Stefano Bollani (Foto: Valentina Cenni)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

»Mediterraneo II«

Mediterraneo – Italian Night: Unter diesem Motto begeisterten der italienische Pianist Stefano Bollani und sein dänisches Trio bereits im Juni 2017 das Publikum. Angespornt von dem großen Erfolg gibt es nun eine Fortsetzung – mit Musik aus dem gesamten Mittelmeerraum. Der Jazz-Streifzug beginnt an der Algarve und geht über die Cote d’Azur und den Maghreb bis nach Kleinasien. Musikalische Reisegefährten sind der aus Nizza stammende Akkordeonist Vincent Peirani, der deutsche Trompeter Julian Wasserfuhr und das Trio NES.

Stefano Bollani Trio:

Stefano Bollani Klavier

Jesper Bodilsen Kontrabass

Morten Lund Schlagzeug

Vincent Peirani Akkordeon

NES:

Nesrine Belmokh Gesang und Violoncello

Matthieu Saglio Gesang und Violoncello

David Gadea Perkussion

Julian Wasserfuhr Trompete und Flügelhorn

Mediterraneo II

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Mi, 19. Sep 2018, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie P

Programm

Das Konzert unter dem Motto Mediterraneo – Italian Night in der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic im Juni 2017 war nicht nur ein großer Erfolg beim Publikum, sondern auch künstlerisch so ertragreich, dass sich Kurator Siggi Loch entschlossen hat, eine zweite, diesmal den ganzen Mittelmeerraum ins Auge fassende Ausgabe folgen zu lassen. Wieder bilden der italienische Pianist Stefano Bollani und sein dänisches Trio mit dem Bassisten Jesper Bodilson und dem Schlagzeuger Morten Lund das Rückgrat des Jazz-Streifzugs von der Algarve über die Cote d’Azur und dem Magreb bis nach Kleinasien. Und wieder stößt der Akkordeonist Vincent Peirani als perfekte Ergänzung dazu, verbinden sich im Spiel des aus Nizza stammenden Virtuosen doch seit jeher die starke gesangliche und melodiöse Präferenz des Mittelmeerraums mit Improvisation und moderner Rhythmik.

Anstelle eines Orchesters geben diesmal ganz unterschiedliche Gäste einen kammermusikalischen Rahmen vor. Allen voran zwei Cellisten, die auch singen: die in Spanien lebende Nesrine Belmokh, die in Genf studierte und von der Klassik über den Jazz bis zur Theatermusik beim Cirque de Soleil in allen Genres zu Hause ist – genau wie der hochdekorierte, ebenfalls in Valencia lebende Franzose Matthieu Saglio. Im Trio NES mit dem Perkussionisten David Gadea überführten sie zuletzt erfolgreich arabische und spanische Musik in Ethno-Jazz. Last but not least wird Julian Wasserfuhr, einer der herausragenden jungen deutschen Trompeter, mit seinem alle großen Vorgänger von Chet Baker bis Miles Davis verinnerlichten Spiel das klassische Jazzelement beisteuern.

Über die Musik

Mediterraneo II

Die kulturelle Wiege Europas – der Mittelmeerraum

Ob man in gerade erst erlebten Sommerurlaubserinnerungen schwelgt, ob man sich generell vom hier ins dort hinüberträumt – Mitte September dürfte es kaum etwas Reizvolleres geben als eine Konzertnacht mit mediterranem Motto. Der Globalisierung zum Trotz: Italien, Südfrankreich, Spanien, Griechenland und Kleinasien sind und bleiben für uns Mitteleuropäer Arkadien; nicht nur ein touristischer Sehnsuchtsort wegen seines angenehmen subtropischen Klimas und seiner magischen Küstenlandschaften, nein, die Mittelmeerregion ist auch Ort unserer kulturellen Selbstvergewisserung. Stammen doch unsere philosophisch-geisteswissenschaftlichen Urgründe von den Griechen, unsere geografischen und politisch-organisatorischen von den Römern und – oft übersehen – viele unserer wissenschaftlichen Grundlagen von der Astronomie über die Mathematik bis zur Technik von den arabischen Mauren, die jahrhundertelang in Spanien lebten. Und so liegen auch unsere kulturellen Wurzeln am Mittelmeer. Nicht zuletzt die unserer Musik.

