Iiro Rantala (Foto: Gregor Hohenberg)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

Pannonica – Tribute to the Jazz Baroness

Die Baroness Pannonica de Koenigswarter war ihr Leben lang eine Freundin und Förderin unzähliger Jazzer, allen voran der Pianist Thelonious Monk, aber auch Charlie Parker oder Barry Harris gehörten zu ihren Schützlingen. Als Dank widmeten ihr die Musiker etliche Kompositionen, die in diesem Konzert erklingen. Zeitgemäß in Szene gesetzt von einer einmaligen Allstar-Band, die von dem Pianisten Iiro Rantala angeführt wird. Als Stargast und Zeitzeuge stößt der amerikanische Saxofonist und Grammy-Gewinner Ernie Watts dazu, der selbst noch mit Thelonious Monk gespielt hat, ein weiterer Stargast ist die Jazzsängerin Charenée Wade.

Iiro Rantala Klavier und Leitung

Dan Berglund Kontrabass

Anton Eger Schlagzeug

Angelika Niescier Altsaxofon

Ernie Watts Tenorsaxofon

Charenée Wade Gesang

Pannonica – Tribute to the Jazz Baroness

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Mi, 06. Feb 2019, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie P

Programm

Ohne Impresarios, Mäzene und Musen wäre der Jazz um einige Legenden ärmer. Die schillerndste dieser Persönlichkeiten war Baroness Pannonica de Koenigswarter. Dem britischen Zweig der Bankiersfamilie Rothschild entstammend, hatte sie den Jazz durch die Plattensammlung ihres Vaters früh lieben gelernt. Nach Stationen als Kunststudentin (Anfang der 1930er-Jahre in München), Pilotin, Widerstandskämpferin und Diplomatenfrau ging sie 1952 nach New York – sie reiste Thelonious Monk nach, den sie in Paris mit »Round About Midnight« gehört hatte und unbedingt kennenlernen wollte. So wurde sie zu seiner lebenslangen Freundin und Förderin – wie für unzählige andere Jazzer von Charlie Parker bis Barry Harris, für die erst ihre Hotelsuiten, später ihr »Catsville« genanntes Haus in New Jersey zum Salon und Zufluchtsort wurden. Sie half mit Geld, Unterkunft, Jobs, juristischem Beistand, als Cover-Designerin und Agentin (von Art Blakey) – dafür widmeten ihr die Musiker etliche Kompositionen.

Einige davon, von Horace Silvers »Nica’s Dream« bis zu Monks »Pannonica«, erklingen nun in diesem Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic – einem Tribute an diese außergewöhnliche Frau und ihren wichtigsten Schützling Thelonious Monk. Zeitgemäß in Szene gesetzt von einer einmaligen Allstar-Band: Als Pianist und sozusagen in der Monk-Rolle steht Iiro Rantala im Mittelpunkt, der, von seinen Lost Heroes bis zur Hommage an John Lennon, schon immer ein Faible für musikalische Heldenverehrung hatte. Begleitet wird vom ehemaligen e.s.t.-Bassisten Dan Berglund, dem schwedischen Schlagzeuger Anton Eger und der deutschen Saxofonistin Angelika Niescier. Als Stargast und Zeitzeuge stößt der amerikanische Saxofonist und Grammy-Gewinner Ernie Watts dazu, der selbst noch mit Thelonious Monk gespielt hat, ein weiterer Stargast ist die Jazzsängerin Charenée Wade.

