Gastveranstaltung

Brandenburgisches Staatsorchester

Thomas Hennig Dirigent

Berliner Oratorien-Chor Chor

Singakademie Potsdam

Yvonne-Elisabeth Friedli Sopran

Till Schulze Bariton

Otto Nicolai

Kirchliche Fest-Ouvertüre Ein feste Burg op. 31

Berliner Oratorien-Chor Chor, Singakademie Potsdam

Johannes Brahms

Ein deutsches Requiem op. 45

Berliner Oratorien-Chor Chor, Singakademie Potsdam , Yvonne-Elisabeth Friedli Sopran, Till Schulze Bariton

Felix Mendelssohn Bartholdy

Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 107 »Reformationssymphonie«

Termine und Karten

Mi, 01. Nov 2017, 20:00 Uhr

Philharmonie

Veranstalter/Kartenverkauf

Berliner Oratorien-Chor e. V.

Tel: +49 1806/9990000 (Ticketmaster)

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Über die Musik

Schwestern im Geiste und auf dem Podium

Alles andere als »Quotenjazz«!

Ist Jazz männlich? Eine kleine Geschichte der frühen Improvisatorinnen

Gibt es einen spezifisch weiblichen Jazz? Schon die Frage ist ebenso unanständig wie die, ob man schwarz sein muss, um Jazz spielen zu können. Denn dass der Jazz lange hauptsächlich eine Angelegenheit von (schwarzen) Männern war, hat keine biologischen, sondern kulturelle und historische Gründe. De facto sind Frauen bis heute nicht auf allen Feldern gleichberechtigt, bis vor wenigen Jahrzehnten waren die traditionellen Rollenbilder und männlich dominierten Strukturen noch viel festgezurrter, auch und erst recht in der Welt der Musik.

Jahrhundertelang wurde dem weiblichen Geschlecht generell die Fähigkeit zu »tiefgehender« Kreativität abgesprochen. Sogar herausragend talentierte Frauen glaubten selbst daran, wie dieses Zitat von Clara Schumann beweist: »... wie gern möchte ich komponieren, doch hier kann ich durchaus nicht [...] Ich tröste mich immer damit, dass ich ja ein Frauenzimmer bin, und die sind nicht zum Komponieren geboren.« Besonders schwer hatten und haben es Frauen im Jazz. Seine Ursprünge und gesellschaftlichen Orte in New Orleans, Kansas City, New York oder Chicago waren extrem maskulin besetzt. So war der Jazzclub in den Vorstellungen der Männer die konspirative Katakombe für individualistisch geprägte Improvisation, in die Frauen allerhöchstens als schöne Begleiterin eingelassen wurden. Außerdem galten ‒ und gelten teilweise bis heute – die meisten typischen Jazzinstrumente wie Saxofon, Trompete, Posaune, Bass oder Schlagzeug als »männlich«. Einzig als Sängerin ‒ für eine Alt- oder Sopranstimme gibt es eben keinen männlichen Ersatz ‒ wurde der Frau früh eine aktive Rolle zugestanden. Von den Blues-Sängerinnen Ma Rainey und Bessie Smith über die klassischen Swing- und Bop-Heroinen wie Billie Holliday, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughn oder Lena Horne bis zu ihren Erbinnen wie Dee Dee Bridgewater, Cassandra Wilson oder Diane Reeves reicht eine lange Traditionslinie – wobei die Prominenz der Jazzsängerinnen gerne die Instrumentalistinnen oder Komponistinnen überdeckt.

