Bugge Wesseltoft und Henning Kraggerud (Foto: CF Wesenberg)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

Unter der Parole Jazz meets Classic treten an diesem Abend drei herausragende Duos auf – um vorzuführen, wie Klassik und Jazz sich gegenseitig befruchten: Der Tubavirtuose Andreas Martin Hofmeir und der Geiger Benjamin Schmid, die beiden Wiener Matthias Bartolomey (Cello) und Klemens Bittmann (Violine und Mandola), die mit rockiger Wucht das Streicherduo völlig neu definieren, und die beiden Norweger Bugge Wesseltoft und Henning Kraggerud.

Henning Kraggerud Violine

Bugge Wesseltoft Klavier

Matthias Bartolomey Violoncello

Klemens Bittmann Violine und Mandola

Benjamin Schmid Violine

Andreas Martin Hofmeir Tuba

Jazz meets Classic

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Mi, 14. Nov 2018, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie P

Programm

Bis zum Kulturbruch in der Epoche des Faschismus waren Klassik und Jazz nicht streng getrennt. Komponisten wie Strawinsky, Bartók oder Stokowski ließen sich vom Jazz inspirieren, ein Art Tatum wiederum improvisierte auch über Chopin. Die dann in den 1930er-Jahren aufgerissenen Gräben schließen sich erst heute: Viele junge klassische Musiker sind auch exzellente Improvisatoren, immer mehr Jazzer importieren klassische Formen und Motive in ihre Musik – technisch wie konzeptionell auf einem völlig anderen Niveau als frühere Crossover-Versuche.

Bei Jazz meets Classic beweisen das drei herausragende Duos erstmals gemeinsam: Der mit preisgekrönten Klassik-Einspielungen ebenso wie mit der Popband La Brass Banda hervorgetretene Tubavirtuose Andreas Martin Hofmeir jongliert im aktuellen Gespann mit dem Geiger Benjamin Schmid munter mit Klassischem, Südamerikanischem oder Modern Jazz. Die beiden Wiener Matthias Bartolomey (Cello) und Klemens Bittmann (Violine und Mandola) definieren mit einzigartiger Dynamik und rockiger Wucht das Streicherduo völlig neu.

In der Rolle der Vorreiter, die die Skandinavier bei vielen Entwicklungen des jungen europäischen Jazz innehaben, präsentieren sich zwei Norweger: Bugge Wesseltoft, ein Pionier der Verschmelzung von klassischem Jazz mit elektronischer Musik und mit seinem Label Jazzland eine Integrationsfigur für genreübergreifende Projekte, trifft auf den kurioserweise nur selten in Deutschland auftretenden Henning Kraggerud, einen der herausragenden Geiger, Bratscher und Komponisten der Klassikszene, der aber eben auch schon seit Langem Kadenzen frei spielt und Arrangements schreibt.

Über die Musik

Drei Duos

Stiloffen und grenzenlos

Klassik und Jazz – die ungleichen Geschwister

Definitionen sind oft auch dazu da, Dinge gegeneinander abzugrenzen. Und so standen die Begriffe Klassik und Jazz lange Zeit für zwei geradezu gegensätzliche Spielarten der Musik: Hier das sozusagen adelige Kind mit einer langen, von Kirche und Herrschern geförderten Tradition, einer gefestigten Kompositions- und Formensprache und einer als Hochkultur anerkannten Stellung, dort der jüngere Spross von anrüchiger Herkunft, frei und wild, die Subkultur einer unterdrückten Minderheit abbildend. Freilich spielten die beiden, trotzdem gerne miteinander, als sie gewissermaßen noch klein waren: Komponisten wie Igor Strawinsky, Béla Bartók oder Leopold Stokowski ließen sich vom Jazz inspirieren, ein Art Tatum wiederum improvisierte auch über Frédéric Chopin. Ohnehin war in der Klassik jahrhundertelang, von Bach bis Beethoven, improvisiert worden, und im Jazz wiederum manches durchkomponiert, bei Stan Kenton später dann komplette Bigband-Programme.

