Claudio Abbado (Foto: Erika Rabau)

In memoriam Claudio Abbado

Das Mahler Chamber Orchestra, 1997 von Claudio Abbado und ehemaligen Mitwirkenden des Gustav Mahler Jugendorchesters gegründet, gilt als eines der führenden Kammerorchester unserer Zeit. Sein Auftritt im Kammermusiksaal bildet den Schluss einer Konzertreihe, die die Stiftung Berliner Philharmoniker anlässlich des fünften Todestags von Claudio Abbado veranstaltet. Das Programm mit Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn nimmt auf subtile Weise Bezug auf diesen Jahrestag. Mit dabei: der Pianist Lars Vogt, der für den erkrankten Leif Ove Andsnes einspringt und den Klavierpart in Mozarts Klavierquartett KV 478 sowie dem Klavierkonzert KV 466 spielt.

Mahler Chamber Orchestra

Matthew Truscott Konzertmeister

Lars Vogt Klavier und Leitung (für den erkrankten Leif Ove Andsnes)

Wolfgang Amadeus Mozart

Maurerische Trauermusik c-Moll KV 477

Mahler Chamber Orchestra , Matthew Truscott Konzertmeister

Wolfgang Amadeus Mozart

Klavierquartett g-Moll KV 478

Lars Vogt Klavier und Leitung

Joseph Haydn

Symphonie Nr. 83 g-Moll »La Poule«

Mahler Chamber Orchestra , Matthew Truscott Konzertmeister

Wolfgang Amadeus Mozart

Konzert für Klavier und Orchester d-Moll KV 466

Mahler Chamber Orchestra , Matthew Truscott Konzertmeister, Lars Vogt Klavier und Leitung

Mit freundlicher Unterstützung der Aventis Foundation.

Termine und Karten

Programm

Sich selbst bezeichnen die Mitglieder des Mahler Chamber Orchestra als ein Kollektiv musikbesessener Nomaden, die frei und selbstbestimmt zusammenkommen, um auf der ganzen Welt einzigartige künstlerische Projekte zu realisieren. Das Mahler Chamber Orchestra wurde 1997 von Claudio Abbado und ehemaligen Mitwirkenden des Gustav Mahler Jugendorchesters gegründet und gilt heute als eines der führenden Kammerorchester unserer Zeit. Sein Auftritt im Kammermusiksaal bildet den Schluss einer Konzertreihe, die die Stiftung Berliner Philharmoniker anlässlich des fünften Todestags von Claudio Abbado veranstaltet.

Das Programm mit Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn nimmt auf subtile Weise Bezug auf diesen Jahrestag. So wird das Konzert mit der Maurerischen Trauermusik eröffnet, die Mozart, seit 1784 Mitglied im Bund der Freimaurer, für die Totenfeier zweier adeliger Logenbrüder schrieb. Außerdem stehen sämtliche Werke des Konzerts in düsteren, trauernden Moll-Tonarten. Was die Stücke darüber hinaus noch gemeinsam haben? Das Entstehungsjahr 1785. In ihm schrieb Joseph Haydn für eine Pariser Konzertreihe seine Symphonie Nr. 83, die wegen ihres »gackernden« Seitenthemas später den Beinamen »La Poule« erhielt. Mozart erlebte in diesem Jahr nicht nur großartige künstlerische und finanzielle Erfolge, sondern beschritt auch kompositorisch neue Wege: Mit dem Klavierquartett KV 478 begründete er eine neue kammermusikalische Gattung, während er mit KV 466 das erste seiner großen symphonischen Klavierkonzerte schuf. Den Klavierpart in beiden Werken übernimmt Lars Vogt, der für den erkrankten Leif Ove Andsnes einspringt. Matthew Truscott führt das Mahler Chamber Orchestra von Konzertmeisterpult aus.

