Pamela und Wolf Biermann (Foto: Thomas Grabka)

Kammermusik

ZentralQuartett

Wolf Biermann Vocals

Pamela Biermann Vocals

Auf Einladung der Stiftung Berliner Philharmoniker

Demokratie feiern – Demokratisch wählen!

Wolf Biermann Vocals, Pamela Biermann Vocals

Termine und Karten

Mo, 18. Sep 2017, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal

Aboserie Sonderkonzert Kammermusik

Programm

Kaum eine deutsche Künstlerbiografie ist so geprägt von der deutsch-deutschen Teilung wie die von Wolf Biermann. 1936 in Hamburg in eine Familie hineingeboren die sich in der KPD engagierte, ging er als 16-Jähriger in die DDR, in dem Glauben, dass dort eine bessere Gesellschaft aufgebaut werde. Er begegnete dem Komponisten Hanns Eisler, assistierte bei Helene Weigl am Berliner Ensemble und fand dadurch zu seiner Berufung, dem Liedermachen. Obgleich überzeugter Kommunist setzte er sich in seinen Liedern kritisch mit dem diktatorischen Regime seines Landes auseinander – rotzig, querköpfig, widerständig.

Während ihn die Herrschenden im Osten mit einem Auftrittsverbot mundtot machen wollten, avancierte er im Westen zum musikalischen Idol der linken Szene. Sein Song »Ermutigung« wurde zur heimlichen Nationalhymne der DDR, seine Lieder »Soldat, Soldat«, »Die Stasi-Ballade«, »Die hab ich satt« und »Ballade vom preußischen Ikarus« zählen mittlerweile zu den Klassikern der Liedermacher-Zunft. 1976, während er sich zu einem Konzert in Köln aufhielt, wurde er von dem SED-Regime ausgebürgert. Die Proteste, die sich daraufhin erhoben, gelten in der Rückschau als der Anfang vom Ende der DDR.

Wolf Biermann, der 2016 seinen 80. Geburtstag feierte, will die Menschen, vor allem die junge Generation, wachrütteln, nicht sorglos mit den demokratischen Grundwerten umzugehen. Unter dem Motto Demokratie feiern – Demokratisch wählen touren der Liedermacher, seine Frau Pamela und das ZentralQuartett im August und im September durch Deutschland, um vor der Bundestagswahl für eine hohe Wahlbeteiligung zu werben und den Sinn für ein weltoffenes, vereintes und freies Europa zu stärken.

Über die Musik

»Wählerisch bin auch ich«

»Demokratie ist eine schreckliche, eine miserable Staatsform, aber von allen, die es in der Welt gibt, die allerbeste.« So lautet, in leicht verknappter Form, das vielleicht berühmteste Wort des Winston Churchill über die Demokratie, wie es überliefert ist aus einer Rede vor dem House of Commons am 11. November 1947. Ich wurde geboren in der Nazizeit, allerdings ausgebrütet in einem kommunistischen Nest der Stadt Hamburg. Und so lernte ich von meiner Mutter, dass Demokratie ein raffiniertes Nebelwort der kapitalistischen Ausbeuter sei. Wenn nämlich das griechische Wort Demokratie wortwörtlich ins Deutsche übersetzt »Volksherrschaft« heißt, na dann bedeutete das für Kommunisten: Die Herrschaft des Volkes über seine Unterdrücker und über die kapitalistischen Ausbeuter. Echte Demokratie, so lehrte mich meine Mutter, sei erst nach der Revolution möglich, denn sie sei, im Sinne des Marxismus, die »Diktatur des Proletariats«.