Über die Musik

Die Muse des Jazz

Eine Hommage an Pannonica de Koenigswarter

Jazz und Mäzenatentum

Wer weiß, ob Benny Goodman, Billie Hollyday oder Count Basie – übrigens später auch ein Bob Dylan – zu Legenden geworden wären, wenn nicht John Hammond sie entdeckt, unter Vertrag genommen und gefördert hätte. Kaum zu ermessen, wie viele andere Jazzmusiker nie zu großer Bekanntheit gelangt wären ohne die von George Wein gegründeten Festivals, allen voran Newport. Oder ohne die revolutionären Jazz Scene-Alben-Kompilationen und die Jazz at the Philharmonic-Reihen von Norman Granz. Ohne Impresarios, Mäzene und Musen wäre die Geschichte des Jazz sicher anders verlaufen und um einige ihrer bedeutendsten Protagonisten ärmer. Die vielleicht schillerndste dieser Persönlichkeiten war Baroness Pannonica de Koenigswarter. Am 30. November 2018 jährte sich ihr Todestag zum 30. Mal, und so plante Siggi Loch, der Kurator der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic, für die Saison 2018/2019 eine Hommage an diese außergewöhnliche Frau, die sich als weiße Adelige für ein Leben unter schwarzen Genies entschied und so eine Vorkämpferin für den Jazz der 1960er-Jahre wie für die Aufhebung der Rassentrennung wurde. Unter der Leitung des finnischen Pianisten Iiro Rantala wirken Musiker aus weiteren vier Nationen an dem Abend unter dem Titel Pannonica – Tribute to the Jazz Baroness mit, der – wie immer bei Jazz at Berlin Philharmonic – eine Weltpremiere und ein einmaliges Konzertereignis ist.

Pannonica de Koenigswarter – vom Rothschild-Spross zur Jazz-Baroness

Geboren wurde sie 1913 als Kathleen Annie Pannonica Rothschild in London, ein Spross der britischen Linie der berühmten Bankiersfamilie Rothschild also. Ihr Vater Charles war Bankier aus Pflicht und Entomologe (also Insektenkundler) aus Leidenschaft, seine Mutter Rezsika entstammte als geborene Edle von Wertheimstein der ersten jüdischen Familie Europas, die während der österreichisch-ungarischen k.u.k.-Monarchie in den Adelsstand erhoben worden war. Sie wurde auch als Tennisspielerin bekannt. Nach der westungarischen Heimat Pannonien seiner Frau benannte Charles Rothschild eine Schmetterlingsart und – wenn auch ursprünglich nur im dritten Vornamen – ihre jüngste Tochter. Nica, wie unter Freunden schnell aus Pannonica wurde, wuchs in Frankreich auf. Waren schon ihre Eltern eher unkonventionell für eine Familie, die bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein das Weltgeschehen mitlenkte, war sie noch einige Grade extravaganter. Schon früh fuhr sie Sportwagen und lernte fliegen. Zwar folgte sie auf Wunsch der Familie1931 im Alter von 18 Jahren ihrer älteren Schwester Elisabeth, genannt Liberty, nach München, um Kunst zu studieren. Doch bald schon, mit dem Erstarken der Nationalsozialisten, kehrte sie zurück.

1935 wurde sie Pilotin in Le Touquet, wo sie ihren Mann kennenlernte: Baron Jules de Koenigswarter. Fünf Kinder hatten sie zusammen, trotzdem gingen sie während des Zweiten Weltkriegs in den Widerstand und schlossen sich De Gaules »Freien Franzosen« an. Im äquatorialafrikanischen Brazzaville arbeitete Pannonica als Radiokommentatorin, Chriffriererin und Fahrerin von Militärfahrzeugen. Als aktive Kämpferin nahm sie am alliierten Vormarsch teil, was sie von der Goldküste, dem Kongo und Nigeria über die nordafrikanischen Länder und Italien zurück nach Frankreich und bis nach Berlin führte. Ihr Mann wurde nach dem Krieg Diplomat, und sie blieb in Norwegen und Mexiko zunächst an seiner Seite. 1952 aber hatte sie das Botschaftergattinnenleben satt. Sie berichtete später: »Unsere Ehe ist gescheitert, weil mein Mann Marschmusik mochte und meine Platten zerbrach, wenn ich zu spät zum Dinner kam. Und ich kam oft zu spät zum Dinner.«