Unboxing Mozart

In Vorfeld dieses Konzerts findet unter Mitwirkung des Mahler Chamber Orchestra und des Pianisten Leif Ove Andsnes eine Veranstaltung mit dem Titel Unboxing Mozart statt. Dabei werden Teilnehmer zum Akteur in einem künstlerischen Erlebnisraum an der Schnittstelle von Musik, Urban Gaming und Performance. Mit Hilfe einer digitalen Soundbox erleben sie auf spielerische Weise, was es heißt, selbst Teil eines Ensembles zu sein. Für die technische Betreuung sorgen Josa Gerhard und Sebastian Quack vom Netzwerk Invisible Playground. Anfangszeit und der Ort dieses Experiments standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Über die Musik

»Mit einem Worte, Groll und Unlust«

Anmerkungen zu Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn

Ein Programm mit drei Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und einem von Joseph Haydn, die alle in Moll-Tonarten stehen, ist durchaus ungewöhnlich. In ihrer beider Instrumentalschaffen bilden Kompositionen in Moll-Tonarten die Ausnahme – so wie überhaupt die (Wiener) Klassik mit ihrem Unterhaltungsanspruch sogenannter »Gesellschaftsmusik« eher davor zurückscheute, das Publikum mit allzu düsteren, dramatischen, womöglich gar tragischen Klängen zu konfrontieren, wie sie einige Jahrzehnte später zum harmonischen Kern der Romantik wurden. Von den 27 Klavierkonzerten Mozarts gehören gerade einmal zwei diesem Tongeschlecht an – das d-Moll-Konzert KV 466 und das in c-Moll KV 491; auch bei den 41 Symphonien (offizieller Zählung) sind es nur zwei – die »kleine« sowie die »große« g-Moll-Symphonie KV 183 und KV 550. Zwei d-Moll-Streichquartette (KV 173 und KV 421) stehen 21 Dur-Quartetten gegenüber, und auch unter den 18 Klaviersonaten finden sich nur zwei in a-Moll (KV 310) und c-Moll (KV 457). Ähnlich sieht es bei Joseph Haydn aus: In Moll-Tonarten geschrieben sind elf der 104 Symphonien, zwölf der 83 Streichquartette und sechs der 52 Klaviersonaten; von seinen insgesamt 35 Solokonzerten weist kein einziges eine Molltonart auf.

Dabei geht es hier durchaus nicht nur um Statistik. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war noch tief im Geist der barocken, auf der Musiktheorie der griechischen Antike fußenden »Affektenlehre« verwurzelt, die mit ihren musikalisch-rhetorischen Figuren, (Takt-) Zahlenproportionen und eben auch Tonartencharakteristika eine musikalische Semiotik festgelegt hatte, die jeder Komponist kannte und so sehr verinnerlicht hatte, dass er ihr – bewusst oder unbewusst – wohl auch folgte. Auslegungen wie der Essay Ueber Musik, an Floetenliebhaber insonderheit von Justus Johannes Heinrich Ribock (1743 – 1785), der 1783 in Carl Friedrich Cramers Magazin der Musik erschien, oder Christian Friedrich Daniel Schubarts (1739 – 1791) Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst von 1784/1785 – allerdings erst 1806 in Wien veröffentlicht – spiegeln ein Verständnis wider, das auch Haydn und Mozart nicht fremd gewesen sein dürfte.

Maurerische Trauermusik c-Moll KV 477

Andererseits entspricht die Wahl der Tonart c-Moll für die Maurerische Trauermusik, die Mozart im November 1785 zu Ehren zweier verstorbener Logenbrüder komponierte, nicht unbedingt den Regeln: Ribock (der seine Tonartencharakteristika synästhetisch um Farb- und Geruchs-Assoziationen erweitert) beschreibt c-Moll als »den allerzaertlichsten, weiblich edelsten, schmachtendsten [Ton], und vergleiche ihn mit der Farbe der blaesseren Rose, und auch mit dem Geruche derselben, wenn es erlaubt ist, und man nicht gar zu heftig lachen will, wenn ich noch einen Sinn zu Huelfe nehme«. Bei Schubart steht c-Moll für »Liebeserklärung, und zugleich Klage der unglücklichen Liebe. – Jedes Schmachten, Sehnen, Seufzen der liebetrunknen Seele, liegt in diesem Tone«. Erst nach Beethovens Klaviersonate op. 13 und seiner Fünften Symphonie wurde c-Moll zur typisch »pathetischen« Tonart: »Ausdruck der Wehmuth, der Trauer [und] des Verlangens nach Trost«, wie es 1837 in Ferdinand Gotthelf Hands Aesthetik der Tonkunst heißt; »auch dem Grabgesang kann diese Tonart dienen«.

