Mahler Chamber Orchestra (Foto: Molina Visuals)

In memoriam Claudio Abbado/Composer in Residence

George Benjamin: Written on Skin

Das von Claudio Abbado gegründete Mahler Chamber Orchestra führt mit Written on Skin eine der erfolgreichsten Opern unserer Zeit auf. Sie handelt von einer Dreiecksgeschichte, die unter die Haut geht: Die Protagonisten sind ein brutaler, eifersüchtiger Ehemann, eine junge, unerfahrene Frau und ein begnadeter Maler. Librettist Martin Crimp schuf nach einer mittelalterlichen provenzalischen Sage eine höchst moderne Geschichte über Macht, Unterwerfung, Rebellion und Selbstfindung – als kongeniale Vorlage für die atmosphärisch dichte, klangfarbenreiche Musik von George Benjamin.

Mahler Chamber Orchestra

George Benjamin Dirigent

Evan Hughes Bassbariton (The Protector)

Georgia Jarman Sopran (Agnes)

Bejun Mehta Countertenor (Angel 1/The Boy)

Victoria Simmonds Mezzosopran (Angel 2/Marie)

Robert Murray Tenor (Angel 3/John)

Benjamin Davis Regie

George Benjamin

Written on Skin

Dieses Konzert ist Teil einer dem Komponisten und Dirigenten George Benjamin gewidmeten Residency der Stiftung Berliner Philharmoniker in Kooperation mit Berliner Festspiele/Musikfest Berlin. Mit freundlicher Unterstützung der Aventis Foundation.

Termine und Karten

Programm

Written on Skin des 1960 in London geborenen George Benjamin ist eine der erfolgreichsten Opern jüngerer Zeit. Seit seiner Premiere beim Festival d’Aix-en-Provence im Jahr 2012 wurde das Werk weltweit in Opernhäusern sowie bei renommierten internationalen Festivals aufgeführt, darunter der Fiorentiner Maggio Musicale, das Londoner Royal Opera House Covent Garden, die Nederlandse Opera Amsterdam, die Wiener Festwochen oder die Pariser Opéra Comique. Die halbszenische Inszenierung von Written on Skin, die Benjamin Davis für das Mahler Chamber Orchestra geschaffen hat, fand 2016 u. a. in Barcelona, Madrid, London und Köln eine begeisterte Aufnahme.

Das Libretto des englischen Dramatikers Martin Crimp basiert auf einer okzitanischen Legende aus dem 12. Jahrhundert und erzählt von einer Dreiecksbeziehung, die von geheimnisvollen modernen Engeln ihrem blutigen Ende zugeführt wird. Sir George Benjamin, der die Aufführung von Written on Skin durch das Mahler Chamber Orchestra und eine internationale Solistenriege als Berliner Erstaufführung musikalisch leiten wird, hat eine farbenreiche, in der Tradition von Claude Debussys Pelléas et Mélisande und Alban Bergs Wozzeck stehende Partitur verfasst, die von der britischen Zeitung The Guardian als »Meisterwerk eines Genies« bezeichnet wurde.

Benjamin, der u. a. bei Olivier Messiaen und Alexander Goehr in die Lehre ging, ist in der Saison 2018/2019 Composer in Residence bei den Berliner Philharmonikern und als Komponist aber auch dirigierend mit unterschiedlichen Werken in insgesamt sieben Konzerten vertreten.

Über die Musik

Leidenschaft im Irrealis

George Benjamins Written on Skin als Glücksfall der Gegenwartsoper

Eine Geschichte aus dem Mittelalter. Ein Drama von Liebe und Begehren, von Eifersucht, Mord und Kannibalismus. Eine Tragödie um Macht und Manipulation und die Kraft der Kunst. Das klassische Dreieck aus Mann und Frau und deren Liebhaber. Wobei Letzterer kein Testosteron-praller Tenor ist, sondern ein androgyner Counter. Neben den Protagonisten treten drei offenbar allwissende Engel auf, die Vergangenheit und Gegenwart zugleich überblicken. Ungerührt schildern sie, wie die weibliche Hauptfigur aus einer mittelalterlichen Buchmalerei direkt auf den Asphalt eines Parkplatzes hinabstürzt. Zwei dieser Engel verwandeln sich zwischendurch in handelnde Personen – und wieder zurück. Alles ganz schön unwahrscheinlich. Geht es noch wirklichkeitsferner? Realismus sieht anders aus; aber wir befinden uns ja auch in der Oper.

»Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.« Aus dem Eröffnungssatz von Lew Tolstois Roman Anna Karenina hat der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond vor 20 Jahren ein wissenschaftliches Axiom abgeleitet, das »Anna-Karenina-Prinzip«: Mehrere Kriterien zugleich müssen erfüllt sein, so die Annahme, damit ein komplexer Vorgang gelingen kann. Fällt hingegen nur ein einziger Faktor aus – der Forscher nennt sexuelle Anziehung, Finanzielles, Kindererziehung oder die Schwiegereltern als Beispiele – dann ist das Glück bereits beeinträchtigt. Was für die Familie gilt und sich auf die Domestikation von Tieren übertragen ließ, das ist ganz sicher auch fürs Musiktheater von Relevanz. Insbesondere für die Oper der Gegenwart, jene Kunstform, deren ästhetische wie institutionelle Funktionsweisen ganz offensichtlich in eklatantem Widerspruch zur spätmodernen Alltagserfahrung stehen. Wer heute Opern komponiert, sieht sich mit enormen Herausforderungen konfrontiert: Auf der einen Seite drohen all die – überwiegend dem 19. Jahrhundert entstammenden – melodramatischen Klischees des Genres. Nicht minder einschüchternd wirkt auf der anderen Seite aber die Gefahr hermetischer Unverständlichkeit, falls alle Konventionen über Bord geworfen werden. Und auch dazwischen lauern tausend Fallen: Kein um Eigenständigkeit bemühter Komponist kann heute noch historisch bewährten Rezepten folgen. Jede kreative Entscheidung muss individuell und spezifisch, für den konkreten Fall getroffen werden.

Seltene Einigkeit unter den Kritikern

Nichtsdestoweniger sollten gewisse Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Oper ihre genre-typische Wirkung entfalten kann. Erstaunlich wenig hat sich geändert an diesen Prämissen, von Monteverdi über Alban Berg bis in unsere Zeit: Libretto und Partitur obliegt es, eine höhere, gesteigerte Wirklichkeit zu erschaffen, in der die Unglaubwürdigkeit einer durchweg gesungenen Mitteilung überhaupt gerechtfertigt erscheint. Dabei sollte die Musik immer etwas mehr wissen als die Akteure auf der Bühne, denn nur so können die Klänge jene psychologische Tiefendimension beisteuern, die die Oper über das Schauspiel hinaushebt. Das Stück muss dramatische Spannung aufbauen und das Publikum emotional mitnehmen, außerdem musikalisch aus einem Guss sein und doch agil auf den Wechsel der Szenen reagieren. Eine zeitgemäß »moderne« Tonsprache ist unabdingbar. Steht diese allerdings einem im weitesten Sinne »sanglichen« Vokalstil im Wege, gerät das Opernglück schon wieder in Gefahr. Und obwohl naturgemäß die Stimmen als zentraler Bestandteil fungieren, entscheidet im Ernstfall doch die orchestrale Qualität einer Partitur über den Stellenwert eines Werks.

Written on Skin ist eine Oper, die sich all diesen Problemen stellt – und sie so präzise, so umfassend und zugleich anmutig löst, dass mit einem Mal alles leicht und selbstverständlich erscheint. Die Erfüllung ist plötzlich da, dabei hatte kaum jemand noch mit ihr gerechnet. Entsprechend einstimmig waren und sind die Urteile zu George Benjamins zweitem Beitrag zur Gattung: Seit nunmehr sechs Jahren löst das Stück fast nur lobende, ja emphatische Reaktionen aus und zwar gleichermaßen bei Interpreten, Zuhörern, Kritikern und Veranstaltern. Skeptische Beobachter pflegen den Uraufführungsbetrieb in Konzert und Oper gern mit einem Durchlauferhitzer zu vergleichen: So hoch gespannt die Erwartungen im Vorfeld sein mögen, am Ende wird nur ein Bruchteil aller Novitäten jemals wiederaufgeführt. Hier jedoch, nach der Uraufführung von Written on Skin am 7. Juli 2012 in Aix-en-Provence, war alles anders. Die Premiere – das Mahler Chamber Orchestra musizierte unter Leitung des Komponisten – wurde mit standing ovations frenetisch gefeiert. Der Kritiker des Figaro zeigte sich beeindruckt von einer »eindringlichen und sinnlichen« Musik, die den souveränen Bau der großen Form mit einer ausgeprägten Individualität der einzelnen Szenen verbinde. Renaud Machard, der Kollege von Le Monde, sprach von einem »anspruchsvollen, dichten und komplizierten Werk von faszinierender und geheimnisvoller Poesie«. Gegen Ende seiner Rezension suchte er hinter der Aussage eines »wagemutigen aber kultivierten« Zuhörers Deckung, um das kühne Wort von der »besten Oper seit Wozzeck« in die Welt zu setzen.

