Education

Das große Chorprojekt des Education-Programms

1.000 Menschen aus allen sozialen und kulturellen Bereichen der Hauptstadt sprechen, singen, flüstern und rufen gemeinsam in der Philharmonie – und bringen damit die europäische Erstaufführung von David Langs Chorwerk the public domain auf die Bühne! Ein großartiger künstlerischer Moment der Begegnung, eine logistische Herausforderung und ein aufregender gemeinsamer Prozess.

Simon Halsey Leitung

Vokalhelden

Jasmina Hadžiahmetović Regie

David Lang

The public domain – Ein Stück für 1000 Stimmen

Termine und Karten

Sa, 19. Mai 2018, 15:00 Uhr

Philharmonie

Programm

Sie sprechen, singen, rufen und raunen — mehr als 1.000 Sängerinnen und Sänger setzen ihre Stimme auf die vielfältigste Weise ein. Die europäische Erstaufführung von David Langs the public domain unter der musikalischen Leitung von Simon Halsey und in der Inszenierung von Jasmina Hadziahmetovic gestalten sich als aufregendes, musikalisches Experiment. Die Mitwirkenden dieses Chorprojekts sind mitten unter uns. Künstler und Publikum werden – nicht wie sonst säuberlich getrennt – zu einer einzigen Menschenmasse verschmelzen. Beide Teilnehmerseiten einer Aufführung, Darstellende und Rezipienten, sind vereint, berühren sich, kommen in eine unvorhersehbare Kommunikation, sodass sich im Erleben die Grenzen zwischen den Menschen auflösen können.

Über die Musik

Mit ihrem Education-Programm möchten die Berliner Philharmoniker ihre Arbeit und ihre Musik einem breiten Publikum zugänglich machen. Ermöglicht wird diese Initiative von der Deutschen Bank.

public domain – zugänglich für alle

Eine Komposition für 1000 Stimmen von David Lang

UNSER LEBEN | Die Idee

David Lang, Komponist

Der 1957 in Los Angeles geborene David Lang war von klein auf ein aufmerksamer und neugieriger Beobachter. Den Beginn seiner musikalischen Laufbahn nennt er heute scherzhaft einen »educational accident«: Der Neunjährige und seine Mitschüler wurden, da es regnete, vom Hof in einen Klassenraum geschickt, wo zufällig der Film über ein »Young People’s Concert« lief, in dem Leonard Bernstein Schostakowitschs Erste Symphonie vorstellte. Lang hatte sein Erweckungserlebnis. Er begann zu komponieren, spielte bald Jazz-Posaune, Cello im Orchester und E-Gitarre in einer Band. Offen für die verschiedensten Stilrichtungen gründete der Yale-Absolvent mit seinen Kommilitonen Julia Wolfe und Michael Gordon 1987 das New Yorker Künstlerkollektiv Bang on a Can, um zeitgenössischen Komponisten ein Forum zu bieten. Die mehrstündigen Konzertmarathons des Kollektivs charakterisierte Vanity Fair als »Lollapalooza, kuratiert vom Geist John Cages«. Heute lehrt Lang selbst als Professor an der Yale University, seine Musik wird weltweit aufgeführt und für das Chorwerk The Little Match Girl Passion nach Hans Christian Andersens Erzählung Das Mädchen mit den Schwefelhölzern erhielt er 2008 den renommierten Pulitzer Preis.

