(Foto: Heribert Schindler)

Orgel

Stummfilm: »Menschen am Sonntag«

Robert Siodmaks Stummfilm Menschen am Sonntag zeigt die Alltagserlebnisse junger Berlinerinnen und Berliner im Jahr 1929, ihre Suche nach einem flüchtigen Glück, ihre Liebeleien und Enttäuschungen. Der Film, der als einer der wichtigsten Vertreter der »Neuen Sachlichkeit« gilt, eröffnet in der Saison 2018/2019 die Orgelkonzertreihe der Berliner Philharmoniker. Mit Thomas Ospital sitzt einer der Shootingstars unter den jungen Organisten und ein begeisterter Cineast am Spieltisch der philharmonischen Orgel. Film ab!

Thomas Ospital Orgelimprovisationen

Orgel & Stummfilm

Menschen am Sonntag − Stummfilm von Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer und Billy Wilder (1929/1930)

Termine und Karten

So, 07. Okt 2018, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Programm

»Ein Taxi-Chauffeur, ein Weinreisender, ein Ladenmädel, eine Filmkomparsin und ein Mannequin. Was passiert? Nichts? Nichts passiert.« So bewarb die UFA bei der Premiere im Theater am Kurfürstendamm im Februar 1930 ihren neuesten Streifen. Doch das war bloße Koketterie, denn aus der vermeintlichen Ereignislosigkeit entstand ein Meisterwerk. Robert Siodmaks Stummfilm Menschen am Sonntag gilt als einer der wichtigsten Vertreter der »Neuen Sachlichkeit«; er eröffnet in der Saison 2018/2019 die Orgelkonzertreihe der Berliner Philharmoniker.

Der Film zeigt die Alltagserlebnisse junger Berlinerinnen und Berliner. Sie heißen Christl, Wolfgang, Annie, Brigitte und Erwin und wollen einen Ausflug an den Wannsee unternehmen. Gleich zu Beginn werden die Protagonisten wie zufällig erfasst, geraten aber auch wieder aus dem Fokus. Die S-Bahnen und Autos rattern durch das Bild. Es entsteht das Porträt einer Metropole, die auch am Sonntag nicht zur Ruhe kommt. Am Wannsee angekommen, zeigt die Kamera junge Menschen, die ein flüchtiges Glück suchen. Sie tollen im Wasser, liegen am Strand, verlieben sich, bändeln an, erleben schöne Momente und Enttäuschungen.

Am Drehbuch wirkte kein Geringerer als Billy Wilder mit. »Es gibt drei wichtige Regeln beim Filmemachen«, gab dieser Jahrzehnte später zu Protokoll: »Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen, und du sollst nicht langweilen!« Das ist Wilder bei Menschen am Sonntag zweifellos gelungen.

Die Berliner Philharmonie verwandelt sich für einen Abend in ein großes Stummfilmkino. An der Orgel erwarten wir mit Thomas Ospital einen Shootingstar unter den Organisten. Noch keine 30 Jahre alt, gehört der Franzose zu den gefragtesten Organisten unserer Zeit, wirkt als Titularorganist an der berühmten Kirche Saint-Eustache in Paris, ist erklärter Cineast und überhaupt ein musikalischer Alleskönner. Film ab!

Über die Musik

Die Gattung Mensch am Sonntag

Neue Sachlichkeit im Film

»Ein Taxi-Chauffeur, ein Weinreisender, ein Ladenmädel, eine Filmkomparsin und ein Mannequin. Was passiert? Nichts? Nichts passiert.« So kündigte die UFA bei der Premiere im Theater am Kurfürstendamm im Februar 1930 ihren neuesten Streifen an. Klingt das nicht verlockend? Na, dann wird es Sie vor Neugier wohl nicht mehr auf dem Stuhl halten, wenn sie auch noch erfahren, dass es noch nicht einmal Schauspieler gibt! Die Darsteller spielen sich selber, vor der Kamera, vor der sie zum ersten Mal stehen. Und am Montag gehen sie wieder ihren »eigentlichen« Berufen nach, nicht der Schauspielerei. Und das Ganze wird produziert von einem sich ständig streitenden Team von jungen Männern ohne Geld, die auf Filmabfällen der Ufa immer nur sonntags, wenn sie und ihre »Schauspieler« Zeit haben, durch Berlin und an den Wannsee zu fahren, um dort zu filmen. Nun ja, wenn Sie jetzt denken: Das ist das neue Riesending, eine einmalige Chance einen Meilenstein der Filmgeschichte zu erleben, dann sind sie genau richtig bei Menschen am Sonntag.

