Vincent Peirani & Émile Parisien (Foto: ACT Grosse Geldermann)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

Tango Night

In dieser Tango Night der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic begegnen sich die Tangoschulen Südamerikas und Frankreichs. Da präsentiert sich zunächst mit dem Orquesta Típica »El Afronte« ein herausragendes Ensemble aus Buenos Aires. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es den klassischen Tango wie den von Astor Piazzolla repräsentierten Tango Nuevo zwar verinnerlicht hat, aber ausschließlich eigene neue Kompositionen spielt. Auf ihre ganz eigene Weise widmen sich auch der Akkordeonist Vincent Peirani und der Sopransaxofonist Émile Parisien, zwei Shootingstars der französischen Jazzszene, dem Tango. Der argentinische Saxofonist Javier Girotto und sein Trio spielen ein Remake mit Stücken aus dem berühmten Album Tango Nuevo von Astor Piazzolla und Gerry Mulligan.

Orquesta Típica »El Afronte«

Javier Girotto Trio:

Javier Girotto Baritonsaxofon

Gianni Iorio Bandoneon

Alessandro Gwis Klavier und Elektronik

Émile Parisien Saxofon

Vincent Peirani Akkordeon

Tango Night

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Mo, 27. Mai 2019, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie P

Programm

Argentinien, Uruguay und Frankreich streiten sich seit jeher darum, wer die Wiege des Tangos sei, jener leidenschaftlichen Musik, die der Komponist Enrique Santos Discépolo einmal »einen traurigen Gedanken, den man tanzen kann« genannt hat. Für die erste Tango Night in der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic wird das keine Rolle spielen; hier begegnen sich die Tangoschulen Südamerikas und Frankreichs ganz in der Gegenwart und im harmonischen Miteinander.

Da präsentiert sich zunächst mit dem Orquesta Típica »El Afronte« ein herausragendes Ensemble aus Buenos Aires. Seinen besonderen Rang hat es sich damit erarbeitet, dass es den klassischen, von Carlos Gardel verkörperten Tango wie den von Astor Piazzolla repräsentierten Tango Nuevo zwar verinnerlicht hat, aber ausschließlich eigene neue Kompositionen spielt. In der Stammbesetzung mit Cello, Kontrabass, Klavier, drei Violinen und vier Bandoneons rund um den Sänger Marco Bellini schreibt »El Afronte« neue Kapitel im »Great Songbook« des Tangos – in Buenos Aires jeden Sonntag öffentlich auf der Plaza Dorrego und in den Konzertreihen Bendita-Milonga und Maldita-Milonga in San Telmo.

Auf ihre ganz eigene Weise werden sich auch der Akkordeonist Vincent Peirani und der Sopransaxofonist Émile Parisien dem Tango widmen. Die beiden Shootingstars des französischen Jazz gehören zu den großen Stilisten des jungen europäischen Jazz, die ihren unverwechselbaren Stil aus den unterschiedlichsten musikalischen Elementen und Genres entwickelt haben. Und dazu gehört, schon durch die Bezüge in der französischen Klassik, in der Musette wie auch in Sidney Bechets Jazz, auch der Tango.

Über die Musik

»Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann«

Eine kleine Geschichte des Tangos

Man muss nicht Spanisch können, um den Tango zu verstehen. Wenn in der typischen Verschmelzung von Leidenschaft und Melancholie »amor« oder »pasión« beschworen werden, dass einem fast das »corazon« ‒ das Herz nämlich ‒ zerspringt, dann werden andere Synapsen im Hirn aktiviert als die des Sprach- oder Denkzentrums. Ist doch der Tango Mitte des 19. Jahrhunderts in den Spelunken und Bordellen der Hafenviertel am Rio de la Plata – Buenos Aires und Montevideo streiten sich bis heute um seine »Erfindung« – als Musik der Einwanderer entstanden, in der sich schwarze (vor allem der afrikanische Trommelrhythmus des Candomblé), kreolische, italienische, spanische und mit der Polka sogar polnische Elemente mischen.