Dabei gab es auch die bereits in der Frühzeit des Jazz. Die Trompeterin Dolly Jones, später als Dolly Hutchinson bekannt, war eine der ersten Frauen im Jazz, die Schallplatten aufnahm. Valaida Snow erwarb sich als Pionierin an diesem Instrument sogar den Titel »Queen of the trumpet«, ihr Spiel wurde oft mit dem des großen Louis Armstrong verglichen. Für dessen Karriere war eine andere Frau wichtig: Die Pianistin Lil Hardin spielte in King Oliverʼs Creole Jazz Band, als Armstrong dort 1922 dazustieß. Die beiden hatten eine Affäre und waren vielleicht sogar verheiratet, in jedem Fall ermutigte sie ihn, eine Solokarriere einzuschlagen. Die Zahl der Pianistinnen wuchs in den 1920er- und 1930er-Jahren, Sweet Emma Barrett, Billie Pierce, Jeanette Kimball und and Lovie Austin hießen einige von ihnen, doch überstrahlt wurden sie alle von der legendären Mary Lou Williams. Ihr Talent war so einzigartig, dass das männliche Jazz-Establishment sie als »einen der Jungs« akzeptierte. Mit ihrer revolutionären Harmonik und Melodik beeinflusste sie viele Größen des Bebop, einschließlich Dizzy Gillespie und Thelonious Monk.

Unglücklicherweise blieb Mary Lou Williamsʼ Stellung im Jazz die Ausnahme von der Regel. Es gab einige herausragende Instrumentalistinnen wie die Trompeterin Clora Bryant oder die Saxofonistin Vi Redd, die nie diesen Grad der Anerkennung erreichten. So blieb auch der Aufstieg von reinen Damenbands während des Zweiten Weltkriegs, als die männlichen Musiker zum Militär eingezogen waren, eine vorübergehende Erscheinung. Weiße Amerikanerinnen hörten damals Ina Rae Hutton and her Melodears, schwarze The Darlings of Rhythm und The Prairie View Co-Eds und alle gemeinsam die berühmteste dieser Bands, die International Sweethearts of Rhythm. Doch kaum waren die GI-Jazzer aus dem Krieg heimgekehrt, reklamierten sie ihre Jobs wieder für sich. Beleidigungen und sexuelle Belästigungen der wenigen verbliebenden Frauen taten das Übrige. Die Jamsessions der Bebop-Ära – die auch Demonstrationsmöglichkeit und Jobbörse für die Musiker darstellten – waren ein gefährliches Terrain, wie etwa Clora Bryant erzählte, eine der wenigen, die sich dorthin traute. Als Beispiel für die hohen Hürden mag die herausragende deutsche Pianistin Jutta Hipp dienen, die es Mitte der 1950er-Jahre nach Amerika schaffte, als erste Musikerin aus Europa und zweite Weiße überhaupt einem Vertrag mit dem legendären Blue-Note-Label bekam, sich aber wenig später desillusioniert von der Musik abwandte.

Nur sehr langsam wuchs die Zahl der Jazzmusikerinnen, angefangen mit der Posaunistin Melba Liston, die schon Ende der 1940er-Jahre bei Count Basie und Dizzy Gillespie gespielt hatte und nun vor allem als Arrangeurin Erfolg hatte, unter anderem für den Pianisten Randy Weston und die Bands von Charles Mingus, Duke Ellington oder Clark Terry. Viele der neuen weiblichen Gesichter leiteten nun ihre eigenen kleinen Besetzungen, so die Pianistinnen Barbara Carroll, Hazel Scott, Nellie Lutcher, Hadda Brooks und allen voran die britisch-stämmige Marian McPartland, die schon in den Sechzigern ein eigenes Plattenlabel gründete und nicht zuletzt durch ihre Radiosendungen zu einer der wenigen legendären Jazz-Women wurde.

Auf dem langen Weg zur Normalität: Frauen im modernen Jazz

Mit dem Freejazz und dem gesellschaftlichen Wandel der 1968er-Jahre trat auch eine neue Generation von Jazzmusikerinnen an, verkörpert insbesondere von der Pianistin und Komponistin Carla Bley. Die wichtigste Voraussetzung dafür war aber der Wandel des Jazz von einer mehr oder weniger autodidaktisch zu einer an Jazzschulen und Universitäten erlernten Musik. Mit der wachsenden Zahl von Ausbildungsstätten wie dem Berklee College of Music oder der New School in Manhattan ergaben sich auch für Frauen neue Möglichkeiten. Manche nutzten sie beispielgebend: Die Pianistinnen Myra Melford oder Geri Allen zum Beispiel, die Geigerin Regina Carter, die Bassistin Meshell Ndegeocello (heute in der Popularität noch übertroffen vom aktuellen Superstar Esperanza Spalding), die Komponistin und Bigband-Leiterin Maria Schneider oder die Schlagzeugerinnen Cindy Blackman und Terri Lyne Carrington. Sogar bislang übergangene Musikerinnen wurden im Zuge dieser Entwicklung wiederentdeckt, zum Beispiel die großartige Pianistin Dorothy Donegan, die als Art-Tatum-Schülerin eine Sensation der 1940er-Jahre war, dann aber in der Versenkung verschwand, bis sie in den Achtzigern ein fulminantes Comeback hatte.