Die Handlung

Die Handlung ist so alltäglich und lapidar, dass man sie auch in wenigen Filmminuten erzählen könnte: Christl, eine junge Filmkomparsin, lernt am Samstagnachmittag zufällig den Weinvertreter (und Teilzeit-Eintänzer) Wolfgang kennen. Sie verabreden sich für den nächsten Tag zu einem Ausflug an den Wannsee. Erwin, ein Taxifahrer, hat Feierabend und will mit seiner Freundin Annie ins Kino. Es kommt zum Streit, das Paar bleibt zu Hause. Wolfgang kreuzt auf und verbringt den Abend bei Erwin. Am nächsten Morgen treffen sie sich wieder – die beiden Männer und Christl, die ihre beste Freundin Brigitte mitgebracht hat. Annie bleibt zu Hause und verschläft den Sonntag, den die anderen am Wannsee verbringen: Picknick, Tretbootfahren, Spazierengehen und ein kurzer Beischlaf zwischen Wolfgang und Brigitte. Das war’s schon. Die S-Bahn bringt die Ausflügler zurück. Brigitte hofft auf ein Wiedersehen am nächsten Wochenende. Montag früh eilen alle wieder zur Arbeit.

Ein paar Männer und eine grobe Idee

Der erste Impuls für diesen Film ging von Robert Siodmak aus. Er hatte die Idee zu etwas Neuem, zu etwas, was dem expressionistischen Wahnsinn von Filmen wie Metropolis (Fritz Lang, 1926) oder Das Cabinett des Dr. Caligari (Robert Wiene, 1920) eine andere Ästhetik entgegensetzen wollte. Er wollte die Welt nicht gestalten, sondern abbilden. Zeigen, was ist und nur so viel inszenieren, dass es fast unmerklich ist.

Da lief er dem jungen Billie Wilder über den Weg. Der war neu in der Stadt und arbeitete als Journalist an verschiedenen Reportagen. Wilder war von der Idee begeistert und lieferte ein Drehbuch, das man sich wohl als nicht sehr umfangreiches Konvolut vorstellen muss. Im Grunde arbeitete er in seiner gewohnten Weise als Reportagen-Journalist und beobachtete Menschen und Vorgänge mit neugieriger Gelassenheit. Einigen von ihnen hatte er ein paar Handlungsanweisungen gegeben, woraus diese Laiendarsteller mit viel Liebe zum Detail eine Art Handlung improvisieren.

Neben seinem Job als Journalist arbeitete Billy Wilder unter anderem als Eintänzer im Hotel Eden in der Kurfürstenstraße. Eintänzer waren zu der Zeit von Hotels engagiert, damit die Damen, die sich ohne Begleitung im Berliner Nachtleben amüsieren wollten, jemanden hatten, mit dem sie die ersten Schritte aufs Tanzparkett legen konnten. War dieses Eis erst einmal gebrochen, konnten sich auch andere Kavaliere der Dame tänzerisch annehmen. Es war eine der großen Errungenschaften im Berlin der 1920er-Jahre, dass Frauen selbstbestimmt und unabhängiger von einem Mann agieren und sich so emanzipieren konnten.

Die »Karrieren« der Schauspieler …

Ein Kollege von Wilder im Hotel Eden war Wolfgang von Waltershausen. Auch er war Eintänzer und außerdem Weinvertreter und manches andere. Er entstammte einer Adelsfamilie, weil einer seiner Vorfahren, der Historiker Georg Friedrich Sartorius, das Landgut Waltershausen in Unterfranken erworben hatte, womit ein Freiherrnstand des erblichen bayrischen Adels verbunden war. Dieser Vorfahr war ein Freund Goethes gewesen, was die gesamte Familie so sehr geprägt hat, dass alle ersten Söhne nach dem Dichterfürsten Wolfgang benannt wurden. So auch er.

Im Wikipedia-Eintrag steht: »Wolfgang von Waltershausen (19001973) war ein deutscher Schauspieler.« Das ist leicht übertrieben, denn nach seinem Debüt in Menschen am Sonntag hat er noch an genau zwei weiteren Filmen mitgewirkt (Ein Burschenlied aus Heidelberg, 1930 sowie in dem Heinz-Rühmann-Film Der Mann, der seinen Mörder sucht, 1931). Danach heiratete er, studierte Bergbau und führte ein dem Film abgewandtes Leben.