Ein geborener Theatermusiker sucht seinen Weg

Neben den koproduzierenden Häusern in Amsterdam, Toulouse, London und Florenz übernahmen innerhalb kurzer Zeit weitere bedeutende Bühnen die Uraufführungsproduktion unter der Regie von Katie Mitchell; zahlreiche konzertante Aufführungen schlossen sich an. Rasch wagten kleinere Häuser wie Detmold und St. Gallen Neuinszenierungen, und in der Spielzeit 2017/2018 kam in Philadelphia die erste auf dem amerikanischen Kontinent heraus. Anthony Tommasini von der New York Times hat das gleichsam inklusive Moment von Written on Skin im August 2015 pointiert formuliert: »In einer Zeit, in der so viele neue Opern, gerade die von amerikanischen Komponisten, dem Publikum mit einem zugänglich-lauwarmen Stil entgegenkommen, fordert Benjamin die Zuhörer mit dichten Harmonien, ungebärdigen Linien und knirschenden Eruptionen heraus. Dennoch spürt man in jedem Takt, dass hier ein Komponist über den Details geschwitzt hat, um jedem Element Ausdruck und Wahrhaftigkeit zu verleihen.«

Zu seiner Detailverliebtheit hat sich George Benjamin stets bekannt. Sie geht einher mit einem immensen Reflexionsvermögen, das buchstäblich jeden Aspekt seines Tuns durchdringt und dabei immer auf den Kern ästhetischer Fragestellungen zielt. Seit jeher komponiert der von seinem Lehrer Olivier Messiaen bereits im Teenager-Alter zum Genie erklärte und von mehreren einflussreichen Mentoren geförderte Brite langsam und äußerst skrupulös. Kontrolliert von strenger Selbstkritik operiert er auf dem schmalen Grat zwischen Komplexität und kommunikativer Zugewandtheit, zwischen struktureller Dichte und sinnlicher Intensität. Die Idee, Musik für die Bühne zu schreiben sei bei ihm immer da gewesen, sagt Benjamin. Bereits zu Schulzeiten hat er für Shakespeare-Aufführungen seiner Klassenkameraden Schauspielmusiken geliefert. Und tatsächlich ist ein dramatisch-theatrales Moment auch in den früheren Instrumentalwerken spürbar.

Modernität und Gesang im Widerspruch?

Lange jedoch betrachtete der Musiker die Gattung Oper als eine der kompositorischen Sackgassen der Moderne. Noch 2004 erläuterte er die kaum lösbaren Schwierigkeiten, ein Musiktheaterstück in posttonalem Stil zu schreiben, insbesondere das Dilemma, eine kantabel geführte Gesangslinie mit einer Harmonik verbinden zu müssen, die nicht mehr auf tonale Zentren ausgerichtet ist. Natürlich stand der simple Rückweg zur Tonalität nicht zur Debatte. Doch ebenso klar war für Benjamin, dass eine Oper ihre Zuhörer bewegen, dass sie innere Anteilnahme und eine Art Katharsis auslösen müsse – und genau dies schien ihm in einem postseriellen Stil kaum möglich. Lange forschte er deshalb nach einer Sprache, mit der er, wie er selbst formulierte, »gleichzeitig direkt, authentisch und modern sein konnte«. Und noch immer fehlte ihm ein Dichter, dessen Text den angemessenen Raum für seine Musik öffnen würde.