Als der junge Marx 1843 Chefredakteur der Rheinischen Zeitung war, hing an seiner Bürotür ein nur halb scherzhaft gemeinter Spruch von ihm selbst: »Ab hier ist Schluss mit der Demokratie!« Marx war gewiss ein großer Denker. Groß auch in seinen Illusionen über ein kommunistisches Paradies. Aber er hatte Humor. Er frotzelte: »Je ne suis pas Marxiste« – Karl Marx war gewiss kein Marxist. Wir allerdings, die nachgeborenen Marxisten, darunter besonders die stalinistischen Murxisten, wir alle hatten einen zwiespältigen Hochmut gegen die Demokratie. Wir verachteten sie als eine Propagandalüge der Bourgeoisie, ein plumper Trick zur Verschleierung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Ein halbherziger Aufbruch in die Demokratie

Doch nachdem der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow 1956 seine Geheimrede in Moskau über die Verbrechen der Stalin-Ära hielt, begann im ganzen Ostblock die sogenannte Liberalisierung, ein halbherziger Aufbruch in die Demokratie. Auch für mich und andere linke Rebellen wandelte sich das negative Wackelwort Demokratie plötzlich ins Positive. Es funktionierte fortan als Waffe, denn wir konnten mit diesem Schlagwort unsere monopol-bürokratischen Parteifunktionäre in der »Deutschen Demokratischen Republik« attackieren. Und längst hatten wir durchschaut, dass die Phrase von der »Diktatur des Proletariats« Augenauswischerei war, dass diese Doktrin nichts anderes bedeutete als eine Diktatur der Partei-Oberbonzen über das Proletariat.

Im Frühjahr 1968 eröffnete der neugewählte Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Alexander Dubček, mit seinen mutigen Genossen im Prager Parteiapparat den »Prager Frühling«. Eine Revolution von oben. Es roch nach Veränderung im bleiern erstarrten Ostblock. Auch wir, die staatlich anerkannten Staatsfeinde in der DDR, wie mein engster Freund Robert Havemann, wollten Demokratie und Kommunismus miteinander verkuppeln. Ja, wir erlagen der Illusion, dies wäre machbar! Eine welthistorische Hoffnung wurde geboren: »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«, kurz gesagt: die soziale und politische Freiheit. Was aus dieser Hoffnung wurde, erlebten wir beim Einmarsch der fünf Warschauer-Pakt-Staaten 1968. Die sowjetischen Panzerketten zermatschten den Aufstand in Prag und damit die Illusionen im ganzen Ostblock.

Damals begegnete mir das berühmte Churchill-Wort über die Demokratie erstmals in der verkürzten Form: Demokratie sei schrecklich, aber von allen Staatsformen halt die beste. Ich dachte: Was’n gewiefter Witzeerzähler: Erst lockt Churchill den Zuhörer in die Sottise, dass Demokratie schrecklich sei, damit dann die positive Pointe richtig knallt. Also nahm ich den ersten Teil des Churchill-Zitats nur als raffiniert rhetorische Floskel.

Erst viel später las ich ein Buch, das mir in der DDR leider nicht in die Finger geraten war: Die Monografie über den genialen Churchill, geschrieben vom Sebastian Haffner, der mir ein Licht aufsteckte. Nun erst begriff ich, dass der erste Teil des berühmten Zitats von Churchill gar nicht witzig gemeint war, sondern todernst. Sir Winston Churchill verachtete die Demokratie von Herzen. Er, der immerhin wie kein anderer die Demokratie tapfer gegen Hitlerdeutschland verteidigt hatte, entstammte einer alten englischen Adelsfamilie. Sein Hochmut gegen die Demokratie war also vererbt, aber es war eben ein nobler, ein britischer Hochmut gegen das Volk – und der muss in England traditionell und wunderbar paradox demokratisch sein.

Das chronische Elend der Diktatur

Churchill hatte als Feldherr 1945 seine Schuldigkeit getan, der Krieg gegen Hitlerdeutschland war gewonnen. Aber der gefeierte Sieger gegen die Diktatur wurde vom englischen Volk im Handumdrehen demokratisch gefeuert. Noch während seiner heiklen Verhandlungen mit Stalin und den Alliierten in Potsdam über die Nachkriegsordnung, wurde Churchill bei den Wahlen in London schnöde abgewählt. Was für ein dumpfer Undank! Und schlimmer: Was für ein dumpfer Fehler! Oh, sancta Simplicitas der Wähler! – Solche Blindheiten tun weh!

Dennoch verwüstet die unvollkommene Demokratie uns weniger als die vollkommene Diktatur! Die geheimen und freien Wahlen sind und bleiben der stabile Glanz des demokratischen Staates. Auch wenn alles wackelt – das Wahlrecht ist und bleibt die Ehre und die Chance der Demokratie: dass ein Volk sich friedlich korrigieren kann, dass es seine Führer frei abwählen darf, dass es sie also loswerden kann, ohne sie totschlagen zu müssen.

