Bernard Haitink (Foto: Monika Rittershaus)

Bernard Haitink dirigiert Mozart und Bruckner

Mit seiner Siebten Symphonie gelang Anton Bruckner nach vielen Misserfolgen endlich ein Triumph. Ob in New York, London oder Amsterdam: Überall wollte man das bis heute populärste Werk des Komponisten mit seinem ergreifenden Adagio-Satz hören. In dieser Aufführung ist mit Bernard Haitink eine der großen Bruckner-Autoritäten zu erleben. In Mozarts introvertierten, melancholischem Klavierkonzert Nr. 27 debütiert darüber hinaus Paul Lewis als Solist bei den Berliner Philharmonikern.

Berliner Philharmoniker

Bernard Haitink Dirigent

Paul Lewis Klavier

Wolfgang Amadeus Mozart

Konzert für Klavier und Orchester B-Dur KV 595

Paul Lewis Klavier

Anton Bruckner

Symphonie Nr. 7 E-Dur

Termine und Karten

Do, 09. Mai 2019, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie F

Fr, 10. Mai 2019, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie G

Programm

Als Pianist war Paul Lewis ein Spätstarter. Er spielte nämlich erst Violoncello, bevor er im Alter von 12 Jahren regelmäßigen Klavier­unterricht erhielt. Dann ging es allerdings Schlag auf Schlag: Mit 15 studierte er an der Chetham’s School of Music, einer Talentschmiede für junge Musiker in Manchester. Später wechselte er an die renommierte Guildhall School of Music and Drama in London. Dort präsentierte sich der 1972 in Liverpool geborene Musiker im Rahmen eines Meisterkurses Alfred Brendel, der ihn ab 1993 für die nächsten sieben Jahre unterrichtete. Nach diversen Wettbewerbserfolgen debütierte Paul Lewis 2002 in der Londoner Wigmore Hall, die ihn für die Rising-Stars-Serie der führenden europäischen Konzerthäuser nominierte. Heute ist der britische Pianist, der neben Till Fellner und Kit Armstrong der bekannteste Brendel-Schüler ist und in namhaften Konzerthäusern und bei allen großen Festivals regelmäßig gastiert, längst aus dem Schatten seines Lehrers herausgetreten. Als eine Art »Erbe« Brendels hat er sich ohnehin nie verstanden: »Ich bin ein anderer Mensch. Ich bin auch anders als Musiker.« Und weiter: »Es gibt nichts zu vergleichen. Mein Klang ist verschieden von seinem und auch die Art, wie die Botschaft der Musik herüberkommt. Auch wenn es zwei, drei Ähnlichkeiten gibt, scheue ich den Vergleich nicht.«

Bei seinem Debüt als Solist bei den Berliner Philharmonikern hat Paul Lewis mit dem eher introvertiert-melancholischen B-Dur-Konzert KV 595 das letzte Klavierkonzert im Gepäck, das Mozart geschrieben hat. Dirigent des Abends ist Bernard Haitink, der sich nach der Pause Anton Bruckners Siebter Symphonie widmet. Sie bescherte dem Komponisten endlich jenen durchschlagenden Erfolg, den er sich Zeit seines Lebens erhofft hatte: Im Leipziger Gewandhaus, wo Arthur Nikisch am 30. Dezember 1884 die Uraufführung leitete, war die Zustimmung noch verhalten. Bei der zweiten Aufführung am 10. März 1885 in München unter Hermann Levi waren die Hörer dann ebenso begeistert wie die meisten Kritiker. Doch nicht nur in München, auch in Wien wurde die Aufführung von Bruckners Siebter gefeiert: »Schon nach dem ersten Satze 5 – 6 stürmische Hervorrufe und so gings fort, nach dem Finale endloser, stürmischer Enthusiasmus und Hervorrufe, Lorbeerkranz vom Wagner-Verein und Festtafel« (Bruckner). Innerhalb von drei Jahren hatte es die Symphonie auf die Spielpläne in Chicago, New York, London, Amsterdam und Berlin geschafft. Wohl deshalb blieb der Komponist von den sonst üblichen »Verbesserungsvorschlägen« verschont: Das Werk, das auch heute noch das am meisten aufgeführte Bruckners ist, liegt in nur einer einzigen Fassung vor.

