Jakub Hrůša (Foto: Pavel Hejnz)

Jakub Hrůša und Frank Peter Zimmermann mit einem tschechischen Abend

Frank Peter Zimmermann ist einer der bedeutendsten Geiger unserer Zeit und ein großer Bewunderer des selten gespielten Violinkonzerts Nr. 1 von Bohuslav Martinů. An diesem Abend stellt er das gleichermaßen klangvolle und expressive Werk vor. Jakub Hrůša, Chefdirigent der Bamberger Symphoniker und erstmals bei den Berliner Philharmonikern zu Gast, präsentiert zudem Dvořáks symphonische Dichtung Das goldene Spinnrad und Janáčeks Rhapsodie Taras Bulba.

Berliner Philharmoniker

Jakub Hrůša Dirigent

Frank Peter Zimmermann Violine

Antonín Dvořák

Das goldene Spinnrad op. 109

Bohuslav Martinů

Konzert für Violine und Orchester Nr. 1

Frank Peter Zimmermann Violine

Leoš Janáček

Taras Bulba, Rhapsodie für Orchester

Termine und Karten

Do, 11. Okt 2018, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie B

Fr, 12. Okt 2018, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie F

Programm

Frank Peter Zimmermann ist einer der bedeutendsten Geiger unserer Zeit – und einer, der jenseits ausgetretener Repertoirepfade immer wieder nach weniger Vertrautem sucht: »Ich habe die Standardwerke so oft gespielt und auch aufgenommen, dass ich andere bedeutende Werke neben dem großen Strang dem Publikum näherbringen möchte.« In diesem Konzert steht das Violinkonzert Nr. 1 von Bohuslav Martinů im Fokus, das »kaum minder großartig« ist, als die zur gleichen Zeit entstandenen herausragenden Violinkonzerte von Strawinsky, Bartók, Berg, Schönberg, Hindemith und Britten, was sich allerdings »noch nicht herumgesprochen zu haben scheint« (Zimmermann).

Martinů, der 1890 in Polička nahe der böhmisch-mährischen Grenze geboren wurde und in jungen Jahren selbst als Violinist in der Tschechischen Philharmonie tätig war, schrieb dieses Stück 1932/1933 für den Violinvirtuosen Samuel Dushkin, für den Strawinsky kurz zuvor sein Violinkonzert komponiert hatte. Das technisch enorm anspruchsvolle Werk zeigt u. a. mit seinen Schlagzeugeffekten im Mittelteil, wie sehr der tschechische Tonsetzer in den »wilden Zwanzigern« mit dem in Paris grassierenden »Virus des Neoklassizismus« (George Antheil) infiziert worden war. Dennoch sorgen originelle Details wie etwa die gedämpften Streichertriller mit Flatterzungenklängen der Flöte im groß angelegten Kopfsatz oder die vertrackten Synkopen in der zündenden Coda des Finales für einen individuellen Tonfall.

Jakub Hrůša, Chefdirigent der Bamberger Symphoniker und erstmals bei den Berliner Philharmonikern zu Gast, hat an den Konzertbeginn die Tondichtung Das goldene Spinnrad seines Landsmanns Antonín Dvořák gestellt. Die abwechslungsreiche Musik nach einer Sage von Karel Jaromír Erben schildert die tschechische Variante des Aschenputtel-Stoffs. Abgerundet wird der Abend mit Leoš Janáčeks dramatischer und brillant instrumentierter Orchesterrhapsodie Taras Bulba nach der gleichnamigen Novelle Nikolai Gogols, in der die Tragödie des alten Saporoger Kosaken Taras Bulba und die seiner beiden Söhne, Andrij und Ostap, im Aufstand gegen Polen erzählt wird. Die poetische Vorlage bestimmt Form und Satzverlauf: Im ersten Teil evoziert eine grüblerische Musik die zwiespältigen Gefühle des Kosakenhauptmanns, der seinen eigenen Sohn tötet, da ihn dieser um der Liebe zu einer polnischen Adligen willen verraten hat. Im zweiten Satz wird Taras Bulba Zeuge von der Hinrichtung seines zweiten Sohnes Ostap durch die Polen, im dritten Teil wird er selbst verurteilt. Dennoch endet das Werk in einer gewaltigen Apotheose, da sich das Ende der polnischen Okkupation abzeichnet.