Benjamin fand ihn schließlich in dem 1956 geborenen englischen Dramatiker Martin Crimp. Ende der 1990er-Jahre mit Attempts on Her Life international bekannt geworden, hat Crimp einen äußerlich einfachen und konzisen, sehr hintersinnigen Sprachduktus ausgeprägt, der in dezidiert anti-naturalistischer Absicht verschiedene Realitäts-, Zeit- und Stilebenen miteinander konfrontiert. Zusammen mit ihm schrieb Benjamin 2006 die extrem kondensierte »Lyric Tale« Into the Little Hill. Der rund 40-minütige Einakter ist eine mit unspezifischen Gegenwartsbezügen angereicherte Neufassung der Fabel vom Rattenfänger von Hameln. Zwei Sängerinnen teilen darin nicht nur sämtliche Rollen unter sich auf, sie übernehmen zugleich auch die Funktion des Erzählers. Das 15-köpfige Kammerensemble umfasst neben Streichern und Bläsern auch so exotische Instrumente wie ein Cymbalom und ein Banjo.

Heiße Geschichte im kalten Rahmen

Die bis dato längste Komposition des Briten erregte großes Aufsehen. Benjamins Weg zum Musiktheater war nun endlich frei: Written on Skin entstand in der vergleichsweise kurzen Zeit von zwei Jahren im Auftrag von Bernard Fouccroulle, dem Intendanten des Festivals von Aix-en-Provence, der den vorsichtigen Meister seit langem zu einer Oper zu ermutigen versuchte. Fouccroulle wünschte sich einen Stoff, der eine Verbindung zur Provence herstellen würde. Crimp und Benjamin einigten sich auf das Thema des gegessenen Herzens, das in unterschiedlichsten Versionen durch die mittelalterliche Literatur geistert; im deutschsprachigen Raum ist das Motiv als »Herzmäre« bekannt. Konkrete Vorlage für das Libretto war die anonyme okzitanische Sage Guillem de Cabestanh – Le Cœur mangé aus der Zeit um 1200.

So sehr Benjamins musikalische Imaginationskraft über sich hinauszuwachsen scheint in Written on Skin, so sehr bedarf seine Musik des literarischen Katalysators, um ihre Magie des Irrealis, des sorgsam stilisierten »Als-ob« ins Werk zu setzen. Die fundamentale Künstlichkeit des gesungenen Dramas bildet den Kern von Crimps und Benjamins Konzeption: Auf mehreren Ebenen setzen die beiden Verfremdungstechniken eines anti-illusionistischen, »epischen« Theaters ein, um einen neuen Raum für jene Überhöhung der Empfindung zu schaffen, in der eine Oper zur ihrem Recht kommt. Als »eine brennend heiße Geschichte in einem eiskalten Rahmen« bezeichnet Martin Crimp Written on Skin, und tatsächlich liefert sein Text eine ganze Reihe solcher Rahmungen. Während die Stoffvorlage von einem Musiker, einem Troubadour handelt, übernimmt bei Crimp ein Buchmaler die Rolle des Liebhabers – ein im wörtlichen Sinne »auf die Haut«, nämlich auf Pergament schreibender Künstler, der filigrane, streng formalisierte Illustrationen anfertigt. Der Maler erschafft somit eine zweite Wirklichkeit innerhalb der Bühnenhandlung. In drei als »Miniaturen« gekennzeichneten Passagen der Oper wird diese Meta-Wirklichkeit von den Akteuren beschrieben und gedeutet; sie ist es, die deren weiteres Verhalten bestimmt.

Eine Musik voller Empathie

Die prominente Rolle der drei Engel ist nicht allein als Reminiszenz an die Ikonografie der mittelalterlichen Buchmalerei zu verstehen. Die Engel steuern auch ein oratorisches Moment bei wie etwa der kommentierende, das Kollektivbewusstsein einfangende Chor im antiken Drama oder in den Passionen von Johann Sebastian Bach. Ihre anachronistischen Sprachbilder halten die Erinnerung daran wach, dass die Geschichte auf zwei Zeitebenen zugleich spielt: im fernen 13. Jahrhundert und in der unmittelbaren Gegenwart. Crimp zieht hier eine Parallele zu Walter Benjamins berühmtem »Engel der Geschichte« (Der Philosoph hatte 1920 das Gemälde Angelus Novus von Paul Klee erworben, auf das er sich in mehreren Schriften bezog.) Wie dieser fliegen die drei, den Blick auf das Unheil der Vergangenheit gerichtet, der Zukunft entgegen. Das Bild der »aufgetürmten Toten«, mit dem die Oper endet, spielt unmittelbar auf den »Trümmerhaufen«, der »zum Himmel wächst«, in Walter Benjamins Text an: Die individuelle Tragödie schreibt sich in die viel größere der Weltgeschichte ein.

