangwelt Rimsky-Korsakows, sie erschöpfen sich indes nie im Epigonalen. Strawinsky habe, so formulierte es der russische Musikhistoriker Mikhail Druskin, »die vom Lehrmeister ausgehenden Strahlen nicht nur reflektiert, sondern auf eigene, originelle Weise gebrochen«. 50 Jahre nach der Vollendung des Scherzo fantastique brachte es sein Schöpfer übrigens selbst noch einmal als Dirigent zur Wiedergabe – und zeigte sich angenehm berührt: »Das Orchester ›klingt‹, die Musik ist licht auf eine Art, wie sie in Kompositionen jener Epoche selten zu finden ist.«

Das Horn singt – das Hornkonzert von Hans Abrahamsen

Lichte Musik zu schreiben, die rein klingt und klar, das ist auch das Ziel des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen. Und tatsächlich, wer etwa seine Ophelia-Szenen Let me tell you hört, die 2013 von Barbara Hannigan und den Berliner Philharmonikern unter Andris Nelsons uraufgeführt wurden, wird staunen angesichts der ätherischen Schönheit dieser Klangwelt, die so gar nicht zu den landläufigen Klischees von neuer Musik passen will. Let me tell you, ausgezeichnet mit dem renommierten Gravemeyer Award, avancierte zu einer der erfolgreichsten Kompositionen der letzten Jahre: Als der Londoner Guardian im September ein Ranking der besten Klassikwerke aus dem 21. Jahrhundert veröffentlichte, nahm Abrahamsens Liedzyklus darin sogar den ersten Platz ein.

Mit Let me tell you verbindet sich auch die Entstehungsgeschichte seines jüngsten Werks. Denn am Rande der Weltpremiere, im Dezember 2013, bot Hans Abrahamsen dem Solohornisten der Philharmoniker Stefan Dohr an, ein Konzert für ihn zu schreiben. Natürlich sagte Dohr gern zu und sorgte auch dafür, dass die Philharmoniker den entsprechenden Auftrag aussprachen. Bis der Däne die Arbeit aufnehmen konnte, vergingen zwar ein paar Jahre, denn er hatte zuvor noch Left, alone, sein Klavierkonzert für die linke Hand, und die Oper The Snow Queen zu komponieren. Im Sommer 2018 war es dann aber soweit. »Stefan Dohr besuchte mich für zwei Tage in Kopenhagen«, berichtet Abrahamsen. »Ich erklärte ihm, was mir vorschwebt, und er führte mir vor, was auf seinem Instrument alles möglich ist. Stefan hat ein immenses Können und eine unglaubliche Imaginationskraft, und so habe ich mir bei unserer Begegnung allerlei notiert. Danach habe ich mich allerdings zurückgezogen. Während des Kompositionsprozesses muss ich ganz in meiner eigenen Welt sein. Erst im September 2019 haben wir uns in Berlin wiedergetroffen. Ich zeigte Stefan die Partitur, und er spielte den Solopart für mich. Es war wunderbar.«

Das neue Hornkonzert ist für Hans Abrahamsen eine Art Lebenswerk, ein Stück Autobiografie. Denn er kam 1952 mit einer Beeinträchtigung seiner rechten Körperhälfte zur Welt, die es mit sich brachte, dass er nur zwei Finger der rechten Hand vollumfänglich bewegen und einsetzen kann. Als er dennoch Klavierunterricht erhielt, war er weitgehend auf die linke Hand beschränkt. Bis eines Tages »jemand meine Eltern fragte, warum ich es denn nicht mit dem Hornspiel versuchen wollte«, erzählt er. »Da braucht man die rechte Hand ja nur zum Tragen und Stützen des Instruments – die Ventile dagegen werden von der Linken bedient. So wurde das Horn zu meinem musikalischen Ich, und ich liebe seither seinen Klang. Als ich 16 war, nahm ich ein Hornstudium an der Royal Danish Academy of Music auf, parallel zu meinen ersten Kompositionen. Und als ich 1969 mein erstes eigenes Werk veröffentlichte, Oktober, war es nicht zufällig ein Stück für die linke Hand am Klavier und obligates Horn.«

Im Klavierkonzert Left, alone und im Hornkonzert reflektiert Hans Abrahamsen diesen Ausgangspunkt seines musikalischen Lebens. Weshalb beide Stücke auch eng miteinander verknüpft sind. »In Oktober muss der Pianist in einer Passage das rechte Klavierpedal halten, und der Hornist bläst dazu in den offenen Korpus des Flügels, auf die Saiten, sodass Resonanzen freigesetzt werden«, erläutert der Komponist den Bezug. »In Left, alone greife ich diesen Moment im vierten Satz auf, wenn das Klavier und das Solohorn im Orchester einen Dialog anstimmen und der Hornklang ›wie aus der Ferne‹ ertönt. Im Hornkonzert wiederum finden sich am Beginn des ersten Satzes ganz ähnliche Resonanzen, ein magischer Klang. Zwar steht der Solist hier vor dem Orchester, aber irgendwie tönt der Hornruf doch zugleich aus der Ferne zu mir.«

