Noah Bendix-Balgley (Foto: Sebastian Hänel)

Kammermusik

Hommage an Josef Suk

Dieses Konzert rückt einen fast vergessenen Komponisten in den Fokus: den Tschechen Josef Suk, Schwiegersohn von Antonín Dvořák und eine der führenden Musikerpersönlichkeiten ihrer Zeit. Das Programm zeichnet Suks Entwicklung von seinem spätromantischen, noch unter dem Einfluss Dvořáks stehenden Klavierquartett bis zum avantgardistischen Zweiten Streichquartett nach. Mitwirkende sind philharmonische Musiker und Ensembles: der Erste Konzertmeister Noah Bendix-Balgley, das Philharmonische Streichquartett, das Philharmonia Klaviertrio Berlin, das Feininger Trio und das Venus Ensemble.

Philharmonia Klaviertrio Berlin

Feininger Trio

Noah Bendix-Balgley Violine

Venus Ensemble Berlin

Philharmonisches Streichquartett

Tamara Stefanovich Klavier

Josef Suk

Klavierquartett a-Moll op. 1

Philharmonia Klaviertrio Berlin, Philipp Bohnen Violine, Julia Gartemann Viola, Nikolaus Römisch Violoncello, Kyoko Hosono Klavier

Josef Suk

Erlebtes und Erträumtes, Zehn Stücke für Klavier op. 30

Tamara Stefanovich Klavier

Josef Suk

Klaviertrio c-Moll op. 2

Feininger Trio, Romano Tommasini Violine, David Riniker Violoncello, Adrian Oetiker Klavier

Josef Suk

Elegie Des-Dur op. 23a

Feininger Trio, David Riniker Violoncello, Adrian Oetiker Klavier, Romano Tommasini Violine

Josef Suk

Vier Stücke für Violine und Klavier op. 17

Noah Bendix-Balgley Violine, Tamara Stefanovich Klavier

Josef Suk

Klavierquintett g-Moll op. 8

Venus Ensemble Berlin, Kotowa Machida Violine, Rachel Schmidt Violine, Julia Gartemann Viola, Solène Kermarrec Violoncello, Özgür Aydin Klavier

Josef Suk

Meditation über den altböhmischen Choral »St.-Wenzeslaus« op. 35a

Philharmonisches Streichquartett, Dorian Xhoxhi Violine, Helena Madoka Berg Violine, Kyoungmin Park Viola, Christoph Heesch Violoncello

Josef Suk

Streichquartett Nr. 2 op. 31

Philharmonisches Streichquartett, Dorian Xhoxhi Violine, Helena Madoka Berg Violine, Kyoungmin Park Viola, Christoph Heesch Violoncello

Konzert mit zwei Pausen

Termine und Karten

Programm

»Um diesen Mißerfolg hat mich selbst Schönberg beneidet«, schrieb Josef Suk 1912 nach der Berliner Aufführung seines Zweiten Streichquartetts, bei der es zu Tumulten im Publikum kam. Ein Freund meinte, dieses Werk wirke so hypermodern, dass es der Zeit wenigstens zehn Jahre vorausgeeilt sei. Dass Josef Suk zu den bedeutendsten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt, wissen heute die wenigsten. Bei seinem Namen denken die meisten zunächst an den großartigen Geiger des weltberühmten Tschechischen Streichquartetts, an den Mann, der der Schwiegersohn Antonín Dvořáks und der Lehrer von Bohuslav Martinů war. Violinist, Pianist, Komponist, Lehrer – das vielseitige musikalische Talent des aus Böhmen stammenden Josef Suk zeigte sich schon früh. Bereits mit elf Jahren begann er sein Studium am Prager Konservatorium. In seinem letzten Studienjahr wurde er Schüler von Antonín Dvořák, bei dem er das erste Werk komponierte, das von ihm veröffentlicht wurde: sein Klavierquartett a-Moll op. 1.

