Marlis Petersen (Foto: Yiorgos Mavropoulos)

Kammermusik

»Anderswelt«: Liederabend mit Marlis Petersen und Camillo Radicke

Marlis Petersen, Artist in Residence 2019/2020, und der Pianist Camillo Radicke entführen das Publikum in die geheimnisvolle Welt der Nixen und Nöcke, Elfen und Trolle, Luftgeister und Nordlichter, kurz, in eine Anderswelt – mit einer Auswahl an Werken von der Romantik bis zur klassischen Moderne, in denen sich bekannte und unbekannte Komponisten von rauschenden Bäumen und Bächen, nächtlichen Sternenhimmel und Waldeinsamkeit zu stimmungsvollen, atmosphärisch dichten Liedern inspirieren ließen.

Marlis Petersen Sopran

Camillo Radicke Klavier

Artist in Residence

Anderswelt

Hans Pfitzner

Lockung op. 7 Nr. 4

Nixen und Nöck

Hans Sommer

Lore im Nachen op. 13 Nr. 1

Edvard Grieg

Mit einer Wasserlilie op. 25 Nr. 4

Hermann Reutter

Einsame Nixe aus Neun Lieder nach Gedichten von Ricarda Huch

Carl Loewe

Der Nöck op. 129 Nr. 2

Christian Sinding

Ich fürcht' nit Gespenster op. 1 Nr. 3

Harald Genzmer

Stimmen im Strom, Nr. 3 aus dem Liederbuch

Elfen I

Max Reger

Maiennacht op. 76 Nr. 15

Bruno Walter

Elfe

Nikolaj Medtner

Elfenliedchen op. 6 Nr. 3

Julius Weismann

Elfe op. 43 Nr. 4

Carl Loewe

Irrlichter op. 62 Nr. 6

Johannes Brahms

Sommerabend op. 85 Nr. 1

Elfen II

Hugo Wolf

Gedichte von Eduard Mörike: Nr. 16 Elfenlied

Friedrich Gulda

Elfe aus Vier Eichendorff-Lieder

Carl Loewe

Die Sylphide, Nr. 2 aus op. 9, Heft X

Franz Schreker

Spuk op. 7 Nr. 4

Hermann Zumpe

Liederseelen, Nr. 2 aus Fünf Lieder

Alexander Zemlinsky

Und hat der Tag all seine Qual op. 8 Nr. 2

Nordlichter

Carl Nielsen

Ariels Sang

Christian Sinding

Majnat op. 22 Nr. 3

Wilhelm Stenhammar

Fylgia op. 16 Nr. 4

Aarre Merikanto

Kesäyö

Yrjö Kilpinen

Berggeist op. 99 Nr. 3

Sigvaldi Kaldalóns

Hamraborgin

Termine und Karten

Programm

Ein fulminanter Einstand: Zum Saisonstart sang Marlis Petersen, Artist in Residence 2019/2020, unter der Leitung von Kirill Petrenko, dem neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, in der Philharmonie, beim Open-Air-Konzert am Brandenburger Tor sowie bei Gastspielauftritten in Salzburg, Luzern und Bukarest das Sopransolo in Ludwig van Beethovens Neunter Symphonie, zudem den Solopart von Alban Bergs Lulu-Suite. Nun zeigt sie in diesem Liederabend eine ganz andere Facette ihrer Gesangskunst.

Die Sopranistin entführt das Publikum in die geheimnisvolle, mystische Welt der Naturwesen: Es geht um Nixen und Nöcken, Elfen und Trolle, Luftgeister und Nordlichter, kurz, um eine Anderswelt. »Ich glaube, dass wir es durchaus wagen dürfen, andere Dimensionen unseres Seins wieder einzulassen in unsere wilde Welt«, meint die Sängerin. Und damit steht sie nicht allein – wie die umfangreiche Liste der Komponisten zeigt, mit der sie das Programm bestreitet. Rauschende Bäume und Bäche, flüsterndes Laub, nächtlicher Sternenhimmel und Waldeinsamkeit, lockende, verführerische Nixen und singende Waldwesen inspirierten Komponisten von der Romantik bis zur klassischen Moderne immer wieder zu neuen Liedern.