Das Adagio, das Mozart »bey dem Todfalle der BrBr:[üder Herzog Georg August von] Me[c]klenburg[-Strelitz] und [Franz] Esterhazy [von Galantha]« schrieb, wurde am 17. November 1785 in einer maurerischen Trauerfeier seiner Loge »Zur gekrönten Hoffnung« aufgeführt. Mit seiner kontrapunktischen Strenge, den dissonanten Reibungen und starken dynamischen Kontrasten entspricht es ebenso dem Anlass wie mit seinem typisch »maurerischen« Klopfrhythmus und der Instrumentation (für zwei Violinen, Viola, Bass, zwei Oboen, Klarinette, Bassetthorn und zwei Hörner), die Mozart später noch um ein Kontrafagott (»gran fagotto«) und zwei weitere Bassetthörner erweitert hat. Dass er damals schon tief in der Arbeit am Figaro steckte, lässt der abgründige Ernst der Musik kaum erahnen.

Klavierquartett Nr. 1 g-Moll KV 478

Auch das im Köchelverzeichnis mit der Nummer 478 unmittelbar auf die Trauermusik folgende, vermutlich aber vorher komponierte Werk hat nichts von der spielerischen Eleganz und – freilich trügerischen – Leichtigkeit der Beaumarchais/Da-Ponte-Oper. Das Klavierquartett g-Moll entstand im Auftrag des Wiener Verlegers und Komponisten Franz Anton Hoffmeister – auch er Freimaurer –, der bei Mozart drei Werke in der damals noch kaum erprobten Besetzung für Klavier, Violine, Viola und Violoncello bestellt hatte. Sie sollten in seiner neuen Subskriptionsreihe Prénumeration pour le Pianoforte erscheinen, doch – wie Georg Nikolaus von Nissen 1828 in seiner Mozart-Biografie berichtet – »sprach Mozartʼs erstes Clavier-Quartett, G-, anfangs so Wenige an, daher der Verleger Hofmeister dem Meister den vorausbezahlten Theil des Honorars unter der Bedingung schenkte, dass er die zwey anderen accordirten Quartette nicht schrieb und Hoffmeister seines Contractes entbunden wäre.« Tatsächlich erschien das (im Manuskript »li 16 d’Ottobre 1785« datierte) g-Moll-Quartett im Dezember 1785 bei Hoffmeister, während das zweite Klavierquartett in Es-Dur (KV 493) im Juli 1787 von Artaria & Co. veröffentlicht wurde; ein drittes Quartett, wie es Hoffmeister bestellt hatte, hat Mozart nie geschrieben.

»Das Publikum finde sie zu schwer«, paraphrasiert das Köchelverzeichnis Nissens Bericht – aber was genau ist damit gemeint? Zu schwer zu spielen – oder zu hören …? Nach den glänzenden Triumphen, die Mozart anfangs in Wien gefeiert hatte, war er in seiner Musik immer radikaler und kompromissloser geworden und hatte »sein« Publikum – Stichwort: »Gesellschaftsmusik« – mehr und mehr hinter sich gelassen. Gerade das Jahr 1785 brachte eine ganze Reihe von Werken hervor, deren Modernität auch heute noch erstaunt. Dass die hyper-chromatische Adagio-Einleitung des (später sogenannten) »Dissonanzenquartetts« C-Dur (KV 465), das Klavierkonzert d-Moll (KV 466), die Umarbeitung der c-Moll-Messe (KV 427) zur Kantate Davide penitente (KV 469), die Klavier-Fantasiec-Moll (KV 475), die Violinsonate Es-Dur (KV 481) oder eben auch das g-Moll-Quartett den meisten Wienern wohl wirklich »zu schwer« waren, ist kaum erstaunlich.