Crimp hat eine strikte Gliederung der Handlung in 15 Szenen vorgenommen, die sich im Verhältnis von 6 zu 4 zu 5 auf die drei Teile verteilen und jeweils deutliche, filmschnittartige Wechsel der Situation bringen. Entsprechend verzichtet George Benjamin auf überleitende Orchesterpartien. Stattdessen stellt er starke Kontraste zwischen den Szenen her, während die symphonischen Kulminationsmomente jeweils in die laufende Handlung eingelassen sind. Die wichtigste, dramaturgisch folgenreichste Rahmensetzung bildet jedoch die Technik, die Figuren ihre Geschichte zugleich spielen und erzählen zu lassen. Innen- und Außensicht, Erleben und Beobachten fließen zusammen und relativieren einander, und genau diese Unschärfe schafft Raum für eine Theatermusik ganz eigener Art. Benjamins Partitur erzeugt Ferne und Nähe zugleich: Mit sezierender Schärfe registriert sie jede physikalische Einzelheit und nimmt dennoch mit warmer Empathie teil am Gefühlsleben des Protectors und seiner Frau. Einzig der – zugleich als Engel auftretende – »Boy« bleibt ein fremdes Wesen ohne erkennbares Innenleben.

Synthese der Zeiten und Räume

George Benjamin hat buchstäblich an alles gedacht: Eingehend hat er die vokalen Charakteristika der Uraufführungssänger studiert, um diesen ihre Parts auf die Stimmbänder schreiben zu können. »Meine Rolle ist es, dem Drama zu dienen und zu versuchen, eine Wahrheit zu finden«, bemerkte der Komponist. »Ganz wichtig ist, dass der Text zu fast jedem Zeitpunkt hörbar ist. Die Sänger sollen nicht schreien müssen, sie müssen leise singen können. Daher lautet die Regel für das Orchester Zurückhaltung und Klarheit. Infolgedessen schockieren die seltenen Momente, in denen diese Regel gebrochen wird. Ich setze das Orchester wie einen Farbhintergrund ein, genau wie ein Buchmaler. Das bedeutet, es begleitet die Stimmen als sich ständig wandelnde Basis, wie ein Gewebe aus verschiedenen Tönen, die unaufhörlich ihre Helligkeit verändern.« Eine konzertante Aufführung gibt den Hörenden die Möglichkeiten, die Subtilitäten der benjaminschen Orchesterbehandlung zu verfolgen. Die Finesse des Schlagzeuggebrauchs etwa (darunter auch Schreibmaschinentippen und das Klackern von Kieselsteinen) oder die Schönheit der Mischklänge von gedämpften Blechbläsern und obertonreich gesetzten Streichern. Ganz zu schweigen von der Luftigkeit eines Kontrapunkts, der alle vokalen und instrumentalen Fäden in der Hand hält und doch vollkommene Durchlässigkeit ausstrahlt.

Written on Skin gehört zu jenen Schöpfungen, die die globalisierte Gegenwart einmal als etwas sehr Schönes erscheinen lassen: Hört man den asiatisch getönten Exotismus der Szene zwischen dem Protector, John und Marie im ersten Teil – schrille Flöten im Unisono, klirrende Schellen, krachende Pizzicati sowie betont archaische Trompetenfanfaren – und anschließend die Verführungsszene mit ihrem lichten, klaren, cremig-weichen Klang und dem hypnotischen Sog ihrer Harmonien in Richtung Tonalität, dann ist zu ahnen, dass hier eine Verbindung erreicht ist, die es in dieser Form nie zuvor geben konnte: Eine Synthese der historischen Zeiten und geografischen Räume, der Hörweisen und ästhetischen Haltungen. Benjamin ist ein kosmopolitisches Meisterwerk jenseits aller kulturellen Fixierungen gelungen, das wahrhaft Mut machen kann. Ein leises »Verweile doch!« liegt in der Luft.