Für Marlis Petersen und ihren Begleiter, den aus Dresden stammenden Pianisten Camillo Radicke, war es eine spannende musikalische Entdeckungsreise, das Programm zusammenzustellen. Neben Werken von bekannten Liedkomponisten wie Carl Loewe, Hugo Wolf, Johannes Brahms und Max Reger spürten sie eine Reihe von Namen auf, die heute mehr oder weniger in Vergessenheit geraten sind: beispielsweise Hans Sommer, Christian Sinding, Wilhelm Stenhammar, Julius Weismann oder Hermann Zumpe. Auch der Dirigent Bruno Walter und der Pianist Friedrich Gulda sind in diesem Programm mit einem Lied über Elfen vertreten. Ein sinnliches, atmosphärisch dichtes Erlebnis – so Marlis Petersen und Camillo Radicke – wollen sie ihrem Publikum mit ihrem Ausflug in die geheimnisvolle Anderswelt bescheren.

Über die Musik

Lockend, magisch, unerreichbar

Oder: Wie gefährlich es ist, den Elementarwesen beim Singen zuzuhören

Nixen und Nöck

In Paracelsusʼ 1590 erschienenen Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus geht es munter zu. Das Buch ist bevölkert mit fisch- und schlangenschwänzigen Wesen, mit Geistern der Luft, riesenhaften und winzigen Geschöpfen, Erd- und Feuergeistern und allerlei anderen seltsamen Mischwesen. Der Schweizer Wundarzt, Astrologe und Mystiker Paracelsus (1493 – 1541) beschrieb erstmals eine Gegenwelt, die – so betont der Theologe – nicht Teufelswerk sei, sondern von Gott geschaffen, »auf daß dem Menschen im Wissen sei, daß solche Kreaturen in den vier Elementen sind, die da wunderbarlich vor unsern Augen erscheinen.« Diese Elementarwesen, so Paracelsus, suchen die Nähe des Menschen, denn nur in der Verbindung mit einem menschlichen Wesen erlangen sie das, was ihnen selbst fehlt, was sie sich jedoch sehnlichst wünschen: eine Seele. Ihre Geschichte ist also fortan eine des Suchens, des Begegnens und Begehrens, des Staunens und – des Verlierens. Kaum einem dieser den Erdenbürgern gar nicht so nicht unähnlichen Geschöpfe gelingt in den Mythen und Märchen eine dauerhafte Verbindung innerhalb der Menschenwelt: Melusine wird in ihrem samstäglichen Bad aufgeschreckt und muss fortan Unglück verantworten, Hans Christian Andersens Seejungfrau vergeht in den himmlischen Sphären, nachdem ihr Prinz ihr untreu geworden ist … Trotz aller gegenseitigen Anziehung: Ein Zusammenleben von Mensch und dem doch so anderen Elementarwesen scheitert. Was bleibt, ist ungestillte Sehnsucht – und nicht selten auch ihr betörender Gesang: »ihre süße, kristallene Stimme / Leicht wie Luft«, wie es in Ricarda Huchs Einsame Nixe heißt, oder »des Nöcken Harfenschall«, der diesem in August Kopisch Gedicht dennoch keine Erlösung verspricht: »O Nöck, was hilft das Singen dein? / Du kannst ja doch nicht selig sein!«

Paracelsus, der Arzt und Gelehrte des frühen 16. Jahrhunderts, wäre wohl längst vergessen, wenn er mit seinem Liber de nymphis nicht eine wesentliche Grundlage für die Begeisterung an Gegenwelten geboten hätte, die die Romantik geradezu stürmisch erfasste: Undinen in vielen Fassungen, das Donauweibchen, die Nixe Binsefuß, der Nöck, die Loreley, die kleine Seejungfrau, Seegespenster und in die Tiefe gezogene Fischer – um nur die Wasserwesenwelt aufzurufen – bevölkerten die Bühnen, die Literatur und die Bilderwelt der Romantik. Und darüber hinaus die künstlerischen wie wissenschaftlichen Fantasien bis ins sich elementarwesenweltlich ernüchternde 20. Jahrhundert, das sich das Nicht-Irdische dann eher qua Science Fiction und Avataren anverwandelte.