Über die Musik

Schaurige Geschichten und ein vergessenes Virtuosenstück

Kompositionen von Antonín Dvořák, Bohuslav Martinů und Leoš Janáček

Dieses Konzertprogramm mit Werken dreier tschechischer Komponisten ist größtenteils nichts für schwache Nerven oder empfindliche Gemüter. Den beiden Eckstücken liegen grausame Erzählungen zugrunde. Das Goldene Spinnrad von Antonín Dvořák findet zumindest ein glückliches und mit der Bestrafung zweier Übeltäterinnen auch ein moralisches Ende. Die Ballade Taras Bulba hingegen endet zwar tragisch – alle drei Protagonisten sterben –, doch bei LeošJanáček werden die Taten, die Russlandverehrung und der Tod des slawischen Titelhelden verklärt. Zwischen diesen Geschichten steht das erst Jahrzehnte nach seiner Vollendung uraufgeführte Erste Violinkonzert von Bohuslav Martinů, als ein typisches Beispiel für die Kunst dieses schwer einzuordnenden, zu Unrecht außerhalb seiner Heimat wenig aufgeführten Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Das goldene Spinnrad von Antonin Dvořák

Antonín Dvořák, der wohl bekannteste tschechische Komponist noch vor Bedrich Smetana, wandte sich in den letzten Lebensjahren und nach der Komposition seiner Neunten Symphonie 1896 der Programmmusik zu und schrieb in kurzer Zeit nacheinander vier Symphonische Dichtungen. Sie basieren auf Balladen seines Landsmanns Karel Jaromír Erben (1811 – 1870), eines Historikers, Schriftstellers und Archivars, der vor allem durch seine Sammlung tschechischer Volksmärchen bekannt wurde: Kytice z povĕstí národních(Ein Blumenstrauß nationaler Sagen). Obwohl Dvořák keinen geschlossenen Zyklus im Sinn hatte und die einzelnen Kompositionen je nach ihrer Eigenart interpretierte und gestaltete, haben diese vier Gattungsbeiträge – denen 1897 mit dem Heldenlied ein weiterer folgte –, einen inneren Zusammenhang: »Sie bilden eine Einheit, vor allem durch ihren rein tschechischen Charakter und durch ihre Volkstümlichkeit, für deren in Erbens Werk so charakteristische Merkmale er ein vorbildliches Adäquat in der Musik zu schaffen wusste. Dieser innere Zusammenhang ist aber auch dadurch gegeben, dass alle diese symphonischen Dichtungen von der gleichen Tonsprache ausgehen und in dasselbe zauberhaft-farbige instrumentale Gewand gehüllt sind. Sie gehören auch alle stilmäßig zu den ersten tschechischen Kompositionen, in denen Anklänge eines musikalischen Impressionismus feststellbar sind«, schreibt der Dvořák-Herausgeber Jarmil Burghauser im Vorwort der Partitur.

Die Titel verraten (noch) nichts von den grauenerregenden Geschichten: »Die Inhalte der erbenschen Dichtungen mit ihren toten Kindern, ihren Morden, Verstümmelungen und Selbstmorden entbehren nicht des Grusels und der Schauerlichkeit« (Klaus Döge). Für den Komponisten waren sie ein typisches Merkmal der tschechischen Mentalität. Einem Londoner Freund verriet er in einem Brief: »Alle meine Tongedichte sind nach Erben geschrieben, und ich bin einfach nur entzückt darüber. Denn da diese Gedichte unsere nationalen Gefühle zum Ausdruck bringen, wagte ich, sie unverändert zu vertonen. Wir alle preisen die nationale Form, die uns so gut ansteht, wie die Leute sagen. Lachen Sie nicht!«

Die dritte von Dvořák vertonte Erben-Dichtung war Das goldene Spinnrad (Zlatý kolovrat). Sie unterscheidet sich von den beiden vorangegangenen, Der Wassermann und Die Mittagshexe dadurch, »dass sie von der Form einer Ballade abgeht und die eines gereimten Märchens annimmt, und zwar sowohl was den Inhalt betrifft, als auch hinsichtlich ihrer breiteren epischen Entfaltung« (Jarmil Burghauser). Die aus 62 fünfzeiligen Strophen bestehende Ballade vom Goldenen Spinnrad, weniger als Handlungserzählung denn dialogisch angelegt, ist gleichermaßen grotesk wie grausam. Ein geheimnisvolles, goldenes Spinnrad bringt das Opfer eines hinterlistigen Mordes ins Leben zurück und zwei Liebende wieder zusammen.