Ende der 1990er-Jahre löste Diana Krall nicht nur einen neuen Boom des Jazzgesangs aus, sondern auch ein generell steigendes Interesse an Frauen im Jazz, schließlich singt Krall nicht nur, sondern spielt auch exzellent Klavier. Ohnehin hängt die wachsende Attraktivität des Jazz für Musikerinnen sicher auch mit dem kreativen Aufschwung und der enormen stilistischen Ausweitung des Genres in den vergangenen 20 Jahren zusammen, der sich aus der Verbreitung des Jazz in fast alle Länder der Welt ergeben hat. In Deutschland zum Beispiel setzte die universitäre Vermittlung des Jazz später, dafür umso mächtiger ein. An mittlerweile gut 20 Jazzabteilungen und -instituten steigt die Zahl der Studentinnen stetig. Eine ganze Reihe junger Musikerinnen mischt in der heimischen Szene mit, bis hin zu Bigband-Leiterinnen wie Caroline Thon und Monika Roscher oder hinter den Kulissen Wirkenden wie der auch ein Festival leitenden Saxofonistin Angelika Niescier oder der als ehemalige Vorsitzende der Union Deutscher Jazzmusiker für den ganzen Berufsstand eintretenden Pianistin Julia Hülsmann.

Die Geschichte der Frauen im Jazz greift nun die neueste Ausgabe der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic mit Sisters in Jazz auf: als Verbeugung vor den Pionierinnen, als Demonstration der kreativen Kraft der aktuellen Generation und als zukunftsorientierte Kooperation amerikanischer, europäischer und deutscher Interpretinnen.

Vom Schlagzeug-Wunderkind zur »Oberschwester« des Jazz: Terri Lyne Carrington

Als Leiterin des Sisters in Jazz-Abends kam für den Kurator der Reihe, Siggi Loch, nur die Schlagzeugerin, Komponistin und Sängerin Terri Lyne Carrington infrage. Einmal, weil sie seit vielen Jahren zu den herausragenden Persönlichkeiten des Jazz gehört. Vor allem aber, weil sie mit diesem Format große Erfahrung hat. Für ihr Album The Mosaic Project, das ihr den ersten Grammy einbrachte, versammelte Carrington 2011 erstmals die Crème de la Crème weiblicher Jazzpower um sich, seither wiederholte sie solche All-Star-Treffen mit wechselnden Besetzungen; auch ihr Album Love and Soul führte das Projekt 2015 fort. Carrington möchte ihre Formationen nicht als »Ladies Band«, sondern höchstens als »Womens Band« bezeichnet wissen. Es geht ihr nicht um eine Gender-Demonstration, sondern um den individuellen, sozusagen fallweise weiblichen Ausdruck herausragender Musikerinnen, um das, was Wayne Shorter ihr einmal gesagt hat: »Du bist am besten, wenn du spielst wie du selbst.«