Erst der Kulturbruch in der Epoche des Faschismus riss Klassik und Jazz radikal auseinander. Das eine Genre wurde jetzt ideologisch vereinnahmt, zum Teil durch einen Geniekult überhöht und auf die Interpretation von Kompositionen festgelegt, das andere für »entartet« erklärt und verfemt – wobei sich auch dabei zeigte, dass die Unterscheidung rein musikalisch nicht immer so einfach war wie gedacht. Selbst als der Jazz dann mit den amerikanischen Befreiern als Soundtrack der neuen Demokratie nach Deutschland kam, änderte sich nicht viel: Er blieb die Musik einer jungen Minderheit, gespielt in Kellern; die Klassik hingegen erklang staatstragend in den Konzerthäusern. Nicht zuletzt verhärtete sich diese – in Deutschland auch durch die bis heute nachwirkende absurde Unterscheidung von sogenannter E- und U-Musik vertiefte – Kluft dadurch, dass sich alle Akteure in ihre Rollen einfügten.

Das machte es vielen Versuchen so schwer, Brücken zu bauen, von Norman Granz’ Konzertreihe Jazz at the Philharmonic (in dessen Tradition natürlich auch Jazz at Berlin Philharmonic steht) bis zu den musikalischen Kreuzungsbemühungen wie dem »Third Stream«. Erst heute, nachdem die Emanzipation des europäischen Jazz diesen endgültig in den Stand der Kunstmusik, also der »zweiten Klassik« erhoben hat, ist eine neue Musikergeneration dabei, die Gräben endgültig zuzuschütten – Musiker, für die sich Klassik und Jazz nicht ausschließen, sondern ergänzen. Für die an fast allen Musikhochschulen und Konservatorien parallel zu ihren klassischen Kollegen ausgebildeten jungen Jazzer ist diese grenzenlose Auffassung von Musik ohnehin selbstverständlich: Sie haben eine klassische Grundausbildung, lieben die Freiheit des Jazzspirits und sind wie ihre Altersgenossen auch mit Rock und Pop groß geworden. Doch auch immer mehr junge klassische Musiker sind exzellente Improvisatoren und suchen neue, stiloffene musikalische Herausforderungen. Begegnungen der beiden Lager sind deshalb inzwischen nahezu unvermeidlich – besonders in Ländern mit agilen, aber übersichtlichen Musikszenen. Darin gründet zum Beispiel die Führungsrolle Skandinaviens auf diesem Gebiet. Zudem finden diese Zusammentreffen technisch wie konzeptionell auf einem völlig anderen Niveau statt als frühere Crossover-Versuche.

Das will dieses Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic anhand von drei herausragenden Duos beweisen. Der Abend heißt nicht zufällig »Classic meets Jazz«: Anders als bei ähnlichen, zumeist umgekehrt betitelten Veranstaltungen kommt die Mehrzahl der Musiker von der Klassik auf den Jazz zu – fünf von sechs, um genau zu sein. So ist ein Gipfeltreffen des aktuellen musikalischen Geschehens zu erleben: die Verbindung höchster technischer Virtuosität und klassischer Klangästhetik mit dem Geist der musikalischen Freiheit, des spontanen Regierens auf den Augenblick. Und dies stiloffen und grenzenlos – was das Repertoire von Bach und Grieg über Pop- und Latin-Adaptionen bis zu Eigenkompositionen angeht, aber auch die Instrumentierung von den Streichern über das Klavier bis zum mächtigsten aller Blasinstrumente, der Tuba.

Finessenreiche Wucht – Andreas Martin Hofmeir und Benjamin Schmid

Von allen sechs Künstlern des »Classic meets Jazz«-Abends dürfte sich der Tubist Andreas Martin Hofmeir am meisten zu Hause fühlen: Drei Jahre lang war er Stipendiat der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, fast wäre er sogar eines ihrer Mitglieder geworden. »Aber im entscheidenden Probespiel war ich zu nervös und habe so schlecht gespielt wie nie wieder in meinem Leben«, erinnert sich Hofmeir – mehr mit einem lachenden als einem weinenden Auge: »Alles, was bei mir danach kam, wäre nie passiert, wenn das geklappt hätte.« Und auch als neutraler Beobachter muss man konstatieren, dass die Welt zwar vielleicht einen besonderen Berliner Philharmoniker verloren, dafür aber ein Unikum der deutschen Kulturlandschaft und den wirkmächtigsten Propagandisten für die Tuba gewonnen hat.