Elfen und Geister

Warum aber, so könnte man fragen, braucht scheinbar jede Zeit ihre fantastischen Alternativumgebungen? Schon die Mythologien und Götterwelten der Antike fungierten als Spiegel für menschliches Sein und Zusammenleben an. Fern, unsichtbar, unerreichbar und doch vertraut dienten ihre Protagonisten menschlichen Gesellschaften zur Orientierung. Und immer wieder erschienen unter ihnen besondere Mittlerwesen, die den Menschen ermöglichen, diesen Gegenwelten näher zu sein. So waren solche Mittler – Halbgötter oder Andersweltwesen wie Elfen oder Engel – begehrte Figuren, die Schutz versprachen, wie etwa die Fylgia der isländischen Mythenwelt, die als spirituelle Begleitung dem Menschen auf seinem Lebensweg folgt. Im gleichnamigen Lied des schwedischen Komponisten Wilhelm Stenhammar wird die Fylgia geradezu leidenschaftlich um Schutz und Beistand angesungen. Oder auch Hermann Hesses Berggeist, den der Finne Yrjö Kilpinen musikalisch porträtierte, ist ein Beschützender: »Ein starker Geist hält seine weiße Hand / weit über seine Berge ausgespannt. / Groß ist das Leuchten seines Angesichts, / Ich aber fürchtʼ ihn nicht: er tut mir nichts. / In schwarzen Schlüften habʼ ich ihn gespürt, / Auf hohen Gipfeln sein Gewand berührt. / Ich hab ihn oft aus leisem Schlaf geweckt / Und zwischen Tod und Leben frech geneckt. / Und stundenlang, wenn ich im Herzen litt, / Ging er auf Gletscherwegen leise mit / Und legte gütig seine kühle Hand / Auf meine Stirne, bis ich Frieden fand.«

Die Figuren, denen man »zwischen Tod und Leben« begegnet, sind damit gleichsam Scharniere in transzendentale Welten, wobei das Transzendentale der Gegenwelten einerseits für Entgrenzung, Ekstase und (elementare) Erkenntnis steht, aber ebenso für das Nichts, den Tod. Die Figuren der Anderswelt lassen das Gegenüber immer auch seine Endlichkeit erfahren: todbringend wie die Sirenen oder die lockenden Nixen (»Komm herab, hier istʼs so kühl«), oder eben selbst sterbend, verschwindend wie Rusalka oder Undine. Auffällig ist übrigens, dass es zumeist einer bestimmten Beleuchtung bedarf, um diesen Anderswelten zu begegnen: der Dunkelheit. Zumeist ereignen sich die mystischen Begegnungen in der Nacht (oder zumindest in der Abenddämmerung). Die Nacht selbst ist dabei Gegenwelt des Tages, wie es in Jens Peter Jacobsens Gedicht (hier in der von Hans Bethge besorgten und von Alexander von Zemlinsky vertonten Übersetzung) heißt: »Und hat der Tag all seine Qual / Tautränend ausgeweint, / Dann öffnet Nacht den Himmelssaal / In ewigen Trübsinns stiller Qual. / Und eins und eins / Und zwei und zwei / Zieht fremder Welten Genienchor / Aus dunklem Himmelsgrund hervor […]«

Die Nacht steht aber auch für einen Transferraum, in dem die Sinneswahrnehmungen sich verändern: hören und tasten statt sehen und erkennen. Johannes Brahms hat diese Sinnes-Verrückungen in Sommerabend insbesondere dem Klavier anvertraut: Zunächst glauben wir beim Hören an ein schlichtes Sommerabend-Strophenlied, doch wenn der Wanderer am nächtlichen Wasser die Elfe bemerkt, stockt nicht nur ihm der Atem, sondern ebenso dem Klavier: Im Zwischenspiel vor der letzten Strophe werden wir hörend Zeugen der auskomponierten Stille, des staunenden Atemanhaltens.

Was aber macht das Fremde dieser Anderswelten über die Erfahrung des Transzendentalen hinaus so attraktiv? Fremdheitserfahrungen können die stabilen und die dehnbaren, in jedem Fall immer wieder verhandelbaren Grenzen und Scheingrenzen des Menschseins formen. Das Fremde, so der Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs in seinem jüngst erschienenen Buch Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart sei daher immer auch »ein Alter Ego eines jeden Menschen«.