Dieses Konzert mit Kammermusikwerken des tschechischen Komponisten, dem die Berliner Philharmoniker in dieser Saison einen programmatischen Schwerpunkt gewidmet haben, zeichnet Suks Entwicklung von seinem spätromantischen, noch unter dem Einfluss Dvořáks stehenden Klavierquartett zu jenem eingangs erwähnten, avantgardistischen Zweiten Streichquartett nach. Auf dem Weg dorthin entstanden das vom böhmischen Idiom inspirierte Klaviertrio c-Moll, das Klavierquintett g-Moll, das die Bewunderung von Johannes Brahms erregte, die transzendent anmutende Elegie Des-Dur, die Suk anlässlich des Todes des befreundeten Schriftstellers Julius Zeyer schrieb, sowie die Vier Stücke für Violine und Klavier, in denen der Komponist verschiedene Stimmungsbilder schuf – melancholisch, leidenschaftlich, mysteriös, humorvoll. Eine Sonderstellung in Suks Schaffen nimmt die Meditation über den altböhmischen Choral »St. Wenzeslaus« ein. Nur selten griff der Komponist auf vorgegebene Melodien zurück, in diesem Fall verwendete er einen bekannten tschechischen Kirchenhymnus aus dem 12. Jahrhundert, aus dem er ein kontemplatives, inniges musikalisches Gebet schuf.

Bei dieser Hommage an Josef Suk wirken philharmonische Musiker und Ensembles mit: der Erste Konzertmeister Noah Bendix-Balgley, das Philharmonische Streichquartett, das Philharmonia Klaviertrio Berlin, das Feininger Trio und das Venus Ensemble.

Über die Musik

Leben und Träume

Josef Suk und seine Kammermusik

Impressionen eines Jahres

1874 war ein Jahrhundertjahrgang der Musik: Am 4. Januar wurde in Křečovice Josef Suk geboren – in der Nähe von Prag und nicht weit von dem Ort entfernt, in dem 14 Jahre zuvor Gustav Mahler das Licht der Welt erblickt hatte. Schauplatz von Suks Leben ist überwiegend jenes Habsburgerreich, in dem, um es mit Joseph Roth zu sagen, nur einmal in der Woche »Österreich war« – nämlich dann, wenn die Blaskapellen in den Bezirksstädten sonntags den Radetzkymarsch spielten. In der Hauptstadt dieses todgeweihten Reichs, in Wien, erholte man sich gerade von einem Börsenkrach; der Südbahnhof, dessen Gleise ins österreichische Küstenland führten, wurde eröffnet, während die Zeitgenossen die soeben vorgestellte Fledermaus von Johann Strauss nicht mehr aus dem Kopf bekamen: glücklich ist, wer vergisst …

Unterdessen musste man in Paris zu einer Wortschöpfung greifen, um für Claude Monets Gemälde Impression, soleil levant die passende Schmähung zu finden. Dieser Neologismus wurde gleichfalls zum musikalischen (Kampf-) Begriff, gegen den auch Suks Werk nicht gefeit war: »Impressionismus«. 7000 Kilometer weiter südwestlich, in Caracas, kam am 9. August ein Komponist zur Welt, der Paris verzaubern und insbesondere Marcel Proust in seinen Bann schlagen sollte: Reynaldo Hahn. Wien zog am 13. September mit Arnold Schönberg nach, Cheltenham erlebte acht Tage später die Geburt von Gustav Holst, während es die Sterne fügten, dass am 20. Oktober in Danbury, Connecticut, Charles Ives seinen ersten Atemzug tat. Am 22. Dezember schloss Franz Schmidt in Pressburg den Kreis – ein Komponist, der von seinen Lebensdaten wie auch von seiner Position zwischen Romantik und Moderne her zum Vergleich mit Josef Suk einlädt.

Anders als Ives und Schönberg ist Suk nicht als prägender Komponist dieser Epoche in die Geschichte eingegangen. Er war kein Mann, der sich neuer Methoden mit Sendungsbewusstsein bediente wie Arnold Schönberg; er war aber auch keiner derjenigen Vertreter seiner Zunft, die ein lukratives Gewerbe ausübten und nach Feierabend radikale Werke für die Schublade komponierten wie der Versicherungsunternehmer Charles Ives. Als praktizierender Musiker und gesuchter Lehrer musste er sich das Komponieren seinem aufopferungsvoll erfüllten Brotberuf abringen. (Ein Schicksal das er mit Franz Schmidt teilte.)