Auch Brigitte Borchert, die Plattenverkäuferin, wird bei Wikipedia als Schauspielerin aufgeführt, wenngleich ihr Auftritt in Menschen am Sonntag tatsächlich ihr einziger Film überhaupt war. Sie erhielt danach zwar mehrere Angebote, wählte aber einen anderen Lebensweg, heiratete 1936 den Illustrator Wilhelm Busch und zog nach Hamburg. Dort ist sie im Jahr 2011 im Alter von 101 Jahren verstorben.

Christl Ehlers, die die Komparsin spielt, war die einzige, die vorher schon mal vor einer Kamera gestanden hat, nämlich als Pechmarie in dem Märchenfilm Frau Holle von 1929. Auch sie ist in Wikipedia als deutsche Schauspielerin gelistet, wenngleich sich ihr Œuvre auf diese beiden Filme beschränkt. Sie war Jüdin und verließ Deutschland nach der »Machtergreifung« Hitlers, indem sie zunächst mit ihrem Vater nach Mallorca ausreiste. 1938 gingen beide nach England. Dort trennte sie sich von ihrem Vater, um zur Mutter in die USA zu gehen, die schon früher dorthin ausgewandert war. 1960 kam sie bei einem Flugzeugabsturz im US-Bundesstaat New Mexico ums Leben.

Nichts weiter bekannt ist über Annie Schreyer, dem Mannequin, das zu Hause den Tag im Bett verschläft.

Für Erwin Splettstößer, den Taxifahrer, standen die Zeichen dagegen auch im Filmbusiness auf Erfolg. Er hatte bei Menschen am Sonntag Blut geleckt und konnte sich eine Karriere als Komödiant gut vorstellen. Er erhielt weitere Filmangebote, von denen er noch zwei realisieren konnte: Abschied von 1930 und Voruntersuchung aus dem Jahr 1931. Von seinen Gagen leben konnte er allerdings nicht, sodass er auch weiter Taxi fuhr. Tragischer Weise wurde er von eben diesem Taxi bei Reparaturarbeiten 1931 überrollt. Anscheinend hatte sich die Handbremse gelöst, während er unter dem Wagen lag.

… und die Karrieren des Produktionsteams

Für das Produktionsteam (Kamera, Regie, Drehbuch) von Menschen am Sonntag verliefen die Karrieren im Filmgeschäft allerdings ungleich besser. An diesem Streifen beteiligt gewesen zu sein, war für alle Beteiligten ein Türöffner. Sie machten allesamt und jeder für sich glänzende Karrieren in Hollywood und dem Rest der westlichen Filmwelt.

Der einzige erfahrene Mann am Set war seinerzeit der Kameramann Eugen Schüfftan, der bereits 1926 bei Fritz Langs Metropolis mitgewirkt hatte. Er war ein Tüftler, der zusammen mit Ernst Kunstmann das nach ihm benannte Schüfftan-Verfahren entwickelt hatte. Das wurde unter anderem bei Metropolis eingesetzt. Dabei handelte es sich um ein trickreiches Spiegelverfahren, mit dem zwei Bilder in eines gesetzt werden können. Das sorgte zum einen für monströse Effekte, und half andererseits beim Kulissenbau, weil die Kulissen nicht mehr im Maßstab 1:1 gebaut werden mussten, sondern auch ein kleines Modell reichte, das dann mit diesem Effekt größer erschien und die Schauspieler erscheinen ließ, als bewegten sie sich in der Kulisse. Doch dieses Verfahren kam in Menschen am Sonntag nicht zum Einsatz, weil es ja gerade darum ging, die Gegenwart möglichst »realistisch« und »sachlich« abzubilden. Mit der »Machtübernahme« der Nazis emigrierte Schüfftan zunächst nach Frankreich, wo er mit Marcel Carné unter anderem 1938 Hafen im Nebel drehte, ein Paradebeispiel des französischen Realismus der 1930er-Jahre. Später ging er nach Hollywood und erhielt 1962 einen Oscar für die Beste Kamera in Haie der Großstadt. Er starb 1977 im Alter von 84 Jahren in New York.