Denn ein virtuoserer, vielseitigerer und umtriebigerer Vertreter seines Fachs ist derzeit nicht zu finden. Hofmeir konzertiert ständig mit den besten klassischen Orchestern; als Kammermusiker spielte er unter anderem mit dem Scharoun Ensemble Berlin, den Blechbläserquintetten der Münchner Philharmoniker und dem Heavy Tuba Ensemble; mit Andreas Mildner bildet er das weltweit erste Tuba-Harfen-Duo, mit dem er auf Festivals von Schleswig-Holstein bis Rio de Janeiro zu Gast war; als erster Tubist überhaupt gewann er 2005 den Deutschen Musikwettbewerb und 2013 den Echo Klassik als »Instrumentalist des Jahres«; von 2004 bis 2008 war er Solotubist des Bruckner Orchesters Linz, seit 2006 ist er Professor am Salzburger »Mozarteum«. Und das ist nur die klassische Seite des Andreas Martin Hofmeir. Außerdem tritt er seit seinem 20. Lebensjahr als Kabarettist auf, bis heute in 15 Programmen, erst mit dem Musikkabarett-Ensemble Star Fours, dann mit der preisgekrönten Wortkabarett-Formation Die Qualkommission, inzwischen auch im Duett mit dem Gitarristen Guto Brinholi. Hofmeir war 2008 Gründungsmitglied der kultisch verehrten Popband LaBrassBanda, die einer ganzen Welle von Blechblas- und Volksmusik-infizierten Powerbands als Vorbild diente; und er hat vor gut zwei Jahren eine humoristische Autobiografie herausgebracht, die auf der Spiegel-Bestsellerliste zeitweise nur einen Platz hinter Papst Franziskus rangierte.

Nicht schlecht für einen, der als eher zufällig zur Tuba gekommenes Mitglied der Geisenfelder Stadtkapelle volksmusikalisch aufwuchs, noch in der Jugend »überhaupt keine Ahnung von klassischer Musik« hatte und nach eigenem Bekunden wie fremden Zeugnissen äußerst faul war. Doch manchmal lässt sich herausragendes Talent zum Glück nicht unterdrücken, und so gewann die Musik die Oberhand, weil bekanntlich mit dem Wissen das Interesse wächst. Spät, aber umso nachhaltiger entdeckte Hofmeir, welches Potenzial in dem erst 1835 – übrigens in Berlin, nicht in Bayern – erfundenen, immer noch unterschätzten Instrument steckt: »Die Tuba ist in Wahrheit sehr sensibel. Kaum ein Instrument eignet sich so für Sololiteratur: Weicher und runder als ein Waldhorn, fülliger als ein Cello, lauter als jedes Streichinstrument, zwei Drittel des Tonumfangs eines Konzertflügels.« Sehr sensibel – vielleicht ja eine Parallele zum fast 1,90 Meter großen, beim Bergsteigen und Fußball gestählten »Mannsbilds« (wie man in Hofmeirs Heimat Bayern sagt), der mit den langen, zum Zopf gebunden Haaren, dem Dreitagebart und gerne barfuß auftretend recht rustikal daherkommt. Bis er dann sein mächtiges Instrument unfassbar zart und flink zum Singen bringt.

Zart muss die Tuba nicht zuletzt auch im Duo mit der Stradivari von Benjamin Schmid klingen, wie es jetzt in diesem Konzert zu erleben ist. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen, wenn nicht weltweit einzigartigen Kombination? »Ich hab’ ein Attentat auf dich vor«, sagte Hofmeir eines Tages beim Abendessen zu seinem Professorenkollegen Schmid am Salzburger »Mozarteum«. »Ich möchte gerne ein Duo gründen: Tuba und Geige. Weil es das noch nicht gibt.« Und Schmid zierte sich nicht lange, schließlich war er der erste Geiger der den Deutschen Schallplattenpreis sowohl in der Kategorie Klassik als auch im Jazz gewonnen hat, und somit genau der richtige Adressat für diese Anfrage.

Wie bei Hofmeir ist beim Österreicher Benjamin Schmid die Klassik seine Basis. Ausgebildet wurde er in Wien, Salzburg und Philadelphia, wo er 1991 am berühmten Curtis Institute of Music genau 50 Jahre nach Leonard Bernstein graduierte: »Das ist das beste Musikinstitut der Welt, ich durfte dort zwei Jahre studieren. Bernstein ist einer meiner Vorgänger, und ich fühle mich seinem geistigen Erbe nahe, weil er ein seriöser und fantastischer Wandler zwischen E- und U-Musik war«, erzählt er. Noch im Abschlussjahr gewann er den Internationalen Violinwettbewerb Leopold Mozart in Augsburg, im Jahr darauf 1992 beim Carl-Flesch-Wettbewerb in London gleichzeitig den Mozart-, den Beethoven- und den Publikumspreis. Das ebnete ihm den Weg auf die wichtigsten Podien der Welt, mit den namhaftesten Orchestern wie den Wiener Philharmonikern, dem Philharmonia Orchestra London, den St. Petersburger Philharmonikern oder dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Dirigenten wie Christoph von Dohnányi, David Zinman, Seiji Ozawa, Thomas Søndergård, Valery Gergiev oder Ingo Metzmacher. Schmid spielt inzwischen die von der Österreichischen Nationalbank an ihn vergebene Stradivari-Violine »ex Viotti« von 1718. Schon seit 1986 tritt er regelmäßig bei den Festspielen in Salzburg auf, wo er mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering, und den gemeinsamen vier Kindern auch lebt, lehrt und seit diesem Jahr auch den dortigen Mozart-Wettbewerb leitet.