Dieser bestand zunächst in der unspektakulär anmutenden Position eines zweiten Geigers des Böhmischen Streichquartetts. Wenn man sich aber vor Augen führt, dass Suk das komplexe Streichquartett Nr. 2 fast beiläufig seinen Mitspielern widmete, ahnt man, dass es sich um ein besonderes Ensemble und um einen besonderen Sekundgeiger gehandelt haben muss – der auf einer Stradivari spielte und am Prager Konservatorium lehrte, wo Bohuslav Martinů zu seinen Schülern zählte.

Suk selbst war bei einem der Großen in die Lehre gegangen, der in seinem Leben als Vorbild und Schwiegervater eine entscheidende Rolle spielen sollte: Antonín Dvořák. Dessen Tod 1904 und der Verlust von Suks Frau Otilie, Dvořáks ältester Tochter, die im Jahr darauf starb, stürzten den Komponisten in eine tiefe Krise. Aus ihr ging die Asrael-Symphonie als orchestrales Meisterwerk des frühen 20. Jahrhunderts hervor. Nach diesen Schicksalsschlägen komponierte Suk noch rund 15 Jahre; immer größer und seltener wurden die Werke, die der einst unbefangen arbeitende Meister der Kammermusik schuf, ehe er sich für weitere 15 Jahre auf das Musizieren und Unterrichten konzentrieren sollte.

Klaviertrio c-Moll op. 2

Suks Annäherung an das Handwerk des Komponisten vollzog sich in mehreren Stufen: Gefördert von seinem Vater, einem Lehrer und universellen Musiker, wurde er im Alter von elf Jahren als Violinstudent an das Prager Konservatorium aufgenommen. Tonsatz stand erst später auf dem Lehrplan, ergab sich in der Praxis aber durch private Kammermusikabende von selbst – in diesem Fall im Haus des Arztes Heřman Hersch. Im Frühjahr 1889 hatte der jugendliche Musiker sein c-Moll-Trio vollendet – oder glaubte das zumindest. Unter den Fittichen seines Lehrers Karel Strecker überarbeitete er das Werk, strich einen Satz und brachte es zur öffentlichen Aufführung. Nachdem Suk in Dvořáks Klasse gekommen war, revidierte er das Trio nochmals, publizierte es aber erst 1907.

Ein Miniatur-Violinkonzert ist dieses Trio jedenfalls nicht, denn selbstbewusste Stimmen schreibt Suk auch für Cello und Klavier – letztes beherrschte er ebenfalls konzertreif. Und zumindest in den Ecksätzen weist das Trio immer wieder symphonische Züge auf und lässt als weiteres Vorbild Johannes Brahms erkennen. Dem Es-Dur-Andante ist salonhafter Charakter nicht fremd, zu dem auch der an einen Tango erinnernde Grundrhythmus beiträgt.

Klavierquartett a-Moll op. 1

Von einer Aufführung des Klaviertrios war Dvořák so angetan, dass er seinem Schüler das obligatorische Variationenwerk erließ und stattdessen ein Klavierquartett akzeptierte. Auffallend ist die Systematik, mit der sich Suk die Gattungen erschloss: Zuerst eine Ballade für Violine und Klavier, dann das Klaviertrio, gefolgt von Klavierquartett und Klavierquintett, dem sich wiederum ein Orchesterwerk anschloss: das Wintermärchen nach Shakespeare.

Das Klavierquartett a-Moll schrieb Suk in kurzer Zeit nieder – und wie Dvořák darauf in seiner Prager Klasse reagierte, schilderte Suk so: »Ich setzte mich ans Klavier, spielte und sang den zweiten Satz […], und eine wundersame Stille trat ein, die mich verwirrte. Ich schaute mich rings um und sah, wie die ganze Klasse versammelt um das Klavier stand und mich ernst anblickte. Ich sah den Meister auf mich zukommen und spürte plötzlich seinen Kuss auf meiner Wange und hörte ihn sagen: ›Sie Prachtkerl‹. Und dies entschied über mein ganzes Leben.« In einem Gutachten lobte Dvořák seinen Schüler noch mehr: »Namentlich das Quartett a-Moll […] glänzt nicht nur durch Reichtum an dramatischen Gedanken, sondern auch die Durcharbeitung der wichtigsten Themen verrät überall einen ziemlich reifen Musiker […].«