Die schillerndste Muse der New Yorker Szene

Auf Pannonicas Platten befand sich nämlich keine Marschmusik, ihre Liebe gehörte früh dem Jazz. Ihr Vater hatte eine große Sammlung von Jazzschallplatten, die sie schon als kleines Mädchen hörte. Später besuchte sie Konzerte, zum Beispiel von Benny Goodman. Meist zusammen mit ihrem Bruder, der nicht nur ein klassisch ausgebildeter Pianist war, sondern den auch die improvisierte Musik umtrieb. Er nahm sogar Stunden bei Teddy Wilson, dem wahrscheinlich wichtigsten und besten Pianisten seiner Generation. Wilson wurde dann auch ein enger Freund von Pannonica; er brachte sie auf den jeweils neuesten Stand. Schon während der fortschreitenden Entfremdung von ihrem Mann reiste sie öfter nach New York. Mit Teddy Wilson hatte sie dort ihr Initiationserlebnis, wie sie später selbst erzählte: »Er fragte mich, ob ich mal von einem jungen Musiker namens Thelonious Monk gehört hätte, der gerade seine erste Platte herausgebracht hatte. Als ich verneinte, ging er los, sie zu besorgen; er kam zurück und legte ›ʼRound Midnight‹ auf. Ich mochte meinen Ohren nicht trauen. Etwas Ähnliches hatte ich noch nie gehört. Ich muss das Stück mindestens 20 Mal hintereinander abgespielt haben. Ich verpasste meinen Flieger. Tatsächlich bin ich nie wieder nach Hause gefahren.«

Ein radikaler Schritt, bei dem sie vermutlich ihren Vater vor Augen hatte: Der hatte sich 1923 aus Unglück über das ihm aufgezwungene Bankiersleben umgebracht. Sie verlässt also ihren Mann, quartiert sich mit ihrer ältesten Tochter in einer Suite des Stanhope Hotels in der Fifth Avenue ein, die sie, wenn sie nicht nachts selbst in den Clubs unterwegs ist, zu einer Art Salon des Jazz macht. Der Pianist Hampton Hawes beschrieb den Ort einmal so: »Monk kutschierte mich zu Nicas Hotel-Penthouse. Viele Gemälde, witzige Stoffe, Kerzenleuchter wie in einem alten Kinopalast, ein Steinway – ich dachte: Junge, Junge, so lebt jemand, dem die Chase Manhattan-Bank gehört.« Was natürlich nicht stimmte. Die Familie drehte ihr im Lauf der Jahre sogar den Geldhahn immer weiter zu – was bei jemandem von ihrer Herkunft immer noch für ein standesgemäßes Haus und den Rolls Royce für die Fahrten in die Jazzclubs reicht. Und dafür, zahllosen Jazzern im Bedarfsfall unter die Arme zu greifen: Pannonica de Koenigswarter wurde die gute Fee der New Yorker Jazzszene, sie versenkte sich völlig in die Welt der Musiker, wurde für viele zur engen Freundin. Sie half mit Geld, Unterkunft, Jobs, juristischem Beistand, als Cover-Designerin und Agentin. Mit Art Blakey hatte sie eine Zeit lang ein Verhältnis.

Von Widerständen aller Art lässt sie sich nie unterkriegen. Schon früh hatte sie den von Drogen gezeichneten Charlie Parker bei sich aufgenommen. Er stirbt 1955 in einem Schlafzimmer ihrer Hotelsuite an einer Überdosis. Ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse, der diese weiße Frau, die in Zeiten der Rassentrennung ständig mit schwarzen Musikern unterwegs ist und sich in Harlem herumtreibt, ohnehin äußerst suspekt ist. Als die noblen Hotels – nach dem Stanhope wohnt sie eine Zeit lang im Bolivar – sie nicht mehr dulden wollen, kauft sie ein Haus in New Jersey mit imposantem Blick auf die Skyline von Manhattan. Bald erhält der Ort den Spitznamen »Cathouse« – weil unzählige echte Katzen ebenso wie Jazzmusiker (die sich untereinander ja »Cats« nennen) bei ihr Asyl finden. Allen voran Thelonious Monk.

Nica und Monk

Der introvertierte, sperrige Bebop-Miterfinder, das Genie des Modern Jazz ist nicht nur der Ausgangspunkt für Pannonicas Berufung zur Jazzmuse. Als sie ihn 1954 in Paris endlich persönlich kennenlernt, wird er ihr Jazzgott, den sie verehrt und für den sie sich geradezu aufopfert. Schon nach einem Wohnungsbrand kommt er – mit seiner Frau Nellie – bei Pannonica unter. Als er Ende der 1960er-Jahre künstlerisch stagniert und in Depressionen verfällt, zieht er endgültig ins »Cathouse«. Wie Charlie Parker 1955, so stirbt auch Monk 1982 bei Pannonica, sechs Jahre vor ihrem eigenen Tod.