2014 entstand unter dem Eindruck einer lärmenden Fan-Menge im Stadion das Werk Crowd Out für 1000 Stimmen. »The public domain komponierte ich als eine Art Gegenentwurf zu Crowd Out, das von den Berliner Philharmonikern mit in Auftrag gegeben worden war«, erklärt Lang. »Ich schrieb dieses Stück, nachdem ich ein Fußballspiel in London erlebt hatte (es spielte der FC Arsenal), und ich war wirklich verblüfft davon, wie im Stadion alle sangen und grölten und zusammen Lärm machten. Sie waren kein Chor, sie hatten nicht zusammen geprobt, niemand hatte sie dafür gecastet. Sie waren einfach da und wollten Lärm machen – und dieser Lärm war geformt und sehr kraftvoll. Ich überlegte mir, eine eigene Version dieses ›Chors‹ herzustellen: 1000 Amateursänger, die zusammen flüstern, sprechen, grölen und singen. Ich selbst halte mich nicht gern in großen Menschenmengen auf und in diesem Stück ging es mir besonders darum, wie man sich als Individuum in einer Menge fühlt, was man als Teil einer Menge gewinnt, aber auch, was an Individualität verloren geht. Eigentlich mochte ich Crowd Out wirklich, aber am Ende fühlte es sich für mich sehr introspektiv und traurig an. Es schien mir, dass es viel mehr zeigt, was wir in einer Menge verlieren als das, was wir alle miteinander teilen. Nach der Uraufführung beschloss ich, ein weiteres Werk für 1000 Stimmen zu schreiben, das nicht so bedrückend sein sollte, da es sich mehr darum drehen sollte, was uns zusammenbringt, was wir alle teilen. So entstand the public domain

Welche sind die Dinge, die wir alle teilen? Liest man den Text, den Lang der Musik zugrunde legt, stößt man auf ganz individuelle Vorlieben wie die »Lieblings-Currywurst«, aber auch auf politische und ethische Themen wie den Klimawandel, den freien Willen und das Wahlrecht. »Ich wollte unbedingt, dass sich der Text darauf konzentriert, was allen Menschen auf der Welt gemeinsam sein könnte«, so Lang, »deshalb öffnete ich eine Internetsuchmaschine und gab den Satzanfang ›Etwas, das wir alle gemeinsam haben, ist unser ...‹ ein und die automatische Vervollständigungsfunktion lieferte tausende verschiedene Möglichkeiten, diesen Satz zu beenden. Die Antworten wurden die Grundlage für mein ›Libretto‹ zu the public domain. Das Gemeinsame aller Menschen kann mächtige positive Kräfte entfachen in einer Zeit, in der der Fokus immer stärker auf dem liegt, was uns voneinander unterscheidet, uns trennt und uns im schlimmsten Fall dazu bringen könnte, einander zu hassen.

UNSERE ZEIT | Einzelstimmen

Projektchor Tiergarten: Christiane

Ich mache mit bei the public domain, weil ... ich endlich wieder mehr singen möchte!

19 Uhr. Bei -9 Grad treffe ich Christiane, dick eingepackt mit Schal und Mütze, vor dem Eingangstor der Allegro-Grundschule in der Lützowstraße. »Suchst du auch den Chor?«, fragt sie mich. Kurz darauf erscheint eine ortskundige Dame, die uns in die gut beheizte Aula der Schule führt, wo bereits die Probenvorbereitungen des Projektchors Tiergarten laufen. Ich freue mich, dass siee gleich einwilligt, als ich sie frage, ob ich sie für das Programmheft interviewen darf. Während wir uns an einem Tisch am Rand des Raums zusammensetzen, füllt sich die Aula langsam mit Sängerinnen und Sängern.

Christiane ist 42 Jahre altund gebürtige Kölnerin, erzählt sie mir. Nach Berlin kam die IT-Projektmanagerin vor zehn Jahren. Zunächst wohnte sie in Friedrichshain, bevor sie Anfang des Jahres eine Mietswohnung in Neukölln bezog. Fühlt sie sich in der neuen Umgebung gut aufgehoben? »Ja, ich lebe gern in Neukölln. Der Kiez gefällt mir, die Lage ist prima und es ist viel los – manchmal auch zu viel«, antwortet sie lachend. Obwohl sie noch nicht lange in ihrer Wohnung wohnt, spürt sie innerhalb der Hausgemeinschaft eine stärkere Verbundenheit: »In Friedrichshain kannte ich meine Nachbarn zwar, aber hier hilft man sich schon auch mal mit Waschmittel aus.«

Vor einiger Zeit bekam Christiane Lust, wieder zu singen. Während ihrer Schulzeit war sie in einem Chor, also durchstöberte sie Berlins vielfältiges Angebot an Gesangsensembles, fand aber zunächst nicht genau das, was sie suchte. Aus ihrem Freundeskreis kam dann die Anregung, doch bei the public domain mitzumachen – Christiane war sofort begeistert und schloss sich dem Projektchor in Tiergarten an.