Die lebensfrohe Milonga, die Musik der Gauchos, gilt als Vorläuferin des eigentlichen Tangos rioplatense, der nun auch die düsteren Seiten des Lebens musikalisch einfing. Je mehr Einwanderer nämlich nach Buenos Aires und Montevideo kamen, je schlechter ihre Lebensbedingungen wurden und je größer ihre Sehnsucht nach Heimat, desto ambivalenter wurde auch deren Musik: Hoffnung, Leidenschaft, Melancholie – all dies steckt im Tango. »Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann«, nannte ihn Enrique Santos Discépolo, einer seiner bedeutendsten Interpreten. Und wer je in einer Tango-Kneipe in Buenos Aires wie dem »Homero« war, der weiß, dass der Tango für Argentinier und Uruguayer mehr ist als nur Musik, sondern ein zentraler Teil ihres kulturellen Selbstverständnisses. Aus einem Konglomerat von Musik, Tanz und Emotion wurde ein kollektives Lebensgefühl der »einfachen Leute«, bei dem die Grenzen zwischen Musikern und Publikum verwischen.

Auch einem deutschen Beitrag verdankt der Tango übrigens seine Wirkung: Das Bandoneon, die instrumentale Seele des Tangos, war 1840 vom sächsischen Musiklehrer Heinrich Band entwickelt worden. Während der kleine Verwandte des Akkordeons in seiner Heimat in Vergessenheit geriet, erlebte er in Südamerika eine bis heute anhaltende Blüte. Die großen Virtuosen des Bandoneons, aber auch Geiger, Bassisten und Pianisten – dies die klassischen Instrumente der Tango-Ensembles – waren zugleich die wichtigsten Komponisten und Orchesterleiter, etwa die Violinisten Francisco Canaro und Edgardo Donato, die Pianisten Roberto Firpo – der das Klavier in den Tango einführte und Mitkomponist und Arrangeur von »La Cumparsita« war, des »Tangos aller Tangos« – und Osvaldo Pugliese oder die Bandoneonisten Aníbal Troilo, Osvaldo Fresedo und Pedro Laurenz. Die zentrale Figur des klassischen Tangos aber wurde der – wahrscheinlich in Frankreich unter dem Namen Charles Romuald Gardès geborene – Sänger Carlos Gardel. Mit ihm bekam der Tango seine Stimme und sein Gesicht. Als Carlos Gardel 1935 erst 45-jährig bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, stürzte dies Millionen Fans weltweit in tiefe Depression, einige begingen Selbstmord. Gardels Originalaufnahmen wurden 2003 von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt. Die nicht zuletzt mit Gardel-Kompositionen wie »Volver« erreichte Blüte machte das Genre schon Ende der 1920er-Jahre zu einem Exportschlager. In Frankreich und erstaunlicherweise auch in Finnland erreichte der Tango den Status einer »Nationalmusik«.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erstarrte der Tango in seinen Herkunftsländern allerdings in der Tradition, und der Militärputsch gegen Juan Perón 1955 tat ein Übriges: der Tango wurde nun in seinem Mutterland unterdrückt (zum Beispiel waren Artikel über Carlos Gardel verboten), und viele wichtige Musiker emigrierten. Doch wie einst bei seiner Entstehung vollzog sich auch diesmal eine musikalische Reaktion auf Entfremdung und Sehnsucht nach Heimat ‒ die Neugeburt hieß Tango Nuevo. Astor Piazzolla, ein bereits in den USA aufgewachsener argentinischer Sohn italienischer Immigranten, erschuf ihn, nachdem er vor der Militärdiktatur nach Italien geflohen war. Er machte das Genre zur weltweit beachteten Konzertmusik und wurde neben Gardel die zweite große Tango-Legende. In seiner Heimat zunächst wegen »Verrats an der Tradition« und wohl auch wegen seines Exils heftig angefeindet, setzte sich Piazzolla am Ende nicht nur durch, sein Tango Nuevo wurde zur neuen Volksmusik ‒ die nun anderen Tango-Avantgardisten den Weg ebnete.