Diese Worte galten wohlgemerkt einem 17-Jährigen, der nicht nur mit melodischer Erfindung, sondern auch mit formaler Geschlossenheit hervortrat. Das Werk ist weniger locker gefügt als sein Vorgänger, der Tonfall ist teils aufgewühlt und dramatisch, dem intensiven Gesang des langsamen Satzes folgt ein erst tänzerisches, dann zunehmend triumphales Finale. Es lag nahe, dass Suk dieses Werk, das als sein erstes gedruckt wurde, dem Lehrer und väterlichen Freund Dvořák widmete – doch kurioserweise wurde die erste Niederschrift einem anderen Dvořák dediziert: einem Prager Geigenbauer, der sich später durch die Vermittlung einer Stradivari erkenntlich zeigen sollte.

Klavierquintett g-Moll op. 8

Der 14. März 1895 muss ein besonderes Datum für Josef Suk gewesen sein, denn an diesem Tag wurde sein Klavierquintett im Wiener Bösendorfer-Saal in der Gegenwart von Johannes Brahms aufgeführt. Dessen Urteil war gefürchtet – vor allem dann, wenn es ausblieb oder sich lediglich auf die Güte des Notenpapiers bezog. Jedoch widerfuhr neben Alexander von Zemlinsky auch Josef Suk die Ehre, von Brahms gefördert zu werden: Einer der bedeutendsten Komponisten dieser Zeit erkannte das Potenzial, das der 19-jährige Böhme nach Wien mitgebracht hatte. Zum Dank ließ der junge Komponist das g-Moll-Quintett mit dieser Vorbemerkung drucken: »Dr. Johannes Brahms ehrfurchtsvoll gewidmet.«

Inzwischen hatte Suk mit drei anderen Absolventen des Prager Konservatoriums, Karel Hoffmann, Oskar Nedbal und Otto Berger, das Böhmische Streichquartett gegründet, das sich rasch etablierte und gerne mit Pianisten zusammenspielte; neben dem »Hauspianisten« Josef Jiránek musizierten auch Ferruccio Busoni und Artur Schnabel mit den Böhmen. Da Suk die kompositorische Arbeit auf Tourneen schwerfiel, konzentrierte er sich auf die Sommermonate, die er in seinem Geburtsort zu verbringen pflegte. Dort ging sein Vater dem berühmt gewordenen Sohn als Notenkopist zur Hand.

Mit der Anzahl der Instrumente hat im Quintett auch die Komplexität zugenommen. Der Tonfall wirkt weniger theatralisch, der Schwerpunkt verlagert sich auf die strukturelle Ebene – Brahms hatte mit Suk über eines seiner zentralen kompositorischen Anliegen, die Ökonomie der Mittel, gesprochen. Solche Überlegungen führten bei dem selbstkritischen Komponisten allerdings zu einer steigenden Unzufriedenheit mit dem Quintett, das er 1915 in einer zweiten Fassung vorlegte.

Vier Stücke für Violine und Klavier op. 17

Das erste Werk der heutigen Auswahl, das Suk nicht mehr als Teenager schrieb, ist die Sammlung von Stücken für Violine und Klavier op. 17. Dank der Fürsprache von Brahms war er inzwischen ein Autor des berühmten Simrock-Verlags, welcher aus kommerziellen Gründen allerdings die vier zusammenhängenden Piéce jeweils einzeln veröffentlichen wollte. Suk setzte als Kompromiss eine paarweise Publikation in zwei Heften durch.

In der Tat sind diese Sätze zwar nicht durchkomponiert, aber eben auch nicht kompiliert. Darüber hinaus hat sich Suks Musiksprache zur Jahrhundertwende – geschrieben 1900, uraufgeführt 1901 – merklich weiterentwickelt: Die Tonarten der Stücke korrespondieren weder untereinander, noch sind sie in sich immer stabil. Die Klangrede wird knapper und weist damit auf die verdichteten Arbeiten voraus, die in Schönbergs Schule bald zur bevorzugten Gattung werden sollten. Die Virtuosität wandelt sich vom Gefälligen zum Grotesken, insbesondere in der Burleske, einem kapriziösen Perpetuum mobile, in dem die Geige mit dem Klavier sempre staccato durch die Register rast.