Die 1965 in Medford, Massachusetts geborene Terri Lyne Carrington ist das Kind einer Musikerfamilie. Schon ihr Großvater, Matt Carrington, war Schlagzeuger bei Fats Waller, ihr Vater, Sonny Carrington, Saxofonist bei James Brown. Bereit als Fünfjährige konnte Carrington Saxofon spielen, mit Sieben übernahm sie das Schlagzeug ihres Großvaters, der sechs Monate vor ihrer Geburt gestorben war. Ihr erster Lehrer wurde Alan Dawson, der Drummer-Stars wie Tony Williams, Steve Smith und Jeff »Tain« Watts unterrichtet hatte. 1975 – im Alter von zehn Jahren – hatte Carrington ihren ersten großen Auftritt beim Wichita Jazz Festival mit Clark Terry. Daraufhin bekam sie ein Stipendium am Berklee College of Music, als bisher jüngster Künstler einen Endorsement-Vertrag vom legendären Becken-Hersteller Zildjian und durfte als »Wunderkind« mit Jazz-Legenden wie Dizzy Gillespie oder Oscar Peterson spielen. Der Schlagzeuger Jack DeJohnette wurde ein väterlicher Freund, er riet ihr auch, nach New York zu gehen, wo sie von 1983 an unter anderem mit Stan Getz, Lester Bowie, Cassandra Wilson und David Sanborn arbeitete. 1989 zog sie nach Los Angeles, wurde Schlagzeugerin der populären TV-Show von Arsenio Hall, tourte mit Mike Stern, Joe Sample, Al Jarreau, Herbie Hancock oder Wayne Shorter und nahm ihr erstes eigenes Album Real Life Story in vergleichbarer Starbesetzung auf. Carrington arbeitet seitdem nicht nur als Schlagzeugerin, sondern auch als erfolgreiche Produzentin unter anderem für die Jazz-Sängerinnen Diana Krall, Cassandra Wilson oder Dianne Reeves, aber auch für Popstars wie Gino Vanelli oder Monique.

Früher als die meisten US-Kollegen suchte Carrington den Austausch mit der europäischen Szene. Zum Beispiel spielte sie mit dem französischen Gitarristen Nguyên Lê und kam so zum deutschen ACT-Label, für das sie von 2002 an zwei Alben aufnahm. Seit 2005 ist Carrington Dozentin am Berklee College, zwei Jahre später gründete sie ihr eigenes Label Sonic Portraits Jazz. Bei Jazz at Berlin Philharmonic wird sie ihr typisches, im Ton zwar warmes, aber nachdrücklich anschiebendes, mit harten Wirbeln auf den Toms unterlegtes Rhythmusgerüst unter anderem bei ihrem eigenen Stück »The Corner« und bei einer Hommage an Jimi Hendrix präsentieren, wobei sie dessen »Burning of the Midnight Lamp« auch singen wird. So wie auch alle anderen »Sisters in Jazz« hier ihre ganz speziellen Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten präsentieren dürfen.

Sechs »Sisters in Jazz«

Tineke PostmaWenn Terri Lyne Carrington zuletzt ihre »Sisters in Jazz« versammelte, dann war immer auch die niederländische Jazzmusikerin Sopran- und Altsaxofonistin Tineke Postma dabei. So ist es logisch, dass Carrington ihr nun bei Jazz at Berlin Philharmonic die Co-Leitung übertrug. Die 1978 in Heerenveen geborene Postma begann im Alter von elf Jahren mit dem Saxofonspiel; bereits 1992 stand sie mit Candy Dulfer, ihrer berühmtesten Jazz-Landsfrau, auf der Bühne. Von 1996 bis 2003 studierte sie am Amsterdamer Konservatorium und an der Manhattan School of Music in New York, unter anderem bei David Liebman und Chris Potter. Unmittelbar nach dem Ende ihrer Ausbildung erlebte man sie auf wichtigen Festivals wie dem North Sea Jazz Festival, dem Festival Jazz à Vienne, beim Umbria Jazz wie auch auf dem Mary Lou Williams Jazz Festival in Washington. Dort gewann sie den Sisters in Jazz All Star Award; inzwischen hat sie viele weitere Auszeichnungen bekommen bis hin zum Boy-Edgar-Preis, dem angesehensten niederländischen Jazzpreis. Seit 2005 ist sie Dozentin am Amsterdamer Konservatorium. Ihre zahlreichen Alben wurden vor allem wegen der Kraft ihrer Kompositionen international gerühmt. Postma bläst das Altsaxofon bopiger und funkiger als viele ihrer männlichen Kollegen, und speziell am Sopransaxofon ist sie um einiges dunkler und ruppiger als etwa ein Sidney Bechet – was bei Jazz at Berlin Philharmonic unter anderem bei ihrer Komposition »Nine Times a Night« und bei Kenny Barrons »Voyage« zu hören sein wird.

