Gerd Wameling (Foto: Lukas Einsele)

Wort und Musik zu Exil und Asyl

Ein Konzert wider das Vergessen: 80 Jahre nach der Terrornacht 1938 sind Flucht, Vertreibung und Suche nach Asyl aktueller denn je. Am 9. November, dem Jahrestag der »Reichskristallnacht«, erinnern das Berlin Piano Trio und die Schauspieler Therese Affolter und Gerd Wameling nicht nur an die Ereignisse von damals. Sie lesen Texte und Gedichte u. a. von Berthold Brecht und Mascha Kaléko. Das gesprochene Wort wird verstärkt durch Werke von Bohuslav Martinů, Dmitri Schostakotwisch, Antonín Dvořák, Ewa Fabiańska-Jelińska und Johann Sebastian Bach.

Berlin Piano Trio:

Krzysztof Polonek Violine

Katarzyna Polonek Violoncello

Therese Affolter Sprecherin

Gerd Wameling Sprecher

IPPNW-Benefizkonzert: 80 Jahre nach der Terrornacht 1938 »Reichskristallnacht« – Wort und Musik zu Exil und Asyl 1

Bohuslav Martinů

Cinq Pièces brèves für Klaviertrio: Nr. 2 Adagio

Dmitri Schostakowitsch

Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67

Ewa Fabiańska-Jelińska

Menojre für Violoncello solo

Antonín Dvořák

Klaviertrio Nr. 4 e-Moll op. 90 »Dumky« (2. Satz)

Johann Sebastian Bach

Violoncellosuite Nr. 5 c-Moll BWV 1011: 4. Satz Sarabande

Fernschreiben des Geheimen Staatspolizeiamts, Amt II vom 9. November 1938

Berichte von Zeitzeugen: Erich Kästner, Toni Lessler, Bertolt Brecht, Friedrich Reck, Mascha Kaléko u. a.

Die Geschichte des Lampedusa-Flüchtlings Bashir Zakaryau mit einem Nachruf von Jenny Erpenbeck

Einführungsveranstaltung mit Lea Rosh, 1. Vorsitzende des Förderkreises

»Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V.«

Eine gemeinsame Veranstaltung von IPPNW-Concerts und der Stiftung Berliner Philharmoniker

zugunsten des Raums der Namen im Holocaust-Mahnmal Berlin

Termine und Karten

Veranstalter/Kartenverkauf

IPPNW-Concerts GbR

Fax: +49 (30) 254 89 100 (Berliner Festspiele)

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Programm

»Erinnern kann nicht ungeschehen machen, aber die Wiederholungswahrscheinlichkeit verringern.« (Friedrich Schorlemmer)

Von den Nazis infam als »Reichskristallnacht« bezeichnet, brach sich am 9. November 1938 der Terror in Deutschland seine Bahn. Peter Hauber, der Initiator der Reihe IPPNW Concerts, will mit diesem Benefizkonzert einerseits an die Nacht der Progrome erinnern, andererseits den Blick darauf lenken, dass Flucht, Vertreibung und Suche nach Asyl auch 80 Jahre nach der Terrornacht aktueller denn je sind. Das Musikprogramm des Konzerts gestaltet das Berlin Piano Trio mit den philharmonischen Geiger Krzysztof Polonek, der Cellistin Katarzyna Polonek und dem Pianisten Nikolaus Resa; Texte werden von den Schauspielern Therese Affolter und Gerd Wameling vorgetragen.

Dabei handelt es sich u. a um Berichte von Zeitzeugen wie Erich Kästner, Toni Lessler, Bertold Brecht und Friedrich Reck, aber auch um die Geschichte des Lampedusa-Flüchtlings Bashir Zakaryau und seinem vergeblichen Hoffen auf Asyl im heutigen Berlin. Dazwischen spielen die Musiker Klaviertrios von Bohuslav Martinů, Dmitri Schostakowitsch und Antonín Dvořák sowie Stücke für Violoncello solo der polnischen Komponistin Ewa Fabiańska-Jelińska und von Johann Sebastian Bach. Der Erlös des Konzerts wird dem »Raum der Namen« im Holocaust Mahnmal zugutekommen.