Suk widmete dieses brillante Werk seinem Quartett-Kollegen Karel Hoffmann, den er bei der Uraufführung im Prager Rudolfinum auch am Klavier begleitete – zwei Vollblutmusiker auf neuen Bahnen.

Elegie Des-Dur für Klaviertrio op. 23 a

»Suk war ein ganz unliterarischer Musiker«: Diese Feststellung Ludwig Finschers lässt sich durch Suks Werkverzeichnis belegen, in dem Vokalkompositionen und Bühnenstücke keine große Rolle spielen – anders als Orchester-, Kammer- und Klaviermusik. Dass etliche dieser Stücke Tondichtungen sind, ändert nichts an dem pointierten Befund des Musikwissenschaftlers, denn die zugrunde liegenden Programme sind eher assoziativ als literarisch. Eine Sonderstellung nehmen jene Werke ein, die sich auf Julius Zeyer beziehen: Dieser war trotz seines deutsch-französischen Hintergrunds zu einem prägenden Schriftsteller der tschechischen Sprache geworden, anregend auch für Leoš Janáček, der seine Oper Šárka nach einem Drama Zeyers komponierte.

Ein Jahr nach Zeyers Tod, 1902, fanden in Prag große Gedenkfeiern statt, bei denen auch ein »Tableau vivant« nach Zeyers Versepos Vyšehrad dargeboten wurde. Als Vorspiel dazu steuerte Suk eine kurze Elegie in Des-Dur bei, die in einer Ensemblefassung und in einem eigenem Arrangement für Klaviertrio existiert. Das harmonisch aparte Werk steigert sich zu volltönendem Klagegesang, ehe es »mysterioso« endet.

Leben und Träume, 10 Stücke für Klavier op. 30

Nach der Vyšehrad-Musik war die Zeit der sanften Elegien vorbei. Der epochale Wandel der Musiksprache um 1910 machte vor Suks Werk nicht Halt, derweil sich der Komponist auch unter dem Eindruck des Todes seiner Frau und seines Schwiegervaters neue Ausdrucksbereiche erschloss. Die Asrael-Symphonie und die Tondichtung Ein Sommermärchen legen davon Zeugnis ab, ebenso sein Klavier-Hauptwerk Leben und Träume. Suk schrieb den umfangreichen Zyklus nach Beendigung des Sommermärchens und nach einer Spanien-Tournee im heimischen Křečovice sowie in Prag, wo er das Werk 1910 selbst zur Uraufführung brachte.

Als Titel hatte Suk zunächst »Zehn intime Klavierstücke« vorgesehen, entschied sich dann aber für die poetischere Bezeichnung und gab dem Notenheft folgende Anweisung mit: »Bei der öffentlichen Aufführung ist nicht nur das Tempo, sondern auch die in Klammern angeführte Ausdrucksbezeichnung anzugeben.« Diese Angaben verweisen einerseits auf den Themenkreis, mit dem sich Suk damals auseinanderzusetzen hatte (»Zur Genesung meines Sohnes«; »Den vergessenen Grabhügeln auf unserem Dorffriedhofe«), und fallen andererseits durch eine leicht skurrile Note auf (»Unruhig, schüchtern, nicht allzu ausdrucksvoll«; »Fein und geschwätzig«; »Lispelnd und geheimnisvoll« etc.). Zusammen mit der seltsamen Mischung aus Choralfragmenten, verträumten Tänzen und einer wie dahin gepfiffenen Pseudo-Salonmusik lässt das stellenweise an Erik Satie denken, wie überhaupt dieses Werk auf eine Auseinandersetzung Suks mit französischer Musik hindeutet.