Über die Musik

Ringen um die Gunst des Publikums

Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Anton Bruckner

Der Solist als Spielmacher und Mitspieler – Mozarts Klavierkonzert KV 595

»Die Wiener sind wohl leute die gerne abschiessen – aber nur am theater«, schreibt Wolfgang Amadeus Mozart am 2. Juni 1781 an seinen Vater: »mein fach ist zu beliebt hier, als daß ich mich nicht souteniren sollte. hier ist doch gewis das Clavierland!« Bereits wenige Tage später löste sich der 25-Jährige endgültig aus den Fängen seiner Heimatstadt Salzburg, quittierte den Dienst beim verhassten Erzbischof und begann, sich in der kaiserlichen Hauptstadt eine Existenz als freischaffender Musiker aufzubauen. Und tatsächlich schien es das »Clavierland« Wien mit dem jungen Musiker zunächst gut zu meinen. Innerhalb kurzer Zeit stieg Mozart zu einem gefeierten Klaviervirtuosen, geachteten Komponisten und gefragten Klavierlehrer auf. Bewunderung erweckten dabei nicht nur seine phänomenalen Improvisationskünste, sondern auch die außergewöhnliche Musikalität seines Spiels: »Ich hatte bis dahin niemand so geist- und anmuthvoll vortragen gehört«, erklärte der berühmte Virtuose Muzio Clementi nach einem Klavierwettstreit mit Mozart, der im Dezember 1781 im Beisein Kaiser Joseph II. stattfand. Und der erste Mozart-Biograf, Franz Xaver Niemetschek, konstatierte 1798: »Feinheit und Delikatesse, der schönste, redendeste Ausdruck […] sind die Vorzüge seines Spieles gewesen.«

Dass Mozart in seinen ersten Wiener Jahren darauf setzte, sich die Gunst des Publikums insbesondere mit neuen Klavierkonzerten zu erspielen, ist nicht verwunderlich. Die Gattung bot ihm eine ideale Plattform, um zugleich seine kompositorischen, pianistischen und improvisatorischen Fähigkeiten wirkungsvoll zur Schau zu stellen (letztere in den Kadenzen sowie bei der Vervollständigung der teilweise nur lückenhaft notierten Klavierstimme). So entstanden 15 der insgesamt 27 Klavierkonzerte Mozarts im relativ kurzen Zeitraum von Herbst 1782 bis Dezember 1786. Größtenteils in selbst veranstalteten öffentlichen Akademien oder Subskriptionskonzerten uraufgeführt, leisteten sie sowohl zu Mozarts Ruhm als auch zu seinem Lebensunterhalt einen bedeutenden Beitrag. Doch in der zweiten Hälfte der 1780er-Jahre scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Mozarts öffentliche Auftritte in Wien nahmen ab, es kam damit zusammenhängend zu Einnahmeausfällen und bis zu seinem frühen Tod im Dezember 1791 entstanden nur noch zwei Klavierkonzerte.

Den letzten nachgewiesenen öffentlichen Auftritt als Solist hatte Mozart am 4. März 1791 in einer »großen musikalischen Akademie«, die der Klarinettist Joseph Beer veranstaltete. Vor einem vermutlich nicht allzu großen Publikum spielte er das zu Jahresbeginn fertiggestellte Klavierkonzert in B-Dur, KV 595. In seiner originellen formalen Gestaltung, dem geistreichen Umgang mit den verschiedenen Klanggruppen und instrumentenalten Akteuren sowie seinem Ideen- und Affektreichtum steht das Werk in einer Linie mit den großen Konzerten der mittleren 1780er-Jahre. Zugleich scheint dieser letzte Beitrag Mozarts zur Gattung des Klavierkonzerts jedoch weniger auf äußere dramatische Wirkung bedacht, ist kammermusikalischer in der Setzweise sowie persönlicher und lyrischer im Ton.

