Marlis Petersen (Foto: Yiorgos Mavropoulos)

Kammermusik

Coro e Orchestra Ghislieri: »Theater für die Seele«

Pergolesis D-Dur-Messe – so Giulio Prandi – sei »Theater für die Seele«. Der Dirigent und sein Coro e Orchestra Ghislieri gelten als Spezialisten für musikalische Preziosen der italienischen Kirchenmusik. Neben der opernhaft und emotional konzipierten Messe von Pergolesi stehen noch Joseph Haydns »Kleine Orgelmesse« und Wolfgang Amadeus Mozarts Vesperae solennes de Confessore auf dem Programm. Die Sopransoli in allen drei Werken singt Marlis Petersen.

Coro e Orchestra Ghislieri

Giulio Prandi Dirigent

Marlis Petersen Sopran

Joseph Haydn

Missa brevis sancti Joannis de Deo B-Dur Hob. XXII:7 »Kleine Orgelmesse«

Coro e Orchestra Ghislieri , Giulio Prandi Dirigent, Marlis Petersen Sopran

Wolfgang Amadeus Mozart

Vesperae solennes de Confessore C-Dur KV 339

Coro e Orchestra Ghislieri , Giulio Prandi Dirigent, Marlis Petersen Sopran

Giovanni Battista Pergolesi

Messe D-Dur

Termine und Karten

Di, 13. Nov 2018, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie R

Programm

Pergolesis D-Dur-Messe – so Giulio Prandi – sei »Theater für die Seele. […] Das Werk spricht die Zuhörer unmittelbar an, weil die Sprache direkt und tief in die Seele der Menschen eindringt«. Seit der Gründung seines Coro e Orchestra Ghislieri im Jahr 2003 hat es sich der Dirigent zur Aufgabe gemacht, unbekannte musikalische Preziosen der italienischen Kirchenmusik wiederzuentdecken und aufzuführen. Im März 2018 veröffentlichte er die Aufnahme von Pergolesis Messe-D-Dur, deren Notenmaterial Jahrhunderte lang in verschiedenen Bibliotheken verstreut war. Dramatisch, mitreißend und energiegeladen ist dieses festliche Werk, das der Komponist vermutlich im Auftrag der Stadt Neapel zu Beginn der 1730er-Jahre geschrieben hat, einer Zeit, in der der gestische und emotionsgeladene Opernstil auch in die Kirchenmusik Eingang fand. Pergolesi, der mit seinem Intermezzo La serva padrona die Gattung der Opera buffa entscheidend prägte, zählte damals zu den spannendsten Komponisten seiner Zeit. Jäh beendete sein früher Tod eine vielversprechende künstlerische Entwicklung.

Opernhafte, ariose Stilmittel finden sich auch in den anderen beiden geistlichen Werken dieses Konzerts. Die in Besetzung und Umfang sehr knapp gehaltene Missa brevis Sancti Joannis de Deo von Joseph Haydn erhielt durch das ausgedehnte Orgel- und Sopransolo im Benedictus den Beinamen »Kleine Orgelmesse«. Mozart schafft in seiner für den Salzburger Erzbischof komponierten Vesperae solennes de Confessore eine geniale Mischung von »modernem« theatralischen und strengem kontrapunktischen Stil. Das wohl bekannteste Stück daraus ist das »Laudate Dominum«, das Mozart als einen innigen, lyrischen Satz für Sopran und Chor konzipierte. Die Sopransoli in allen drei Werken singt Marlis Petersen. Die international gefragte Opernsängerin hat bereits mit vielen namhaften Dirigenten der historisch-informierten Aufführungspraxis zusammengearbeitet, u. a. René Jacobs und Ton Koopman.