Streichquartett Nr. 2 op. 31

Für den Geiger Carl Flesch war das Böhmische Streichquartett ein »Wendepunkt in der Geschichte des Quartettspiels«. Seien Quartette bis dahin »hauptsächlich eine Folie für den dominierenden Primus« gewesen, hätten die jungen Musiker aus Prag »vollkommen gleichwertig, mit unerhörter Intensität, Frische und technischer Vollkommenheit das Blaue vom Himmel« heruntermusiziert. Ideale Voraussetzungen für Josef Suk, um für seine Kollegen – im Anschluss an den Zyklus Leben und Träume – mit dem Zweiten Streichquartett ein wahrhaft ungewöhnliches Werk zu schreiben. Die 1910 begonnene und 1912 uraufgeführte Komposition besteht aus einem einzigen großen Satz von etwa einer halben Stunde Dauer und ist mit dem d-Moll-Quartett von Arnold Schönberg (1905) oder dem Zweiten Quartett Alexander von Zemlinskys (1910/1915) verwandt. Und wie bei den Wiener Zeitgenossen dienen auch Suk klassische Modelle als Ausgangspunkt einer neuen, übergreifenden Form, die hier von einem mehrfach wiederkehrenden choralartigen Abschnitt gegliedert wird. Der Sonatensatz kann dabei, so der Suk-Forscher Zdeněk Nouza, als »rahmengebende Grundlage« betrachtet werden.

Eigentlich hatte die Uraufführung des Quartetts in Berlin stattfinden sollen, aber Suk bevorzugte stattdessen ein Prager »Heimspiel« – offenbar zu Recht, denn bei der späteren Berliner Aufführung entfachte das Werk »einen ungewohnt heftigen Widerstreit der Meinungen«, wie im Berliner Tageblatt zu lesen war: Suk habe »als Komponist verhältnismäßig zahm begonnen, aber seine Musik ist dann immer persönlicher, freilich auch schwerer zugänglich geworden. Charakteristisch ist, dass das Nationale bei ihm nicht eine so entscheidende Rolle wie bei den meisten seiner Landsleute spielt. Schon das sollte ihn uns sympathisch machen.«

Meditation über den altböhmischen Choral »St. Wenzeslaus« op. 35 a

Nur zwei Jahre nach der Diskussion um das Zweite Streichquartett war das Nationale aus dem Musikleben kaum noch hinwegzudenken. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde es im Habsburgerreich üblich, Konzerte mit der Kaiserhymne einzuleiten – auch in den erwähnten Landesteilen, in denen nur einmal in der Woche »Österreich war«. Das Böhmische Streichquartett entsprach dieser ungeliebten Pflicht auf subtile Weise, indem es zuerst den entsprechenden Satz des Kaiserquartetts von Joseph Haydn spielte und dann – erstmals am 27. September 1914 – ein unangekündigtes Gegenstück zu Gehör brachte: die Meditation über den altböhmischen Choral »St. Wenzeslaus«. Die Idee zu dieser inoffiziellen Hymne hatte der mit Suk befreundete Arzt Ferdinand Pečírka; Grundlage war das schwerlich angreifbare Kirchenlied Heiliger Wenzel (»Svatý Václave«), mit dem schon im Mittelalter der Schutzpatron des Landes angerufen worden war. Die instrumentale Paraphrase, die Suk einer modernisierten Form dieses Chorals angedeihen ließ, scheint in all ihrer Intensität die Grenzen des Quartetts auszuloten – weshalb der Komponist sein Stück auch für Streichorchester bearbeitete. Es sollte 1918 das erste Werk werden, das die Tschechische Philharmonie in der neuen Tschechoslowakischen Republik spielte – als Gruß aus der »Welt von Gestern«.

Olaf Wilhelmer

Biografie

Das Philharmonia Klaviertrio Berlin wurde 2013 anlässlich eines Lunchkonzerts in der Berliner Philharmonie gegründet. Kyoko Hosono und Nikolaus Römisch musizieren bereits seit über 20 Jahren als festes Duo, mit Philipp Bohnen erweiterten sie ihre Formation zum Trio. Der Repertoire-Schwerpunkt des Ensembles liegt bei den Klassikern der Gattung Klaviertrio, doch auch Unbekanntes und Neues werden in die Programme aufgenommen. Inzwischen war das Trio nicht nur in Berlin, sondern auch in Baden-Baden und Japan zu hören. Nach seinem Violinstudium, das er in Essen und Berlin absolvierte und mit dem Konzertexamen abschloss, wurde Philipp Bohnen Stipendiat der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker. Im Januar 2008 nahm ihn das Orchester in die Gruppe der Zweiten Violinen auf. Der Cellist Nikolaus Römisch studierte in seiner Heimatstadt Berlin und musizierte unter anderem im Jugendorchester der EU und im Orchester der Deutschen Oper Berlin, bevor er im Januar 2000 Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde. Die Japanerin Kyoko Hosono erhielt ihre Ausbildung an beiden Berliner Musikhochschulen. Ausgestattet mit dem Konzertexamen bestritt sie mehrere kammermusikalische Konzertreihen sowie zahlreiche Solo-Auftritte und Klavierabende in Europa und Japan. Seit 2005 unterrichtet die Pianistin als Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock.