Mit dem gregorianischen Gesang stammen schon die Grundlagen der Kirchenmusik und damit letztlich der gesamten europäischen Klassik aus Italien. Commedia dell’Arte und die Oper sind weitere Erfindungen von dort. Für das moderne Musikleben bis in den aktuellen europäischen Jazz hinein sind die mediterranen Volksmusiken vom Flamenco über die Musette bis zu den arabischen Formen grundlegend. Schließlich zieht sich die Traditionslinie über das Chanson, die Cantautori und die Filmmusik bis in den modernen Pop hinein. Angesichts der herausragenden, dieser Tradition bewussten Musiker, die beim ersten Mediterraneo-Konzertin der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic im Juni 2017 beteiligt waren, ist es nicht verwunderlich, dass der Abend nicht nur ein großer Publikumserfolg wurde, sondern auch künstlerisch äußerst ertragreich ausfiel. So sehr, dass sich Kurator Siggi Loch entschloss, in der Saison 2018/2019 eine zweite Ausgabe folgen zu lassen, die diesmal neben Italien einen größeren Teil des Mittelmeerraums ins Auge fasst. So blieben zwar der italienische Pianist Stefano Bollani und sein dänisches Trio samt dem französischen Akkordeonisten Vincent Peirani als Gast auch bei Mediterraneo II eine Säule des Jazz-Streifzugs von der Algarve über die Côte d’Azur bis zur Adria. Die andere aber ist diesmal kein Orchester, sondern ein weiteres Trio mit Gaststar, welche den Fokus auf eine andere Mittelmeerregion legen.

Trio NES – geboren im Schmelztiegel Valencia

So geht es in der ersten Konzerthälfte von Mediterraneo II in Richtung Südwesten: Das Trio NES kommt aus Valencia, seit jeher ein Schmelztiegel der iberischen, südeuropäischen und nordafrikanischen Kulturen. Dort trafen sich 2015 die franko-algerische Sängerin und Cellistin Nesrine Belmokh, der französische Cellist und Sänger Matthieu Saglio sowie der spanische Perkussionist David Gadea – Belmokh und Gadea lernten sich zufällig als Besucher eines Solokonzerts von Saglio kennen und stellten fest, dass sie seit sieben Jahren 200 Meter voneinander entfernt im selben Stadtteil, dem Bahnhofs- und Künstlerviertel Rustafa, lebten, ohne sich bisher begegnet zu sein. Alle drei freundeten sich noch am selben Abend backstage an. Eine fruchtbare Zusammenarbeit begann.

Kopf und – mit ihrem Spitznamen – Namensgeber der Band ist Nesrine Belmokh, die die meisten Texte und zusammen mit Matthieu Saglio auch alle Kompositionen schreibt. In ihren selbst noch bei ganz reduzierter Form äußerst kunstvollen Songs vereint sie die verschiedensten Stile und singt auf arabisch, französisch und englisch. Eine große Inspiration ist dabei die Musik des Maghrebs, Klänge, die Nesrine schon als Kind in ihrem Elternhaus hörte, wo arabische Musiker aus dem Mittelmeerraum ein- und ausgingen. Ihre ersten Schritte unternahm sie dementsprechend in einer arabisch-andalusischen Band, wo sie sang und Mandoline spielte. Über die Mandoline kam sie zum Cello und zur Klassik. Sie studierte in Genf, so erfolgreich, dass sie von Lorin Maazel persönlich für das Valencia Opera Orchestra ausgewählt wurde. Außerdem tourte sie mit Daniel Barenboims West Eastern Divan Orchestra. Bald aber schwärmte sie in viele andere, stilistisch ganz unterschiedliche Projekte aus, denn »ich studierte und liebe das klassische Cello, aber eigentlich wollte ich immer eine Sängerin sein«, sagt sie. Sie machte Welt- und Theatermusik, was schließlich – nicht zuletzt dank ihrer charismatischen Bühnenpräsenz – in der Hauptrolle der Queen Prospera in der Amaluna-Show des Cirque du Soleil gipfelte.