Meine Frage, was soziale Gerechtigkeit für sie bedeutet, stimmt Christiane sehr nachdenklich. Sie selbst fühlt sich eigentlich gut aufgehoben, allenfalls die Absicherung im Alter bereitet ihr Sorgen. »Überhaupt müssten gerade ältere Menschen in unserer Gesellschaft besser gestellt werden, um sie sollte man sich mehr kümmern«, sagt sie dann. Wofür würde sie demonstrieren, frage ich, was stünde auf ihrem Plakat? Christiane denkt nach, »das ist gar nicht so einfach …«. Dann entscheidet sie: »Ich würde einfach schreiben: ALLES FÜR ALLE!«

Projektchor Hellersdorf: Miriam

Ich mache mit bei the public domain, weil ... ich Lust habe, zu singen!

Der Berliner Nahverkehr verbindet dankenswerterweise das Zentrum der Stadt mit ihren Außenbezirken. Manchmal jedoch funktionieren diese Verbindungen nicht reibungslos, so wie an jenem Abend, als ich versuche, vom Alexanderplatz mit der U-Bahn-Linie 5 nach Hellersdorf zu gelangen. Schienenersatzverkehr aufgrund von Baumaßnahmen ist zwar angekündigt, dass das jedoch bedeutet, von einem Ersatz-Bus in die U5 zu steigen, nach zwei Stationen –Pendelverkehr! – wieder aus- und nach mehrminütigem Warten auf dem gegenüberliegenden Gleis wieder in eine U5 einzusteigen, woraufhin sich das Procedere zwei Stationen später exakt wiederholt, bevor die Bahn endlich bis zur Haltestelle Kienberg fährt, trifft mich unerwartet und führt dazu, dass ich spät dran bin, als ich im Stadtteilhaus KOMPASS ankomme. Hier probt der Projektchor Hellersdorf. Ich stecke kurz vor Probenbeginn meinen Kopf durch die Tür. Spontan fällt mir Miriam ins Auge – wie alle anderen trägt auch sie ein Namensschild – und sie ist mir auf Anhieb sympathisch.

Die 33-Jährige ist waschechte Berlinerin und wohnt schon fast ihr ganzes Leben in Hellersdorf. »Ich finde, das Klischee von Hellersdorf als Bezirk, wo keiner wohnen möchte, völlig überholt. Klar, die Platten sind nicht so schön, aber da, wo ich wohne, in Helle Mitte, da fühle ich mich wirklich wohl. In den Neubauten sind auch die Wände dicker«, erklärt sie mit einem Schmunzeln. Das ist vor allem dann gut, wenn man wie Miriam gern singt. Von the public domain hat sie aus der Zeitung erfahren – »die lese ich sonst nie, das war ein absoluter Zufall!« Miriam war während ihrer Abiturzeit Mitglied in einem Chor und hat ein paar tolle Auftritte mit einer befreundeten Reggae-Pop-Band erlebt. Seit sie kürzlich Mutter geworden ist, fehlt ihr das Singen. »Ich war noch nie in der Philharmonie und freue mich riesig darauf, sie kennenzulernen!«, fügt sie mit leuchtenden Augen hinzu.