Das Feininger Trio wurde 2005 von Adrian Oetiker (Klavier), Christoph Streuli (Violine) und David Riniker (Violoncello) gegründet. Namenspatron des Ensembles ist der Maler, Grafiker und Mitbegründer des Bauhauses, Lyonel Feininger, dessen Berliner Atelier sich unweit des Probenortes des Ensembles im Stadtteil Zehlendorf befand. Seiner Persönlichkeit wie auch seinem Schaffen fühlen sich die Mitglieder eng verbunden. Die drei Musiker kennen sich seit ihrer Studienzeit in der Schweiz und haben zuvor in unterschiedlichen Formationen kammermusikalische Erfahrung gesammelt. Neben der stilistischen Vielfalt sind klangliche Wärme, Expressivität und Raffinement, aber auch das Ausloten der Grenzbereiche Grundlagen ihrer Interpretationen. Das Feininger Trio spielt regelmäßig bei den Festivals in Baden Baden und Zürich und debütierte 2019 beim »Prager Frühling«. Bisherige programmatische Schwerpunkte waren z. B. das Trio-Schaffen von Johannes Brahms, Musik aus Böhmen (nachzuhören auf der 2013 erschienenen CD-Aufnahme mit Werken von Suk, Dvořák und Smetana) sowie Kompositionen von Debussy und Ravel. In einem weiteren Programm widmete sich das Trio gemeinsam mit der Schauspielerin Katharina Thalbach den Trios von Schubert und Chopin mit Lyrik von Rilke, Benn und Lasker-Schüler.

Das Venus Ensemble Berlin trat am 20. Januar 2003 mit Werken von Sofia Gubaidulina, Zoltán Kodály und Dmitri Schostakowitsch erstmals im Rahmen der philharmonischen Kammerkonzerte auf. Drei Musikerinnen der Berliner Philharmoniker hatten sich seinerzeit mit ebenfalls in Berlin wirkenden Kolleginnen zusammengefunden, um in der nach wie vor überwiegend von Männern beherrschten Bastion Kammermusik eigene Räume für sich zu erschließen. Die Grundidee des Ensembles ist es, dem Musizieren in kleineren und gleichwohl variablen Besetzungen ein Forum zu schaffen, das allen weiblichen Mitgliedern der Berliner Philharmoniker offen steht und das in seine Projekte neben Streichinstrumenten und Klavier weitere Instrumente wie Horn, Harfe, Flöte oder Fagott mit einbezieht. Inzwischen hat sich das Venus Ensemble auch über Berlin hinaus im Konzertleben große Wertschätzung erworben. Im heutigen Konzert tritt das Ensemble mit Kotowa Machida und Rachel Schmidt (Violine), Julia Gartemann (Viola) sowie Solène Kermarrec (Cello) als Streichquartett auf, das durch den türkisch-amerikanischen Pianisten Özgür Aydin zum Klavierquintett erweitert wird.

Das Philharmonische Streichquartett repräsentiert die junge Musikergeneration der Berliner Philharmoniker: kosmopolitisch, vielseitig und künstlerisch passioniert. Aus dem Wunsch heraus, mit Hingabe und in herausragender klanglicher Qualität gemeinsam zu musizieren und ihre Zuhörer zu begeistern, gründeten die Jungphilharmoniker Helena Madoka Berg, Dorian Xhoxhi (Violine) und Kyoungmin Park (Viola) im Winter 2018 ein neues Quartett. Die Musiker sind sich bewusst, dass sie in große Fußstapfen treten: Denn mit dem Philharmonischen Streichquartett führen sie die Tradition der Ensembles der Berliner Philharmoniker fort, Kammermusik auf höchstem Niveau zu machen. Für frische Impulse sorgt dabei der Cellist Christoph Heesch, der seine Erfahrung als Solist in diesen intimen Rahmen des Musizierens einbringt. Die vier Musiker haben jeweils verschiedene hochkarätige Wettbewerbe gewonnen und bereits in unterschiedlichen kammermusikalischen Formationen mitgewirkt. Das Philharmonische Streichquartett bietet ihnen die Möglichkeit, ihren ganz eigenen musikalischen Ausdruck zu gestalten. Dabei fühlen sie sich weniger einem bestimmten Stil als ihrer Virtuosität verpflichtet.