Quasi das männliche Pendent zu Belmokh ist Matthieu Saglio. Auch er singt und spielt Cello, auch bei ihm ist die Klassik die handwerkliche Basis. Saglio studierte am Konservatorium von Rennes und gewann dort 1995 beim Abschlusswettbewerb die Goldmedaille. Doch der akademische Klassikbetrieb langweilte ihn schon damals, er wandte sich zunächst dem Jazz, dann der Weltmusik zu, ohne zunächst glücklich zu werden. Ein stattdessen geplantes Landwirtschaftsstudium führte ihn nach Valencia, wo er über den Gitarristen Ricardo Esteve den Flamenco entdeckte – und so doch noch ganz bei der Musik landete. Mit Esteve und dem Perkussionisten Jesús Gimeno bildete er das Trio Jerez-Texas, das Flamenco, Jazz und Klassik vermischte und bald zu einem führenden Vertreter des Flamenco Nuevo wurde. Gleichzeitig wurde Saglio zum Botschafter der Yehudi Menuhin Foundation ernannt, was ihn mit anderen Musikern der verschiedensten Richtungen zusammenbrachte. Er spielte mit der sephardischen Gruppe Aman-Aman, mit dem marokkanischen Geiger Fathi Ben Yakoub oder zuletzt mit Résonance, einer Band mit dem belgischen Gitarristen Quentin Dujardin und dem französischen Countertenor Samuel Cattiau. Seit 2009 tritt er auch solistisch auf, wobei er sich selbst gerne mit Loops begleitet. So gilt Saglio heute als »Cellist der tausend Klangfarben«, der mit seiner Vielseitigkeit perfekt ins Trio NES passt.

Was genauso auf den Perkussionisten David Gadea zutrifft, der vor allem durch den Klangfarbenreichtum seines Spiels heraussticht und sofort wiedererkennbar ist. Er stammt direkt aus der Musikszene von Valencia, hat weit darüber hinaus mit vielen international bekannten spanischen Musikern aus Folk und Jazz wie Sole Giménez, Ximo Tebar, Manu Tenorio oder Thaïs Morell gespielt und war bei zahlreichen Studioproduktionen und Einspielungen beteiligt.

In Konzert des heutigen Abends präsentieren die drei vor allem Stücke von ihrem soeben erschienenen Debütalbum Ahlam, auf deutsch: Traum. Der ist mit dieser Musik nicht nur für das Trio, sondern auch für den Hörer wahr geworden: Mit einer starken Flamenco-Grundierung und im Jazz-Spirit (wie heißt es im Titeltrack des Albums so schön: »Ich kann Schönheit nicht fühlen ohne einen zugewandten Geist.«) bewegt sich NES spielerisch und traumwandlerisch durch den Mittelmeerraum; von dramatisch-chansoneskem wie »Le Temps« zu soulig-energetischem wie »Happy NES«; vom berührenden, arabisch-poppigen Titeltrack bis zur sanft und hypnotisch erzählten Selbstfindungsgeschichte in »Bye Bye«, bei der es schließlich heißt: »Music is my exorcism«. Und so vertreibt NES mit seiner Musik viele Dämonen, überwindet geografische und stilistische Grenzen, wie auch die zwischen den Generationen: Die arabischen Lyrics stammen von Nesrines Mutter Leïla Guinoun Belmokh, einer Dichterin, die hauptberuflich als Kinderärztin in Marseille arbeitet und die mit ihren Erfahrungen eine besondere Facette beisteuert. Ebenso wie ein Gast, der bei drei der sechs in der ersten Konzert-Hälfte gespielten NES-Songs dazustößt. Einer, den man vorher vermutlich nicht einem derart weit aufgefächerten Ethnojazz zugeordnet hätte: der Trompeter Julian Wasserfuhr.

Von Chet Baker und Miles Davis sozialisiert und emanzipiert – Julian Wasserfuhr

Mit seinem Debüt-Album Remember Chet avancierte der damals erst 17-jährige Julian Wasserfuhr 2006 zur größten Trompeten-Hoffnung im deutschen Jazz seit Till Brönner. Für Kenner des deutschen Jazz-Nachwuchses war dies freilich keine Überraschung: Schon mit elf Jahren hatte Julian Wasserfuhr – mit sieben von seinem Vater, einem Klarinettisten und Musiklehrer, zur Trompete ermutigt – den Landeswettbewerb »Jugend jazzt« gewonnen, als bis dato jüngster Teilnehmer. Mit 16 dann, drei Jahre nachdem er den Unterricht bei Klaus Osterloh aufgenommen hatte, wurde er von Andy Haderer als jüngster Student im Fach Jazztrompete an der Kölner Musikhochschule aufgenommen. Schon bei kürzeren Studienaufenthalten in den USA spielte er mit US-Stars wie Phil Wilson, Joe Lovano oder Jon Faddis. Nach dem Gewinn mehrerer Solistenpreise, allen voran des Yamaha Trumpet Contest 2004 erhielt er ein Stipendium für das legendäre Berklee College of Music in Boston.