Wasserwesen

In der Musik haben sich aus der möglichen Vielfalt der Elementar- und Andersweltwesen vor allem die Gestalten des Wassers ausgebreitet: Sirenen, Sylphen und Nymphen, Nixen, Undinen und Rusalken, Melusinen, Sadko und andere Wassermänner … Lieder, Singspiele, Opern, Ballette, Symphonische Dichtungen und anderes thematisieren in unterschiedlicher Explizitheit diese Wesen – von E. T. A. Hoffmanns Oper Undine bis zu den gleichnamigen Balletten von Hans Werner Henze oder Lera Auerbach, von den Sirenen in Händels Rinaldo bis zu den Rheintöchtern in Richard Wagners Ring des Nibelungen, von Antonín Dvoráks Oper Rusalka und Alexander von Zemlinskys Symphonischer Dichtung Die Seejungfrau bis zu Sadko-Vertonungen von Nikolaj Rimsky-Korsakow, von den zahllosen Liedern ganz zu schweigen. Das auffallend vielfältige und häufige Vorkommen der Wasserwesen quer durch die Musikgeschichte (aber mit erheblichem Boom im 19. und frühen 20. Jahrhundert) hängt mit ihrer zutiefst musikalischen Eigenheit zusammen: Sie singen. Und dieser Gesang ist ebenso magisch-wundervoll wie gefährlich verführend. Die Literatur hat vielerlei Zeilen, Worte und Metaphern gesucht und gefunden, um diese besonderen Klänge beschreiben zu können: von den »honigtönenden« Stimmen der Sirenen in Homers Odyssee (übersetzt von Wolfgang Schadewaldt), über die »wundersame, gewaltige Melodei« der heineschen Loreley, bis zur Todessehnsucht des müden, gleichsam instrumentalen Singens in Stefan Georges Stimmen im Strom: »[…] Geigend erzitternde ziehende Wellen / Schaukeln in selig beschauliche Ruh. / Müdet euch aber das Sinnen das Singen / Fließender Freunden bedächtiger Lauf / Trifft euch ein Kuss. Und ihr löst euch in Ringen / Gleitet als Wogen hinab und hinauf.«

Hans Christian Andersen beschrieb den Gesang der kleinen Seejungfrau im Moment ihrer Transzendenz als besonders jenseitig: »Ihre Stimme war wie Sphärenklang, aber so geistig, dass kein menschliches Ohr sie vernehmen, wie auch kein irdisches Auge diese himmlischen Wesen erblicken konnte.« Für Komponisten jedenfalls stellt es eine besondere Herausforderung dar, diesen außergewöhnlichen Wasserwesen musikalischen Ausdruck zu verleihen: transzendent und sinnlich, verführerisch und fern – in jedem Fall ist eine solche Vertonung immer auch ein Experiment mit der Frage, wie »das Andere« klingt oder zumindest klingen könnte. Hermann Zumpe gab in seinem Vokalstück Liederseelen für die Melodie der Elementarwesen eigens eine Interpretationsanweisung: »Die folgenden Gesangstakte dürfen nicht mit ganzer Stimme gesungen werden«. Es offenbaren sich hier verschiedene »Geisterstimmen«, die – vom Gegenüber erwählt, dann erst zum Gesang, zum »Lied«, werden: »Und die Du wählst und derʼs beschied / die Gunst der Stunde, die wird ein Lied.«

Liebeslieder

Andere Komponisten griffen zu historischen Anderswelten. Eine fremde, aber hochattraktive Zeit war für die Tonsetzer der Romantik dabei die Vorvergangenheit, insbesondere das Mittelalter. Die Märchen aus alten Zeiten (Heine) scheinen daher zu stammen, und auch die »wundersame, gewaltʼge Melodei«, nach der die Nixe bei Eichendorff lockend fragt: »Kennst du noch die irren Lieder / Aus der alten, schönen Zeit? / Sie erwachen alle wieder / Nachts in Waldeseinsamkeit, / Wenn die Bäume träumend lauschen / Und der Flieder duftet schwül / Und im Fluss die Nixen rauschen – / Komm herab, hier istʼs so kühl.«