Noah Bendix-Balgley stammt aus Asheville, North Carolina, und erhielt seinen ersten Geigenunterricht mit vier Jahren. Bereits als Neunjähriger spielte er Yehudi Menuhin vor, später studierte er an der Indiana University, dann an der Münchner Musikhochschule bei Mauricio Fuks, Christoph Poppen und Ana Chumachenco. Er war Preisträger zahlreicher Wettbewerbe, u. a. des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel. Von 2011 bis 2014 Konzertmeister des Pittsburgh Symphony Orchestra, kam Noah Bendix-Balgley im September 2014 als Erster Konzertmeister zu den Berliner Philharmonikern. Auch als Solist hat er mit namhaften Orchestern zusammengearbeitet, etwa dem Orchestre philharmonique de Radio France und dem Orchestre National de Belgique. Der leidenschaftliche Kammermusiker tritt auch im genreübergreifenden Septett Philharmonix und im Trio mit Peter Wiley und Robert Levin auf. Mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Manfred Honeck brachte er im Juni 2016 sein eigenes Klezmer-Konzert Fidl-Fantazye zur Uraufführung.

Tamara Stefanovich wurde zunächst an der Universität Belgrad ausgebildet, wo sie neben Klavier auch Psychologie, Soziologie und Pädagogik studierte, ehe sie am Curtis Institute (Philadelphia) und an der Musikhochschule Köln ihr Klavierstudium fortsetzte. Die Pianistin konzertierte u. a. mit dem Cleveland und dem Chicago Symphony Orchestra, dem London Symphony und Philharmonic Orchestra, dem Chamber Orchestra of Europe und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Regelmäßig tritt sie in renommierten Konzertsälen und bei hochkarätigen Festivals auf, etwa in der Carnegie Hall in New York, der Wigmore Hall in London, beim Lucerne Festival und bei den Salzburger Festspielen. Eine fruchtbare Zusammenarbeit verbindet Tamara Stefanovich mit den Komponisten György Kurtág, Hans Abrahamsen und George Benjamin. Im September 2018 brachte sie mit dem hr-Sinfonieorchester das Klavierkonzert Der Blick des Abwesenden von Zeynep Gedizlioğlu zur Uraufführung. Zu ihren kammermusikalischen Partnern zählen Patricia Kopatchinskaja, Pierre-Laurent Aimard und Matthias Goerne; regelmäßig arbeitet sie auch mit Dirigentinnen und Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen, Vladimir Jurowski und Susanna Mälkki.

Dominik Maringer wurde 1978 in Innsbruck geboren und wuchs in Oberösterreich auf. Er besuchte das Musikgymnasium Linz und studierte Geige und Klavier am Brucknerkonservatorium. Nach dem Abitur absolvierte er ein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Erste Gastspiele führten ihn u. a. ans Thalia-Theater und ans Schauspielhaus der Hansestadt sowie ans Schauspiel Frankfurt. Von 2006 bis 2009 war er Ensemblemitglied am Schauspielhaus Graz, anschließend fünf Jahre lang am Schauspiel Hannover. Seit 2014 lebt Dominik Maringer als freischaffender Schauspieler in Berlin, mit Engagements am Schauspielhaus Zürich, Staatsschauspiel Dresden und in Hannover. Darüber hinaus arbeitet er als Sprecher für Hörfunk und Hörbücher und entwickelt eigene Theaterabende. Außerdem arbeitet Dominik Maringer regelmäßig für Film und Fernsehen, so z. B. im Wiener Tatort »Die Faust«, im Kinofilm Manaslu (2018) und als österreichischer Innenminister in der TV-Serie M –Eine Stadt sucht einen Mörder (Regie: David Schalko).

Noah Bendix-Balgley (Foto: Sebastian Hänel)

Feininger Trio (Foto: privat)

Philharmonia Klaviertrio (Foto: Stephan Roehl)

Philharmonisches Streichquartett (Foto: privat)