Fast 20 Jahre nach ihrem Tod erscheint als faszinierendes Dokument ihrer Jazzleidenschaft das Buch Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche – so der Titel der deutschen Ausgabe. Die hatte sie jahrzehntelang von all den befreundeten Jazzern erfragt und sie dabei mit der Polaroidkamera abgelichtet. Doch vor allem lebt Pannonica de Koenigswarter im Werk ihrer Protegés weiter. Zahllose Stücke haben ihr die Musiker gewidmet, von Freddie Redd (»Nica Steps Out«) über Horace Silver (»Nica’s Dream«), Tommy Flanagan (»Thelonica«) oder Barry Harris (»Nicaragua«) natürlich bis zu Thelonious Monk (»Pannonica« oder auch »Bolivar Blues«). Diese Standards sind das Fundament für das Konzert des heutigen Abends, bei dem aktuelle Jazzgrößen an diese außergewöhnliche Frau und ihre wichtigsten Schützlinge erinnern.

Jazz-Historiker und -Eklektiker – der Pianist Iiro Rantala

Wie anders als mit einem kurzen Pianosolo von »ʼRound Midnight« könnte dieses Konzert beginnen. Diesen Anfang sowie die musikalische Leitung des gesamten Konzerts besorgt der finnische Pianist Iiro Rantala, ein guter Bekannter für Stammgäste von Jazz at Berlin Philharmonic. Blickt man auf seinen Werdegang, erscheint er geradezu prädestiniert für diese musikalische Heldenverehrung. Bewies er doch schon bei seinem Solodebüt Lost Heroes 2011 seine herausragende Fähigkeit, großen Vorgängern und Vorbildern von Bill Evans, Erroll Garner und Art Tatum bis zu Esbjörn Svensson, Michel Petrucciani oder gar Luciano Pavarotti ein Denkmal zu setzen – ohne sie zu kopieren, sondern mit einer eigenen Handschrift. Nahtlos schloss er daran ein Jahr später mit My History Of Jazz an, das den Bogen von Bach zu George Gershwin, Kurt Weill oder Duke Ellington schlägt. Und zu Thelonious Monk, dessen »Eronel« er bereits damals auf seine unverwechselbare Art interpretierte. Seinen Durchbruch schließlich, nämlich die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit über den reinen Jazzzirkel hinaus, erreichte er ebenfalls mit einem Tribute-Album: My Working Class Hero beschäftigte sich zum 75. Geburtstag John Lennons auf unerhört feinsinnige Art und im echten Jazzspirit mit dem Poprevolutionär und Vordenker der Beatles. Zuletzt hat Rantala im größeren Rahmen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen nicht nur Lennon, sondern auch Wolfgang Amadeus Mozart und Leonard Bernstein interpretiert.

Das Erfolgsgeheimnis des 48-Jährigen klingt einfach, ist aber doch schwer zu erreichen: »Vielleicht musste ich tatsächlich erst 40 werden, um die Rolle des Virtuosen zu überwinden und mich auf das Schöne, Langsame, Melancholische und Ruhige zu wagen.« 18 Jahre lang bastelte Rantala mit seinem Trio Töykeät an überbordenden, humorvollen Jazzdekonstruktionen, er schrieb viel Musical- und Filmscores und spielte finnischen Tango, bis er solistisch zu sich fand. Klarheit und Aufrichtigkeit im Umgang mit sich und seinen Vorgängern ist das Schlüsselwort: »Um sich an Hommagen zu versuchen, muss man die Musik lieben. Denn das Publikum spürt, wenn man sie nur aus kommerziellem Kalkül spielt. Nähert sich ein Jazzmusiker dem einfachen Pop etwa eines John Lennon mit Dünkel oder Arroganz, wird er vom Jazzpublikum verachtet und vom Poppublikum gehasst werden. Dieses Risiko sollte man im Hinterkopf behalten. Man muss die Essenz aller Songs behalten und etwas von sich selbst hinzufügen.« Genau das wird Rantala nun auch in diesem Konzert machen, wenn er in die Rollen von Thelonious Monk und der anderen Protegés von Pannonica de Koenigswarter schlüpft. Und so wie er inzwischen mit den besten der Zunft wie Michael Wollny, Jukka Perko, Marius Neset oder Ulf Wakenius an den eigenen Projekten arbeitet, so hat er hier bestmögliche Begleiter dafür an seiner Seite. Wie bei Ravels Boléro stoßen die Stimmen nach und nach dazu.