Sir Winston Churchill hat diese höllische Achterbahn auf dem demokratischen Jahrmarkt am eigenen Leibe schmerzlich erfahren. Er lebte nach seiner Abwahl sechs Jahre wohl im Zenit seines Weltruhms, aber doch im Abseits. Und verrückt: 1951, bei der nächsten Wahl, siegte er dann wieder und kam abermals an die Regierung. Wie engelsgeduldig muss ein Demokrat in dieser Vorhölle sein, wie stolz bescheiden in allem Ehrgeiz!

Das chronische Elend der Demokratie liegt halt darin, dass alle Politiker, die etwas Gutes nicht nur für sich und ihre Partei, sondern auch für ihren Staat oder sogar für die Menschheit befördern wollen, Mehrheiten nur gewinnen können, wenn sie immer auch vom stumpfsinnigsten Pack gewählt werden. Die Mächtigen in der Demokratie müssen und sollen auf Volkes Stimme hören – und trotzdem tapfer ihrem Wissen und Gewissen folgen. Diktatoren freilich haben solche Probleme nicht. Da regeln der Knüppel, der Maulkorb, der Stacheldraht und Panzer gegen das eigene Volk das politische Spiel der Kräfte.

Allein Churchills Fall zeigt uns die Mühsal, das eingeborene Elend der Demokratie: Volkes Stimme ist eben nicht Gottes Stimme.

Demokratie und Frieden

Der griechische Philosoph Platon (427 – 347 v. Chr.) kannte das Problem offenbar schon in seiner antiken Sklavenhalterdemokratie. Er klagte: »Wohlan, mein Freund, wie steht es mit der Diktatur? Ist es nicht so, dass sich die Demokratie selbst auflöst durch eine gewisse Unersättlichkeit in der Freiheit? Wenn Väter sich daran gewöhnen, ihre Kinder einfach gewähren und laufen zu lassen, wie sie wollen, und sich vor ihren erwachsenen Kindern geradezu fürchten, ein Wort zu reden; oder wenn Söhne schon sein wollen wie der Vater, also ihre Eltern weder scheuen noch sich etwas sagen lassen wollen, um ja recht erwachsen und selbstständig zu erscheinen! Und auch die Lehrer zittern vor ihren Schülern ...

Überhaupt sind wir schon so weit, dass sich die Jüngeren den Älteren gleichstellen, ja gegen sie auftreten in Wort und Tat, die Alten aber setzen sich unter die Jungen und suchen sich ihnen gefällig zu machen, indem sie ihre Albernheiten und Ungehörigkeiten übersehen oder gar daran teilnehmen, damit sie ja nicht den Anschein erwecken, als seien sie Spielverderber oder auf Autorität versessen. Auf diese Weise werden die Seele und die Widerstandskraft aller Jungen allmählich mürbe. Sie werden aufsässig und können es schließlich nicht mehr ertragen, wenn man ein klein wenig Unterordnung von ihnen verlangt. Am Ende verachten sie auch die Gesetze, weil sie niemand und nichts mehr als Herr über sich anerkennen wollen. Und das ist der schöne, jugendfrohe Anfang der Tyrannei!«

Geht es uns heute so, wie Platon fragt: »Dass sich die Demokratie selbst auflöst durch eine gewisse Unersättlichkeit in der Freiheit?« Die sinkende Wahlbeteiligung in unserem Europa deutet darauf hin.

In der modernen Demokratie gilt das Subsidiaritätsprinzip, staatliche Aufgaben sollen möglichst von unteren Einheiten und Ebenen ausgeführt werden. Das leuchtet mir sofort ein. Ansonsten gibt es horizontale, aber auch vertikale Gewaltenteilung im demokratischen Rechtsstaat. Es gibt repräsentative Demokratie oder das Referendum oder ein Plebiszit. Und es gibt sogar eine echte Demokratie in einem Königreich, wie in England, in Belgien, in Schweden und Dänemark. Solche Feinheiten konnte ich erst im Westen beobachten und begreifen.