Über die Musik

Bohuslav Martinů: Cinq Pièces brèves für Klaviertrio

Entstehungszeit: 1930

Uraufführung: 21. November 1931 in Paris mit dem Trio Filamusi

Schwungvoll geben sich Bohuslav Martinůs neoklassizistische Cinq pièces brèves: Die Trio-Stücke voller Esprit entstanden innerhalb von nur zehn Tagen: »Ich weiß nicht, wie ich dazu kam, das Trio zu komponieren; plötzlich, als ob mich eine fremde Hand geführt hätte, schrieb ich etwas vollkommen Neues.« Tatsächlich fand der tschechische Tonsetzer zu einer »neuen« Kompositionsmethode, mit der er aus kurzen melodischen »Zellen« (Martinů) den weiteren musikalischen Verlauf entwickelt. Dabei setzt sich die scharf akzentuierte Rhythmik wie eine kubistische Rekonstruktion barocker Techniken über alle herkömmlichen Symmetrien hinweg. Unabhängig von den Taktstrichen wird so die geschmeidige Polymelodik der Renaissance zu neuem Leben erweckt. An zweiter Stelle steht ein Adagio, das von einem ernsten Dialog der beiden Streicher eingeleitet wird, den das Klavier zu einem choralhaften Abschluss bringt. Bei der variierten Wiederholung fällt die Replik des Tasteninstruments nicht nur länger aus, sondern auch deutlich expressiver, und im weiteren Verlauf nehmen die Spannungen kontinuierlich zu. Schließlich scheint die Musik allmählich in sich zusammenzusinken, um überraschend abrupt zu enden.

Dmitri Schostakowitsch: Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67

Entstehungszeit: 1944

Uraufführung: 14. November 1944 in Leningrad mit Dmitri Zyganow (Violine), Sergej Schirinski (Violoncello) und dem Komponisten am Klavier.

Dmitri Schostakowitsch komponierte sein Zweites Klaviertrio e-Moll op. 67 im Gedenken an seinen Freund Iwan Sollertinski, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Februar 1944 überraschend an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben war. Am Anfang des klingenden Tombeaus erscheint eine entrückte Flageolett-Linie des mit Dämpfer gespielten Violoncellos, die von der ebenfalls sordinierten Violine sowie von dumpfen Klavierklängen kanonisch aufgegriffen wird. An zweiter Stelle steht ein bewegtes Scherzo, das Sollertinskis Schwester Jekaterina als klingendes Portrait ihres Bruders beschrieb. Nach einem bekenntnishaften Largo folgt attacca ein obsessiver Totentanz, in den Momente ostjüdischer Volksmusik einfließen. Da die Entstehung der letzten beiden Sätze zeitlich mit dem Erscheinen der ersten Berichte über die Befreiung der Konzentrationslager Belzec, Sobibor, Majdanek und Treblinka zusammenfällt, drängt sich der Gedanke auf, Schostakowitsch habe hier auch die apokalyptischen Bilder der Shoa vor Augen gehabt und sein persönliches Gedenken mit der Anteilnahme am Leiden der Opfer von Krieg und Holocaust verbunden.

Fabiańska-Jelińska: Menojre für Violoncello solo

Entstehungszeit: 2016

Uraufführung: 22. Mai 2016 im Spiegelsaal, Berlin, mit Katarzyna Polonek.

Einen in sich gekehrten Klagegesang legte Ewa Fabiańska-Jelińska mit ihrem 2016 von Katarzyna Polonek uraufgeführten Cellostück Menojre vor: eine ergreifende Klangmeditation, in der sich aus tiefsten Tiefen eine scheinbar nicht enden wollende Melodielinie in immer höhere Register aufschwingt, bis eine an jüdische Gesänge erinnernde Kantilene das musikalische Geschehen bestimmt. Nach dramatischer Steigerung kommt die Musik allmählich wieder zur Ruhe, um schließlich ebenso verhalten und in sich gekehrt zu verklingen wie sie begann. Ewa Fabiańska-Jelińska schloss 2013 ihre Ausbildung an der Musikakademie »Ignacy Jan Paderewski« in Poznań (Posen) ab, bevor sie ein Aufbaustudium im Fach Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien absolvierte. Die promovierte Komponistin, die zahlreiche Preise erhielt, war in den Jahren 2017 und 2018 Composer in Residence der Krakauer Musikgesellschaft »Feliks Nowowiejski« und wurde zwei Mal im Rahmen des vom Europäischen Krzysztof Penderecki Musikzentrum in Lusławice organisierten Programms »Musik unserer Zeit« ausgezeichnet.