Magie und Natur sind die beiden Assoziationen, die Hans Abrahamsen am stärksten mit dem Horn verbindet, viel mehr als die Jagd oder den schmetternden Klang. Und natürlich – man denke nur an Webers Freischütz – kommt ihm die deutsche Romantik in den Sinn, der er sich ohnehin nahe fühlt: Das zeigen auch die zahlreichen deutschsprachigen Titel seiner Werke wie Märchenbilder, Schnee oder Winternacht. »Ich hätte das Konzert auch Wald nennen können«, meint er. Doch beließ er es lieber bei der neutralen Gattungsbezeichnung. Er habe die pastorale Aura des Horns betonen wollen, bekennt er, und auch Melodien exponiert, die sonst in der neuen Musik nur selten eine Rolle spielen. »Für Horn komponiere ich ganz ähnlich wie für die Gesangsstimme, die ebenfalls verschiedene Register durchquert. Die Erfahrungen, die ich bei meiner Oper The Snow Queen gesammelt habe, konnte ich wieder aufgreifen im Hornkonzert, das man auch als Oper in drei Szenen bezeichnen könnte. Das Horn singt hier.«

Als langsam strömenden Fluss mit einer weitgestreckten Melodie im Solohorn beschreibt Abrahamsen den ersten Satz. Doch im zweiten, der unruhig und schnell daherkommt, ändert sich der Charakter: »Ein Sturm baut sich auf und kulminiert, bis sich wieder alles beruhigt und in die Stille zurückfindet«, beschreibt er den Verlauf. »Das Finale beginnt abermals sehr langsam, wird allerdings zum Ende hin dramatischer und strebt in die Höhe. Und zum Schluss bringe ich ein paar kleine Grüße unter, an die beiden großen Meister des Hornkonzerts, an Mozart und Richard Strauss. Aber mehr will ich noch nicht verraten.« Anders als sein Lehrer György Ligeti, der im Hamburgischen Konzert auch die Verwendung des Naturhorns vorsah, lässt Abrahamsen den Solisten nur auf einem Ventilhorn spielen. Doch muss Stefan Dohr auf diesem Instrument nicht bloß die Töne der temperierten Skala abrufen, sondern auch Naturintervalle, die davon in der Tonhöhe geringfügig abweichen. Im modernen Ventilhorn ist bei Abrahamsen also zugleich sein naturhafter Vorfahr integriert.

So poetisch, delikat und schlicht Abrahamsens Musik auf den ersten Anschein wirken mag, so ist sie zugleich minutiös konstruiert und basiert auf genau ausgeklügelten Proportionen. Er vergleicht sein Arbeitsprinzip mit dem der dänischen Schriftstellerin Inger Christensen, die ihren Gedichtzyklus Det (dt. Das) auf einem feststehenden, von der Zahl acht geprägten Formmuster aufbaute und doch zu einer freien, poetischen Sprache fand. »Auch meine Musik ist sehr systematisch«, glaubt Hans Abrahamsen; »andererseits habe ich keine Angst vor Expressivität oder vor tonalen Klängen. Die Tonalität ist eine Möglichkeit auf der breiten Klangpalette, die uns Komponisten heute zur Verfügung steht; sie ist Teil unserer Welt, und man kann mit ihr sogar viel kompliziertere Musik schreiben als mit der Atonalität. Warum sollten wir sie also aussparen? Ich habe nie darauf verzichtet. Es ist doch alles nur eine Frage des Klangs.«

Die Welt versinkt – die Symphonie fantastique op. 14 von Hector Berlioz

Dieser Einschätzung hätte Hector Berlioz gewiss zugestimmt. Denn der französische Komponist war ein Klangmagier ohnegleichen, der insbesondere mit seiner Symphonie fantastique von 1830 eine musikhistorische Revolution bewirkte. Dies geschah zum einen dadurch, dass er instrumentale Effekte setzte, die bis dahin noch nie verwendet worden waren: von den aufrauschenden Harfen über den Einsatz einer Fernoboe bis zum col legno-Geklapper der Streicher. Zum anderen aber sprengte er zugleich die Grenzen der ganzen Gattung, weil er ein orchestrales Drama in fünf Sätzen oder Akten schuf und ihm ein außermusikalisches Programm von höchster Subjektivität beigab: In der Symphonie fantastique erzählt Berlioz seine eigene unglückliche Liebesgeschichte – ein musikalischer Ego-Trip von fast einer Stunde Spieldauer.