Es wüteten wie Naturgewalten in der ganzen Weltgeschichte große und kleine Verdrängungskriege, auch Religionskriege und Wirtschaftskriege um Macht und Ressourcen. Demokratien haben immerhin einen fundamentalen Vorteil: Sie sind günstig für den Frieden. Sie befördern offensichtlich den fruchtbaren Wettbewerb zwischen den Völkern – und sie verhindern den fruchtlosen Krieg zwischen den Staaten. Noch niemals hat es in der Neuzeit einen Krieg gegeben zwischen zwei Demokratien – oder etwa doch? Ich kenne kein einziges Beispiel.

Immanuel Kant hat uns in seiner Altersschrift Zum ewigen Frieden darüber aufgeklärt, dass der Frieden keineswegs ein natürlicher Zustand des Menschengeschlechts sei. Nur durch vernünftige Gesetze und durch gerechte Verträge könne ein Friede gestiftet werden. Der Philosoph in Königsberg schrieb gegen die Tyrannei der Despoten seiner Zeit an. Und er reklamierte gegen deren despotische Herrschaft die Herrschaft der Gesetze. Kant setzte also gegen das willkürliche Recht der Mächtigen auf die Macht das Rechts.

Recht – Demokratie – Freiheit

Aber kein Menschenrecht und kein Völkerrecht, kein Gesetz kann ohne Machtmittel durchgesetzt und verteidigt werden. Recht ist eben eine Frucht am Baume der Kultur und ist nicht ein gönnerhaftes Göttergeschenk für die »Edlen Wilden«. Und zu dieser Kultur gehört notwendig auch Gewalt, ohne die leider eine Not nicht zu wenden ist. Die dreigliedrige Gewaltenteilung in Legislative, Rechtsprechung und Regierung war ein historischer Fortschritt auf dem Weg in die demokratischen Freiheiten. Das ist allerdings ein Weg, den die meisten Staaten in der UNO, die bei den Abstimmungen in New York die Mehrheit bilden, noch vor sich haben.

In unserer Epoche kam als vierte Säule des demokratischen Gemeinwesens die wachsende Macht der Massenmedien hinzu, die Presse und das Fernsehen. Und ein fünftes Bein: die digitale Naturgewalt des globalen Internets. Sogar im Turbo-KZ-Kapitalismus in China erobert die Twitter- und Facebook-Generation sich immer mehr Freiheiten. Lauter virtuelle Schritte auf dem Weg in die reale Freiheit.

Freiheit ist ein wohlfeiles Zauberwort. Dabei weiß ich aus der Erfahrung: Freiheiten sind nicht das Gleiche wie Freiheit. Solche »Freiheiten« im Plural – die werden wohl von Machthabern gnädig oder panisch gewährt. Aber im Singular Freiheit, also DIE Freiheit – tja, die gibt es eben nur für den einzelnen Menschen, der sie frech genug sich nimmt – und auch nur für die Völker, die den Mut haben, sich die Freiheit tapfer zu erobern.

Wir, die gebrannten Kinder der DDR, haben uns aus den finsteren Zeiten auch der zweiten Diktatur in Deutschland herausgekämpft. Vielleicht sehen wir grade darum die endlich errungene Demokratie manchmal allzu rosig naiv im verklärten, in allzu mildem Lichte. Wie finster aber auch die schönste Demokratie sein kann, wie gefährdet, das konnte ich erst in der Freiheit lernen.

Wen kann man wählen?

Was Wunder: Wählerisch bin auch ich. Aber wen kann man wählen? Eines steht fest, dass ich in der Demokratie mein kostbares Wahlrecht wahrnehmen werde. Und ich weiß genau, welche beiden Parteien ich im Herbst auf keinen Fall wählen werde: gewiss nicht die alternaive Partei der nationalistischen Weltwutbürger, denn die verachten, womöglich reinen Herzens, die Demokratie. Und schon gar nicht gibt einer wie ich seine Stimme den demokratisch parfümierten Erben der DDR-Diktatur. Da mag es Dissens geben. Aber das sollte ausgerechnet uns nicht hindern, zusammen auf der Bühne ein paar schöne Lieder zur Feier der Meinungsfreiheit zu liefern. Die kapriziösen griechischen Musen wählten übrigens seit eh und je keine der Parteien.