Antonín Dvořák: Klaviertrio Nr. 4 e-Moll op. 90 »Dumky«

Entstehungszeit: 1890/91

Uraufführung: 11. April 1891 in Prag anlässlich eines Festabends in der Bürgerressource mit Ferdinand Lachner (Violine), Hanuš Wihan (Violoncello) und dem Komponisten am Klavier.

Die sechs Stücke, die Antonín Dvořák in seinem e-Moll-Klaviertrio op. 90 zum Zyklus zusammengefasst hat, basieren auf balladesken, Dumky genannten Volksliedern aus der Ukraine. Solche Dumky haben zwar grundsätzlich einen elegischen Charakter, enthalten aber immer auch kontrastreiche Ausbrüche: So wird die zweite Dumka die längste Zeit von einer verhaltenden Violoncello-Kantilene beherrscht, bevor ein überraschend einfallender Tanz für einen beschwingten Abschluss sorgt. Eduard Hanslick überzeugte Dvořáks Formkonzept nicht: »Da jede solche Dumka in sich zwiespältig ist, […] muß der Hörer im Verlauf der sechs kurzen Stücke zwölfmal diesen jähen Stimmungswechsel durchmachen.« Dabei erfreute sich Dvořáks Dumky-Trio bald allergrößter Beliebtheit – gerade aufgrund seiner eigentümlichen Anlage mit den zahlreichen emotionalen Kontrasten, die dem Hörer ein ständiges emotionales Auf und Ab bescheren.

Johann Sebastian Bach: Suite Nr. 5 für Violoncello solo c-Moll BWV 1011

Entstehungszeit: um 1720

Das Datum der Uraufführung ist nicht nachgewiesen.

Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 5 c-Moll BWV 1011 erinnert bezüglich Charakter und Satztechnik an die Englischen Suiten für Cembalo: Als der Komponist mit dem Violoncello-Zyklus begann, musste er mehrstimmige Satzformen, die traditionell dem Klavier zugeordnet waren, den Möglichkeiten des tiefen Streichinstruments anpassen. Vermutlich hat er deshalb auf das musikalische Material einer wohl überzähligen Englischen Suite zurückgegriffen, um sie zum Streicher-Solowerk umzuarbeiten. So beginnt die Allemande von BWV 1011 wie die meisten Englischen Suiten mit einer thematischen Imitation (was in den übrigen Streicher-Suiten nicht vorkommt), und auch die Courante folgt dem für die Englischen Suiten charakteristischen französischen Typus im breiten 3/2-Takt. Die Sarabande präsentiert sich demgegenüber ungewohnt: Wo der Hörer schwere Akkordik erwarten würde, schreibt Bach einen hochexpressiven und rein einstimmigen Satz, der rhythmisch kaum an eine Sarabande denken lässt.