Anselm Cybinski

Biografie

Sir George Benjamin, Jahrgang 1960, studierte bereits mit 14 Jahren Komposition und Klavier bei Peter Gellhorn, zwei Jahre später setzte er seine Ausbildung bei Olivier Messiaen in Paris fort. Es folgte ein Studium am King’s College in Cambridge bei Alexander Goehr. Mit Ringed by the Flat Horizon war er 1980 der jüngste Komponist, dessen Musik je bei den BBC Proms uraufgeführt wurde. Zwei Jahre später spielte die London Sinfonietta unter der Leitung von Sir Simon Rattle die Uraufführung von At First Light.Das London Symphony Orchestra veranstaltete 2002 eine Benjamin gewidmete Porträtreihe am Barbican Centre, 2012 und 2016 gab es in London Retrospektiven seiner Arbeit. In dieser Saison ist George Benjamin Composer in Residence der Stiftung Berliner Philharmoniker. Sein erstes musikdramatisches Werk Into the Little Hill auf einen Text von Martin Crimp wurde 2006 beim Festival d’Automne in Paris uraufgeführt. Written on Skin (2012) war das zweite gemeinsame Opernprojekt Benjamins und Crimps. Als Dirigent gastiert George Benjamin regelmäßig bei den renommiertesten Orchestern. Sein Repertoire umfasst Musik von Mozart bis Abrahamsen und schließt Urauführungen neuer Werke von Wolfgang Rihm, Unsuk Chin, Gérard Grisey und György Ligeti ein. Er ist u. a. »Honorary Fellow« des King’s College Cambridge, der Guildhall School of Music and Drama und der Royal Academy of Music sowie »Fellow« des King’s College in London, das ihn 2001 zum Henry Purcell Professor of Composition berief. 2017 wurde er in den Adelsstand erhoben. Bei der Stiftung Berliner Philharmoniker gab George Benjamin sein Debüt als Dirigent im Mai 2001 am Pult des Scharoun Ensembles. Die Berliner Philharmoniker leitete er zuletzt Anfang September dieses Jahres in drei Konzerten, bei denen neben seinem Orchesterstück Palimpsests auch Werke von Ravel, Boulez und Ligeti auf dem Programm standen.

Das Mahler Chamber Orchestra (MCO) wurde 1997 als freies, selbstbestimmtes und internationales Orchester gegründet, dessen Musiker als »nomadisches Kollektiv« in Projekten und auf Tourneen zusammenarbeiten. Der Kern des Orchesters besteht aus 45 Mitgliedern aus 20 verschiedenen Ländern. Das Orchester wird gemeinsam von seinem Managementteam und dem Orchestervorstand unter Beteiligung der Musiker geleitet. Klanglich ist das MCO von einer kammermusikalischen Musizierhaltung geprägt. Das Repertoire spannt sich von der Wiener Klassik und frühen Romantik bis zu zeitgenössischen Werken und Uraufführungen und spiegelt die Beweglichkeit des MCO und seine Fähigkeit, musikalische Grenzen zu überwinden. Das Orchester erhielt seine künstlerische Prägung durch seinen Gründungsmentor Claudio Abbado und seinen Conductor Laureate Daniel Harding. Weitere langfristige künstlerische Partnerschaften verbindet das Ensemble mit der Pianistin Mitsuko Uchida, der Geigerin Isabelle Faust und dem Dirigenten Teodor Currentzis. 2016 wurde der Dirigent Daniele Gatti zum Artistic Advisor des MCO ernannt. Zu den Höhepunkten der letzten Jahre gehören die Beethoven Journey, ein Zyklus von Beethovens Klavierkonzerten mit Leif Ove Andsnes, und die Opernproduktion Written on Skin, die das MCO beim Festival d’Aix-en-Provence 2012 unter der Leitung des Komponisten George Benjamin uraufführte. Über seine Konzerte hinaus veranstaltet das MCO zahlreiche Begegnungen und Projekte zur Musikvermittlung: Feel the Music, das Flagship-Projekt dieser Education-Arbeit, öffnet durch interaktive Workshops seit 2012 die Welt der Musik für gehörlose und hörgeschädigte Kinder. Seit 2009 gibt es auch eine MCO Academy, in der die Musiker ihre Leidenschaft an die nächste Generation weitergeben.