Zunächst seinem eigenen Kreis, zu dem etwa Pablo Ziegler und Walter Castro gehören, aber auch Dino Saluzzi, der ebenfalls ins Exil gegangen war und der seit dem Tod Piazzollas der Statthalter der argentinischen Bandoneon-Tradition ist. »New Tango« oder »After Piazzolla« hat man Saluzzis Synthese von Klassik, Jazz und originär argentinischer Musik gerne genannt. Seit den 1990er-Jahren kam es aber auch zu ganz neuen Fusionen des Tangos mit Welt-, Pop- und Rockmusik. Gruppen wie das Gotan Project oder Bajofondomachten den sogenannten Elektrotango weltweit populär, ähnliche Bands schossen danach wie Pilze aus dem Boden. Zu den kreativsten Repräsentanten dieser Bewegung gehörten die retro-avantgardistische Formation Otros Aires des Sängers, Gitarristen, ausgebildeten Tonmeisters, aber auch Architekten und Videokünstlers Miguel Di Genova, der ausgiebig mit Samples von Carlos Gardel arbeitete, oder auch die argentinisch-europäische Formation Tango Crash, mit dem der Höhepunkt der Dekonstruktion und Überführung des Tango in eine ultramoderne Großstadtmusik erreicht war.

Tango und Jazz ‒ zwei Verwandte begegnen sich

Wenn all diese beschriebenen Stationen nun bei der »Tango Night« in der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic aufscheinen, dann ist dies kein genrefremder Ausrutscher. Vielmehr begegnen sich hier zwei nahe Verwandte, die sich auch schon oft getroffen haben. Bereits die Wurzeln von Jazz und Tango sind die gleichen. Beide entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts durch Migration, beide enthalten afrikanische Elemente, beide fußen im Blues der neuen Bewohner ihrer »Geburtsländer«. Beide vereint große Emotionalität, ein Widerstandsgeist gegen die Unbilden des Lebens, außerdem die Kunst der Improvisation. In der Phase, in der sich ihre Hoch- und Reinformen ausbildeten, gingen sie dann zwar getrennte Wege, doch danach kamen sie zu einer spannenden Mischung zusammen: Der Tango Nuevo ist ohne den Jazz nicht denkbar, der Jazz seither nicht mehr derselbe.

Was uns noch einmal zu Astor Piazzolla führt. Piazzolla ist ja in New York aufgewachsen, weil seine nach Argentinien ausgewanderten italienischen Eltern wegen der schlechten Wirtschaftslage 1925 dorthin weiterzogen; da war er vier Jahre alt. Der Tango war dabei ein treuer Begleiter: »Mein Vater hörte ständig Tango und dachte wehmütig an Buenos Aires zurück, an seine Familie, seine Freunde – […] immer nur Tango, Tango«, erzählte Piazzolla später. Carlos Gardel war sogar ein Freund der Familie, im 1935 in den USA gedrehten Film El día que me quieras spielte Piazzolla neben ihm eine kleine Rolle als Zeitungsjunge. Doch Piazzolla selbst begeisterte sich eher für Jazz und Johann Sebastian Bach. Das änderte sich erst, nachdem die Familie 1936 nach Buenos Aires zurückgekehrt war: eine Aufführung des Tango-Ensembles von Elvino Vardaro wurde zu einem Schlüsselerlebnis für Piazzolla, hörte er hier doch eine moderne Tango-Interpretation. So kam Piazzolla in die Orchester von Aníbal Troilo und Francisco Fiorentino, bevor er 1946 sein eigenes Orquesta Tipico gründete.

Doch die Sehnsucht nach Anerkennung – bei der Oberschicht war der Tango noch lange Zeit verpönt ‒ führte ihn zur Klassik und zum Studium nach Europa. Dort aber bestärkte ihn seine Lehrerin Nadia Boulanger darin, die Musik zu schreiben, die in ihm schlummerte. Nach seiner Rückkehr nach Argentinien 1955 entwickelte er diese, indem er den klassischen Tango mit Elementen der Klassik und vor allem des Jazz kreuzte. Letzteres zum Beispiel durch harmonische Anreicherung um Blue Notes, rhythmische Variationen und instrumentale Erweiterungen etwa mit E-Gitarre oder Schlagzeug.