Und die Hoffnung war eine doppelte: Bildet Julian doch bis heute mit seinem zweieinhalb Jahre älteren Bruder Roman am Klavier ein nahezu unzertrennliches Paar – wenn man von Gastrollen wie nun bei Mediterraneo II einmal absieht. Seite an Seite wurden die Brüder aus dem beschaulichen oberbergischen Dorf Hückeswagen noch als Teenager zu Ausnahmeerscheinungen des Young German Jazz und neben Michael Wollny zu Gallionsfiguren der gleichnamigen Reihe des ACT-Labels. Mit beispielloser Zielstrebigkeit treiben sie seitdem ihre Karriere und ihre künstlerische Entwicklung voran. Zunächst waren es angesichts ihrer Lehrer und ihrer Ausbildung im Jazz-Mutterland vor allem die klassischen amerikanischen Jazz-Vorbilder, an denen sich Roman und Julian Wasserfuhr abarbeiteten, mit staunenswerter Reife: cooler Westcoast-Sound, sanfter Balladen-Swing, treibender Hardbop. Und ob Cannonball Adderley, Dizzy Gillespie, Miles Davis oder eben Chet Baker – für Julian Wasserfuhr waren die Größten keine technischen Hürden. Doch ebenso wichtig war, dass sie schon bald auch mit schwedischen Größen wie Nils Landgren, Magnus Lindgren oder Lars Danielsson und dadurch anfingen, einen eigenen, melodisch-atmosphärischen »Wasserfuhr-Sound« zu finden – Upgradet in Gothenburg hieß dementsprechend ihr zweites, in Göteborg aufgenommenes Album.

Mit Gravity und Running folgten zwischen 2011 und 2013 die nächsten wichtigen Schritte. Es ging um die Erdung der eigenen Musik, darum, den Anteil und die Qualität der eigenen Kompositionen zu erhöhen und auch Aufnahme und Produktion einmal in die eigenen Hände zu nehmen (samt der Gründung eines eigenen Studios sogar), um weitere Erfahrungen zu sammeln. Statt auf Stars griffen die Wasserfuhrs auf die jungen Musiker der Kölner Szene zurück, mit denen sie auch live auftraten. Doch auch das war nur ein weiterer Zwischenschritt. »Für uns als Musiker ist es immer das Wichtigste, nicht stehen zu bleiben. Ständig sucht man nach Inspiration, um sich weiterzuentwickeln«, sagt Julian Wasserfuhr. Und so ging er mit seinem Bruder für das nächste, bislang letzte Album im vergangenen Jahr wieder genau den umgekehrten Weg. Für Landed in Brooklyn ging es vom Oberbergischen in den »Big Apple«, ins pulsierende New York. Die Magie der Stadt wurde zum Konzept, im berühmten Systems Two-Studio in Brooklyn trafen sie auf den Saxofonisten Donny McCaslin, den Bassisten Tim Lefebvre – der einst ja auch schon eine entscheidende Rolle im Michael Wollny Trio spielte – und Schlagzeuger Nate Wood. Alle drei sind herausragende kreative Ideengeber unter den New Yorker Jazzmusikern.

All diese Erfahrungen liefern Julian Wasserfuhr nun das Rüstzeug, um bei NES einzusteigen. Die Vielseitigkeit und die Offenheit, bei einem Chanson wie »Les Temps« so feinfühlig zu begleiten wie bei »Bye Bye« mit einem Schuss Geheimnis und bei »Happy NES« forciert und akzentuiert. Ohnehin gilt für Julian Wasserfuhr: Ob mit Trompete oder Flügelhorn, er ist kein Vertreter der Höher-Schneller-Weiter-Fraktion. Viel lieber schafft er mit seinem warmen Ton atmosphärische Klangräume – wie sie NES mit Vorliebe auszuspielen versteht.