Biografie

Therese Affolter studierte von 1971 bis 1974 Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien; bereits während dieser Zeit hatte sie Auftritte am dortigen Theater der Courage und am Zürcher Theater am Neumarkt. 1974 erhielt sie ein Engagement am Württembergischen Staatstheater Stuttgart, wo sie u. a. als Gretchen in Goethes Faust (Regie: Claus Peymann) und als Isabella in Shakespeares Maß für Maß (Regie: Bernhard Klaus Tragelehn) zu erleben war. 1979 wechselte Therese Affolter ans Schauspielhaus Bochum, weitere Engagements führten sie ans Schauspielhaus Hamburg (1980 – 1982) und ans Residenztheater München (1982 – 1984), bevor sie mit Jürgen Flimm zunächst in Köln, dann am Hamburger Thalia Theater arbeitete. 1987 holte George Tabori sie an das von ihm geleitete, am Wiener Schauspielhaus angesiedelte Theater Der Kreis. Wiederum unter Claus Peymanns Regie spielte Therese Affolter im Ensemble des Wiener Burgtheaters; dann folgte sie ihm ans Berliner Ensemble. Einer ihrer großen Leinwand-Erfolge war die Darstellung der Ulrike Meinhoff in dem 1986 mit dem Goldenen Bären prämierten Film Stammheim (Regie: Reinhard Hauff). Für die Fernsehproduktion Frühling im Herbst (Regie: Petra Volpe) erhielt sie 2010 den Swissperform-Preis als beste Darstellerin sowie den Preis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. 2017 wurde Therese Affolter für die beste Nebenrolle in Die göttliche Ordnung (Regie ebenfalls Petra Volpe) mit dem Schweizer Filmpreis nominiert. Als Gast der Stiftung Berliner Philharmoniker gab sie Ende April 2011 ihr Debüt in einem IPPNW-Benefizkonzert anlässlich des 25. Jahrestags der Reaktorkatastrophe von Tschnernobyl.

Gerd Wameling, geboren 1948 in Paderborn, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen und wurde für sein erstes Engagement ans Theater am Turm in Frankfurt am Main verpflichtet. Von 1974 bis 1992 gehörte er zum Ensemble der Schaubühne Berlin; seitdem ist er freischaffend als Schauspieler, Regisseur und Sprecher tätig. 1993 und 1994 konnte man ihn bei den Salzburger Festspielen in Coriolan (Regie: Deborah Wamer) und Das Gleichgewicht (Regie: Luc Bondy) erleben. Gerd Wameling hat zudem mit Regisseuren wie Matthias Glasner, Margarethe von Trotta, Dieter Wedel und Wim Wenders zusammengearbeitet. Einem breiten Publikum ist der Adolf-Grimme-Preisträger (1993) durch zahlreiche Fernsehauftritte bekannt, etwa als Staatsanwalt Dr. Fried in der Serie Wolffs Revier. Als Sprecher hat er eine Vielzahl an Hörbüchern und Hörspielen aufgenommen, darunter die Bretagne-Krimi-Reihe von Jean-Luc Bannalec, Dostojewskis Schuld und Sühne und Der Sandmann von E. T. A. Hoffmann. Gerd Wameling lehrte viele Jahre das Fach Schauspiel an der Universität »Mozarteum« in Salzburg sowie an der Universität der Künste in Berlin, die ihn 2005 auf eine Professur an der Fakultät Darstellende Kunst berief. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war er bereits mehrfach zu erleben, in Berlin zuletzt Ende April 2015 bei einem Madame de Pompadour gewidmeten Philharmonischen Salon.

Das deutsch-polnische Berlin Piano Trio, im Jahr 2004 von Nikolaus Resa, Krzysztof Polonek und Katarzyna Polonek ursprünglich als Berolina Trio gegründet, hat sich seitdem als ein führendes junges Klaviertrio etabliert. Das Ensemble wurde u. a. in der Kammermusik-Soloklasse von Markus Becker an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover ausgebildet und war Mitglied der renommierten European Chamber Music Academy (ECMA). Das Berlin Piano Trio gewann bei den Sommets Musicaux in Gstaad den begehrten Festivalpreis und setzte sich dabei gegen die damaligen ersten und zweiten Preisträger des renommierten ARD-Wettbewerbs in München durch. Zudem gewann es den von Krzysztof Penderecki ins Leben gerufenen Kammermusikwettbewerb für zeitgenössische Musik in Krakau, den Europäischen Kammermusikwettbewerb in Karlsruhe sowie zahlreiche Publikums- und Sonderpreise. Die Formation war überdies unter den Erstplatzierten des Joseph-Haydn-Wettbewerbs Wien, wo es auch mit dem Publikumspreis der Esterházy-Stiftung geehrt wurde. Die künstlerische Tätigkeit des Berlin Piano Trios, das auch Meisterkurse gibt, ist durch zahlreiche Aufnahmen dokumentiert.

Gerd Wameling (Foto: Lukas Einsele)

Therese Affolter (Foto: Agentur Gotha)