Auch in Sigvaldi Kaldalóns Hamraborgin ist von einem alten Schloss die Rede, in dem auf hoher Klippe längst verklungene Elfen- und Liebeslieder zitternd erklingen. In immer wieder neuen Imaginationen wird die unbestimmte Vergangenheit aufgerufen. Carl Loewe griff für seine Ballade Der Nöck auf die »nordische Sage« vom singenden Wassermann zurück und gibt zunächst musikalisch in engen Arpeggien sowohl die Allusion auf einen die Laute spielenden Barden, als auch die Anmutung einer Imitation des Wellenspiels. Doch wir werden von Anfang an nicht nur in eine wohlbekannte mittelalterliche Atmosphäre hineingezogen, sondern zugleich in die Klangwelt des Wassermanns. Denn in den ersten Zeilen erfahren wir, dass die Stimme des Nöck wie »Harfenschall« töne, und das Klavier bekräftigt im Forte die Eingangstakte, als wolle es den Urheber des Gesangs gleichsam beglaubigen. Wenig später ereignet sich ein weiteres akustisches Wechselspiel, diesmal zwischen dem Nöck und der Nachtigall. Kaum ein Komponist hätte die Gelegenheit ausgelassen, ihr nächtliches Schlagen zu vertonen. Stattdessen aber lauscht bei Loewe der Vogel geduldig (über mehrere Takte hinweg) dem ausgedehnt singenden Nöck. Die Besonderheit seiner Stimme könnte kaum eindrucksvoller vorgestellt werden als durch die »atmend horchende« Präsenz der Nachtigall.

In der Begegnung mit den Anderswelten verändert sich das Ich. So wie in dem von Max Reger vertonten Gedicht Maiennacht aus der Knospe über Nacht eine Rose wird: »Elfe tändelnd keck und lose / Küsste rote Knospe sacht, / Und die Knospe ward zur Rose / In der lauen Maiennacht.« Im Pianissimo lässt Reger der elfengeküsst-geglückten Verwandlung zur Rose den denkbar verhaltendsten Höhepunkt des Lieds angedeihen. Und wiederum ist übrigens die Nachtigall Zeugin dieses besonderen Augenblicks (»Und der Nachtigallen Lieder / Tönen durch die Maiennacht.«), so wie sie in Loewes Ballade der Harfenklang-Stimme des Nöcks lauschte.

Tanz und Tod

Auffallend viele Reigentänze finden sich in den Kompositionen über Elfen, Elementarwesen und andere Nordlichter. Auch das inzwischen altmodisch gewordene Attribut »keck« taucht immer wieder auf. Doch die Leichtigkeit, mit der auf diese Weise die nächtlichen Anderswelt-Gestalten auftreten, verbirgt kaum, wie schmal die Grenze zwischen Tänzeln und Tod im Elfenreich ist. Besonders deutlich, geradezu geisterhaft-lapidar bringt dies Franz Schreker zum Klingen: In seinem Lied Spuk verirrt sich der Forstmann des Nachts im Wald und – wie aus der Ferne – sind zwar Laute der Zivilisation zu hören (in der naheliegenden Schänke wird zum Tanz aufgespielt), aber die Elfen verlocken ihn zu einem Reigen, der anfangs so luftig tändelnd beginnt, dass man den Wechsel hin zum Düsteren kaum wahrnimmt: Der Forstmann wird ebenso rasch wie still von den Elfen zu Tode geküsst.