Über die Musik

Klingende Botschaften des Glaubens

Geistliche Vokalwerke von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Giovanni Battista Pergolesi

»Musik wäscht den Staub des Alltags von der Seele.«
Pablo Picasso

Seit Menschengedenken gehört Musik zu den sakralen Handlungen der sogenannten Buch-Religionen, ob im Judentum, im Islam oder im Christentum. Im Katholizismus als Teil des letzteren wiederum kommen den Vesperae solennes, dem abendlichen feierlichen Stundengebet, und der Messe, der zentralen Gattung der mehrstimmigen katholischen Kirchenmusik, eine besondere Bedeutung zu. Der vom Chor und bzw. oder von der Gemeinde ausgeführte Messgesang, das Ordinarium missae, ist seit dem 10. Jahrhundert überliefert. Anfangs wurde es nur in Einzelsätzen vorgetragen, dann in Satzpaaren, und von etwa 1420/1430 an in vollständigen Zyklen mit den immer textgleichen fünf Teilen Kyrie – Gloria – Credo – Sanctus (mit Benedictus) – Agnus Dei. Im 15./16. Jahrhundert wird bei den stets mehrstimmigen Messvertonungen diese Abfolge zur Regel. Eine der frühesten uns bekannten vollständigen Vertonungen des Zyklus ist die Missa L’homme armé von Guillaume Du Fay (1397 – 1474).

Ein Zeugnis tiefer Gläubigkeit: Joseph Haydns Kleine Orgelmesse

Joseph Haydn, in katholischem Glauben erzogen, wächst selbstverständlich mit den traditionsreichen Messgesängen auf. Die Erfahrung findet Vertiefung, als er im Frühjahr 1740, mit acht Jahren, Kapellsänger am Stephansdom in Wien wird. Doch als er 1749 in den Stimmbruch kommt, setzt das diesem Dienst ein Ende. Damals entsteht seine erste Messkomposition, die Missa brevis F-Dur Hob. XII:1. Später berichtet er seinem ersten Biografen Georg August Griesinger, dass er als »Vorspieler bey den barmherzigen Brüdern in der Leopoldstadt [...] an Sonn- und Feyertagen um acht Uhr Morgens in der Kirche seyn« musste. Um zehn habe er die Orgel in der damaligen Gräflich Haugwitzischen Kapelle gespielt[,] und um elf Uhr in der Stephanskirche gesungen. Dermaßen intensiv in die klingenden Rituale der katholischen Messfeier eingebettet, schreibt er auch weiterhin Werke in dieser Gattung, wenngleich mit einigen Jahren Abstand. Erst als er 1761 in den Dienst der Fürsten Esterházy tritt, anfangs als Vizekapellmeister der ansehnlichen Hofkapelle, wenig später als ihr Kapellmeister, setzt er sich erneut mit der Messkomposition auseinander. Inzwischen ist er in die königlich-ungarische Freistadt Eisenstadt übergesiedelt. Dort besitzt der Fürst ein prächtiges Barockschloss. Selbstverständlich müssen die Musiker jederzeit auf Abruf verfügbar sein, so auch Haydn. Von 1766 bis 1778 bewohnt er ein kleines Holzhaus (es brennt zweimal ab und wird in beiden Fällen anschließend vom Fürsten wieder aufgebaut). Hier komponiert er in den Jahren 1773 bis 1778 die Missa brevis Sancti Ioannis di Deo B-Dur Hob. XXII:7.

Dieses Werk, das sich unter dem Namen Kleine Orgelmesse bis heute großer Beliebtheit erfreut, ist dem Stifter des Hospitalordens der Barmherzigen Brüder gewidmet. Johannes von Gott (1495 – 1550) gilt als Begründer der modernen Krankenpflege. 1760 rief Fürst Paul Anton Esterházy den Orden nach Eisenstadt. Vermutlich entstand Haydns Messe für die Kirche des Ordens und wurde dort auch uraufgeführt. Da die Orgelempore des Gotteshauses sehr klein ist, konnten neben der Sopransolistin und einem aus Mitgliedern der fürstlichen Chormusik gebildeten vierstimmigen Vokalquartett nur zwei Violinen und ein Cello bzw. Kontrabass, das sogenannte Kirchentrio, Platz finden. Bereits aus der charakteristischen und innigen Führung der vier Singstimmen in den ersten Takten des Kyrie »spricht« Haydns tiefe Gläubigkeit, seine, wie Griesinger überliefert hat, »Ueberzeugung, dass alle menschlichen Schicksale unter der leitenden Hand Gottes stehen […]« Die Gloria-Vertonung mit ihren gleichzeitig gesungenen unterschiedlichen Textzeilen ist erstaunlich kurz gehalten, sodass Haydns Bruder Michael sie später »un poco più prolungata« (ein wenig verlängert) hat. Genial, welche große Gefühlstiefe Joseph Haydn im Credo der rhetorischen Figur des chromatisch absteigenden Tetrachords beim »Crucifixus etiam pro nobis« verleiht. Im Zentrum jedoch steht das anrührende Benedictus mit der überirdisch schönen Sopranarie und der konzertierenden Orgel, auf die sich der Name Kleine Orgelmesse bezieht. Im abschließenden Agnus Dei offenbart sich dann noch einmal Haydns lebensbejahende Weltsicht, die er mit allen ihm zur Verfügung stehenden musiksprachlichen Mitteln zum Ausdruck bringt. Und genau darin besteht, wie es der Musikwissenschaftler und Kirchenmusiker Leopold M. Kantner formuliert, »das Unerreichbare und Unvergleichbare« seiner Kunst.