Legendenerprobter Bassist – Dan Berglund

Um das grundlegende »blinde Verständnis« zwischen Pianist und Bassist muss man sich keine Sorgen machen. Dan Berglund ist auch der Bassist in Iiro Rantalas aktuellem nordischen Trio, das sich zuletzt neben eigenen Kompositionen auch mit Standards von Legenden wie Bud Powell, Keith Jarrett, Toots Thielemanns, Cole Porter und eben auch Thelonious Monk beschäftigt hat. Berglund bewies auch hier, dass er sowohl traditionellen »straighten« wie rockig attackierten oder ironisch modernisierten Jazz spielen kann. Was bei seinem Werdegang ohnehin logisch ist. 1963 im schwedischen Pilgrimstad geboren, wurde Berglund mit schwedischer Volksmusik, Pop und Rock groß. Er begann als Gitarrist, bis er zunächst zur Bassgitarre, dann zum Kontrabass wechselte, über den er auch bald ins regionale Symphonieorchester gelangte. 1990 nahm er das Studium an der Königlichen Musikakademie in Stockholm auf. Schon während des Studiums spielte er mit der Gruppe Jazz Furniture und mit dem Lina Nyberg Quintet, wo er den Pianisten Esbjörn Svensson traf. Der holte ihn bald danach als Gründungsmitglied zu e.s.t., wie Svensson sein Trio mit Berglund und Magnus Öström schnell nannte. Ein Trio, das ab Ende der 1990er-Jahre mit seiner neuartigen Dynamik, seinem Rockappeal und seinen unverwechselbaren Hookline-Melodien wie auch mit der im Jazz ungewohnten Konzentration der drei Musiker ganz auf diese Formation zur wohl erfolgreichsten Jazzband der Welt werden und den europäischen Jazz revolutionieren sollte.

Eine Erfolgsgeschichte, die mit dem Unfalltod Svenssons 2008 jäh unterbrochen wurde. Doch schon im Jahr darauf gründete Berglund seine eigene Band Tonbruket, ein an seine frühe Prog-Rock-Vorlieben anknüpfendes Crossoverprojekt mit Begleitern aus der schwedischen Szene, die er schon von früher kannte und die überwiegend nicht von Jazz kommen. Mit drei euphorisch aufgenommenen Alben ist die Gruppe mittlerweile eine Konstante der immer offeneren europäischen Jazzszene, die sich mit »Forevergreens« auch an Vorlagen aller Art gewagt hat. Anders als früher arbeitet Berglund inzwischen auch als Begleiter, etwa für Jessica Pilnäs, Bugge Wesseltoft oder Mats Gustafsson. Er ist also für den Pannonica-Abend bestens gerüstet.

Skandinaviens junger Metronom – Anton Eger

Die skandinavische Allstar-Rhythmusgruppe des Pannonica-Abends vervollständigt der norwegisch-schwedische Schlagzeuger Anton Eger. Als Mitglied des Trios Phronesis wie der Bands des Starsaxofonisten Marius Neset – beide vielfach preisgekrönt – ist der 38-Jährige der herausragende Drummer der jüngeren Generation aus dem hohen Norden. Eger studierte am renommierten Rhythmic Music Conservatory in Kopenhagen bei dessen damaligem Leiter Django Bates, den er auch bei dessen Album Spring Is Here begleiten durfte. Bekannt wurde er als Mitglied des Quintetts JazzKamikaze, mit dem er bis 2012 einige Alben aufnahm und auf zahlreichen großen Festivals in aller Welt spielte. Im Phronesis-Trio mit dem Pianisten Ivo Neame und dem Bassisten Jasper Høibyhat Eger inzwischen sechs Alben eingespielt, die zunehmend für Furore sorgten und zuletzt stets von etlichen Organen zum »Album des Jahres« gewählt wurden.