Als ich frage, ob sie schon einmal in einer großen Menschenmenge war, überrascht sie mich: »Klar, bei Konzerten und im Eishockeystadion, und außerdem nehme ich regelmäßig an großen Auto-Treffen teil.« Miriam, die im Büro einer Umzugsfirma arbeitet, fährt einen Honda und fühlt sich pudelwohl bei den Auto-Enthusiasten: »Da haben ja alle das gleiche Interesse, das ist toll! Ich würde hingegen nie zu so einer großen Veranstaltung am Brandenburger Tor gehen, dort sind einfach zu viele Menschen, die alle etwas anderes wollen. Da würde ich mich nicht gut fühlen.«

Projektchor Gropiusstadt: Harald

Ich mache mit bei the public domain, weil … mich die Vorstellung fasziniert, mit 1000 anderen Sängern aufzutreten, und ich neugierig bin, was für Menschen ich dabei kennenlerne.

Die Probe des Projektchors Gropiusstadt findet in der Kirche St. Dominicus direkt am U-Bahnhof Lipschitzallee statt. Ich bin diesmal besonders früh dran und verbringe die ersten Minuten mit einer weiteren Teilnehmerin zusammen im Vorraum des Probensaals. Wir kommen schnell miteinander ins Gespräch. Es ist bereits die dritte Probe des Chors, erfahre ich. Nach und nach treffen weitere Mitwirkende ein und mir fällt auf, wie freundlich uns alle grüßen. Ohne selbst zum Chor zu gehören, fühle ich mich in dieser herzlichen Atmosphäre, in der jeder mit jedem leicht ins Gespräch zu kommen scheint, fast schon als Teil von ihm. Einer, der mich bei seiner Ankunft mit einem besonders strahlenden Lächeln begrüßt, ist Harald. »Da fühle ich mich ja wie ein VIP«, scherzt er, als ich ihn bitte, sich von mir interviewen zu lassen. Wer sonst sollten die Stars in diesem Projekt sein, wenn nicht jede einzelne der 1000 Stimmen?

Haralds ausgesprochen eloquente Art lässt es mich schon erahnen: Der 67-jährige Berliner war Lehrer: Biologie und Erkunde hat er in Schöneberg und Mitte unterrichtet. Heute genießt er seinen Ruhestand in Charlottenburg, wo er sich besonders im Kreis der Lietzensee-Gemeinde wohlfühlt, in deren Theatergruppe er lange mitgewirkt hat. Moment, Charlottenburg liegt doch aber am anderen Ende der Stadt? »Stimmt«, räumt Harald ein, »ich war spät dran mit der Anmeldung für das Projekt und außerdem passten mir die Termine hier in Gropiusstadt am besten.« Noch bevor ich dazu komme, ihm die entsprechende Frage von meinem Notizblock zu stellen, erzählt mir Harald, dass er zwar kein Instrument spielen kann, aber ein erfahrener Chorsänger ist: »Die Stimme ist schließlich das ureigene Instrument des Menschen! An der Schule in Mitte, an der ich unterrichtet habe, gibt es einen Eltern-Lehrer-Ehemaligen-Chor, mit dem ich monatlich probe. Über dessen E-Mail-Verteiler bin ich auch auf the public domain aufmerksam geworden.« In großen Menschenmengen fühlt sich Harald nur dann wirklich wohl, wenn er »ein oder zwei vertraute Gesichter« um sich weiß; im Projektchor hofft er, »ein schönes Gemeinschaftsgefühl zu spüren im Kreis von Menschen ganz verschiedener Herkunft, die alle miteinander Musik machen wollen.« Ob er schon einmal in der Philharmonie gewesen ist, frage ich. »Oh ja«, antwortet Harald, »schon öfter. Aber aufgetreten bin ich dort noch nie – darauf freue ich mich sehr!«

UNSERE STIMME | Chöre

Der ungarische Chor

20 Sänger*innen | Chorleitung: Zsófia Szalay | Probenort: Dominikanerkloster, St. Paulus Gemeinde, Berlin, Oldenburger Str. 45

Wir machen mit bei the public domain, weil … wir erleben möchten, wie es klingt, wenn die eigene Stimme mit denen der »999« anderen verschmilzt und in der Berliner Philharmonie zu einem großen Klang wird.