Auch hier mag es interessant sein, die gängigen Charakteristika der Tonart g-Moll zu überprüfen. Ribock assoziiert sie mit der »Klage einer edlen Matrone, die aber die jugendliche Schoenheit nicht mehr hat. […] Ihre correspondirende Farbe und Geruch sind: Purpur und Violen.« Und Schubart: »Mißvergnügen, Unbehaglichkeit, Zerren an einem verunglückten Plane; mißmuthiges Nagen am Gebiß; mit einem Worte, Groll und Unlust.« Das dürfte Mozarts Stimmung durchaus treffend beschreiben. Auch wenn es noch drei Jahre hin ist, bis er (ab Juni 1788) seinen Freimaurer-Logenbruder, den Tuchhändler Michael Puchberg, mit 22 immer drängender werdenden Bettelbriefen bestürmt, war seine finanzielle Situation auch jetzt schon höchst prekär. Wohl nur deshalb hatte er den Auftrag Hoffmeisters »um Geld« angenommen – und sich zugleich herzlich wenig darum gekümmert, ob das gelieferte Quartett in seiner stürmenden und drängenden Dichte geeignet war, ein Verkaufserfolg zu werden. Und wenn denn Nissens Geschichte stimmt – hatte Hoffmeister sich vielleicht zunächst geweigert, das ausgemachte Honorar zu zahlen? Das könnte jedenfalls ein Brief Mozarts vom 20. November 1785 vermuten lassen – kaum einen Monat nach Beendigung des Quartetts: »liebster Hofmeister! – Ich nehme meine zuflucht zu ihnen, und bitte sie, mir unterdessen nur mit etwas gelde beÿzustehen, da ich es in diesem augenblick sehr nothwendig brauche. – dan bitte ich sie sich mühe zu geben mir so bald als möglich das bewusste zu verschaffen. – verzeihen sie daß ich sie imer überlästige, allein da sie mich kenen, und wissen wie sehr es mir daran liegt daß ihre sachen gut gehen möchten, so bin ich auch ganz überzeugt daß sie mir meine zudringlichkeit nicht übel nemen werden, sondern mir eben so gerne behülflich seÿn werden, als ich ihnen.«

Symphonie Nr. 83 g-Moll Hob. I:83 La Poule

Während Mozart also »mißmuthig am Gebiß« nagte, hatte Joseph Haydn in demselben Jahr 1785 allen Grund, zufrieden zu sein. Er war als Kapellmeister des Fürsten Esterházy mittlerweile so berühmt, dass ihm Aufträge aus ganz Europa zugetragen wurden – zum Beispiel aus Paris, wo die (im Dezember 1782 von einer reichen Freimaurer-Loge gegründete) Konzertgesellschaft der »Loge Olympique« gerade ein halbes Dutzend Symphonien bei ihm bestellt hatte. Ihr Orchester aus 65 bis 70 Musikern galt als eines der größten und besten Europas, und sie veranstaltete für ihre rund 600 Abonnenten pro Saison zwölf Konzerte in der »Galerie d’Ulysse« des Hôtel Bullion. Haydn war geschmeichelt, aber er ließ sich reichlich Zeit mit den sechs (später »Pariser« genannten) Symphonien (Hob. I:82 – 87); als erstes entstand wohl im Frühjahr oder Sommer 1785 die g-Moll-Symphonie Hob.I:83, die letzte war erst Ende 1786 fertig.

Wer nun hier nach Spiegelungen der Tonartencharakteristik für g-Moll sucht, ist schlecht beraten: Tatsächlich steht nur der Anfang des Allegro spiritoso in dieser Tonart, während der bei weitem größte Teil der Symphonie in G-Dur steht – ein »Ton«, in dem sich laut Schubart »jede sanfte und ruhige Bewegung des Herzens trefflich […] ausdrücken läßt. Schade! daß er wegen seiner anscheinenden Leichtigkeit, heut zu Tage so sehr vernachlässiget wird.« Wobei es Haydn genau um diese »Leichtigkeit« gegangen sein dürfte: Das Pariser Publikum kannte seine Symphonien gut genug, dass er es sich hier leisten konnte, mit den Versatzstücken seines Orchesterstils zu spielen. Überraschende Kontraste im ersten Satz, plötzliche Klangfarbenwechsel im zweiten oder das Perpetuum-mobile-Finale lieferten genau das, was Mozart seinem Publikum verweigerte: Beste Unterhaltung.

Der Beiname La Poule (Das Huhn), der sich wohl auf das »gackernde« zweite Thema des Kopfsatzes bezieht, stammt übrigens nicht von Haydn, sondern taucht erst 1831 in einem Werkverzeichnis der Zürcher Neujahrsblätter auf – ebenso wie der Beiname L’Ours(Der Bär) für die vorausgehende C-Dur-Symphonie.

Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466

Haydn – in festen esterházyschen Diensten – konnte es sich leisten, sich mit dem Auftrag der »Loge Olympique« Zeit zu lassen. Mozart, der seit 1781 als freischaffender Musiker in Wien lebte, stand unter ständigem Druck. Das erlebte auch sein Vater Leopold, als er am 11. Februar 1785 in Wien eintraf – an dem Tag, an dem Mozart die erste von sechs Konzert-Akademien im Kasino »Zur Mehlgrube« gab. »Das Concert war unvergleichlich«, berichtet Leopold drei Tage später, »das Orchester vortrefflich, außer den Synfonie sang eine Sängerin vom welschen theater 2 Arien. dan war ein neues vortrefliches Clavier Concert vom Wolfgang, wo der Copist, da wir ankamen noch daran abschrieb, und dein Bruder das Rondeau noch nicht einmahl durchzuspielen Zeit hatte, weil er die Copiatur übersehen musste.« Tatsächlich trägt die Partitur gerade einmal das Datum des Vortages: 10. Februar. Das war wohl auch einer der Gründe, weshalb es von Mozart selbst keine Kadenzen zu diesem Konzert gibt – er wird sie bei der Aufführung improvisiert haben. Umso beachtlicher ist die Liste der Komponisten, die im 19. Jahrhundert post festum Kadenzen zu dem Konzert schrieben: Von Ludwig van Beethoven und Mozarts Sohn Franz Xaver über Johann Nepomuk Hummel, Camille Saint-Saëns, Johannes Brahms und Clara Schumann bis hin zu Ferruccio Busoni.

So groß die Bewunderung der Romantik für das d-Moll-Konzert war, so irritiert dürfte das Wiener Publikum der Uraufführung reagiert haben. Nicht nur die Tonart d-Moll (Mozarts favorisierte Moll-Tonart, in der später auch der Don Giovanni und das Requiem gehalten sein werden) war nach »gesellschaftsmusikalischen« Standards ungewöhnlich – auch der ganze Tonfall dramatischer Hochspannung und Aufgewühltheit, der sich nicht einmal am Ende des ersten, pianoverklingenden Satzes aufhellt, sondern erst in der Coda des Finales in D-Dur umschlägt. Statt des gefälligen Wechselspiels zwischen Solo und Orchester stehen sich hier beide schroff gegenüber. »Es ist ein unversöhnter Dualismus zwischen der anonymen drohenden Kraft und der sprechenden Klage des einzelnen« (Alfred Einstein). Waren es beim Klavierquartett noch »Groll und Unmuth«, so herrscht hier pure Verzweiflung.

Und was sagen die Tonartencharakteristika? Bei Ribock fehlt d-Moll; bei Schubart steht die Tonart für »schwermüthige Weiblichkeit, die Spleen und Dünste brütet« – was auch immer das heißen mag. Die Musik steht für sich.

Michael Stegemann

Biografie

Das Mahler Chamber Orchestra (MCO) wurde 1997 als freies, selbstbestimmtes und internationales Orchester gegründet, dessen Musiker als »nomadisches Kollektiv« in Projekten und auf Tourneen zusammenarbeiten und wird gemeinsam von seinem Managementteam und dem Orchestervorstand unter Beteiligung der Musiker geleitet. Der Kern des Ensembles besteht aus 45 Mitgliedern aus 20 verschiedenen Ländern. Klanglich ist das MCO von einer kammermusikalischen Musizierhaltung geprägt. Das Repertoire spannt sich von der Wiener Klassik und frühen Romantik bis zu zeitgenössischen Werken und Uraufführungen und spiegelt die Beweglichkeit des MCO und seine Fähigkeit, musikalische Grenzen zu überwinden. Das Ensemble erhielt seine künstlerische Prägung durch seinen Gründungsmentor Claudio Abbado und seinen Conductor Laureate Daniel Harding. Weitere langfristige künstlerische Partnerschaften verbindet das Ensemble mit der Pianistin Mitsuko Uchida, dem Geiger Pekka Kuusisto, dem Pianisten Leif Ove Andsnes und dem Dirigenten Teodor Currentzis. Der Konzertmeister des MCO, Matthew Truscott, leitet das Orchester regelmäßig bei Konzerten mit Kammerorchester-Repertoire. Zu den aktuellen Leuchtturmprojekten des Mahler Chamber Orchestra gehört neben Memento Mozart 1785/1786 mit Leif Ove Andsnes eine fünfjährige Partnerschaft mit Mitsuko Uchida, die sich auf Mozarts Klavierkonzerte konzentriert sowie die Kooperation mit dem Geiger Pekka Kuusisto, in der sich das Orchester der Erforschung von Musikstilen und Konzertformaten widmet. Seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Daniele Gatti fokussiert wiederum das symphonische Repertoire. Unter der Leitung des Komponisten George Benjamin bringt das Mahler Chamber Orchestra außerdem regelmäßig dessen Werke auf die Bühnen der Welt, wie beispielsweise im November 2018 die Opernproduktion Written on Skin in der Berliner Philharmonie. Über seine Konzerte hinaus veranstaltet das MCO zahlreiche Begegnungen und Projekte zur Musikvermittlung: Feel the Music, das Flagship-Projekt dieser Education-Arbeit, öffnet durch interaktive Workshops seit 2012 die Welt der Musik für gehörlose und hörgeschädigte Kinder. Seit 2009 gibt es auch eine MCO Academy, in der die Musiker ihre Leidenschaft an die nächste Generation weitergeben.