Für den Regisseur Robert Siodmak war Menschen am Sonntag ebenfalls der Startpunkt einer glänzenden Karriere. Nach diesem Erfolg arbeitete er zunächst weiter bei der UFA und drehte mit Filmgrößen wie Emil Jannings oder Hans Albers. Als er wegen seiner jüdischen Herkunft bereits 1932 bei der Verfilmung eines Romans seines Bruders Curt von der UFA übergangen wurde, emigrierte er 1933 nach Frankreich. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ging auch er nach Hollywood. Mit Zeuge gesucht gelang ihm 1945 ein Klassiker des Film noir. Die Arbeit am Set war mit Robert Siodmak auch in Amerika nicht frei von Auseinandersetzungen und Streitereien. Er zog daraus selbst die Konsequenz und ging 1952 zurück nach Europa, weil er nicht mehr in amerikanischen Studios arbeiten wollte, wo nach seinen Worten »Anarchie herrsche und egomanische Stars das Sagen haben«. In Europa führte er unter anderem Regie für die Karl May Verfilmungen mit Lex Barker Der Schut, Der Schatz der Azteken und Die Pyramide des Sonnengottes. Er starb 1973 in Paris an einem Herzinfarkt.

Für Billy Wilder hatte der Karrierestart im Filmbusiness im Grunde schon 1927 begonnen, als eines Abends der Direktor einer Filmgesellschaft, Maxim Galitzenstein, sich in Unterhosen aus dem Schlafzimmer der Nachbarin in Wilders Zimmer flüchten musste und deshalb nicht umhinkam, dessen erstes Drehbuch zu kaufen. Mit Menschen am Sonntag untermauerte Wilder sein Talent als Drehbuchautor, was ihm bis dahin nur auf Vorschusslorbeeren und unter solch pikanten Umständen abgenommen wurde. Auch er emigrierte 1933 über Frankreich in die USA, wo er dann als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Filmgeschichte schrieb. Er wirkte stilbildend für das Genre Filmkomödie (Eins, zwei, drei, Manche mögens heiß mit Marilyn Monroe) und schuf auch dramatische Filme von zeitloser Relevanz (Sunset Boulevard, Zeugin der Anklage). Er erhielt sechs Oscars und starb 2002 in Hollywood im Alter von 96 Jahren.

Der Start aus dem Nichts

Diese glänzenden Karrieren begannen also in Berlin Ende der 1920er-Jahre, als sich drei Männer, alle Mitte Zwanzig, zusammentaten, um quasi ohne Budget einen Film zu machen. Ein sehr wirkmächtiges Beispiel für einen der ersten Independent-Filme der Geschichte. Wie eingangs schon erwähnt, wurde nur sonntags gedreht, wenn man nicht »arbeiten« musste. Schauspieler konnten sie sich nicht leisten, darum arbeiteten sie mit Laiendarstellern, die am Montag wieder ihrem »richtigen« Beruf nachgehen würden. Das Filmmaterial war Ausschussware. Der Kameramann Eugen Schüfftan benutzte überlagerte Agfa-Filme, die die UFA-Studios nicht mehr verwenden wollten ‒ Abfall. Die Dreharbeiten mussten ständig unterbrochen werden, entweder weil man sich stritt oder weil das Geld fehlte, meistens wohl beides.

Der Medienwissenschaftler Karl Prüm beschrieb das im Tagesspiegel vom 15. November 2000 so: »Ständig gab es Streit. Edgar Ulmer, zunächst Co-Regisseur, gab schon bald auf, und auch der Kameraassistent Fred Zinnemann setzte sich früh ab. Beide machten in Hollywood eine große Karriere. Viel harmonischer ging es auch nach ihrem Weggang nicht zu. Die heute 90-jährige Hauptdarstellerin Brigitte Borchert-Busch berichtet, dass sich vor allem Billy Wilder und Robert Siodmak fast täglich vor Beginn der Dreharbeiten lautstark in die Haare gerieten. Dass der Film dann doch mit großer Konsequenz fertig gestellt und zu einem triumphalen Erfolg wurde, ist den hochgesteckten Ambitionen der Hauptbeteiligten zu verdanken. Moriz Seeler, der Theatermann, der hier als Produzent agierte, war an einer neuen veristischen Spielweise interessiert. Er suchte die Schauspieler sorgfältig aus und verfolgte aufmerksam die Dreharbeiten. Robert Siodmak war seinerseits vom Ehrgeiz besessen, ein berühmter Filmregisseur zu werden. Eugen Schüfftan schließlich versöhnte alle Gegensätze und sah in dieser ›Außenseiterproduktion‹ die Chance, sein Image als Techniker abzustreifen, um sich endlich als bildgestaltender Kameramann zu etablieren.«