Spiel’s noch einmal – Stefano Bollani und sein Danish Trio

Klangräume mit den verschiedensten Mitteln zu öffnen, darauf versteht sich der Pianist Stefano Bollani wie kaum ein anderer. Damit knüpft der 46-jährige Mailänder direkt an den ersten Mediterraneo-Abend an. Wieder geht es auf Bollanis eigene, jazzige Weise durch den italienischen Musikkosmos, von Claudio Monteverdis Toccata bis zu Ennio Morricones Titelmusik aus Elio Petris Politthriller Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto, von Gioachino Rossinis »Largo al factotum« (über weite Strecken als Piano-Solostück) bis zu Paolo Contes hundertfach (zuerst und am erfolgreichsten von Adriano Celentano) gecovertem »Azzurro« und zu Nino Rotas Filmmusiken Fortunella und Amarcord. Und Bollani hat in diesem bunten Reigen bestimmt auch noch viele Abstecher, Anspielungen und Ausflüge verpackt. Ist es doch immer sein Ziel, das Publikum nicht nur zu bespielen, sondern zu überraschen, aus der Reserve zu locken und zu unterhalten. Sein gesamter Werdegang steht im Zeichen dieser lebenslangen musikalischen Herausforderung.

Schon mit 15 startete Bollani seine professionelle Karriere. Sein klassisches Klavierstudium am Konservatorium von Florenz schloss er im Alter von 21 Jahren mit Auszeichnung ab, nur um sich daraufhin erst einmal dem Pop zuzuwenden und kurz danach beim Jazz zu landen. Entscheidend dafür war seine Begegnung mit dem heute 78-jährigen Trompeter Enrico Rava, einer prägenden Figur des italienischen Jazz, der sein Mentor wurde. Aus ihrer von 1996 bis heute bestehenden Zusammenarbeit gingen bislang 13 Alben hervor. Und doch blieb Bollani dank seiner unermüdlichen Schaffenskraft genügend Zeit und Raum für zahllose Projekte der unterschiedlichsten Art. Mal spielte er mit Granden des Modern Jazz wie Lee Konitz, Uri Caine, John Abercrombie, Chick Corea oder Pat Metheny, mal mit Vertretern der französischen Avantgarde wie Michel Portal oder Martial Solal, mal mit Freejazzern wie Han Bennink, mal mit Weltmusikern wie Caetano Veloso, Richard Galliano oder Gato Barbieri. Auch für Theater, Ballett und Film hat Bollani viel gearbeitet, und er schrieb zwei Bücher über Musik sowie einen Roman. Schließlich ist er Host einer Radiosendung auf Radiorai3 sowie Gastgeber seiner eigenen, sehr erfolgreichen Fernsehshow Sostiene Bollani auf RAI3.

Immer hochmusikalisch, aber auch geist- und humorvoll ist alles, was Bollani anpackt. Ob er Frank Zappa interpretiert (Sheik Yer Zappa) und sich dabei als einer seiner würdigsten Nachfolger beweist; ob er zum 50. Geburtstag des Fender Rhodes E-Pianos ein alles Mögliche von Samba oder Calypso bis zu Ellington versammelndes knallbuntes Konzeptalbum namens Arrivano Gli Alieni (Die Aliens kommen) mit Stücken zu Nanotechnologie, Acid-Trips und Außerirdischen vorlegt; oder ob er vor zwei Jahren auf der CD Napoli Trip Süditalien musikalisch beleuchtet – womit er aktuell immer noch tourt und was ihn wohl endgültig zum idealen Reiseführer für Mediterraneo bei Jazz at Berlin Philharmonic qualifiziert hat.