Erst Mitte der 1970er-Jahre konnte Piazzolla mit diesem Tango Nuevo international den Durchbruch als Erneuerer und wichtigster Komponist des modernen Tangos feiern. Schon kurz zuvor aber, 1974, hatte er mit dem Cool-Jazz-Saxofonisten Gerry Mulligan, den er schon 1954 bei Nadia Boulanger in Paris kennengelernt und damals mit dessen Oktett beim Salon du Jazz gespielt hatte, das Schlüsselalbum Summit eingespielt. In Europa erschien es unter dem Titel, der Piazzollas Musik fortan den Namen geben sollte: Tango Nuevo. Und die vom 24. bis 26. September und vom 1. bis 4. Oktober 1974 in Italien eingespielte Kombination von Piazzollas typisch stark rhythmisierten und wogenden Tango-Motiven mit Mulligans ausdruckstarkem Baritonsaxofon und seinen freien Jazz-Lines sollte ein Welterfolg werden.

Tango Nuevo Revisited – das Javier Girotto Trio

Für die »Tango Night« in der Berliner Philharmonie ergibt dieser musikhistorische Meilenstein einen idealen Anknüpfungspunkt. Erschien das für Atlantic Records produzierte Album Tango Nuevo in Europa doch einst obendrein unter der Federführung von Siggi Loch, dem Kurator von Jazz atBerlin Philharmonic. 40 Jahre später reiste Loch auf der Suche nach neuer Musik und Inspiration durch Argentinien, was ihn in seinem lange gehegten Wunsch bestärkte, eine aktuelle Version dieses für ihn so wichtigen Albums zu produzieren. Der Trompeter Paolo Fresu machte ihn schließlich auf den argentinischen, in Italien lebenden Saxofonisten Javier Girotto aufmerksam. Als Loch bei ihm anfragte, rannte er offene Türen ein: War das Album Tango Nuevo doch ein Schlüsselerlebnis für den zehnjährigen Javier; es begleitete ihn fortan auf seinem weiteren Weg, da es die beiden Welten seines eigenen musikalischen Schaffens vereint – den argentinischen Tango und den amerikanischen Jazz.

1965 im argentinischen Córdoba geboren, hatte Javier Girotto als Kind mit Schlagzeug angefangen, bevor er zur Klarinette kam und als großes Talent schnell im Orchester Infanto Juvenil de Córdoba und der Kapelle der Stadt Rosario spielte. Schon während des Studiums in Córdoba wurde er Mitglied in verschiedenen Jazz-, Folk- und Fusiongruppen wie Vertiente, Jazz 440 oder den Quartetten von Enzo Piccioni und Juan Ciallella. 1984 erhielt er ein Stipendium für das Berklee College of Music in Boston, das er vier Jahre später summa cum laude abschloss. Dort zählten Joseph Viola, George Garzone und Jerry Bergonzi zu seinen Lehrern, und er hatte Gelegenheit, mit Musikern wie Danilo Pérez, Bob Moses und Herb Pomeroy aufzutreten. Anschließend, mit 25 Jahren, ging Girotto nach Italien, wo er mit Horacio »El Negro« Hernández das Latin-Jazz-Sextett Tercer Mundo gründete. Es folgte die Saxofonband Six Sax, mit der er 1995 sein erstes Album Homenaje einspielte ‒ mit Bob Mintzer und Randy Brecker als Gästen. Über 40 weitere folgten bis heute, mit Begleitern wie dem Startrompeter Enrico Rava, dem Bandoneonisten Daniele di Bonaventura, dem Akkordeonisten Luciano Biondini, dem Pianisten Natalio Mangalavite oder der Sängerin Mercedes Sosa; alleine sieben davon stammen von Aires Tango, seinem Quartett mit dem Pianisten Alessandro Gwis, dem Bassisten Marco Siniscalco und dem Perkussionisten Michele Rabbia. Und bei all diesen Projekten (mit gut 500 eigenen Kompositionen!) spielten auch der Tango von Gardel bis Piazolla und Standards aus Latin Music und Modern Jazz eine große Rolle.