Der Ungarische Chor in Berlin ist noch sehr jung, er besteht erst seit Dezember 2017. »Unser Ziel es«, erklärt die Organisatorin Hedi Körmendi, »in Berlin lebende Ungarn, die gerne singen, einzuladen und als Gemeinschaft Spaß an Musik und am Singen zu haben. Denn Chorsingen macht einfach glücklich! Unser Schwerpunkt liegt auf der ungarischen Musiktradition, insbesondere auf Volksliedern von Kodály und Bartók. In Zukunft können wir uns jedoch vorstellen, auch genreübergreifende Musikstücke aus Ungarn a cappella zu singen.« Jugendliche, Berufstätige, Mütter und Väter – der Chor vereint ganz verschiedene sangesfreudige Menschen. Einige von ihnen bringen bereits Chorerfahrung mit, andere haben sogar einen musikalischen Background: »Unter uns gibt es Lehrer für Musik und Gesang, einen Jazz-Sänger, einen Band-Gitarristen und sogar einen ehemaligen Teilnehmer einer großen Musik-Castingshow! Wir wohnen in der ganzen Stadt verteilt, doch durch die Leidenschaft für das gemeinsame Singen schaffen wir es jedes Mal, rechtzeitig zur Chorprobe zu kommen.« Seit seinem kurzen Bestehen hatte der Chor zwar noch keinen Auftritt in der Philharmonie, aber in der Ungarischen Botschaft, bei dem Musik des Komponisten Zoltán Kodály im Zentrum stand.

Der Berliner Elternchor

38 Sänger*innen (offen für weitere Interessierte!) | Chorleitung: Prof. Gunter Berger | Probenort: Haus des Rundfunks

Wir machen mit bei the public domain, weil … wir ein sehr neugieriger Chor sind und Lust auf neue Erfahrungen haben.

Kinderchöre gibt es viele, aber ein Elternchor, das ist schon etwas Besonderes! »Die Mitglieder des Elternchores sind der Ansteckungskraft des Singens erlegen«, erläutern Carolina Bordfeld und Prof. Gunter Berger, die für die Organisation und Leitung des Ensembles zuständig sind. »Eigentlich waren es die Kinder, die der Rundfunkchor Berlin im Rahmen seines Education-Programms SING! in verschiedenen Schulen der Stadt besucht und für das Singen begeistert hat. Dabei steckten sich allerdings die Eltern an. So infiziert, sangen sie zunächst nur heimlich zu Hause, zum Beispiel dann, wenn die Kinder in der Schule waren. Erst als sie bei Gunter Berger lernten, auch mutig aus voller Brust zu singen, rhythmisch und mehrstimmig miteinander, entstand der Berliner Elternchor.« Bei der Liederbörse 2011, dem Mitsingkonzert des Rundfunkchores Berlin für Schülerinnen und Schüler im Kammermusiksaal der Philharmonie, überraschten die singenden Eltern ihre Kinder erstmals mit einem eigenen Auftritt. »Seither greift die Infektion weiter um sich. In den monatlichen Proben, auf Chorreisen und bei weiteren Auftritten wächst die Singbegeisterung stetig!«

UNSERE WAHL | Das Projekt

Andrea Tober, Leiterin der Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker

Ich mache mit bei the public domain, weil ... es unser Selbstverständnis und die Aufgabe des Education-Programms ist, jedem die Möglichkeit zu geben, unsere Musik zu erleben und besonders denen näherzubringen, die sie normalerweise nicht hören würden.