Spielt Bollani seinen Napoli Trip mit italienischen Musikern, so vertraut er doch bei vielen Projekten seinem aktuellen Danish Trio mit dem Bassisten Jesper Bodilsen und dem Schlagzeuger Morten Lund. Bodilsen, der ursprünglich Trompete lernte, ist ein Schüler des großen Niels-Henning Ørsted Pedersen und studierte von 1991 bis 1997 in seiner Heimatstadt Århus Jazzbass. Schon während seiner Studienzeit wurde er Mitglied im Dream Quartet von Erling Kroner, danach arbeitete er oft mit dem Schlagzeuger Ed Thigpen, zuletzt auch mit dem Gitarristen Ulf Wakenius. 2004 gewann er – vier Jahre nach Bollani – den Django d’Or als »Bestes Neues Talent«, eine der höchsten europäischen Auszeichnungen. Wie Bollani entstammt der gleichaltrige Schlagzeuger Morten Lund einer Musikerfamilie (hier aus Mailand, dort aus dem dänischen Viborg), wie Bollani begann er mit sechs Jahren auf seinem Instrument und wie Bollani wurde er mit 15 Profi. Wie seine beiden Triokollegen spielte Lund mit Enrico Rava in dessen Jazzpar Sixtet, das zur Keimzelle des zunächst von Jesper Bodilsen geleiteten Stefano Bollani Trio wurde. Lund, 2006 als bester dänischer Jazzmusiker mit dem Ben Webster Prize ausgezeichnet, ist der perfekte rhythmische Begleiter, auf über 60 Einspielungen war er bis heute beteiligt, unter anderem mit Jan Lundgren, Lars Danielsson, Cæcilie Norby, Doug Raney, Yelena Eckemoff, Adam Bałdych (als Mitglied von dessen Baltic Gang), Iiro Rantala oder Marius Neset.

Das unermüdliche Akkordeon-Kraftwerk – Vincent Peirani

Stefano Bollani vertraut bei seiner Mediterraneo II-Hälfte also auf vieles, was schon beim ersten Mal gut ankam. Neben seiner Besetzung und dem Repertoire war das auch sein Stargast: der französische Akkordeonist Vincent Peirani bewies seinerzeit wie bei vielen anderen Gelegenheiten, dass er mühelos ein ganzes Orchester ersetzen kann. Das darf der 38-Jährige, der den Klang, die Polyrhythmik wie die Einsatzmöglichkeiten des Akkordeons revolutioniert hat, nun vollends tun. Der inzwischen mit den höchsten europäischen Ehrungen wie dem »Künstler des Jahres« dem Prix Django Reinhardt, den Victoires du Jazz oder dem ECHO Jazz ausgezeichnete Peirani nimmt die große französische Akkordeontradition von Galliano bis Matinier auf, führt sie aber zu seinen eigenen, völlig neuen Ufern. Das können ganz ruhige, melancholische Klangmeditationen sein oder bis zu fünfstimmig polyfone Klanggebirge, die sich mit atemberaubenden Variationen, halsbrecherischen Läufen und perkussiven Effekten in Klanggewittern entladen.

Dabei hat auch der Mann aus Nizza – schon wegen dieser Herkunft ebenfalls von vorneherein erste Wahl für die Mediterraneo-Nächte bei Jazz at Berlin Philharmonic – den Jazz erst mit 16 entdeckt. Vorher spielte er ausschließlich und mit einigen Preisgewinnen klassisch Akkordeon. Doch kaum war der Reiz entdeckt, nahm Peirani ein Jazzstudium in Paris auf und traf so bald auf die Crème de la crème des französischen Jazz, mit denen er als Sideman wie in eigener Sache Projekte unterschiedlichster Provenienz – von Jazz, Chanson und Weltmusik über Klassik bis hin zu Heavy Rock – einspielte. Sein erstes eigenes ACT-Album Thrill Box – mit Pianist Michael Wollny, Bassist Michel Benita, dem Holzbläser Michel Portal und seinem langjährigen Freund und Wegbegleiter Émile Parisien am Sopransaxofon prominent besetzt – markiert seinen internationalen Durchbruch. Das Album spiegelt den spieltechnischen Facettenreichtum Peiranis ebenso wieder wie seine intelligenten, raffinierten Kompositionsstrukturen, die immer dem Erzählen einer Geschichte dienen. Was man sicher auch bei Mediterraneo II wieder erleben wird, unter anderem bei Peiranis Solomedley aus Giacomo Pucchinis »O mio babbino caro« und Ruggero Leoncavallos »Mattinata«.

Wem es im vergangenen Jahr gefallen hat, wie Stefano Bollani mit seinen Begleitern die italienische Musikwelt aus diversen Genres in den Jazz überführt hat, der wird bei Mediterraneo II wieder auf seine Kosten kommen. Aber dank des Trios NES mit Julian Wasserfuhr auch diejenigen, die arabisch-mediterran grenzüberschreitende Musik von Künstlern wie Anouar Brahem, Dhafer Youssef oder Ibrahim Maalouf schätzen.

Oliver Hochkeppel

Stefano Bollani (Foto: Valentina Cenni)