Bei Jazz at Berlin Philharmonic spielt das Trio Rantala, Berglund und Eger zunächst den Hardbop-Klassiker »Nica Steps Out«, die Verbeugung des Pianisten Freddy Redd an Pannonica de Koenigswarter, bevor weitere illustre Gäste dazustoßen. Später dann noch »Celia« des pianistisch einzigartigen, aber psychisch labilen Bud Powell, den Monk und damit auch Nica unter ihre Fittiche genommen hatten.

Deutsche Saxofon-Weltklasse – Angelika Niescier

Zur Band erweitert sich die Besetzung im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie zunächst durch die Saxofonistin Angelika Niescier, eine der herausragenden Jazzmusikerinnen Deutschlands. Geboren 1970 im polnischen Szczecin kam sie mit 11 Jahren nach Deutschland. Nachdem sie sich für die Musik und den Jazz entschieden hatte, studierte sie 1994 bis 1998 an der Folkwangschule in Essen. Mit ihrem kurz danach gegründeten Quartett Sublimfand sie durch ihre außergewöhnliche, immer mühelos wirkende Technik am Alt- und Sopransaxofon sowie durch die erzählerische Kraft ihrer komplexen Kompositionen schnell Beachtung. Die Band besteht in veränderter Besetzung – unter anderem mit dem Pianisten Florian Weber, der auch bei ihrer amerikanischen Formation NYC Five dabei ist – bis heute. Als Begleiterin war Niescier unter anderem mit Laia Genc, Hans Lüdemann, Achim Kaufmann, Joachim Kühn oder Ali Haurand (in seinem European Jazz Ensemble) zu hören. Eigene Projekte unternahm sie zum Beispiel mit Julia Hülsmann und André Nendza.

Stets blickte Niescier über den reinen Jazz-Tellerrand hinaus. Sie suchte die Zusammenarbeit mit Ethnojazzern wie Ramesh Shotham oder interdisziplinär mit Autoren und bildenden Künstlern, schrieb Theater-, Tanztheater- und Filmmusik (Drei Frauen, drei Wünsche, ein Jahr) sowie Chor- und Orchesterwerke. Aus einem Kompositionsauftrag des Südtirol Jazzfestivals entstand das multistilistische Trio Now mit dem italienischen Akkordeonisten Simone Zanchini und seinem Landsmann Stefano Senni am Bass. Auch das Kölner Winterjazz-Festival wurde von Niescier gegründet und kuratiert. Nach diversen Förderpreisen und Stipendien erhielt die 2010 mit dem Echo Jazz als »Newcomer des Jahres« Ausgezeichnete 2017 den Deutschen Jazzpreis – Albert Mangelsdorff-Preis. Bei der Pannonica-Hommage bekommt sie speziell bei Charlie Parkers »Billie’s Bounce« – einem Bebop-Meilenstein von 1945 – eine tragende Rolle

Saxofon-Veteran und Zeitzeuge – Ernie Watts

Dass bei dieser Hommage an die Jazz-Baroness die Gegenwart auch direkt auf die Vergangenheit trifft, dafür steht Ernie Watts. Der 1945 in Norfolk, Virginia, geborene Saxofonist und Flötist hat noch selbst mit Thelonious Monk gespielt und kannte Pannonica de Koenigswarter persönlich. Watts begann das Saxofonspielen mit 13, stark beeinflusst von John Coltrane. Er studierte an der West Chester University, bis er dank eines Stipendiums der bis heute führenden Jazz-Zeitschrift Down Beat an das berühmte Berklee College of Music wechseln konnte. 1966 startete er seine eindrucksvolle Karriere, zunächst in der Bigband von Buddy Rich, dann in Los Angeles als Studiomusiker und bei Gerald Wilson und Oliver Nelson. Viele Jahre spielte er in Charlie Hadens Quartet West und in dessen Liberation Music Orchestra. In den 1980er-Jahren begleitete er Miles Davis auf seiner letzten Welt-Tournee. Doch abgesehen von Jazzern wie Monk, Pat Metheny, Sun Ra oder Jean-Luc Ponty finden sich auch Aretha Franklin, Frank Zappa und gar die Rolling Stones – für die er auf ihrer 1981er-Tour spielte – in seiner musikalischen Vita. Auch auf den Soundtracks von Filmen wie Die Farbe Lila, Tootsie oder Fame – Der Weg zum Ruhm erklingt sein markantes Tenorsaxofon. Neben 16 eigenen Einspielungen mit amerikanischen Jazzern, Latin-Größen wie Arturo Sandoval und Gilberto Gil oder zuletzt mit seinem deutschen Quartett (mit Christof Sänger, Rudi Engel und Heinrich Köbberling) war Watts bei weit über 500 Produktionen beteiligt. Zwei Mal gewann er den Grammy.