Im »höheren pathetischen Styl der Kirchenmusik«: Wolfgang Amadeus Mozarts Vesperae solennes de Confessore KV 339

»Seine liebste Unterhaltung war Musik; wenn ihm seine Gemahlinn eine recht angenehme Uiberraschung an einem Familienfest machen wollte, so veranstaltete sie im Geheim die Aufführung einer neuen Kirchen-Komposition vom Michael oder Joseph Haydn«. Das lesen wir in der ersten Mozart-Biografie von Franz Xaver Niemetschek. Denn, so Niemetschek, »Kirchenmusik war das Lieblingsfach Mozarts«. Auch wenn das in dieser Ausschließlichkeit gewiss nicht zutreffend ist, galt der geistlichen Musik tatsächlich sein besonderes Interesse. Und das bereits als Heranwachsender, wie er 1790 dem österreichischen Erzherzog schrieb, als er sich um die Stelle des Domkapellmeisters an St. Stephan bewarb: Er habe sich »vonn Jugend auf [den] kirchen Styl [...] ganz zu eigen gemacht« – und war, so muss man hinzufügen, seither darin ein unübertroffener Meister. Im Bewusstsein dessen und entlassen aus Salzburger Diensten, wollte er dann auch während der 16-monatigen Reise der Jahre 1777/1778 in Mannheim und danach in Paris mit einer Messe »grosses Aufsehen« erregen. Auf diese Weise hoffte er, sich für eine lukrative Stelle bei einem neuen Dienstherrn zu empfehlen. So jedenfalls schrieb er es dem Vater am 28. Februar 1778. Doch daraus wurde nichts. Also kehrte Mozart im Januar 1779 ins ungeliebte Salzburg zurück. Dort stellte ihn der Fürsterzbischof Colloredo als Hof- und Domorganisten an. Fortan gehörte es zu seinen Aufgaben, »auch den Hof, und die Kirche [...] mit neuen von Ihme verfertigten Kompositionen« zu bedienen. So kann man es in der Anstellungsurkunde lesen. Bis zu Mozarts Weggang nach Wien 1781 entstehen hier zwei Messen und zwei Vespervertonungen (KV 321 und KV 339).

Die Vesperae solennes de Confessore KV 339 sind das musikalisch mit fünf Psalmen (Nr. 109 – Nr. 112 und Nr. 116) und dem »Magnificat anima mea« reich ausgestaltete abendliche (vesper lat.= Abend) und feierliche (solemnis lat. bzw. solenne ital. = feierlich) Stundengebet des Offiziums der römisch-katholischen Liturgie, gleichsam das musikalische Glaubensbekenntnis (confessore lat.= der [seinen Glauben] Bekennende). Da Mozarts Vesperae solennes, im Unterschied zur Messe, keinem bestimmten Datum im kirchlichen Jahreskreis zugeordnet sind, konnte ihr Schöpfer eine sehr festliche und prächtige Musik mit Pauken und Trompeten schreiben. Wohl auch hierauf bezogen stellte Niemetschek zu Recht fest, »der höhere pathetische Styl der Kirchenmusik [war] immer sehr nach seinem Genie«. Wahrscheinlich entstand die Komposition KV 339 in der ersten Jahreshälfte 1780 und ihre Uraufführung fand gewiss an einem der höheren Feiertage im Kirchenjahr 1780 im Salzburger Dom statt; Belege hierfür gibt es allerdings nicht.