Seit 2012 leitet die gebürtige Herforderin Andrea Tober die Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker. Ihre umfassenden Erfahrungen fußen auf einem Lehramts- sowie Instrumentalpädagogikstudium, ihrer eigenen Musizierpraxis und der Arbeit für verschiedene Kultureinrichtungen. Neben ihrer Tätigkeit an der Philharmonie unterrichtet sie Musikvermittlung an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler«.

Auch für Andrea Tober ist ein Projekt mit 1000 Sängerinnen und Sängern nicht alltäglich. Im Fachjargon der Musikvermittler spricht man hier von einem »Community«-Projekt. »Es gibt ein engeres und ein weiteres Verständnis davon«, erklärt sie. »Wir verstehen es im weiteren Sinne. Für uns steht hinter dem Begriff ›Community‹ das Ziel: Begegnungen ermöglichen, Gemeinsames entdecken, Gemeinschaft stiften über, mit und durch Musik. Es ist eine offene, weitestgehend barrierefreie Einladung zur Teilnahme ohne möglicherweise ausschließende musikalische Anforderungen. Wir wenden uns in der Kommunikation an gemeinschaftlich organisierte Strukturen (Vereine, Chöre, Bürgerzentren, Initiativen u. a.) und an Kiez-Netzwerke, um im Falle von the public domain zu uns – in die Philharmonie und zur ›Aneignung‹ dieses Orts – einzuladen.«

Die Projektkoordinatoren der Education-Abteilung hatten in den vergangenen Wochen alle Hände voll zu tun, denn die insgesamt acht eigens gegründeten Projektchöre, die 13 bestehende Chöre sowie sechs Vereine probten über das gesamte Berliner Stadtgebiet verteilt; zuerst jede Gruppe für sich, dann alle zusammen in der Philharmonie im Herzen der City. Hier wird schon vom räumlichen Gesichtspunkt her deutlich: Musikmachen verbindet – ein Effekt, den auch die Berliner Philharmoniker quasi en miniature vorführen, wie Andrea Tober erläutert: »Durch die Lupe betrachtet, erkennt man in diesem Mikrokosmos eine Ansammlung von ausgeprägten Individualisten, die in Bezug auf Alter, kultureller Prägung, sozialer Herkunft, Lebensweise, Religionszugehörigkeit oder Sprache als absolut divers bezeichnet werden kann. Viel Potential für Missverständnisse und Konflikte. Im gemeinsamen Musizieren zeigt sich die Zauberformel ›Musik verbindet‹, die man heutzutage vielleicht als Synergie bezeichnen würde: Das Orchester ist mehr als die Summe seiner Mitglieder; es strebt nach einem Zustand, den niemand allein und egoistisch erreichen kann, sondern nur in einem sich seiner selbst bewussten und respektvollen Miteinander. Dies erfordert eine Auseinandersetzung mit der Verschiedenartigkeit der Einzelnen, die Erörterung und das Ringen um das bestmögliche Gemeinsame, dem sich der Einzelne mitunter auch fügen muss. Das kann größtes Glück und größte Anstrengung zugleich bedeuten, wie es eben in einer Demokratie so ist. Gerade darin liegen die Lebendigkeit, die Kreativität, die Faszination und Energie – wo Diversität keine Angst macht, sondern Inspiration ist, da verbindet Musik.« Besonders in einer Großstadt wie Berlin, in der die verschiedensten Menschen auf vergleichsweise engem Raum zusammenleben, was nicht nur zu Konflikten, sondern auch zu Anonymisierung und Isolation führen kann, wenn Einzelne keine Verbindung zu einer »Community« empfinden, trägt eine kulturelle Einrichtung wie die Philharmonie eine soziale Verantwortung, wie Andrea Tober abschließend betont: »Neben der Exklusivität, die die Konzerte der Berliner Philharmoniker aus unterschiedlichen Gründen haben, ist es Selbstverständnis und Aufgabe des Education-Programms, jedem die Möglichkeit zu geben, unsere Musik zu erleben und besonders denen näherzubringen, die sie normalerweise nicht hören würden. Ob in Schule, Gefängnis oder Kindergarten, mit Neueinsteigern, Musikliebhabern oder Experten, mit Instrumentalisten oder Sängern, in und außerhalb Berlins – wir wollen alles möglich machen, was die Menschen an die Idee von Musik heranführt und die Philharmonie zu einer ›Public Domain‹ macht.«