Seine enorme Bandbreite und Vielseitigkeit, vor allem aber seine Erfahrung als Zeitzeuge kann er in der Berliner Philharmonie insbesondere als Solist bei Sonny Rollins »Poor Butterfly« (der Titel ist natürlich eine Anspielung auf Pannonicas Namensgleichheit mit dem von ihrem Vater entdeckten Schmetterling) in die Waagschale werfen. Wie auch bei den abschließenden Monk-Kompositionen »Get It Straight« und »Little Butterfly (Pannonica)«, die zu den meistadaptierten gehören und die seinen unverwechselbaren Kompositionsstil zeigen. Dabei lässt er gängige Blues-Schemata im Viervierteltakt mit denkbar unregelmäßigen Melodien (oft Motive im Drei- oder Siebenvierteltakt) kontrastieren. Beide Stücke sind auch in Gesangsversionen bekannt geworden, vor allem durch Carmen McRae. In einer solchen erklingen sie nun auch hier, und so wird Pannonica – Tribute to the Jazz Baroness auch zur Bühne für eine besondere Sängerin.

Neue Stimme auf den Spuren großer Vorgängerinnen – Charenée Wade

Für den Vokalpart des Pannonica-Abends ist Charenée Wade sicher die Idealbesetzung. Nicht nur, weil sie neben der mit ihr befreundeten Cécile McLorin Salvant derzeit wohl die herausragendste Sängerin ist, die stilistisch bei den großen Jazzdiven von Betty Carter über Ella Fitzgerald bis Sarah Vaughan ansetzt, daraus aber ihren ganz eigenen Ton geschöpft hat. Sondern auch, weil sie den auf Gleichberechtigung zielenden gesellschaftspolitischen Ansatz verkörpert, der Pannonica de Koenigswarters Einsatz auszeichnete. Wurde sie doch mit einer Hommage an den politisch engagierten und sozialkritischen Gil Scott-Heron bekannt, dem 2011 verstorbenen Wegbereiter des Rap und Hip-Hop.

Mit 12 begann die in Brooklyn aufgewachsene Wade zu singen. Ihr Talent war so auffallend, dass sie an der Manhattan School of Music klassischen und Jazzgesang studieren konnte. Dank des Betty Carter’s Jazz Ahead Program war es ihr zudem möglich, ihre eigene Musik am Kennedy Center in Washington vorzustellen und am Dianne Reeves Workshop in der Carnegie Hall teilzunehmen. Mit der Laufzeit 2007 bis 2009 wurde sie außerdem für die Jazz Aspen Academy Summer Sessions für junge Künstler ausgewählt, die der Bassist Christian McBride leitete. Er ist denn auch neben anderen Stars wie Marcus Miller und Stefon Harris auf ihrer Tribute-CD Offering: The Music of Gil Scott-Heron & Brian Jackson zu erleben. Wade sang auch für Rufus Reid auf seinem Grammy-nominierten Album Quiet Pride: The Elisabeth Catlett Project, bei Tia Fuller oder der Eyal Vilner Big Band. Unlängst tourte sie mit der Jazz at Lincoln Center-Produktion Ladies Sing The Blues. Inzwischen ist sie selbst Professorin an der Aaron Copland School am New Yorker Queens College – und gehört mit ihrer raren Stimmkombination aus Soul- und Gospel-Fundament mit Bebop-Timing und höchst moderner Phrasierung zu den kommenden Namen.

Alles ist also bereit für einen unvergesslichen Abend zu Ehren und im Geiste von Nica alias Pannonica de Koenigswarter.

Oliver Hochkeppel

Iiro Rantala (Foto: Gregor Hohenberg)