Bei der Jagd in seinem Wald trifft ein König an einer ärmlichen Hütte die schöne Dornička, die ihm Wasser zur Erfrischung reicht. Als er sieht, wie sie Flachs zu Leinen spinnt, verliebt er sich unsterblich und bittet sie, seine Frau zu werden. Dazu benötigt Dornička allerdings die Zustimmung ihrer bösen Stiefmutter. Das hässliche alte Weib ergreift die Gelegenheit und schiebt dem König am folgenden Tag seine dem Stiefkind zum Verwechseln ähnliche leibliche Tochter unter. Auf dem Weg zum Königsschloss ermorden Mutter und Tochter die rechtmäßige Braut, schneiden ihr Hände und Füße ab und berauben sie zusätzlich ihrer Augen. Der Betrug gelingt: Der König heiratet die Falsche. Als er eine Woche nach der Hochzeit ins Feld ziehen muss, weist er die frischgebackene Ehefrau an, während seiner Abwesenheit Flachs zu spinnen. Unterdessen hat ein geheimnisvoller alter Einsiedler Dorničkas Körper im Wald gefunden und in seine Höhle gebracht. Er schickt seinen Gehilfen mit einem goldenen Spinnrad ins Schloss, um es für ein Paar Füße zu verkaufen. Der Handel gelingt und der Alte kann mittels eines Zauberelixiers Dorničkas Füße wieder an ihren Körper anwachsen lassen. Für einen Spinnrocken werden dann ihre Hände erstanden, für eine goldene Spindel ihre Augen. So wird das junge Mädchen wieder ins Leben zurückgerufen. Als der König zurückkehrt und seine Frau bittet, für ihn zu spinnen, singt das goldene Spinnrad ein Lied, das die Geschichte vom Mord an seiner Auserwählten und der falschen Gemahlin verrät. Der König reitet in den Wald und findet Dornička. Es folgt eine zweite, nun glückliche Hochzeit; die beiden Betrügerinnen werden im Wald ausgesetzt und dort von Wölfen gefressen. Das goldene Spinnrad aber verschwindet ebenso geheimnisvoll, wie es gekommen war.

Dvořák hat den handelnden Personen und bestimmten Situationen spezielle, leitmotivische Themen gegeben: Der König wird durch eine marschartige Musik bzw. ein Jagdmotiv mit Hörnern dargestellt, Dornička durch ein schlichtes Motiv der Solovioline. Ein lyrisches Thema, das zuerst vom Englischhorn vorgetragen wird, steht für die Liebesgeschichte. Die Stiefmutter wird durch den drei Ganztöne umspannenden Tritonus gezeichnet, der das Böse und Diabolische in der Musik markiert. Den guten Zauberer umgibt eine religiöse Aura. Dorničkas Stiefschwester und der junge Gehilfe des Zauberers haben als von anderen abhängige Nebenfiguren keine eigene individuelle musikalische Identität. Tiefe Klänge der Streicher antizipieren die frevelhafte Tat der beiden Frauen. Ein Adagio-Motiv kündet von der Abreise des Königs und der Trennung des frisch vermählten Paares. Wenn Dornička zu neuem Leben erweckt wird, erscheint abermals das Englischhornmotiv. Die Rückkehr des Königs wird vom bekannten Hörnermotiv untermalt, das Rattern des Spinnrads naturalistisch geschildert. Die Komposition mündet mit der Apotheose der Themen der Liebenden in einen hymnischen Schluss. Besonders charakteristisch ist, dass Dvořák die Musik – wie bereits im Wassermann – auch im Goldenen Spinnrad im Rhythmus und in der Intonation des literarischen Texts gstaltete. Man könnte die originalen Verse direkt auf die Melodie des Orchesterwerks singen. Dieses Verfahren fand seine Fortführung und Erweiterung im Prinzip der »Sprachmelodie« von Leoš Janáček.