Die Generation, die nun seit Ende des Kalten Krieges und im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen ist, hat eigene Erfahrungen und eine andere Perspektive. Aber es sollte für uns alle einen einfachen gemeinsamen Nenner geben: Die schlechteste Demokratie ist besser als die beste Diktatur. Und unsere krisengeschüttelte Europäische Union ist trotz alledem ein Lebenselixier und ein Gewinn grade auch für uns Deutsche. Sie ist für all die verschiedenen Völker dieses Kontinents viel besser, als wenn nun wieder jedes Volk schleicht, schlendert, rennt oder marschiert in seine nationalen Großkäfige.

Biografie

Pamela Biermann wurde 1963 in Hamburg geboren. Sie ist die weibliche, starke Stimme als Kontrapunkt zu der Männermusik dieses Konzerts. Als Sängerin trat sie erstmals 2012 im Berliner Ensemble in die Öffentlichkeit. Zusammen mit Wolf Biermann folgten zahlreiche Konzerte in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Seit 2014 singen beide gemeinsam auch mit dem ZentralQuartett. Bei der CD-Veröffentlichung Ach, die erste Liebe (2013) handelt es sich um Chansons und Lieder aus mancher Welt, die Wolf Biermann ins Deutsche gebracht hat. Dazu Burkhard Egdorf im SWR-Musikmagazin Cluster: »Die Kraft von Musik, von Wort und Dichtung und die Kraft der theatralischen Gestaltung finden zusammen. Bravo! Wolf und Pamela Biermann haben das Ideal des gemeinsamen Singens, jenseits des Kunstliedes, sehr schön, ja idealtypisch eingelöst.« In Zusammenarbeit mit RBB Kulturradio spielten Pamela und Wolf Biermann mit dem ZentralQuartett die CD ... paar eckige Runden drehn! ein(2016), eine Auswahl verjazzter Biermann-Lieder. Die Tageszeitung Die Welt schrieb nach einem Konzert zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November 2014 im Berliner Ensemble: Pamela Biermann singt »mit ihrem eislerisch schneidenden Broadway-Organ, [....] dass es eine Lust ist.«

Wolf Biermann, 1936 in Hamburg geboren, musste erleben, wie sein Vater als Kommunist inhaftiert und 1943 als Jude in Auschwitz ermordet wurde. 1953 übersiedelte der spätere Liedermacher in die DDR, wo er nach dem Abitur an der Berliner Humboldt-Universität zunächst ein Studium der Wirtschaftswissenschaften absolvierte, bevor er ein zweites Studium in den Fächern Philosophie und Mathematik abschloss. 1957 bis 1959 war Biermann, der von seinem Vorbild und Mentor Hanns Eisler stark geprägt wurde, Regieassistent am Brechttheater Berliner Ensemble; erste Lieder und Gedichte entstanden ab 1960. Nach dem Mauerbau im Jahr 1961 gründete er das Hinterhoftheater b.a.t., das er bis zu dessen Verbot 1963 leitete. Im November 1965 erhielt Biermann Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR, 1976 wurde ihm nach einem Konzert in Westdeutschland die Rückkehr in die DDR verweigert. Die Ausbürgerung des kritischen Sängers löste eine große Protestbewegung in Ost und West aus und markiert für viele Menschen den Anfang vom Ende des SED-Regimes. Wolf Biermann kehrte in seine Geburtsstadt Hamburg zurück. Im November 1989 erzwangen ostdeutsche Bürgerrechtler einen Auftritt von ihm in Leipzig. 1990 gehörte Biermann zu den Besetzern der Ost-Berliner Stasi-Zentrale in der Normannenstraße, die die weitere Vernichtung der Akten des Staatssicherheitsdienstes verhinderten. 1993 bis 1995 hielt er eine Reihe von Ästhetik- Vorlesungen als Gastprofessor an der Heine-Universität Düsseldorf. Biermann wurde mit allen großen deutschen Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Gedichtbände sind unter den meistverkauften der deutschen Nachkriegsliteratur. 2016 erschien seine Autobiografie Warte nicht auf bessre Zeiten! Er gibt Konzerte in vielen Ländern der Welt und ist bekannt durch seine scharfzüngigen Essays, mit denen er sich provokant in die Tagespolitik einmischt.