Der amerikanische Bassbariton Evan Hughes studierte an der University of California in Los Angeles, am Curtis Institute of Music in Philadelphia und absolvierte anschließend das Lindemann-Opernstudio der Metropolitan Opera in New York. Er wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet, darunter dem ersten Preis beim Gesangswettbewerb der Marylin Horne Foundation. Von 2015 bis 2018 war er Ensemblemitglied an der Semperoper in Dresden und übernahm dort Rollen wie Schaunard in Puccinis La Bohème und verschiedene Mozart-Partien. An der Komischen Oper Berlin war er u. a. als Leporello (Don Giovanni) zu erleben. Bedeutende Engagements waren außerdem die Titelrolle in Mozarts Le nozze di Figaro in Boston und Theseus in Benjamin Brittens A Midsummer Night’s Dream in Aix-En-Provence und beim Beijing Music Festival. Interpretationen zeitgenössischer Musik bilden einen wichtigen Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens, insbesondere Werke von Matthias Pintscher und Elliott Carter, von dem er einige Kompositionen uraufgeführt hat. In der Rolle des Protector war er bereits beim Tanglewood Music Festival erfolgreich.

Georgia Jarman wuchs in New York auf und wurde in Boston sowie an der Manhattan School of Music ausgebildet. Die Sopranistin wurde für ihre ausdrucksstarken Interpretationen im lyrischen und Bel-canto-Repertoire – Donizetti, Rossini, Verdi und Puccini – bekannt und machte sich darüber hinaus einen Namen als Sängerin zeitgenössischer Musik. 2015 gab sie ihr Debüt an der Royal Opera Covent Garden als Roxana in Kasper Holtens Produktion von Szymanowskis Król Roger; weitere Erfolge feierte sie als Eurydice in Philip Glass‘ Orphée sowie in der Rolle der Agnès in Written on Skin. Die Zusammenarbeit mit George Benjamin bildet einen wichtigen Schwerpunkt ihres künstlerischen Schaffens. In dessen neuester Oper Lessons in Love and Violence sang sie im Mai 2018 die Isabel in der Londoner Uraufführung; in dieser Spielzeit debütiert sie mit dieser Partie an der Hamburgischen Staatsoper, der Opéra National de Lyon und der Lyric Opera Chicago.

Bejun Mehta, 1968 in North Carolina geboren, wurde zunächst als Bariton und Cellist ausgebildet und studierte außerdem Deutsche Literatur in Yale. Derzeit einer der gefragtesten Countertenöre weltweit, ist er regelmäßiger Gast an den führenden Opern- und Konzerthäusern sowie bei den Festivals in Salzburg, Glyndebourne und Wien. So sang er beispielsweise die Titelpartie in einer Neuproduktion von Händels Tamerlano an der Mailänder Scala, die eigens für ihn komponierte Rolle des Stephan in Toshio Hosokawas Stilles Meer an der Hamburgischen Staatsoper sowie die Uraufführung von George Benjamins Dream of the Song mit dem Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam. Die Rollen des Ersten Engels/Jungen in Written on Skin sang er bereits bei der Uraufführung der Oper 2012 in Aix-en-Provence. In der Spielzeit 2016/2017 war Bejun Mehta Artist in Residence in Dresden, wo er seine künstlerische Vielseitigkeit als Sänger und Dirigent unter Beweis stellte. Große Erfolge in ganz Europa feierte er auch mit seinem Soloprogramm CANTATA, gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik.

Der britische Tenor Robert Murray studierte am Royal College of Music in London und am dortigen National Opera Studio. 2003 wurde er mit dem Zweiten Preis beim Kathleen Ferrier Award ausgezeichnet. Robert Murray singt regelmäßig am Royal Opera House Covent Garden und an der English National Opera; darüber hinaus war er z. B. an der Opéra de Nantes und an der Staatsoper Hamburg zu Gast. Sein Repertoire reicht von Händels Jephta, über die Mozart-Partien Tamino (Zauberflöte) und Don Ottavio (Don Giovanni) bis zu Strawinskys Tom Rakewell (The Rake’s Progress) sowie verschiedenen Rollen in Opern von Benjamin Britten. Als Konzertsänger gastierte er u. a. beim London und beim City of Birmingham Symphony Orchestra, Le Concert d’Astrée und den Rotterdamer Philharmonikern; dabei arbeitete er mit Dirigenten wie Gustavo Dudamel, Yannick Nézet-Séguin, Simon Rattle zusammen. Liederabende gab der Tenor z. B. in der Wigmore Hall und beim Edinburgh Festival.