Das Violinkonzert Nr. 1 von Bohuslav Martinů

Neben Bedřich Smetana, Antonín Dvořák und Leoš Janáček ist Bohuslav Martinů »der vierte Klassiker der tschechischen Musik« (Harry Halbreich) und einer der bedeutendsten Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl wurde er nie so bekannt wie etwa seine Zeitgenossen Béla Bartók und Igor Strawinsky. Anders als in der übrigen Welt gehört er wenigstens in seiner Heimat zu den am meisten gespielten Komponisten. Es scheint, als ob auch im 21. Jahrhundert noch gelte, was der Martinů-Forscher Halbreich 1968 konstatierte: »Die Avantgardisten wenden sich achselzuckend ab, während andererseits der eigenwillige Formbau seiner Musik, ihre Beweglichkeit, ihr Mangel an festen Themengebilden und wohlvertrauten Anhaltspunkten die Interpreten vor Schwierigkeiten stellen, die sie bei dieser anscheinend so milden, tonalen Tonsprache nicht vermuten.«

Martinů verfasste mehr als 400 Werke und ließ kaum eine Gattung aus. Seine stilistische Entwicklung ist erstaunlich. Zu Beginn der 1930er-Jahre kreierte er über die intensive Auseinandersetzung mit Musik der Renaissance und des Barock seine eigene, unverwechselbare Tonsprache. In der Vokalpolyfonie des 16. und 17. Jahrhunderts wie auch im Prinzip des barocken Concerto grosso fand er die Vorbilder für sein Komponieren. Wenig erstaunlich, dass er eine Reihe von konzertanten Stücken schrieb: allein fünf Klavierkonzerte, je zwei Violin- und Cellokonzerte, dazu Konzerte für ungewöhnliche Besetzungen wie Flöte und Violoncello, Klaviertrio oder Streichquartett mit Orchester.

Das Erste Violinkonzert ist ein spät entdecktes Werk. Komponiert wurde es 1932/1933 für Samuel Dushkin (1891 – 1976), den amerikanischen Geiger polnischer Herkunft, an den schon Igor Strawinskys sein Violinkonzert adressiert hatte. Probleme entstanden bei der Arbeit vor allem dadurch, dass der Komponist, selbst ein vorzüglicher Geiger, im Gegensatz zu Strawinsky, eigentlich keiner Ratschläge des Violinvirtuosen bedurfte. Dushkins »Anregungen« waren eher störend und behinderten die Arbeit. Der Martinů-Freund und -Biograf Miloš Šafránek erinnerte sich 1961 des »häufigen Meinungsaustauschs der beiden Künstler über verschiedene Einzelheiten des Konzerts, was offensichtlich der Grund für den Komponisten war, es unvollendet zu lassen«. Das Manuskript verschwand dann auf mysteriöse Weise. Als Ersatz schrieb Martinů noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Paris für Dushkin eine viersätzige Suite concertante für Violine und Orchester, die er aber 1942/1943, als er bereits in den USA lebte, revidierte und erweiterte. Ob Dushkin mit der Komposition zufrieden gewesen ist, lässt sich nicht recht beurteilen. Er hat sie zwar in der zweiten Fassung am 28. Dezember 1945 in St. Louis mit dem dortigen Symphonieorchester unter Vladimir Golschmanns Leitung zur Uraufführung gebracht, dann aber offenbar nie wieder gespielt.

Die Partitur des Violinkonzerts wurde erst drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung von Hans Moldenhauer (1906 – 1987) entdeckt. Der 1938 in die USA emigrierte Pianist, Musikforscher und passionierte Sammler von Musikdokumenten fand 1961 das Manuskript im Besitz von Boaz Piller, eines mit Martinů befreundeten Fagottisten des Boston Symphony Orchestra. Nachdem die Witwe des Komponisten ihm die Erlaubnis zu einer aufführungspraktischen Einrichtung des Konzerts gegeben hatte, knüpfte Moldenhauer Kontakt zu dem tschechischen Geiger Josef Suk und konnte ihn für eine besondere kulturelle Ost-West-Kooperation gewinnen: die Weltpremiere des Werks in den USA und kurz danach die erste Aufführung in der Tschechoslowakei. So erklang es mit Josef Suk als Solisten zunächst am 25. und 26. Oktober 1973 in Chicago mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Leitung von Georg Solti und knapp ein Jahr später, am 24. September 1974, in Prag mit der Tschechischen Philharmonie und Zdenĕk Košler am Dirigentenpult.