Diese konfliktgeladene Produktionsgeschichte hat dem Film nicht geschadet, denn sie führte dazu, dass es keine individuelle Handschrift und damit auch keinen alles ordnenden Blick gibt. Menschen am Sonntag ist ein offener, kollektiver Text, der viele Interessen und Perspektiven zu erkennen gibt. Das macht den Reichtum und die Lebendigkeit des Films aus. Denn trotz aller Heterogenität unterwarfen sich sämtliche Beteiligten einem Konzept der Unmittelbarkeit, dem Credo der Neuen Sachlichkeit.

Die Neue Sachlichkeit und ihre Ästhetik

Die Inszenierung erhebt den Anspruch, ein Dokument zu sein. Die »Darsteller« spielen sich selbst, offenbaren als Schallplattenverkäuferin, Mannequin, Filmkomparsin, Weinreisender und Taxichauffeur ihre Alltagsgesten und Alltagsrituale. Deshalb ist es nur logisch, dass auch die Produktion selbst episodisch und improvisierend sein musste, zerrissen und brüchig wie das Leben. Man wollte schlicht registrieren und den flüchtigen Moment einfangen, ohne das Festgehaltene in Kinokonventionen, in vorgefertigten Bildern und Erzählungen erstarren zu lassen. Immer wieder zitiert der Film die Gegenbilder, auf deren Zerstörung er aus ist: die heroisch-vaterländischen Standbilder der Siegesallee im Tiergarten, die Postkarten der Filmstars, die Ablichtungen von Verliebten in den Auslagen der Fotoateliers. Demgegenüber enthüllt der Film die Mikrodramatik des Alltags. Ein tropfender Wasserhahn, die quietschende Schranktür entzweien das Paar, ein Streit, wie die Hutkrempe zu sitzen habe, ruiniert den Samstagabend. Statt ins Kino zu gehen, bleibt man zu Hause. Der Freund kommt zum männerbündlerischen, bierseligen Skat, die Frau ist die Ausgeschlossene, in ihrer Depression Alleingelassene. Am nächsten Tag, draußen am Wannsee, verlagert sich das erotische Interesse blitzschnell von der Zufallsbekanntschaft zu deren bester Freundin.

Auf die unwiederholbaren Schattierungen des Augenblicks, auf die flüchtigen sonst nie beachteten Lichtreflexe sind auch die Bildstrategien Eugen Schüfftans abgestellt. Aber seine ausgeklügelten Bildkonstruktionen liefern den Nachweis, dass gerade das neusachliche Konzept der Unmittelbarkeit reinste Artistik ist und der extremen Formung bedarf. Das Sonnenlicht nutzt Schüfftan wie ein Spotlicht, lässt die Gesichter im Bildmittelpunkt erstrahlen und umgibt sie mit einem Schattensaum.

Die Musik und der Organist

Die Originalmusik zu Menschen am Sonntag von Otto Stenzel, der seinerzeit als Kinokapellmeister am Union Filmtheater am Kurfürstendamm 26 tätig war, kommt bei der heutigen Aufführung nicht zum Einsatz. Stattdessen interpretiert der Organist Thomas Ospital den Film musikalisch. Er begleitet regelmäßig Stummfilme auf dem Klavier oder auf der Orgel, vornehmlich Filme von Charlie Chaplin oder Buster Keaton, aber auch Klassiker von Friedrich Wilhelm Murnau oder Marcel L’Herbier. Er sagt dazu: »Stummfilme zu begleiten ist eine Übung, um die Kunst der Improvisation anders anzugehen. Wir stehen im Dienst des Bildes, nicht umgekehrt.« Als Organist hat er sich eine Herangehensweise angewöhnt, um sich auf einen Stummfilm vorzubereiten: »Man könnte sagen, ich organisiere meine Improvisationen. Ich schaue den Film mehrmals an vor dem Konzert, um seine Struktur zu verstehen. Dann versuche ich, ein Bild, eine Figur oder ein Gefühl mit einem musikalischen Thema in Form eines ›Leitmotivs‹ zu verbinden. Das kann ich dann im Film auf verschiedene Arten wiederverwenden. Es erlaubt mir, mich zu erneuern, während ich einen allgemeinen Rahmen halte.«