Mit dem klangprächtig instrumentierten »Dixit Dominus« eröffnet Mozart das Werk. Wie genial er die Sonatenform beherrscht, kann man im nachfolgenden »Confitebor tibi Domine« bewundern, wo er der Reprise, in der die Themen noch einmal »zitiert« werden, augenzwinkernd den Text »Sicut erat in principio« (Wie es war im Anfang) unterlegt. »Eine typisch Mozartsche Pointe«, bemerkt der Mozart-Forscher Hartmut Schick. Auf das expressive »Beatus vir« mit dem intimen Sopransolo folgt die veritable d-Moll-Fuge »Laudate pueri«, »Mozarts vielleicht großartigste Vokalfuge«. (Manfred Hermann Schmid) Weit ist dann im »Laudate Dominum« mit dem abermals sehr innigen Sopransolo der melodische Bogen gespannt, leise und anrührend vom Fagott begleitet. Ganz am Wort orientiert sich zum Schluss das »Magnificat anima mea«. Mit der langsamen chorischen Einleitung, dem nachfolgenden introvertierten Sopransolo, mit Chor und Chorsolisten unterstreicht Mozart einmal mehr das »et nunc et semper et in saecula saeculorum« (jetzt und immerdar und in Ewigkeit), die geistlich-geistige Quintessenz seiner Vesperae solennes de Confessore.

Eine ausgereifte Wiederentdeckung: Giovanni Battista Pergolesis D-Dur-Messe in ihrer Zweitfassung

Genauso wie es viele »weiße Flecken« in dem nur 26 Jahre währenden Leben Giovanni Battista Pergolesis gibt, so geheimnisvoll umwittert sind auch etliche seiner Werke – nicht nur die ihm erst 1936 eindeutig zugeordnete Komposition Septem verba a Christo in cruce moriente prolata, sondern auch die erste der zwei Messvertonungen aus seiner Feder, die Messe in D-Dur. Sie existiert in zwei sehr unterschiedlichen Fassungen. Bis vor kurzem kannte man nur die 1789 erstmals gedruckte Version mit den Sätzen Kyrie und Gloria. Von ihr hieß es noch vor einigen Jahren, sie sei eine »nicht ausgereifte Komposition« (Francesco Degrada). Inzwischen hat sich herausgestellt, dass es neben dieser, den damaligen Gepflogenheiten in der Kirchenmusik Neapels durchaus entsprechenden kurzen Fassung eine weitere achtsätzige gibt – eben jene, die heute Abend im Konzert erklingt. Diese »lange« Fassung ist nach fast 290 Jahren wiederentdeckt worden! Erst nachdem die einzelnen Sätze in den überlieferten, sinnfällig-zwingenden Zusammenhang mit der tradierten Textfolge gebracht wurden, stellte sich heraus: Dies ist eine zweite Fassung der D-Dur-Messe. Claudio Bacciagaluppi, der Herausgeber der jüngst veröffentlichten, nun vollständigen D-Dur-Messe, hat eine großartige Arbeit geleistet! Intensiv wertete er die in Bibliotheken in Dresden, Paris, Bergamo, Montecassino, Neapel und New York aufbewahrten autografen, also in Pergolesis Handschrift überlieferten Quellen und die verschiedenen Abschriften aus. Das Resultat ist eine »ausgereifte« D-Dur-Messe.

Wer ihr Auftraggeber war, kann nur vermutet werden. Eine zeitgenössische Quelle verweist auf den Zusammenhang mit dem Fest des heiligen Joseph, das zu Ehren des Patrons der Bruderschaft Sankt Joseph gefeiert wurde. Diese Bruderschaft, die in Neapel ihr Domizil genau gegenüber vom Konservatorium besaß, hatte bereits 1731 bei Pergolesi ein Oratorium bestellt. Nun also eine Messe? Tatsache ist, dass Pergolesi die erste Fassung der D-Dur-Messe vor 1732 komponierte. Die zweite Version muss er spätestens in den ersten Monaten des Jahres 1734 oder bereits Ende 1733 niedergeschrieben haben. Genau zu der Zeit, als Johann Sebastian Bach seine h-Moll-Messe in ihrer Urfassung, nämlich die Sätze Kyrie und Gloria, dem kursächsischen Hof dedizierte! Doch lernten Bach und Pergolesi einander nie kennen. Pergolesi lebte damals in Neapel. Dort hatte er von 1723 bis 1728 am Konservatorium Violine und Komposition studiert. Danach war er innerhalb und außerhalb des Konservatoriums als Sänger und Geiger tätig. Und er komponierte geistliche Dramen, seine erste Opera seria, musikalische Komödien und im Herbst 1733 im Rahmen einer weiteren Opera seria das Intermezzo La serva padrona, mit dem er sich weit über Italien hinaus Ruhm erwerben sollte. 1734 ernannte ihn die Stadt Neapel zum Vertreter der amtierenden Kapellmeisters Domenico Sarros mit dem Anrecht auf dessen Nachfolge im Todesfall.