Schon Schmids Aktivitäten auf den Feld der Klassik sind äußerst vielfältig: Neben Musik der Wiener Klassik, führt er zahlreiche Werke für Violine auf, die nicht zum Standardrepertoire gehören, wie etwa die Konzerte von Karl Goldmark, Ermanno Wolf-Ferrari, Erich Wolfgang Korngold oder das ihm gewidmete Violinkonzert von Christian Muthspiel. Überdies hat ihn die Kunst der Improvisation schon früh fasziniert. Eine Hommage an den berühmten Jazz-Kollegen Stéphane Grappelli sorgte bereits 2006 für Aufsehen. Als »Beni« Schmid ist er dem Genre seitdem treu geblieben, 2015 wurde das gemeinsam mit dem Diknu Schneeberger Trio eingespielte Album Hot Club Jazz in die Bestenliste des Preises der Deutschen Schallplattenkritik aufgenommen. Kaum weniger Begeisterung erregte die mit Andreas Martin Hofmeir aufgenommene CD Stradihumpa, von der drei ganz unterschiedliche Titel in Berlin erklingen werden: Die witzige »Miniature« des Wiener Kontrabassisten-Unikums Georg Breinschmid, das weit in Stilrichtungen und Techniken ausholende Stück »1+1= 3: The Abstraction of Beauty«, das der Hofmeir-Schüler Florian Willeitner den beiden auf den Leib geschrieben hat, und den luftig-lässigen »Latin Lover« von João Bosco, dem Großmeister der Musica Popular Brasileira. Dazu kommt noch Bachs Präludium in E, von Schmid zu »Let’s Gavotte« jazzig umarrangiert.

Über sein musikalisches Doppelleben sagt Schmid: »Der Grenzgang zwischen Klassik und Jazz war nicht immer leicht. Jedes der beiden Genres würde für ein Leben ausreichen. Aber ich habe verstanden, dass sich diese beiden Kunstformen gegenseitig inspirieren können und empfinde es heute als Privileg, Zugang zu beiden zu haben.« Was wohl auch Schmids beide jungen Landsleute unterschreiben würden, die nun bei Jazz at Berlin Philharmonic die Bühne mit ihm teilen werden.

Classic-Rock beim Wort genommen – BartholomeyBittmann

Denn wie man die klassische österreichische Streichertradition mit Jazzimprovisation verbinden und zu kraftvoller, rockiger Fusion weiterentwickeln kann, das demonstriert das junge Duo BartolomeyBittmann: der Cellist Matthias Bartolomey und der Geiger Klemens Bittmann. Der Grazer Bittmann fuhr schon immer zweigleisig: Er absolvierte ein klassisches Geigenstudium, studierte daneben aber auch Jazzvioline beim großartigen, unlängst verstorbenen Didier Lockwood. Als Gründer der Formationen Beefólk und Folksmilch machte er sich früh einen Namen als genreüberschreitender Kreativer und gab mit diesen Bands die aus Roots-Musik verschiedener Provenienz gespeiste Richtung vor, in die inzwischen viele von der Neuen Volksmusik zu allem Möglichen ausschreitenden österreichischen Erfolgsbands aus Pop und Jazz weitergehen.