»Épisode de la vie d’un artiste« nannte Berlioz das Werk und verfasste dazu einen Handlungsablauf, der detailfreudig schildert, was in jedem der fünf Sätze passiert. Der »Held« ist ein junger Musiker, der sich unsterblich in eine für ihn unerreichbare Frau verliebt. Er begegnet ihr auf einem Ball wieder, wo er sie Walzer tanzen sieht. Dann zieht er sich in die Einsamkeit zurück, kann die Geliebte aber auch dort nicht vergessen. Weshalb er in seiner Verzweiflung schließlich Opium nimmt, um sich zu betäuben. Aber im Rausch überfallen ihn die schlimmsten Fieberfantasien. Er träumt, dass er die Geliebte ermordet habe und zum Tode verurteilt worden sei. Auf dem Richtplatz wird er mit dem Fallbeil geköpft. Und schließlich erlebt er zur Geisterstunde einen Hexensabbat, eine höllische Orgie, bei der die Geliebte mittanzt und die Welt im Irrsinn versinkt.

Um diese Geschichte darzustellen, erfand Berlioz ein neues musikalisches Mittel: Er präsentierte ein markantes Hauptthema, das sich in allen fünf Sätzen wiederfindet. Diese Idée fixe ist das Portrait der Geliebten und taucht immer dann auf, wenn der Künstler an sie denkt oder wenn er sie vor sich sieht. Richard Wagner sollte diese Technik später übernehmen mit den Leitmotiven, die seine Musikdramen durchziehen. Aber anders als Wagner, der die einmal festgelegte Gestalt der Leitmotive stets beibehält, führt Berlioz seine Idée fixe zu markanten Verwandlungen – und verkehrt sie am Ende, beim Hexensabbat, sogar in ihr charakterliches Gegenteil, wenn die sanft fließende, liebliche Weise plötzlich als Karikatur erklingt, als groteske und hämische Fratze, gespielt von der Es-Klarinette in hoher Lage, schnellem Tempo und punktiertem Rhythmus.

Da Berlioz in der Symphonie fantastique sein eigenes Schicksal vertonte, bezieht sich auch die Idée fixe auf eine ganz konkrete Person: auf die irische Schauspielerin Harriet Smithson. Berlioz begegnete ihr erstmals im Jahr 1827. Damals gastierte eine englische Theatertruppe in Paris und versetzte Frankreichs geistige Elite mit Aufführungen von Hamlet und Romeo und Julia in einen Shakespeare-Taumel. Auch der damals 23-jährige Musikstudent wurde von diesem Ereignis wie von einem Blitz getroffen. Aber mehr noch als das Dichtergenie Shakespeare war es die Darstellerin der Ophelia und Julia, die ihn überwältigte: besagte Harriet Smithson. Berlioz verliebte sich schlagartig in die drei Jahre ältere Darstellerin und begann, sie wie ein Stalker zu verfolgen: Er versuchte, Harriet so nahe wie möglich zu sein, mietete sich ein Zimmer gegenüber ihrem Domizil und überhäufte sie mit Liebesbriefen, die sie allerdings nie beantwortete.

Als die Truppe nach einer Weile weiterzog, blieb Berlioz allein zurück in seinem Liebeswahn und schrieb sich seinen Kummer mit der Symphonie fantastique von der Seele. Vielleicht war es dieser psychische Ausnahmezustand, der es ihm ermöglichte, allerlei klangfarbliche Experimente zu wagen. So präsentiert er etwa im dritten Satz, in der Scène aux champs, wenn sich der Held in die ländliche Einsamkeit zurückzieht, einen Dialog zwischen dem Englischhorn, das auf dem Konzertpodium sitzt, und der Oboe, die hinter der Bühne postiert ist und nur von fern in die Szene hineintönt. Mit solchen räumlichen Effekten sollte sechs Jahrzehnte später auch Gustav Mahler arbeiten. Und er griff noch in einem anderen Punkt auf seinen 57 Jahre älteren französischen Kollegen zurück: mit der Integration von Militärmusik in seine Symphonien. Bei Berlioz taucht sie prominent im vierten Satz auf: im Marche au supplice, dem Gang zum Richtplatz.