Die Messe, besetzt mit zwei Solisten (Sopran und Alt), einem fünfstimmigen Chor und einem Orchester aus zwei Oboen, zwei Trompeten, zwei Hörnern, Streichern und dem Basso continuo, ist für einen festlichen Anlass gedacht. Wie souverän Pergolesi sowohl den stile antico und damit die traditionelle Fugentechnik als auch den neuen, melodieorientierten Stil beherrscht, beweist er bereits im einleitenden Kyrie. Jubelnd beginnen die Solisten und der Chor das aus immerhin sieben Einzelsätzen bestehende Gloria. Ein instrumentales, nur von den Streichern ausgeführtes Vorspiel leitet die kurze Sopranarie »Laudamus te« ein. Hier, wie überhaupt in der Messe, gibt sich auch der versierte Opernkomponist zu erkennen. Fantastisch, mit welch sicherer Hand Pergolesi dann im »Gratias agimus tibi« die Generalpausen setzt und kontrapunktische Passagen mit homofonen abwechselt. Mit den in zwei Gruppen geteilten Streichen und dennoch innig begleitet er die beiden Gesangssolisten beim »Domine Deus«. Emotionale Welten prallen aufeinander, wenn im folgenden Satz nach dem sehr kräfig deklamierten »Qui tollis peccata mundi« (Du nimmst hinweg die Sünden der Welt) ganz zart »miserere nobis« (erbarme dich unser) gefleht wird. Das kurze »Tu solus Sanctus«, eine Sopranarie mit Streicherbegleitung, führt zum wahrlich krönenden Abschluss: dem »Cum Sancto Spiritu« mit dem die letzten Glaubenszweifel hinwegfegenden »Amen« im Presto. Außergewöhnlich sind in diesem Werk die Satzzusammenstellung und der meisterliche Umgang sowohl mit dem alten, polyfonen Stil als auch mit der neuen, ganz auf die Melodie und die Empfindung konzentrierten Schreibweise. Pergolesis D-Dur-Messe dokumentiert damit exemplarisch das um 1730 bevorzugte neue Ideal der Kirchenmusik.

Ingeborg Allihn

Biografie

Coro e Orchestra Ghislieri widmen sich neben der Pflege bekannten Repertoires vornehmlich der Erforschung und Wiederbelebung unbekannter und oft vergessener Werke der italienischen geistlichen Musik des 18. Jahrhunderts. Gegründet wurde dasin Pavia (Lombardei) beheimatete Vokal- und Instrumentalensemble2003 von seinem heutigen Chefdirigenten Giulio Prandi. Seitdem gastiert es regelmäßig an renommierten europäischen Konzerthäusern wie dem Palais des Beaux-Arts in Brüssel, dem Auditorium National de Lyon, dem Arsenal in Metz und an der Opéra de Rouen; zudem es ist bei zahlreichen internationalen Festivals vertreten (Händel-Festspiele Göttingen, George Enescu Festival Bukarest, Festival de musique Baroque d’Ambronay, Festival international de musique de Besançon Franche-Comté, Festival de La Chaise-Dieu, Musica Antiqua Bruges, Festival Claudio Monteverdi di Cremona, Festival Pergolesi Spontini di Jesi). Die Konzerte des Ensemble in Residence am Collegio Ghislieri di Pavia, dessen künstlerische Arbeit durch diverse CD-Einspielungen dokumentiert ist, wurden von Rundfunkanstalten wie RAI – Radio 3, Radio Klara, France Musique, RTBF Musiq’3, NDR übertragen. Die Formation, die 2018 ihr 15-jähriges Bestehen mit dem Debüt am Amsterdamer Concertgebouw feiert,entwickelt ihre Projekte durch konstante Forschungs- und Probenarbeit. Seit 2017 werden Coro e Orchestra Ghislieri durch ein Wissenschaftskomitee unterstützt, das aus einer Partnerschaft zwischen der musikwissenschaftlichen Fakultät und der Abteilung für Kulturelles Erbe der Universität Pavia hervorgegangen ist; in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker sind sie nun erstmals zu erleben.