Der Wiener Bartolomey war hingegen eigentlich ganz in der Klassik zuhause, etwa als Solocellist des Concentus Musicus. Was schon an der Familientradition lag, ist doch der Name Bartolomey seit Generationen mit den Wiener Philharmonikern verbunden: Matthias’ Urgroßvater spielte dort Klarinette, sein Großvater Geige, sein Vater war Cellist. Doch diese Philharmoniker-Tradition wird er nicht weiterführen. Vielleicht, weil er seit jeher auch ein glühender Verehrer von John McLaughlins Mahavishnu Orchestra war und »als Jugendlicher viel Progressive Metal hörte, Deftones und ähnliche Bands«. Die Zusammenarbeit im Duo mit Klemens Bittmann bedeutet für ihn deshalb »ein Ventil für lange angestaute Energien«. Heute ist es für ihn ganz normal, an einem Tag das Finale des BMW Welt Jazz Awards in München zu spielen und am nächsten im Burgenland ein Cellokonzert von Friedrich Gulda; zum einen für die Streicher der Hamburger Popband Boy zu arrangieren, zum anderen die Mahavishnu-Kompositionen des Gitarristen John McLaughlin als Streichquartette aufzubereiten.

Was im Duo mit Bittmann progressive Streicherkünste ergibt, von denen immerhin ein Nikolaus Harnoncourt sagte: »Es ist einfach sehr gut und unglaublich gut gespielt, das geht nicht besser.« Da perlen auch mal Tonfolgen einer an die Minimal Music eines Philipp Glass erinnernden Klangwelt über Harmonien aus der Alten Musik, und das mit der Dynamik und Kraft der Rockmusik. Eine Wucht, die umso erstaunlicher ist, weil die beiden Musiker Effektgeräte und elektronische Hilfsmittel konsequent ablehnen und sich ganz puristisch auf akustisch Handgespieltes beschränken. Was allerdings auch ein Sakrileg gewesen wäre angesichts ihrer Arbeitsgeräte: »Matthias spielt ein Cello von David Tecchler aus dem Jahr 1727 und ich eine Geige von Josephus Pauli aus dem späten 18. Jahrhundert«, erklärt Bittmann. »Aus diesen wunderbaren Instrumenten kann man viel rausholen. Wir sind noch lange nicht am Limit.«

Das Wichtigste aber ist den beiden, kein weiteres Streicherduo sein, das Klassikliteratur nachspielt, sondern eine Band, die zusammen Songs schreibt und etwas Eigenständiges entwickelt. »Das Bedürfnis nach mehr, nach einem größeren Klangspektrum ist unser Antrieb. Deshalb freut es uns auch immer, wenn Leute nach dem Konzert zu uns kommen und sagen: ›Ihr klingt nicht wie ein Duo, sondern wie ein kleines Orchester‹«, sagt Bittmann. Dafür haben sie inzwischen eine Reihe spieltechnischer Tricks erfunden und entwickelt, um »eine große Palette an Effekten über unsere Instrumente selbst zu generieren«, wie Bittmann erklärt. Bis hin zu einem »Delay«, indem die Instrumente dieselbe Melodie leicht zeitversetzt spielen – was einen ganz eigenen Groove ergibt. Der ist wie die Rhythmik ganz allgemein, das essenzielle und verbindende Element ihrer Musik, wie Bartholomey ausführt: »Uns interessiert dabei vor allem, wie man auf Streichinstrumenten oder der Mandola perkussive Elemente erzeugen kann. Das Cello ist bei uns oft Bass und Schlaginstrument zugleich.« Auch ihre Stimmen setzen sie virtuos und zumeist lautmalerisch wie Instrumente ein: mal nuanciert, mal bombastisch. Dieses größtmögliche Spannungsverhältnis, das einen völlig neuen Zugang zu ihrem klassischen Instrumentarium verschafft, war bereits auf zwei Alben zu bewundern, das dritte kommt demnächst. Vier der stärksten eigenen Kompositionen darauf sind in Berlin zu hören.