Die Stücke des Tango-Nuevo-Albums hatte Girotto erstaunlicherweise noch nie gespielt, umso begieriger war er nun, sie auf seine Weise neu ins Leben zu holen. Bereits als CD unter dem Titel Tango Nuevo Revisited erschienen, ist seine Neubetrachtung gewissermaßen eine Kammerjazz-Fassung des über weite Strecken aus Orchester- und Bandarrangements bestehenden Originals. Die Interpretationen des Trios sind reduzierter und bieten zugleich mehr Raum für Improvisation und Interaktion. Und auch Girotto selbst lässt das Baritonsaxofon an vielen Stellen mehr knarzen und röhren als Mulligan, ohne die zarten, gesanglicheren Passagen zu vernachlässigen. Ob beim wilden, rasant synkopierten Titelstück »Summit«, beim melancholischeren, expressiveren »Reminiscence«, der wunderbar weichen Ballade »Close Your Eyes and Listen« oder dem jazzigeren »Aire de Buenos Aires«, dem einzigen von Mulligan geschrieben Stück des Albums ‒ Girotto dringt mit seinem Trio zur Seele und zur Substanz des Klassikers von 1975 vor.

Repräsentanten der großen Tango-Nation Frankreich – Vincent Peirani und Émile Parisien

Wir erwähnten schon, dass Frankreich das dritte Land mit einer ausgeprägten Tango-Tradition ist. Schon deswegen ist es nur logisch, dass auch zwei französische Musiker bei der »Tango Night« in der Philharmonie dabei sind. Dem Stammpublikum von Jazz at Berlin Philharmonic muss man die beiden Gäste kaum mehr vorstellen: der Akkordeonist Vincent Peirani und der Sopransaxofonist Émile Parisien waren jeder für sich wie gemeinsam schon mehrfach hier. Zusammen werden sich die beiden Stars des französischen Jazz auf ihre eigene Weise dem Tango widmen.

Für einen französischen Akkordeonisten, der das Instrument klassisch erlernt hat und Jazz spielt, ist es unvorstellbar, sich nicht mit der von Astor Piazzolla wie den vielen heimischen Meistern hinterlassenen Tango-Tradition beschäftigt zu haben. Vincent Peirani, einer der großen Stilisten des jungen europäischen Jazz, hat seinen unverwechselbaren Individualstil ohnehin aus den unterschiedlichsten musikalischen Elementen und Genres entwickelt. Und dazu gehört, schon durch die Verortung in der französischen Klassik, in der Musette wie auch in Sidney Bechets Jazz, nicht zuletzt der Tango. Seine herausragende Vielseitigkeit hat Peirani auch mit seinen jüngsten Projekten unterstrichen: Auf Living Being II – Night Walker stellte er das Akkordeon in einen bisher ungehörten Jazz-Rock-Kontext, von zarten, leisen Seiten bis zu Bearbeitungen der Musik von Led Zeppelin. Und bei So Quiet zelebrierte er im Duett mit seiner Frau, der Sängerin Serena Fisseau, die schlichte Schönheit melodischer Musik von Chansonniers wie Serge Gainsbourg über Pop-Magier wie den Beatles oder dem Easy-Listening-König Burt Bacharach bis zu Volks- und Weltmusik sowie dem Great American Songbook.

Ein universelles Verständnis von Musik ist es, das Vincent Peirani mit seinem langjährigen Begleiter, Freund und musikalischem Seelenverwandten Émile Parisien verbindet. Was Parisien zum Beispiel erst Anfang dieses Jahres mit seinem vielbeachtetes Quartettalbum Double Screening bewies: einem geradezu halsbrecherisch hochvirtuosen musikalischem Kommentar zu der Datenflut unserer Zeit. Wie es sich für Jazzer gehört, werden die beiden spontan entscheiden, was sie bei der »Tango Night« spielen. In jeden Fall wird es bei zwei Musikern, die das Spiel ihrer im Jazz eher raren Instrumente – Sopran ist seit Sidney Bechet bei fast allen Saxofonisten ansonsten eher das Zweit- oder Drittinstrument – auf ein neues Niveau gehoben haben und die zu den kreativsten der Welt gehören, etwas Besonderes werden.