Die gesanglichen Qualitäten des Konzerts und seine inhärente Theatralität treten gleich zu Beginn deutlich zutage. Über einer sanft bewegten Begleitung präsentieren die ersten Geigen das kantable Hauptthema des Kopfsatzes. Interpunktiert werden die drei Phrasen der weit gespannten Melodie von zwei fanfarenartigen, absteigenden Dreiklangmotiven der Bläser. Mit dieser Gegenüberstellung unterschiedlicher melodischer und klanglicher Charaktere legt Mozart den Grundstein für die spätere Entwicklung des Allegro. Zugleich lenkt er den Blick bereits in den Anfangstakten auf das konzerttypische Zusammen- und Gegeneinanderspiel verschiedener instrumentaler Akteure (hier Streicher versus Bläser). Was Mozart aus diesem scheinbar einfachen Einstieg zu entwickeln vermag, zeigt sich im Mittelteil des Satzes – der sogenannten Durchführung. Im kontrastierenden Wechselspiel und direktem Dialog führen der Solist und das in ständig wechselnden Formationen agierende Orchester Elemente des lyrischen Hauptthemas und des absteigenden Dreiklangmotivs durch unterschiedliche Klang- und Ausdrucksregionen. Allein die gewagte harmonische Entwicklung dieses Formteils ist atemberaubend. So beginnt das Klavier die Durchführung im von der Grundtonart B-Dur unendlich weit entfernten h-Moll.

Ein besonderer Reiz von Mozarts späten Klavierkonzerten liegt darin, dass der Solist als Primus inter Pares agiert: Er ist zugleich Spielmacher und Mitspieler. Während das thematische Material des Kopfsatzes zunächst vom Orchester präsentiert wird, übernimmt der Pianist im weiteren Verlauf des Werks diese Aufgabe selbst. Sowohl der langsame Mittelsatz als auch das Rondo-Finale, dessen Hauptthema Mozart auch in dem zeitgleich entstandenen Lied »Komm, lieber Mai, und mache« verwendet, beginnen im Soloklavier. Darüber hinaus verlangt die Rolle des Spielemachers vom Pianisten, immer wieder über das Notierte hinauszugehen. »Die Befugnisse des Mozartspielers lässt jene eines Museumsbeamten weit hinter sich zurück«, bemerkt der große Mozart-Interpret Alfred Brendel dazu: »Mozarts Notation ist unvollständig. Nicht nur fehlt der Klavierstimme fast jede dynamische Bezeichnung. Auch die zu spielenden Noten bedürfen, zumindest in den späteren, nicht für den Stich fertiggestellten Werken, stellenweise der Ergänzung.« Im Falle des späten B-Dur-Konzerts betrifft dies insbesondere denn Mittelsatz, »wo relativ einfache Themen mehrmals wiederkehren, ohne dass Mozart selbst sie variiert hätte«.

Vom »Klang her gedacht« – Bruckners Siebte Symphonie

»Die uralte, schmerzliche Erfahrung, dass der Prophet im Vaterlande nichts gilt, blieb auch Bruckner nicht erspart«, konstatierte der junge Hugo Wolf im Frühjahr 1886: »Durch Jahrzehnte vergebens gegen den Unverstand und die Gehässigkeit der Kritik ankämpfend, abgewiesen von den Konzertinstitutionen, von Neid und Missgunst verfolgt, ward er ein alter Mann, als ihm Fortuna die Stirn küsste, und die undankbare Welt den Lorbeer auf das Haupt drückte.« Tatsächlich gelangte das Schaffen des spät berufenen Symphonikers – mit knapp 31 Jahren machte er die Musik zu seinem Hauptberuf, mit über 40 vollendete er seine Erste Symphonie – erst in Bruckners letzter Lebensdekade ins Bewusstsein einer größeren musikalischen Öffentlichkeit. Als der Professor für Harmonielehre und Kontrapunkt am Wiener Konservatorium im September 1884 seinen 60. Geburtstag feierte, lag nur ein einziges seiner monumentalen Orchesterwerke – die Richard Wagner gewidmete Dritte Symphonie – im Druck vor. Und auch über die Aufnahmebereitschaft des Wiener Publikums und die Gunst der Kritik machte sich Bruckner zu diesem Zeitpunkt keine Illusionen mehr. So waren seine Symphonien Nr. 1 bis Nr. 6, sofern sie bis dahin überhaupt (vollständig) uraufgeführt worden waren, größtenteils auf Unverständnis, Spott und schroffe Ablehnung gestoßen.