Der letzte Gedanke des zum Tode verurteilten Helden gilt dann natürlich der Geliebten. Weshalb Berlioz noch einmal die Idée fixe erklingen lässt, aber sie wird vorzeitig und jäh beendet durch einen brutalen Tuttischlag des Orchesters im Forte, mit dem bildlich das Fallbeil niedersaust. Vollends alle Register des Gruseligen zieht Berlioz dann im Finale beim Hexensabbat. Nicht nur, dass da um Mitternacht die Glocke zwölf schlägt und das mittelalterliche »Dies irae« angestimmt wird. Nein, der Satz beginnt schon gespenstisch mit den grummelnden Bässen sowie den in höchster Lage tremolierenden Geigen, und in diese zwielichtige Klangkulisse ruft auch noch unheilverkündend ein Käuzchen hinein. Kurz danach steigen die Toten aus den Gräbern und beginnen im mitternächtlichen Spuk mitzutanzen, man hört sogar ihre Skelette rappeln: Es sind die Streicher, die mit dem hölzernen Teil ihres Bogens, also col legno, auf die Saiten klopfen – ein knöcherner Klangeffekt. Kurzum: Berlioz’ Symphonie fantastique ist ein Spektakel für die Ohren. Und ein echtes Stück Zukunftsmusik.

Susanne Stähr

Biografie

Paavo Järvi, Jahrgang 1962, stammt aus Tallinn, der Hauptstadt Estlands, und studierte an der dortigen Musikhochschule sowohl Schlagzeug als auch Dirigieren. 1980 siedelte er in die USA über und vervollständigte seine Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie am Los Angeles Philharmonic Institute bei Leonard Bernstein. Nach Positionen als Erster Gastdirigent der Königlichen Philharmonie Stockholm und des City of Birmingham Symphony Orchestra war Paavo Järvi von 2001 bis 2011 Chefdirigent des Cincinnati Symphony Orchestra, dem er noch als »Music Director Laureate« verbunden ist. 2004 übernahm er die künstlerische Leitung der Kammerphilharmonie Bremen; von 2006 bis 2013 stand er zudem an der Spitze des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt, bevor er von 2010 bis 2016 als Musikdirektor das Orchestre de Paris leitete; 2010 gründete er das Estonian Festival Orchestra, das er ebenfalls leitet. Seit der Spielzeit 2015/2016 ist Paavo Järvi Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra in Tokio, mit der Spielzeit 2019/2020 übernahm er dieses Amt auch beim Tonhalle-Orchester Zürich. Der Künstler wurde vom französischen Kultusministerium zum »Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres« ernannt und vom Präsidenten Estlands mit dem »Orden vom weißen Stern« geehrt. Er ist ein gerngesehener Gast bei renommierten Orchestern wie dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dem New York Philharmonic und den Wiener Philharmonikern. Besonderes Engagement zeigt der Dirigent für die Musik estnischer Komponisten, beispielsweise von Arvo Pärt, Erkki-Sven Tüür, Lepo Sumera und Eduard Tubin. Paavo Järvis künstlerische Arbeit ist in vielen, zum Teil preisgekrönten CD-Aufnahmen dokumentiert. Am Pult der Berliner Philharmoniker gab er sein Debüt im Februar 2000, zuletzt dirigierte er das Orchester Mitte Oktober 2019; auf dem Programm standen Werke von Sibelius, Tschaikowsky und Schumann.

Stefan Dohr studierte in Essen und Köln; anschließend wurde er Solohornist im Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Es folgten Engagements in gleicher Position beim Bayreuther Festspielorchester, im Orchestre Philharmonique de Nice und beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Seit 1993 ist Stefan Dohr Solohornist der Berliner Philharmoniker. Darüber hinaus tritt er international als Solist auf und gastiert bei Orchestern wie dem Los Angeles Philharmonic, dem Schwedischen Radio-Symphonieorchester, den Philharmonischen Orchestern in Oslo, Shanghai und Osaka sowie dem NHK Symphony Orchestra. Hierbei arbeitete er u. a. mit Claudio Abbado, Marc Albrecht, Daniel Barenboim, Bernard Haitink, Daniel Harding, Sir Simon Rattle, John Storgårds und Christian Thielemann. Neben dem klassischen und romantischen Hornrepertoire gilt sein Interesse auch zeitgenössischen Werken: So brachte er ihm gewidmete Hornkonzerte u. a. von Herbert Willi (2008), Jorge E. López (2009), Johannes Wallmann (2010), Toshio Hosokawa (2011) und Wolfgang Rihm (2014) zur Uraufführung. Als Kammermusiker tritt er nicht nur mit seinen philharmonischen Kollegen auf, etwa im Ensemble Wien-Berlin und dem Philharmonischen Oktett, sondern auch mit Künstlern wie Ian Bostridge, Mark Padmore, Maurizio Pollini, Lars Vogt, Kirill Gerstein, Kolja Blacher und Guy Braunstein. Neben seiner Konzerttätigkeit unterrichtet Stefan Dohr an der Karajan-Akademie sowie als Gastprofessor an der Sibelius-Akademie Helsinki, am Royal College of Music in London und an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin.

Paavo Järvi (Foto: Julia Baier)

Stefan Dohr (Foto: Sebastian Hänel)

Hans Abrahamsen

Porträt des dänischen Komponisten

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