Warum Samuel Dushkin Martinůs Stück reserviert gegenüberstand, es gar ablehnte, bleibt ungewiss. Vielleicht ging ihm der Solopart des Konzerts, in dessen energisch-spielfreudigen Ecksätzen vor allem das neobarocke Moment und der Concerto-grosso-Charakter auffallen, zu sehr im Orchester auf. Es gibt keine Kadenz, in der sich der Solist brillant hervortun könnte. Dafür konzertiert er im zweiten Satz, einem lyrischen Andante, intensiv mit den ersten Holzbläsern. Gleichwohl stellt das Konzert insgesamt höchste Ansprüche an die Virtuosität der Ausführenden.

Taras Bulba – Rhapsodie für Orchester vonLeoš Janáček

Leoš Janáčeks Taras Bulba weitet den Blick vom Tschechischen zum Slawischen und ist ein markantes Beispiel für die Russland-Begeisterung des Musikers, der sich als junger Mann gern in der russischen Schreibweise seines Vornamens »Lev« nannte. 1896 kam er zum ersten Mal in das bewunderte Land, um seinen in St. Petersburg lebenden Bruder František zu besuchen. Über seine Russlandreisen verfasste Janáček eindrucksvolle, ja schwärmerische Schilderungen. Er lernte Russisch und wurde in der ihn prägenden mährischen Stadt Brno Mitglied des 1899 gegründeten »Russischen Zirkels« zur Pflege russischer Sprache und Literatur. Mit der Zeit las er viele Romane und Erzählungen der wichtigen russischen Autoren im Original. Einige regten ihn zu Opern an – so Alexander Ostrowski zu Kátʼa Kabanováund Fjodor Dostojewski zu Aus einem Totenhaus. Lew Tolstois Novelle Kreutzersonate inspirierte ihn zu seinem Ersten Streichquartett.

Auch Taras Bulba, ursprünglich als »Slawische Orchesterrhapsodie« bezeichnet, verdankt sich literarischen Anregungen: Janáček las 1903/1904 zu Beginn des russisch-japanischen Kriegs Nikolai Gogols Novelle über den Kosakenführer Taras Bulba. Er machte sich in seine Ausgabe Anmerkungen zur Übersetzung verschiedener Passagen und brachte auch einige Noten zu Papier. Bei der Komposition konzentrierte sich Janáček allerdings weniger auf die problematische Persönlichkeit des Titelhelden als auf dessen Rolle als militärischer Führer und dessen unzerstörbaren Glauben an die Stärke des russischen Volks. Damit traf er den entscheidenden Nerv, ein wichtiges politisches, national getöntes Gefühl der Tschechen und Slowaken, die zu Zeiten des Habsburgerreichs unterdrückt worden waren. Freilich gilt es zu bedenken, dass die öffentliche Meinung der Tschechen »unkritisch russophil [war], man erwartete von den Russen und ihren Kosaken Befreiung«, wie Tomáš Garrigue Masaryk (1850 – 1937), betonte, der Gründer und erste Präsident der Ersten Tschechoslowakischen Republik,. Dass es schließlich anders kam, lehrt die jüngere Geschichte nur zu schmerzhaft.

Die Handlung der Novelle spielt im 16. Und 17. Jahrhundert während der Kämpfe der Saporoger Kosaken um die Befreiung der Ukraine von der Fremdherrschaft der Polen, die 1648 mit dem russischen Sieg endete. Taras Bulba, zunächst nur ein Kämpfer und Haudegen, entwickelt sich im Verlauf der Geschichte zum Helden des Freiheitskampfs – ohne Rücksicht auf persönliche Verluste. Seinen jüngeren Sohn Andrij, einen mitnichten kämpferisch eingestellten, sondern empfindsamen, von Gefühlen geleiteten jungen Mann, führt die Liebe zu einer schönen Polin ins gegnerische Lager, in die belagerte Stadt Dubno. Als der Vater Andrij bei einem Ausbruch der Belagerten stellt, erschießt er ihn als Feind kaltblütig mit den Worten »Stillgehalten und nicht gemuckt. Ich habe dich gemacht, ich mach dich jetzt auch kalt!« Der erstgeborene Sohn Ostap wird im Kampf von gegnerischen Truppen gefangengenommen. Taras findet ihn in einem Kerker in Warschau, vermag ihn aber nicht zu befreien, sondern muss zusehen, wie er gefoltert und dann getötet wird. Als Ostap im Todeskampf nach dem Vater schreit, gibt sich dieser zu erkennen und fordert den Sohn auf, tapfer zu sein, ehe er selbst wieder in der Menge Schaulustiger untertauchen kann. Anschließend rächt Taras Bulba den Tod des Sohns in grausamen Gemetzeln an den Polen. Doch auch er selbst kommt schließlich zu Tode – nicht im Kampf, sondern letztlich aufgrund eigener Eitelkeit: Auf der Suche nach seiner verlorenen Tabakspfeife, die er den Polen nicht überlassen will, wird er gefangengenommen und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. An einen Baum gefesselt, spornt er noch im Angesicht des sicheren Todes seine eingeschlossenen Kosaken an, sich zu befreien und weiter zu kämpfen. Im Sterben preist er die Größe des Russischen Volks. »Glaubt ihr, es gibt etwas in der Welt, wovor der Kosak sich fürchtet? Werdet es schon noch erleben: Es kommt die Zeit, da ihr merkt, was das heißt, der russische Glaube! Heute schon spüren es alle Völker, die nahen und fernen; einmal geschieht es – da steht im russischen Land ein russischer Zar auf, vor dem beugen sich alle Mächte der Welt!« Diese heroische Prophezeiung des Taras Bulba findet sich am Ende von Gogols Novelle.