Melanie Unseld

Biografie

Nach ihrem Studium an der Musikhochschule Stuttgart und bei Sylvia Geszty begann Marlis Petersen 1994 ihre Laufbahn als Opernsängerin an den Städtischen Bühnen Nürnberg. Von 1998 bis 2003 war die Sopranistin Ensemblemitglied an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Ihren Einstand an der Wiener Staatsoper gab sie in der Rolle von Alban Bergs Lulu. Diese zentrale Partie ihres Repertoires sang Marlis Petersen auch in Peter Konwitschnys viel beachteter Hamburger Inszenierung, an der Chicago Lyric Opera und in einer Neuproduktion in Athen. Weitere wichtige Rollen der Künstlerin sind Susanna (Le nozze di Figaro), Pamina (Die Zauberflöte), Elettra (Idomeneo), Violetta (La traviata), Thaïs (Thaïs) und Manon (Manon Lescaut). Zudem übernahm sie mit großem Erfolg die Titelpartie in Aribert Reimanns Oper Medea bei der Uraufführung an der Wiener Staatsoper (2010). Marlis Petersen tritt regelmäßig an bedeutenden Häusern auf wie der Opéra de Paris, dem Théâtre de la Monnaie in Brüssel, den Staatsopern in Berlin, Hamburg, München und Wien, der Metropolitan Opera in New York und den Festspielen von Salzburg und Aix-en-Provence. Auch als Konzertsängerin ist sie auf allen großen Podien zu Gast und arbeitete mit Dirigenten wie Christoph Eschenbach, Daniel Harding, Zubin Mehta, Antonio Pappano und Kirill Petrenko. Die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis eröffnete ihr zudem den Kontakt zu Spezialisten wie René Jacobs, Ton Koopman, Trevor Pinnock und Helmuth Rilling. In der Spielzeit 2019/2020 wirkt Marlis Petersen als Artist in Residence der Berliner Philharmoniker in zahlreichen Orchester- und Kammerkonzerten mit. Die Sängerin, 2013 mit dem 1. Österreichischen Musiktheaterpreis ausgezeichnet, wurde 2015 von der Zeitschrift Opernwelt bereits zum dritten Mal zur »Sängerin des Jahres« gekürt. In den philharmonischen Konzerten gastierte Marlis Petersen zuletzt vor einem Monat: Zur Saisoneröffnung sowie im Open-Air-Konzert vor dem Brandenburger Tor war sie in Alban Bergs Lulu-Suite sowie in Beethovens Neunter Symphonie zu erleben; Dirigent war Kirill Petrenko. Anschließend begleitete sie das Orchester bei dessen Tournee nach Salzburg, Luzern und Bukarest. Im April 2020 gibt die Sopranistin dann in Baden-Baden und Berlin ihr Rollendebüt als Leonore in Beethovens Fidelio (Dirigent: Kirill Petrenko).

Der Pianist Camillo Radicke erhielt seine musikalische Ausbildung in seiner Heimatstadt Dresden bei Regina Metzner, Amadeus Webersinke und Arkadi Zenzipér. Eine umfangreiche Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker führt den Gewinner des Internationalen Chopin-Wettbewerbs in Valldemossa (Palma de Mallorca), des Maria Callas Grand Prix Athen und der Gian Battista Viotti Competition im italienischen Vercelli, in zahlreiche Länder Europas, in den Nahen Osten, nach Kuba, Südamerika, Japan, Korea und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Camillo Radicke wurde von renommierten Festivals eingeladen wie den Salzburger Festspielen, dem Klavierfestival Ruhr, dem Beethovenfest Bonn, den Haydn Festspielen in Eisenstadt, dem Rheingau Musikfestival, dem MDR Musiksommer und der Schubertiade Schwarzenberg. Er gastierte bei Orchestern wie der Dresdner Philharmonie, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, den Stuttgarter Philharmonikern, dem Münchner Kammerorchester und dem Orchestra Sinfonica Di Torino Della Rai. Hierbei arbeitete er mit Dirigenten wie Marek Janowski, Gerd Albrecht, Michel Plasson, Juri Temirkanow und Jörg Peter Weigle. Camillo Radicke trat in Konzertsälen wie der Mailänder Scala, der Metropolitan Opera New York, dem Concertgebouw Amsterdam, der Tonhalle Zürich, dem Herkulessaal München, der Wigmore Hall London, dem Musikverein Wien, der Cité de la Musique Paris, dem Megaron Athen, der Brüsseler Oper La Monnaie, dem Leipziger Gewandhaus, der Dresdner Semperoper und der Hamburger Elbphilharmonie auf. Als Liedpianist war und ist er Partner von Sängerinnen und Sängern wie Peter Schreier, Olaf Bär, Juliane Banse, René Pape, Werner Güra, Konrad Jarnot, Marlis Petersen, Anke Vondung, Ruth Ziesak, Stella Doufexis und Piotr Beczala. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt Camillo Radicke mit diesem Konzert seinen Einstand.

Marlis Petersen (Foto: Yiorgos Mavropoulos)

Marlis Petersen über ihren Liederabend

Marlis Petersen

Artist in Residence 2019/2020

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