Céline BonacinaEs sieht gewagt aus, wenn die zierliche, kleine Céline Bonacina zum fast gleich groß erscheinenden Baritonsaxofon greift. Doch sobald sie das riesige Instrument am Gurt eingeklickt hat, verwandelt sich die Mesalliance in eine Symbiose: Die musikalischen Ideen scheinen mühe- und ansatzlos aus dem gewaltigen Horn zu fließen. Die verschiedenen Einflüsse in der Karriere der 1975 geborenen Französin gehen dann eine harmonische Verbindung ein: die klassische Saxofonausbildung an den Konservatorien in Belfort, Besançon und Paris; ihre Erfahrung in Bigband-Bläsersätzen und die Zeit im Orchestre National du Jazz; die Zusammenarbeit mit Avantgardisten wie Henry Texier, Omar Sosa oder Laurent de Wilde; und nicht zuletzt die sieben Jahre, die Bonacina als Musiklehrerin auf dem Überseedepartement La Réunion verbrachte. Die ostafrikanische Rhythmik erdet die meisten ihrer Stücke, für die sie ihrem Instrument alles technisch Mögliche von groovenden Klick-Lauten über sonore Läufe bis zu wütenden Überblas-Passagen entlockt. So auch in ihrer Komposition »Bayrum«, die sie zu diesem Abend nach Berlin mitbringt.

Shannon BarnettDie 1982 geborene australische Posaunistin Shannon Barnett ist nicht nur eine der virtuosesten, sondern auch stiloffensten Vertreterinnen ihres Instruments. Sie spielt regelmäßig zum Spaß in New-Orleans-Bands (Jazz at Berlin Philharmonic-Stammgäste kenne sie auch von der Hommage an den Jazzpionier Bix Beiderbecke), ist hauptberuflich in Bigbands beschäftigt und verlegt sich in ihren eigenen Projekten auf experimentell Modernes. Nach dem Studium mischte sie sich nicht nur ausgiebig unter die heimische Jazzszene, sondern spielte auch schon mit internationalen Stars wie Kurt Rosenwinkel und Charlie Haden, machte bei Weltmusik-Projekten wie dem Tatana Village Choir aus Papua-Neuguinea mit und arbeitete als Zirkusmusikerin im experimentellen Circus Oz. Nach höchsten Auszeichnungen im eigenen Land zog sie 2011 nach New York, wo sie ihren Master machte und unter anderem mit Dee Dee Bridgewater und Cecile McLorin Salvant spielte. Im Frühjahr 2014 bekam sie ein Angebot der WDR Big Band und lebt seither in Köln, wo sie auch zum Large Ensemble von Jan Schreiner gehört und ein eigenes Quartett zusammengestellt hat. Mit dem hat sie soeben ihr erstes deutsches Album Hype bei Double Moon Records vorgelegt. In den Berliner Kammermusiksaal bringt sie – wie es ihrem breiten Spektrum entspricht – ihr Stück »Nix Like Bix«, »Morning Glory« von Mary Lou Williams und »Aeroplane« von Björk mit.

Hildegunn ØisethVon den weitgereisten Musikerinnen dieses Abends ist die 66-jährige norwegische Trompeterin Hildegunn Øiseth vielleicht am meisten herumgekommen. Nach dem Abschluss des Studiums an der Swedish Academy of Music in Ingesund und fast zehn Jahren bei der renommierten, heute von Nils Landgren geleiteten Bohuslän Big Band zog sie nach Südafrika, um die afrikanische Musik zu erkunden. Sie gründete dort ihre Band Uhambound nahm zwei Alben auf, die eine eigene Spieltechnik mit elektronischen Effekten dokumentierten. Øiseth unternahm dann eine große Anzahl musikalischer Projekte im Mittleren Osten und in Asien, bevor sie nach Skandinavien zurückkehrte. Dort arbeitete sie mit dem Trondheim Jazz Orchestra, widmete sich mit der Band Nordic Beattypisch nordischen Klängen, mit Rabalderder Weltmusik und mit samischen Musikern wie Ulla Pirttijärvi, Inga Juuso oder Frode Fjellheim der Volksmusik. Die Vermittlung der Musik ist ihr ein weiteres wichtiges Anliegen; inzwischen gibt sie gut 100 Schulkonzerte pro Jahr. Auch in Berlin wird sie bei ihrer Komposition »Chasing My Own Tale« auf dem Bukkehorn spielen, einem traditionellen skandinavischen Instrument, das aus einem Ziegenhorn gemacht wird.