Trotz dieser zahllosen Misserfolge ist zu vermuten, dass Bruckner zu Beginn seines siebten Lebensjahrzehnts mit einem gewissen Optimismus in die Zukunft blickte. Während die Situation in Wien unverändert erschien, begannen sich andernorts einige der führenden Dirigenten für sein neuestes Werk, die zwischen September 1881 und September 1883 komponierte Symphonie Nr. 7 in E-Dur, zu interessieren. Bereits im Frühling 1884 hatte ihn ein Brief des 28-jährigen Arthur Nikisch aus Leipzig erreicht. Nachdem der spätere Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, der damals als Erster Kapellmeister am Leipziger Stadttheater wirkte, die Symphonie gemeinsam mit dem Bruckner-Vertrauten Josef Schalk am Klavier durchgespielt hatte (den 1. Satz allein dreimal), schrieb er: »Ich bin im höchsten Grade entzückt und begeistert […] und betrachte es von nun an als eine Ehrensache für mich, Ihre Werke zur Verbreitung zu bringen.« Im Herbst desselben Jahres zog dann der renommierte Wagner-Dirigent und Leiter des Münchner Hoforchesters, Hermann Levi nach: »Ich habe Ihre Sinfonie mit grosser Aufmerksamkeit durchgelesen. Das Werk hat mich anfänglich befremdet, dann gefesselt und schliesslich habe ich einen gewaltigen Respekt vor dem Mann bekommen, der etwas so Eigenartiges und Bedeutendes schaffen konnte.« Noch vor Jahresende reiste Bruckner erwartungsvoll nach Leipzig. Dort erlebte er am 30. Dezember die erfolgreiche Uraufführung der Siebten Symphonie durch das Gewandhausorchester unter Leitung von Nikisch. Im März 1885 verbrachte er dann in München die – wie er in einem Brief berichtet – »glücklichste Woche« seines Lebens. In der Hochburg des Wagnerismus verhalf Levi mit einer »vorzüglichen u. mustergültigen« Aufführung dem Werk und seinem Schöpfer endgültig zum Durchbruch.

In den nächsten zwei Jahren folgten Aufführungen in Köln, Hamburg, Graz, Prag, New York, Boston und Chicago. Und auch in den Musikmetropolen Wien und Berlin wurde Bruckners neues Werk mit Spannung erwartet. Die Erstaufführung durch die Wiener Philharmoniker unter Leitung von Hans Richter im März 1886 verlief musikalisch erfolgreich; die Aufnahme bei Kritik und Publikum hingegen war – wie zu erwarten – kontrovers. Vor dem Hintergrund des damals tobenden musikästhetischen Parteienstreits zwischen dem Wagner-/Bruckner-Lager und den Anhängern von Johannes Brahms wurde die Symphonie entweder euphorisch gefeiert oder scharf abgelehnt. So sprach der von Bruckner gefürchtete Eduard Hanslick in seiner Kritik von einer »symphonischen Riesenschlange« und berichtete, einer der »geachtetsten Musiker Deutschlands« habe das Werk »als den wüsten Traum eines durch zwanzig Tristan-Proben überreizten Orchester-Musikers« bezeichnet. Demgegenüber konterte der Wagnerianer Hugo Wolf nicht weniger polemisch, Bruckners Siebte sei »gegen die Maulwurfshügel der brahmsschen Symphonien […] noch immer ein Cimborasso« (gemeint ist der über 6000 Meter hohe, majestätische Vulkan Chimborazo in Ecuador).

Die Berliner Erstaufführung der Siebten Symphonie wurde am 31. Januar 1887 von den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Karl Klindworth bestritten. Doch der Symphoniker Bruckner, der in der musikästhetisch eher konservativ geprägten Reichshauptstadt bis dahin noch nicht öffentlich gespielt worden war, schien nach Auskunft der Kritik sowohl das Orchester als auch das Publikum zu überfordern. »Ich fürchte, meine liebe Vaterstadt hat sich Ihnen von einer schlechten Seite gezeigt«, bemerkte der Wagner-Vertraute Hans von Wolzogen in einem Brief an den Komponisten: »Ein bedeutender Schriftsteller schrieb mir dazu, man habe Eseln einen Braten vorgesetzt.« Das anfängliche Unverständnis für Bruckners Musik in Berlin hielt allerdings nicht lange an. Anfang Januar 1894 spielte die durch Karl Muck bestens vorbereitete königliche Kapelle die Siebte in Anwesenheit ihres Schöpfers vor einem weitaus offeneren Publikum. 1895 übernahm dann Arthur Nikisch den Chefdirigentenposten bei den Berliner Philharmonikern und machte die Bruckner-Symphonien schon bald zu einem zentralen Bestandteil des Orchesterrepertoires. Am 11. Oktober 1896 starb Anton Bruckner. Als Zeichen der Ehrerbietung spielte das Orchester zwei Wochen später unter Nikischs Leitung das Adagio der Siebten Symphonie.