UNSERE MUSIK | Die Inszenierung

Bettina Auer, Dramaturgin

Ich mache mit bei the public domain, weil ... schon die Proben und Aufführungen von David Langs Crowd Out ein beglückendes Gemeinschaftserlebnis waren, und weil ich mich darauf freue, die 1000 singenden Berliner und Berlinerinnen, die mitmachen werden, kennenzulernen.

Für die Dramaturgin Bettina Auer ist the public domain ein Werk, das in sich in eindringlicher Weise mit unserer Gegenwart befasst: »In einer Zeit, in der mit der Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden wieder erfolgreich Wähler gewonnen werden, in der Staatengemeinschaften wieder in einzelne Nationen zerfallen, welche die eigenen Interessen meinen vehement verteidigen zu müssen, in der die Tendenz zur Aufspaltung herrscht, in solch einer Zeit ist es umso wichtiger, sich vor Augen zu führen, was allen Menschen gemeinsam ist«, erklärt sie. »Denn was uns Menschen verbindet – wie z. B. ›unsere Welt, unsere Leidenschaft, unsere Liebe zur Musik‹ oder auch ›unser Schmerz‹ –, ist bei aller Individualität und Unterschiedlichkeit mehr, als was uns voneinander trennt.« Genau darum geht es in David Langs Komposition.

Was geschieht dabei auf der Bühne? »Das Publikum ebenso wie die Sänger und Sängerinnen können während der Aufführung hören, spüren und hautnah erleben, was wir alle miteinander teilen, was wir alle haben und alle brauchen – auch voneinander«, so Bettina Auer. »Das Projekt selbst lebt diesen Gedanken, indem es unterschiedlichste Menschen zu einem musiktheatralen Kollektiverlebnis zusammenbringt. Eine wohl notwendige Utopie von Gemeinschaft in unserer Zeit.« Die Dramaturgin war bereits 2014 gemeinsam mit der Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović an dem »Vokalhelden«-Projekt Crowd Out beteiligt. »Wie in Crowd out fächern sich die 1000 Stimmen auch in the public domain in fünf große Gruppen auf, die wiederum aus mehreren Chören bestehen. Diese strukturelle Einteilung wandeln wir in eine inhaltliche, indem wir den Gruppen politische bzw. gesellschaftliche Haltungen wie beispielsweise ›liberal‹ oder ›kommunistisch‹ zuordnen. Zu Beginn der Aufführung werden sich diese verschiedenen Gruppierungen langsam aus der Anonymität einer raunenden Masse herausschälen, um für ihre Werte und Lebensvorstellungen (›Freiheit, Tradition, Sicherheit‹) zu demonstrieren.« Geht es also doch eher darum, sich individuell von der Menge abzugrenzen? »Nein«, antwortet Bettina Auer, »während sich zunächst zeigt, was Individuen zu kleineren Gruppen vereinigen kann, geht es im zweiten Teil um universale Verbindungen zwischen allen Menschen. Gemeinsam weben alle eine raumgreifende Installation: Fäden spinnen sich zwischen Unbekannten, Bilder kreuzen und Wünsche verknüpfen sich. Ein großes Netzwerk?«

Das Publikum wird the public domain nicht – wie normalerweise üblich – getrennt von den Sängern und Sängerinnen erleben, sondern mitten ins Geschehen involviert. Gleich am Eingang erhalten alle Zuschauer und Zuschauerinnen Karten mit verschiedenen Informationen, damit sie im wahrsten Sinne des Wortes mitspielen und gern auch mitsingen können.