Leif Ove Andsnes, 1970 auf der norwegischen Insel Karmøy geboren, studierte am Konservatorium von Bergen bei Jiří Hlinka sowie in Belgien bei Jacques de Tiège. Nach frühen Erfolgen bei internationalen Wettbewerben debütierte er im Alter von 19 Jahren in New York, Washington sowie beim Festival von Edinburgh mit dem von Mariss Jansons dirigierten Philharmonischen Orchester Oslo. Damit war der Grundstein zu einer erfolgreichen Karriere gelegt und schon 1992 trat Leif Ove Andsnes erstmals in Konzerten der Berliner Philharmoniker auf. Es folgten weitere Debüts in Japan (1993), in Paris (1996), London (1997) und Zürich (1998). Seither gibt er jede Saison Solo-Abende in renommierten Konzertsälen und konzertiert mit Spitzenorchestern in aller Welt, in dieser Spielzeit u. a. mit dem Bergen Philharmonic, Philharmonia London, der Staatskapelle Dresden und dem Radio-Sinfonieorchester Berlin. Der leidenschaftliche Kammermusiker ist Gründungsdirektor des norwegischen Rosendal Kammermusikfestivals. Er war fast zwei Jahrzehnte lang einer der künstlerischen Leiter des Kammermusikfestivals von Risør tätig. Andsnes ist künstlerischer Partner des MCO, mit dem er grade ein vierjähriges Mozart-Projekt unter dem Titel Mozart Momentum 1785/1786 beginnt; bereits von 2012 bis 2015 arbeitete er mit dem Ensemble für einen Beethoven-Zyklus zusammen, der rund 230 Liveauftritte in 108 Städten in 27 Ländern umfasste. Zu den Auszeichnungen des Pianisten zählen die Aufnahme in den Königlich Norwegischen St.-Olav-Orden, der Peer-Gynt-Kulturpreis der norwegischen Regierung, der Londoner Royal Philharmonic Society Award und der Gilmore Artist Award sowie – bereits mehrfach – der Preis der Deutschen Schallplattenkritik; im Juli 2013 wurde er zudem in die Gramophone Hall of Fame aufgenommen. Leif Ove Andsnes ist künstlerischer Berater am Konservatorium von Bergen, wo er jährlich Meisterkurse gibt, sowie Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie. 2016 bzw. 2017 wurden ihm Ehrendoktorgrade von der Juilliard School in New York und der norwegischen Universität Bergen verliehen.

Matthew Truscott studierte an der Royal Academy of Music in London und am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Der vielseitige Geiger fühlt sich auf der Barockgeige ebenso wohl wie auf einem modernen Instrument. Er ist Konzertmeister des Mahler Chamber Orchestras sowie einer von mehreren Konzertmeistern des Orchetra of the Age of Enlightenment. Darüber hinaus gastiert er auch bei anderen Orchestern und Ensembles, etwa bei der English National Opera in einer Produktion von Monteverdis Orfeo, bei der Niederländischen Oper sowie beim Budapester Festivalorchester, The English Concert und Le Concert d’Astrée. Kammermusikalisch hat der britische Geiger beispielsweise mit Trevor Pinnock, Emmanuel Pahud und Jonathan Manson zusammengearbeitet. Matthew Truscott unterrichtet Barockvioline an der Royal Academy of Music, London.

Claudio Abbado (Foto: Erika Rabau)

Lars Vogt (Foto: Anna Reszniak)

Mahler Chamber Orchestra (Foto: Molina Visuals)

Dirigent für eine neue Zeit

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