Lisa WulffDie jüngste Schwester im Bunde ist die 1990 in Hamburg geborene Bassistin Lisa Wulff. Nach klassischem Klavier- und Gitarrenunterricht begann sie im Alter von neun Jahren E-Bass zu spielen und absolvierte eine studienvorbereitende Ausbildung im Bereich Jazz und Popularmusik an der Jugendmusikschule ihrer Heimatstadt. Ihr Studium an der Hochschule für Künste in Bremen schloss sie 2013 ab, seither ist sie mit eigenen Bands wie Kalís, Takadoon und dem Lisa Wulff Quartett unterwegs. Wulff ist ebenso versiert auf dem E-Bass wie auf dem Kontrabass, was sie zu einer gefragten Begleiterin macht – bei Musical-Produktionen wie bei der NDR Bigband, als Tourmusikerin vom Schlagerstar Semino Rossi wie als Power-Jazzerin bei Nils Landgren, Wolfgang Haffner, Curtis Stigers oder Randy Brecker. Lisa Wulff gewann 2016 den Jazz Baltica Award und war im Jahr darauf für den Echo Jazz nominiert. Bislang eine märchenhafte Karriere ‒ in Berlin spielt sie unter anderem ihre Eigenkomposition »A Fairytale«.

Anke HelfrichEin Routinier der hiesigen Jazzszene sitzt bei Sisters in Jazz am Klavier: Die 1966 in Horb am Neckar geborene Pianistin und Komponistin Anke Helfrich ist eine der erfolgreichsten deutschen Jazzmusikerinnen. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte Helfrich in Namibia, wo ihre Eltern in der Anti-Apartheid-Bewegung aktiv waren. Zurück in Deutschland studierte sie nach ersten Erfolgen von 1988 an in Freiburg und Hilversum. Nachdem sie ihren Abschluss mit Auszeichnung gemacht hatte, konnte sie mit einem Stipendium in New York bei Kenny Barron und Larry Goldings Unterricht nehmen. 1996 gründete sie ihr erstes Trio, mit dem sie noch im selben Jahr die European Jazz Competition sowie 1998 den ersten Preis bei der Hennesy Jazz Search gewann. Seit 1999 ist Helfrich Dozentin an der Musikhochschule Mannheim sowie seit 2011 am Dr. Hochʼs Konservatorium in Frankfurt am Main. Im selben Jahr wurde sie auch Mitglied im Quartett des Saxofonisten Jürgen Seefelder, wo sie bis 2004 blieb. Ihre bislang fünf bei Enja erschienenen eigenen Trio-Alben (mit den Gaststars Mark Turner, Carolyn Breuer, Roy Hargrove, Nils Wogram und Tim Hagans) wurden mehrfach preisgekrönt ebenso wie Helfrich als Pianistin – so ist sie die aktuelle Trägerin des Hessischen Jazzpreises. In ihrem Spiel zieht sich eine Traditionslinie von ihrem Idol Thelonious Monk über Kurt Weill bis zu Herbie Hancock, was sich auch in ihrer Komposition »Upper Westside« spiegelt, die sie nach Berlin mitbringt.

Ein fast verwegen vielseitiger Abend erwartet den geneigten Konzertgast also, der rein gar nichts zu tun hat mit zwiespältigem »Quotenjazz«. Es wird sich vielmehr so verhalten, wie es die Geigerin Regina Carter einmal beschrieben hat: »Bei Schlagzeug, Bass oder Posaune denkst du: ›Männer‹. Aber dann kommt jemand wie Terri Lyne Carrington, und weißt du was? Dann spielt es keine Rolle mehr, ob ein Mann oder eine Frau hinter diesem Drumkit sitzt.«

Oliver Hochkeppel