Der Film Menschen am Sonntag hat es ihm angetan: »Dieser Film ist eine Art Höhepunkt des Berliner Lebens in den Goldenen Zwanzigern. Wir entdecken Berlin und seine stolze und imposante Architektur, seine Straßenbahn, seinen See. Um diesen Film wirklich zu schätzen, muss man sich von den Bildern begleiten lassen und Zuschauer eines vergangenen Lebens werden.«

Menschen am Sonntag: ein Berlin-Porträt

Anders als in Walter Ruttmanns Berlin Die Sinfonie der Großstadt von 1927, zwingt Menschen am Sonntag die Bewegung nicht in abstrakte Muster, deutet die Stadt nicht als gigantische Maschine. Vielmehr kontrastiert er die Bewegungsströme mit den individuellen Körpern, die uns eine fantastisch bewegliche Kamera mit nie erlahmender Neugier zeigt. Das Körperhaft-Physische gewinnt hier eine Drastik, wie sie im Weimarer Kino selten ist. Aus heutiger Sicht, fast 90 Jahre danach, erfreut man sich an der faszinierenden Stadtansicht des unzerbombten Berlins aus den 1920er-Jahren, als die Siegessäule noch vor dem Reichstag stand und der Reisende am Bahnhof Nikolassee mit einem groß geschriebenen »Salam aleikum« begrüßt wurde.

Der Film kann zu wesentlichen Teilen als Dokumentarfilm gesehen werden. Da werden ausführlich quasi zufällige Begebenheiten und Gebräuche der Menschen am Sonntag festgehalten, die mit der erwähnten Handlung nichts zu tun haben. Das Popo-Klatsch-Spiel der jungen Männer, ein Hockeyspiel, badende Kinder. Die Portraitaufnahmen eines Fotografen am Strand, dessen Kunden wahrscheinlich auch zum ersten Mal vor einer Kamera, in diesem Fall sogar vor zwei Kameras, stehen, werden zu ikonografischen Bildern ihrer Zeit. Am Sonntagabend geht man zufrieden nach Hause, verabredet sich für den nächsten Sonntag, wo diese Geschichte weitererzählt und variiert wird. Jeden Sonntag aufs Neue, mit immer wechselndem Personal und unterschiedlichen Orten. Und das bis zum heutigen Tag.

Michael Betzner-Brandt

Biografie

Thomas Ospital, geboren 1990 im französischen Baskenland, begann seine musikalische Ausbildung am Konservatorium von Bayonne. Anschließend setzte er seine Studien bei Olivier Latry, Michel Bouvard, Thierry Escaich, Philippe Lefebvre, László Fassang, Isabelle Duha, Pierre Pincemaille und Jean-François Zygel am Pariser Konservatorium fort, wo er in den Fächern Orgel, Improvisation, Harmonielehre, Kontrapunkt und Fuge mit fünf ersten Preisen ausgezeichnet wurde. Auch bei internationalen Wettbewerben war der Musiker sehr erfolgreich, u. a. 2009 in Saragossa, 2012 in Chartres und 2013 in Toulouse. Im Mai 2014 erhielt er außerdem den Grand Prix Jean-Louis Florentz und den Publikumspreis beim Wettbewerb von Angers unter der Schirmherrschaft der Académie des Beaux-Arts. Im November des gleichen Jahres errang er den zweiten Preis, den Publikumspeis sowie den Prix Jean-Louis Florentz beim Concours International de Chartres. 2012 war Thomas Ospital Young Artist in Residence an der St. Louis Cathedral in New Orleans (USA) und 2015 Artist in Residence beim Festival de musique sacrée de Rocamadour. Im März 2015 wurde er zum Titularorganisten an der großen Orgel von Saint-Eustache in Paris ernannt. 2016 lud ihn die Maison de la Radio in Paris ein, erster Organiste en Résidence an der neuen Orgel der Firma Grenzing zu werden. Einladungen führten Thomas Ospital als Konzertorganist, Kammermusiker und Solist mit Orchester in viele Länder Europas, nach Russland und in die USA. Zudem widmet sich der Künstler als Begleiter von Stummfilmen intensiv der Improvisation. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gab Thomas Ospital mit Werken von Fauré, Debussy, Prokofjew, Liszt u. a. Ende Januar 2017 sein Debüt.

(Foto: Heribert Schindler)

Thomas Ospital (Foto: Chris White Photography)

(Foto: Praesens-Film AG)

(Foto: Praesens Film AG)