Janáček erläuterte seine Intention: »Nicht weil Taras Bulba seinen eigenen Sohn getötet hat, weil er sein Volk verraten hat […] nicht wegen des Märtyrertodes seines zweiten Sohnes […] sondern weil ›es kein Feuer und kein Leiden in der ganzen Welt gibt, das die Stärke des russischen Volks brechen könnte‹ – für diese Worte, die auf die stechende feurige Glut des Scheiterhaufens fallen, auf dem Taras Bulba, der berühmte Kosakenhauptmann, verbrannt wurde […] habe ich diese Rhapsodie nach der Legende geschrieben, wie sie von Nikolai Gogol verfasst wurde.«

Die drei Teile der Komposition schildern die Geschichte und das Schicksal der Hauptpersonen. In allen Sätzen dominiert der Tod, jedes Mal in eigener Gestalt. Eine glühende Liebesszene und der hymnische Schluss rahmen das Werk ein. Viele Tempomodifizierungen und Vortragsbezeichnungen, vor allem im ersten Satz, spiegeln die besondere Dramatik, aber auch kontrastierende Stimmungen und Emotionen wider. Die Kantilene des Englischhorns zeichnet im ersten Teil (Andrijs Tod) das Bild der geliebten jungen Polin, stockende Sechzehntel-Triolen charakterisieren Andrijs Gefühle. Im Hintergrund droht Unheil (der unerbittliche Taras Bulba) mit einem markanten Posaunenmotiv. Eine verfremdete polnische Mazurka geleitet im Mittelteil (Ostaps Tod) den gefangenen Ostap nach Warschau. Ein scharfes Solo der Es-Klarinette steht für seine Folter und Hinrichtung. Im Finale (Prophezeiung und Tod Taras Bulbas) scheint noch einmal das Liebesmotiv auf. Interessant ist, dass Janáček im apotheotischen Schluss, wenn Taras auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, mit Orgel und Glocken genau jene Instrumente die Größe des russischen Volkes »preisen« lässt, die im ersten Teil die Bitte um Gottes Hilfe gegen die Belagerer vortrugen.

Die Aufführungs- und Rezeptionsbedingungen für das Werk waren zunächst nicht günstig. Die Wiener Universal-Edition mochte die Rhapsodie, die der Komponist der tschechoslowakischen Armee (»der bewaffneten Beschützerin unserer Nation«) widmete, wegen der schwierigen politischen Nachkriegssituation in Österreich und Deutschland nicht zur Edition annehmen. So erschien eine gedruckte Ausgabe des am Karfreitag des Jahres 1918 in seine endgültige Form gebrachten Werks erschien erst 1927 im Prager Verlag Hudební Matice, noch unter Mitwirkung des Komponisten.