In einem lesenswerten Essay hat der im vergangenen Jahr in Berlin verstorbene Komponist und Musikdenker Dieter Schnebel die Faszinationskraft von Bruckners Musik eindrücklich beschrieben: »Das Besondere an Bruckners Musik rührt […] her von der eigenartigen Präsenz des Klangs: sei es sein Leuchten oder sein abgeblendetes Dunkel, sei es seine rohe Kraft oder die schmelzende Weichheit. Und ebenso ist es die Bewegung der Klänge, ihr Dahinstürmen oder ihr sanftes Fließen, das pochende Stoßen oder das quellende Pulsieren, was einen seltsamen Zauber ausübt. Die Themen sind in den Klang eingebunden […]. Auch der musikalische Fortgang erschließt sich mehr vom Klang her als etwa von der thematischen Arbeit […].«

In welchem Maße Bruckners Musik vom Klang aus gedacht ist, zeigt sich bereits im ersten Satz der Siebten Symphonie. Umhüllt von einem jener berühmten Streichtremoli, in denen sich die Musik zu Beginn vieler Bruckner-Symphonien gleichsam unmerklich aus der Stille materialisiert, erklingt in den Celli eine weit gespannte Melodie. Verblüffend ist nicht nur die Kantabilität und ungewöhnliche Länge dieses symphonischen Hauptthemas, sondern auch seine subtile klangliche Gestaltung. So spielen Kolorit und Harmonik eine wesentliche Rolle bei der Entfaltung der melodischen Spannungskurve, die in ihrer wellenförmigen Entwicklung ein Grundprinzip der brucknerschen Formarchitektur im Kleinen vorwegnimmt. Bei dem anfänglichen Aufstieg aus den »breitentfalteten Urtönen« (Ernst Kurth) des E-Dur-Dreiklangs, verbinden sich die Celli mit den Hörnern. In der nächsten Phrase wird die Fülle des Celloklangs durch die Bratschen gesteigert. Nach einem überraschenden harmonischen Wechsel in der Begleitschicht, der eine beginnende Spannungssteigerung signalisiert, tritt schließlich auch noch eine Klarinette hinzu. Im weiteren Satzverlauf ist es insbesondere die Tonfärbung, die das Thema verändert. Direkt nach seiner Exposition erklingt es ein zweites Mal – in den Geigen und hohen Holzbläsern leise ansetzend, um dann im ganzen Orchester in ungeheurer Fülle gesteigert zu werden. In der apothetischen Schlusspassage des Satzes schließlich suggerieren Varianten des Themenkopfes in lichtdurchflutetem E-Dur, das Abschließen der Musik könne – wie György Ligeti einmal treffend bemerkt hat – »ewig dauern«.

Eine der klanglichen Besonderheiten der Siebten Symphonie, die bereits die Zeitgenossen faszinierte, ist die abgedunkelte Farbpalette des Werks. So erweitert Bruckner den Blechbläserchor im zweiten und vierten Satz um vier Horntuben. Mit ihrem dunklen, edlen Timbre tragen sie wesentlich zum feierlichen Charakter des Adagios bei. Ausschlaggebend für diese Erweiterung des orchestralen Apparats war der Tod Richard Wagners im Februar 1883. Erschüttert vom Ableben des »Meisters aller Meister« entschloss sich Bruckner, die im Ring des Nibelungen erstmals eingesetzten Instrumente in den Bereich der Symphonik zu übernehmen und schrieb jene bewegende Trauermusik, mit der das Adagio ausklingt.