Giulio Prandi, Gründer und künstlerischer Leiter von Coro e Orchestra Ghislieri am Collegio Ghislieri im lombardischen Pavia, hat sich frühzeitig auf die geistliche Vokalmusik des 18. Jahrhunderts spezialisiert. Der Dirigent absolvierte seine Ausbildung bei Donato Renzetti und machte an der Universität von Pavia Diplome in den Fächern Gesang und Mathematik. Am Konservatorium von Mailand studierte Giulio Prandi zudem Komposition bei Bruno Zanolini und Chorleitung bei Domenico Zingaro. Die Schwerpunkte seiner künstlerischen Arbeit veranlassten ihn zu kontinuierlicher Recherche und Quellenforschung, was im Laufe der Jahre zu einer Reihe musikalischer Wiederentdeckungen selten aufgeführter und zum Teil unveröffentlichter Werke von Komponisten wie Galuppi, Jommelli, Perez, Perti, Durante, Astorga und Leo führte. Darüber hinaus widmet er sich den sakralen Werken Vivaldis, Pergolesis, Händels, Michael Haydns und Mozarts, aber auch zeitgenössischer Musik, etwa von Fabio Vacchi. Der Musiker gibt regelmäßig Meisterkurse und Workshops; als Juror wurde er zu renommierten Wettbewerben eingeladen (göttingen händel competition der Götinger Händel-Gesellschaft, Van Wassenaer Competition des Festivals Alter Musik in Utrecht, Early Music International Young Artists Competition in York). Seit 2017 unterrichtet Giulio Prandi Chorgesang am Conservatorio Franco Vittadini in Pavia. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Nach dem Schulmusikstudium und ihrer Gesangsausbildung bei Sylvia Geszty begann Marlis Petersen 1994 ihre Laufbahn als Opernsängerin an den Städtischen Bühnen Nürnberg. Von 1998 bis 2003 war sie Ensemblemitglied an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Seit 2003 führten Gastspiele die lyrische Sopranistin an nationale und internationale Bühnen, wobei sie ganz besonders in der Rolle von Alban Bergs Lulu beeindruckte, die sie in zehn verschiedenen Inszenierungen in Europa und in den USA gestaltete – zuletzt in Produktionen an der Bayerischen Staatsoper München und an der Metropolitan Opera New York. Zu weiteren wichtigen Partien der Künstlerin zählen Susanna (Le nozze di Figaro), Sophie (Der Rosenkavalier), Violetta (La traviata), Elettra (Idomeneo) und Marietta (Die Tote Stadt). Zudem übernahm sie mit großem Erfolg die Titelpartie in Aribert Reimanns Oper Medea bei der Uraufführung an der Wiener Staatsoper (2010); im Januar 2017 sang sie im Rahmen der Elbphilharmonie-Eröffnung in der Premiere von Jörg Widmanns Oratorium Arche das Sopransolo. Die Zeitschrift Opernwelt kürte Marlis Petersen bereits zum dritten Mal mit dem Titel »Sängerin des Jahres«. Im Konzertfach gastiert sie weltweit in Zusammenarbeit mit renommierten Orchestern und hochkarätigen Originalklangensembles. Sie gab Liederabende bei der Schubertiade Schwarzenberg, im Berliner Pierre Boulez Saal und im Konzerthaus Berlin; eigens für sie kreierte Programme präsentierte sie an der Carnegie Hall, im Wiener Konzerthaus und in der Wigmore Hall in London. Bei den Berliner Philharmonikern war Marlis Petersen erstmals Mitte Januar 2014 in drei von Zubin Mehta dirigierten Konzerten als Solstin in George Crumbs Liederzyklus Ancient Voices of Children zu erleben.

Marlis Petersen (Foto: Yiorgos Mavropoulos)

Giulio Prandi (Foto: Matteo Belli)

Coro & Orchestra Ghislieri (Foto: Cyrille Guir)

»Originalklang« – Barocke Klangwelten

Die Ensembles der Konzertreihe

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