Helge Grünewald

Biografie

Jakub Hrůša, 1981 im tschechischen Brno geboren, absolvierte sein Dirigierstudium an der Akademie der Darstellenden Künste Prag, wo er u. a. von Jiří Bělohlávek ausgebildet wurde. Von 2009 bis 2015 war er Musikdirektor und Chefdirigent der Prager Philharmonie, bevor er 2016 die Leitung der Bamberger Symphoniker übernahm. Zudem ist Jakub Hrůša Erster Gastdirigent des Philharmonia Orchestra London und arbeitet als ständiger Gastdirigent mit der Tschechischen Philharmonie PKF und mit dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra. Darüber hinaus tritt er mit den bedeutendsten Orchestern der Welt in Erscheinung. Künstlerische Höhepunkte der jüngsten Zeit waren Debüts beim Orchestra dell’Accademia di Santa Cecilia, der Filarmonica della Scala, dem Royal Concertgebouw Orchestra, dem Mahler Chamber Orchestra, dem New York Philharmonic, dem Boston Symphony und dem Chicago Symphony Orchestra, Auftritte bei den »Bohemian Legends« und »The Mighty Five« – zwei Konzertserien des Philharmonia Orchestra –, sowie Konzerte mit dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Cleveland Orchestra, den Wiener Symphonikern, dem DSO Berlin und dem Los Angeles Philharmonic. In der Saison 2017/2018 gab Jakub Hrůša zudem beim San Francisco Symphony Orchestra und bei den Münchner Philharmonikern seinen Einstand. Als Music Director von »Glyndebourne on Tour« war er regelmäßig beim Glyndebourne Festival zu erleben. Zudem leitete er Produktionen an der Wiener Staatsoper (Die Sache Makropulos), an der Opéra National de Paris (Rusalka, Die lustige Witwe), der Frankfurter Oper (Il trittico), der Finnischen Nationaloper (Jenůfa), der Königlichen Dänischen Oper (Boris Godunov), am Prager Nationaltheater (Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf, Rusalka) sowie am Royal Oper House, Covent Garden, (Carmen). Bei den Berliner Philharmonikern ist Jakub Hrůša nun erstmals zu erleben.

Frank Peter Zimmermann, 1965 in Duisburg geboren, erhielt als Fünfjähriger ersten Violinunterricht. Im Alter von zehn Jahren gab er bereits sein erstes Konzert mit Orchester. Nach Studien bei Valery Gradow, Saschko Gawriloff und Hermann Krebbers begann 1983 seine steile Karriere, die ihn als Solisten mit vielen Spitzenorchestern und renommierten Dirigenten zusammenführte. Vier Violinkonzerte brachte der Musiker bisher zur Uraufführung: Matthias Pintschers en sourdine mit den Berliner Philharmonikern (2003, Dirigent: Peter Eötvös), Brett Deans The Lost Art of Letter Writing mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung des Komponisten (2007), Juggler in Paradise von Augusta Read Thomas in Paris mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (2009, Dirigent: Andrey Boreyko) und im Dezember 2015 Magnus Lindbergs Zweites Violinkonzert mit Jaap van Zweden am Pult des London Philharmonic Orchestra. Neben seinen zahlreichen Orchester-Engagements arbeitet Frank Peter Zimmermann regelmäßig als Kammermusiker. Mit dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra gründete er 2007 das Trio Zimmermann, das u. a. zu den Salzburger Festspielen, dem Edinburgh Festival, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Rheingau Musik Festival eingeladen wurde. Zu weiteren Höhepunkten jüngerer Vergangenheit zählen Konzerte in Amsterdam und auf Tournee in Korea und Japan mit dem Royal Concertgebouw Orchestra und Daniele Gatti, eine Tournee mit Gastspielen in Europa und der New Yorker Carnegie Hall mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons, Konzerte mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und Bernard Haitink sowie eine Europatournee mit den Berliner Barock Solisten. Frank Peter Zimmermann erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen wie den Premio dellʼ Accademia Musicale Chigiana in Siena (1990), den Musikpreis der Stadt Duisburg (2002), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2008) und der Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau (2010). In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war der Geiger seit seinem Debüt im Jahr 1985 regelmäßig zu Gast, zuletzt Anfang Dezember 2016 mit dem Zweiten Violinkonzert von Béla Bartók (Dirigent: Alan Gilbert).

Jakub Hrůša (Foto: Pavel Hejnz)

Frank Peter Zimmermann (Foto: Monika Rittershaus)

Frank Peter Zimmermann

Über das Violinkonzert Nr. 1 von Bohuslav Martinů

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Porträt: Jakub Hrůša

Europäer mit mährischen Wurzeln

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