Bewahrer des Spirits – Das El Afronte Orquesta Típica

Der Konzertteil nach der Pause führt nun mitten hinein nach Buenos Aires und seine vitale Tangoszene. Ist doch dort das zehnköpfige, im Jahr 2004 gegründet El Afronte Orquesta Típica nicht nur zu Hause, es zählt inzwischen vielmehr zu dessen wichtigsten und gefragtesten Repräsentanten. Mehr als 200 Konzerte spielen sie pro Jahr, in Buenos Aires treten sie jeden Sonntag öffentlich auf der Plaza Dorrego auf, und die Musiker des Orchesters bilden auch den Kern der »Bendita-Milonga« und der »Maldita-Milonga« in San Telmo, der mit nun schon über zehn Jahren am längsten durchgängig stattfindenden Milonga Argentiniens ‒ Milonga ist ja nicht nur eine Stilbezeichnung, sondern auch ein Sammelname für die Tango-Clubs und -Tanzlokale sowie der dort stattfindenden Veranstaltungen. Und so sind diese Milongas vergleichbar mit den Jamsessions im Jazz. Sie bieten einen welt- und stiloffenen Rahmen für Begegnungen von Musikern, Tänzern, Lyrikern und anderen Performern. In Argentinien entwickelten sie sich in den 1990er-Jahren zu den Epizentren des musikalischen Austausches weit über Genregrenzen hinweg und waren sogar Keimzellen für die argentinische und lateinamerikanische Metal- und Punkrock-Szene.

Ganz so weit geht El Afronte nicht, aber das Orquesta beherrscht alle Ausdrucksformen des Tangos und darüber hinaus. Seinen besonderen Rang hat es sich dadurch erworben, dass es den klassischen, von Carlos Gardel verkörperten Tango wie den von Astor Piazzolla repräsentierten Tango Nuevo zwar verinnerlicht hat, aber ausschließlich eigene neue Kompositionen spielt. Geschrieben werden die meisten vom Bassisten Mariano Bustos und vom Geiger Lucas Cáceres, die das Ensemble auch gegründet haben und es demokratisch leiten. In der Stammbesetzung mit Cello (Tomás Pereyra Lucena), Kontrabass (Bustos), Klavier (Lucas Tamburini), drei Violinen (neben Cáceres Agustín Volpi und Laura Regis) sowie drei Bandoneons (Pablo Denis Ciliberto, Marcos Longobardi und Rodrigo Almonacid) rund um den ausdrucksvollen Sänger Marco Bellini – der seit 20 Jahren zu den besten Tango-Sängern seiner Generation gehört ‒ schreibt El Afronte neue Kapitel im »Great Songbook« des Tangos. Dabei legen die Musiker Wert darauf, nicht in der Nostalgie vergangener Jahrzehnte zu schwelgen, sondern auch neue Entwicklungen zu berücksichtigen. Die Tradition des Tangos wird so ins Heute transportiert, mit der Maxime freilich, dass der Sound in strikter Abgrenzung zum Elektrotango akustisch bleibt. Acht Beispiele seiner hohen Kunst wird El Affronte in Berlin präsentieren. Vom hymnischen, stark das Tempo variierenden »Perro Cimarrón« über die elegische »Calle« (die Straße, die Marco Bellini nach einem Text von Alfredo »Tape« Rubin besingt) oder das ruhig, von einer eher Tango-untypischen mehrstimmigen Melodie getragenen »Chabone« bis zum aufgewühlten, tatsächlich ein bisschen an Country erinnernden »Fuerte Apache« und dem wie seine Reprise klingenden »Telarañas«.

Eine impressionistische wie expressionistische Musik zugleich, die sich wie eh und je aus den Emotionen der Porteños speist, der Einwohner von Buenos Aires. Ob die Tango-Klänge und ihr improvisatorischer Widerhall an diesem Abend aber nun vom Rio de la Plata selbst, aus seiner Diaspora (hier aus Italien) oder aus Frankreich kommen, sie sind getragen von dieser einzigartigen Dialektik aus Glück und Schmerz, Tristezza und Leidenschaft, Grandezza und Vergänglichkeit und deren musikalische Übersetzung in die Gegensatzpaare Dissonanz und Wohlklang, Synkope und Melodik, Pause und Klangfülle.

Oliver Hochkeppel

Vincent Peirani & Émile Parisien (Foto: ACT Grosse Geldermann)