Tobias Bleek

Biografie

BernardHaitink erhielt mit elf Jahren ersten Geigenunterricht, bevor er von 1947 an Violine und Dirigieren am Konservatorium Amsterdam studierte. Seine musikalische Laufbahn begann der Künstler als Geiger im Philharmonischen Orchester des Niederländischen Rundfunks. Nach weiteren Studien bei Felix Hupka und Ferdinand Leitner wurde er bereits 1957 zum Leiter dieses Orchesters ernannt. Anschließend übernahm er für 27 Jahre die Position des Chefdirigenten beim Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dem er seit 1999 als Ehrendirigent verbunden ist. Zudem leitete Bernard Haitink von 1967 bis 1979 als »Principal Conductor« auch das London Philharmonic Orchestra; von 1977 an war er für ein Jahrzehnt Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera. Zwischen 1987 und 2002 wirkte er als Direktor des Londoner Royal Opera House, Covent Garden. Anschließend verpflichtete ihn die Sächsische Staatskapelle Dresden bis 2004 als Chefdirigent, bevor er von 2006 bis 2010 den Posten des »Principal Conductor« beim Chicago Symphony Orchestra übernahm. Heute ist Bernard Haitink, der in dieser Spielzeit seinen 90. Geburtstag feiert und auf eine 65-jährige Dirigentenkarriere zurückblicken kann, »Patron« des Radio Filharmonisch Orkest in Hilversum und Ehrendirigent des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Weiterhin ist er Ehrenmitglied des Chamber Orchestra of Europe und der Berliner Philharmoniker, mit denen ihn seit mehr als fünf Jahrzehnten eine stetige Zusammenarbeit verbindet. Bernard Haitink ist »Knight of the British Empire«, »Companion of Honour« und Mitglied im Oranier-Orden des Hauses Nassau. 2017 empfing er die höchste zivile Ehrung seines Heimatlands und wurde zum Commander im »Orden vom Niederländischen Löwen« ernannt. Mit den Berliner Philharmonikern, die ihm 1994 die Hans-von-Bülow-Medaille verliehen, brachte der Dirigent in drei Konzerten Anfang Dezember 2017 Gustav Mahlers Neunte Symphonie zur Aufführung.

Paul Lewis wurde in Liverpool geboren und genießt weltweit den Ruf eines der herausragenden Pianisten seiner Generation. Nach Studien bei Ryszard Bakst an der Chetham’s School of Music und an der Londoner Guildhall School bei Joan Havill wurde er Meisterschüler von Alfred Brendel. Zahlreiche renommierte Preise begleiteten seine bisherige Laufbahn. So wurde er etwa für die zyklische Aufführung der Klaviersonaten von Schubert mit dem South Bank Show Classical Music Award und dem »Instrumentalist of the Year« Award der Royal Philharmonic Society ausgezeichnet. Ein erneuter Schubert-Zyklus mit den späten Klavierwerken des Komponisten führte ihn von 2011 bis 2013 in über 40 Städte weltweit. Neben Schubert bildet das Klavierwerk von Beethoven eine der wichtigsten Säulen seines Repertoires. So brachte Paul Lewis zwischen 2005 und 2007 in den großen Musikzentren Europas und der USA alle 32 Klaviersonaten zur Aufführung. Der Künstler konzertiert regelmäßig mit international führenden Orchestern und Dirigenten und gastiert in den großen Sälen der Welt, wie dem Concertgebouw Amsterdam, dem Wiener Musikverein und Konzerthaus, der Tonhalle Zürich, dem Théâtre des Champs-Élysées in Paris, der Royal Festival Hall in London sowie der New Yorker Carnegie und Alice Tully Hall. 2010 hatte er die Ehre, als erster Pianist in der Geschichte der BBC Proms alle fünf Beethoven-Konzerte in einer Proms-Saison zu spielen. Gemeinsam mit seiner Frau, der norwegischen Cellistin Bjørg Lewis, leitet er das Midsummer Music Festival, ein jährlich stattfindendes Kammermusikfestival im englischen Buckinghamshire. In den Konzerten der Stiftung war Paul Lewis Anfang Dezember 2005 im Rahmen eines Klavierabends mit einem reinen Beethoven-Programm zu Gast. Als Solist der Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Bernard Haitink (Foto: Monika Rittershaus)