Elektronik und pure Poesie – Bugge Wesseltoft und Henning Kraggerud

Das für den einzigen ausgewiesenen Jazzer des heutigen Abends entscheidende Jahr war 1997. Zwei Alben spielte Bugge Wesseltoft damals ein. Einmal A New Conception Of Jazz auf seinem eigenen, neu gegründeten Label Jazzland. Nicht gerade ein bescheidener Titel, aber der Anspruch war begründet: »Während der Mainstream-Jazz in den 1990er-Jahren sehr amerikanisch war, war die elektronische Musik ein europäisches Ding. Ich habe viel Tangerine Dream und Kraftwerk gehört. Es gab eine starke europäische Szene damals, eine richtige Gemeinschaft von Musikern, die sehr frisch klang.« Dies waren die Bezugspunkte, nach denen Wesseltoft live erzeugte elektronische Sounds und Grooves mit seinem unverwechselbar klaren, transparenten Pianospiel zu einem zeitlosen, raumöffnenden Jazzkunstwerk zusammengesetzte. Seine Affinität zur zeitgenössischen elektronischen Tanzmusik wie zum traditionellen Folk seiner skandinavischen Heimat generierte tatsächlich eine neue Konzeption des Jazz aus europäischer Sicht. Das Album brachte dem damals 33-Jährigen den Ruf eines der wichtigsten Erneuerer des Jazz ein und beeinflusste die nachfolgenden Pianistengenerationen stark. Wesseltoft wurde in der Folge zu einem Mastermind der nordeuropäischen Jazzszene und schuf mit seinem Jazzland-Label auch für viele jüngere Kolleginnen und Kollegen wie Eivind Aarset oder Beady Belle eine vielbeachtete Plattform.

Zum anderen aber nahm er im gleichen Jahr 1997 auch ein Album auf, das von einer ganz anderen Seite zeigte: Mit It’s Snowing On My Piano nahm Wesseltoft ein Angebot von Siggi Loch wahr, für dessen noch junges Label ACT eine rein akustische Solopiano-Aufnahme »with Christmas in mind« einzuspielen.

Als entschiedener Gegner der durchkommerzialisierten Weihnacht fand es Wesseltoft reizvoll, ein Stück Musik aufzunehmen, das wieder Ruhe in eine immer lauter werdende Zeit bringen sollte. Seine erste Solopiano-Aufnahme sollte zugleich die erfolgreichste werden und auch das meistverkaufte Album in der Geschichte von ACT. Ein Kritiker schrieb seinerzeit: »Its Snowing On My Piano ist in ihrer fast überirdischen Schönheit die größte Weihnachts-CD, die der zeitgenössische Jazz je hervorgebracht hat.«

Noch Jahre später zeigte dieser Meilenstein Wirkung. Im Frühjahr 2011 zum Beispiel hörte Siggi Loch auf Schloss Elmau ein Konzert des norwegischen Geigers Henning Kraggerud. Anschließend kamen beide ins Gespräch, bei dem sich herausstellte, dass It’s Snowing On My Piano in seiner Familie von Anfang Dezember bis Ende Januar die absolute Lieblings-CD ist. Als sich Loch als Produzent des Albums outete, fragte Kraggerud: »Warum machen Sie nicht ein neues Album für die restlichen Monate des Jahres?« »Würden Sie denn dabei sein?«, konterte Loch. »Sofort«, lautete die spontane Antwort. Und auch Bugge Wesseltoft war sofort begeistert – auch angesichts des prominenten Begleiters. Ist der 45-jährige Henning Kraggerud doch nicht nur einer der weltweit erfolgreichsten jungen Sologeiger und -bratscher, der mit den besten Orchestern – unter anderem mit dem dänischen Nationalorchester bei den BBC Proms oder mit dem London Philharmonic Orchestra – und Dirigenten an den wichtigsten Konzerthäusern gespielt hat. Vielmehr lebt sich der vielseitige Schüler von Camilla Wicks, Emanuel Hurwitz und Stephan Barratt-Due auch als Kammermusiker (unter anderem in einem All-Star-Quintett mit Martha Argerich, Joshua Bell, Yuri Bashmet und Mischa Maisky), als Festivalleiter, Hochschulprofessor und Komponist, und nicht zuletzt als versierter Improvisator aus.

Gemeinsam drehten Wesseltoft und Kraggerud also das Winterthema des Vorbilds mit dem Album Last Spring eine Jahreszeit weiter und verwoben dabei unterschiedlichstes Material in ihren unverwechselbaren Klangkosmos, norwegische Volksmusik natürlich wie das Traditional »Hei hu« oder Ole Bull/Johann Svendsens Folksong »Sæterjentens Søndag«, selbstverständlich auch Edvard Grieg, mit einer Interpretation und Variation seines »Last Spring«. Nur live war das wegen des überbordenden Terminplans der beiden leider nie zu sehen. Ein sechs Jahre überfälliges Vergnügen, das man nun bei Jazz at Berlin Philharmonic nachholen kann. Wie man hier überhaupt Henning Kraggerud entdecken kann, der auf der ganzen Welt, kurioserweise aber so gut wie nie in Deutschland auf seiner Guarneri-Geige aus dem Jahr 1744 zaubert.

Oliver Hochkeppel

Bugge Wesseltoft und Henning Kraggerud (Foto: CF Wesenberg)