Susanne Ziese

Biografie

Simon Halsey, 1958 in London geboren, wurde mit 22 Jahren Musikdirektor der University of Warwick. 1982 lud ihn Sir Simon Rattle ein, die Leitung des City of Birmingham Symphony Chorus zu übernehmen, die er bis heute innehat. Unter dem Dach des City of Birmingham Symphony Orchestra rief er ein beispielhaftes Jugendchor-Programm mit drei weiteren Chören ins Leben. Daneben war er von 1997 bis 2008 zunächst Gast-, dann Chefdirigent des Niederländischen Rundfunkchores sowie von 2001 bis 2015 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunkchores Berlin. Von 2004 bis 2012 oblag ihm die Leitung des Northern Sinfonia Chorus und der Chorprogramme an dessen Heimstätte, dem Konzerthaus The Sage Gateshead. Seit 2012 wirkt er als Chordirektor beim London Symphony Orchestra und London Symphony Chorus sowie als Leiter des BBC Proms Youth Chorus und Künstlerischer Leiter des Kinderchor-Programms »Vokalhelden« der Berliner Philharmoniker. Mit Beginn der Saison 2016/2017 übernahm Simon Halsey zudem als Chefdirigent die Leitung des Chores Orfeó Català und damit verbunden die Position des Artistic Adviser am Palau de la Música Catalana in Barcelona, dem Sitz des Chores. Neben seiner Tätigkeit als Dirigent und Chorerzieher ist Simon Halsey ein gefragter Pädagoge. Der dreifache Ehrendoktor hat eine Professur an der University of Birmingham, Einladungen als Gastdozent u. a. in Princeton und Yale ergänzen seine Lehrtätigkeit. Für seine herausragenden Verdienste um die Chormusik in Deutschland erhielt Simon Halsey 2011 das Bundesverdienstkreuz. 2015 nahm er aus den Händen der Queen »Her Majesty’s Medal for Music« entgegen und wurde von der Queen zudem zum »Commander of the British Empire« (CBE) ernannt. 2016 erhielt er die Geschwister-Mendelssohn-Medaille des Chorverbandes, mit dem damaligen Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner als Laudator.

Jasmina Hadžiahmetović wurde in Sarajevo geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Als Spielleiterin und Regieassistentin arbeitete sie am Staatstheater Kassel, an der Oper Stuttgart, der Komischen Oper Berlin sowie bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen. An der Universität Zürich absolvierte sie das Masterprogramm Executive Master in Arts Administration. Sie lehrt als Dozentin für szenischen Unterricht im Musiktheater an der Fakultät Darstellende Kunst der UdK Berlin. Jasmina Hadžiahmetović war als Opern- und Schauspielregisseurin am Stadttheater Konstanz, am Opernhaus Halle, am Theater Trier, am Meininger Theater, an der Komischen Oper Berlin, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und am Opernhaus Zürich tätig. Hier inszenierte sie u. a. Alban Bergs Lulu, Schuberts »Winterreise« von Hans Zender, Leos Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček, Wolfgang Amadeus Mozarts Idomeneo sowie Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht undJean-Paul Sartres Die schmutzigen Hände. Im Rahmen der Broadening the Scope of Choral Music, einer Initiative des Rundfunkchors Berlin, hat Jasmina Hadžiahmetović an der Komischen Oper Berlin die Chor-Oper Angst von Christian Jost und zuletzt Fürchtet Euch nicht im Berliner Dom inszeniert, einen Abend über das politisch aktuelle Thema der Flucht und des Umgangs mit dem Fremden. Die Konzeption und Inszenierung von Erwartung_Nada, einer musikalisch-theatralischen Erinnerung an den Bosnien-Krieg im Berliner Radialsystem V, war für sie eine weitere wichtige Regiearbeit. Für das Education-Programm der Berliner Philharmoniker führte sie im April 2013 bei Benjamin Brittens Noye’s Fludde und sowie im Juni 2014 in David Langs Crowd Out Regie.