Die Mezzosopranistin Victoria Simmonds studierte an der Guildhall School of Music and Drama in London. Von 2000 bis 2005 war sie Ensemblemitglied an der English National Opera, wo sie unter anderem Partien wie Cherubino (Le nozze di Figaro), Mercedes (Carmen) und Dorabella (Così fan tutte) interpretierte. In Leeds war sie 2007 an der Uraufführung von Jonathan Doves The Adventures of Pinocchio beteiligt. 2006 sang sie die Partie der Wellgunde in Wagners Rheingold mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Simon Rattle beim Festival in Aix-en-Provence sowie in Berlin und Salzburg. Als Solistin arbeitet sie regelmäßig mit Orchestern wie dem London Symphony Orchestra, dem Royal Scottish National Orchestra und dem Mozarteum Orchester zusammen. Bei den BBC Proms war sie 2003 unter der Leitung von Sir Colin Davis in einer Aufführung von Hector Berlioz’ Les Troyens zu hören. 2005 interpretierte sie bei konzertanten Aufführungen von Bizets Carmen in der Royal Albert Hall die Titelpartie. Als Zweiter Engel/Marie in Written on Skin war sie bereits in Paris, New York, Mailand und zuletzt beim Beijing Music Festival zu hören.

Benjamin Davis studierte in Großbritannien und Frankreich sowie in Brasilien. Von 2001 bis 2011 war er als Regisseur an der Welsh National Opera tätig, wo er u. a. Mozarts Così fan tutte inszenierte. Seither arbeitet er freischaffend als Regisseur sowie wissenschaftlich für das Center of Interdisciplinary Research in Opera und Drama an der Universität in Cardiff. Seine Arbeiten führten ihn nicht nur an die wichtigsten Bühnen Großbritanniens, sondern europaweit an renommierte Häuser wie die Nederlandse Opera (Ariodante), das Théâtre du Capitole in Toulouse, Teatro Real in Madrid, die Bayrische Staatsoper (Hänsel und Gretel) und das Teatro dell’Opera di Roma (Pique Dame). Darüber hinaus engagierten ihn die Salzburger Festspiele, das Festival d’Aix en Provence und die Wiener Festwochen.

Martin Crimp, geboren 1956, ist nicht nur in Großbritannien seit vielen Jahren ein bekannter Theaterautor. Seine Werke wurden vielfach übersetzt und auch international aufgeführt, etwa an der Berliner Schaubühne, am Schauspielhaus Hamburg, an der Sala Beckett in Barcelona und am Théâtre de la Ville in Paris. In England sind seine Stücke z. B. bei der Royal Shakespeare Company, im Almeida Theatre und im Royal Court Theatre zu sehen. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit bilden Übersetzungen nicht-englischsprachiger Theaterstücke, darunter etwa Groß und Klein von Botho Strauss (2012), Eugène Ionescos Rhinoceros (2007) und eine Neufassung von Anton Tschechows Die Möwe für das National Theatre in London (2006). Für seine Werke wurde Martin Crimp vielfach ausgezeichnet: für The Treatment (1993) erhielt er den John Whiting Award; die Fachzeitschrift Theater heute wählte sein Stück The Rest Will be Familiar to You From Cinema zum Besten ausländischen Drama des Jahres 2013. Für George Benjamin schrieb der britische Dramatiker bereits drei Operntexte. Auf ihre erste Zusammenarbeit bei Into the Little Hill (2006) folgte 2012 Written on Skin sowie mit Lessons in Love and Violence eine dritte gemeinsame Oper, die im Mai 2018 am Royal Opera House in London uraufgeführt wurde.

Mahler Chamber Orchestra (Foto: Molina Visuals)

Claudio Abbado (Foto: Erika Rabau)

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