Das ZentralQuartett wurde bereits 1973 unter dem Namen Synopsis ins Leben gerufen. Die Jazz-Gruppe bestand aus den beiden Mitgliedern der Jazz-Rock-Band SOK Günter Baby Sommer und Ulrich Gumpert, verstärkt durch den Posaunisten Konrad Bauer und dem Altsaxofonisten und Klarinettisten Ernst-Ludwig Petrowsky. Anlass der Gründung von Synopsis war ein Auftritt beim Warschauer Festival Jazz Jamboree anstelle der Gruppe SOK, die sich kurz zuvor aufgelöst hatte. Nach dem Erfolg in Warschau wurde das Debütalbum der Band 1974 beim West-Berliner Label FMP veröffentlicht. 1978 löste sich Synopsis auf. Sechs Jahre später kam es anlässlich einer Konzertreihe in Paris allerdings zur Wiederaufnahme des Projekts, das ab 1984 unter dem neuen Namen ZentralQuartett firmierte und bis heute aktiv ist.

Ulrich Gumpert, 1945 in Jena geboren, erhielt ersten Klavierunterricht von seinem Vater. Ab 1961 studierte er in Weimar Musik (Hauptfach: Waldhorn), bis er drei Jahre später aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde. 1967 begann er ein Klavierstudium in Berlin, das er nach einem Jahr abbrach, um in diversen Bands zu spielen. 1971 war Gumpert Mitbegründer der Jazz-Rock-Formation SOK, zwei Jahre später zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Band Synopsis, aus der 1984 das ZentralQuartett hervorging. Gumpert, der mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis ausgezeichnet wurde, spielte in verschiedenen Besetzungen sowie mit Günter Baby Sommer im Duo. In Zusammenarbeit mit Matti Geschonneck entstanden zahlreiche Filmmusiken, u. a. für die Krimiserie Tatort. 2005 rief er das Ulrich Gumpert Quartett ins Leben, das heute in der Besetzung mit Jürg Wickihalder, Jan Roder und Michael Griener existiert.

Günter Baby Sommer wurde 1943 in Dresden geboren und studierte an der Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber«. Seine musikalischen Beiträge zu den wichtigsten Jazzgruppen der DDR wie dem Ernst-Ludwig-Petrowksy-Trio, dem ZentralQuartett und der Ulrich Gumpert Workshopband ermöglichten ihm den Einstieg in die internationale Szene. So trat der Schlagzeuger nicht nur im Trio mit Wadada Leo Smith und Peter Kowald auf, sondern auch mit Musikern wie Peter Brötzmann, Fred van Hove, Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Cecil Taylor. Sommer arbeitete zudem mit Schriftstellern wie Günter Grass zusammen. Seine Diskografie umfasst über 100 Produktionen. Als Professor an der Musikhochschule in Dresden nimmt er Einfluss auf die professionelle Vermittlung des zeitgenössischen Jazz an die nachfolgenden Generationen.

Henrik Walsdorff, 1965 in Braunschweig geboren, studierte Saxofon bei Herb Geller. Seit 1994 lebt er in Berlin, wo er u. a. mit Conny und Matthias Bauer, Norris »Sirone« Jones, William Parker, John Schröder, Alexander von Schlippenbach, Ulrich Gumpert, Aki Takase, Sven-Åke Johansson und Larry Porter spielte. Er ist Mitglied der Bands Lax, Soko Steidle, des Schlippenbach-Walsdorff Quartetts, der Ulrich Gumpert Workshop Band, des Berlin Improvisers Orchestra und des Globe Unity Orchestra. Auf dem Gebiet der Popmusik arbeitete er u. a. mit den Gruppen Seeed und Wir sind Helden zusammen.

Christof Thewes, 1964 im saarländischen Quierschied geboren, ist auf der Posaune Autodidakt – mit einer Vorliebe für die Musik von Miles Davis, Albert Mangelsdorff, Ornette Coleman und Frank Zappa. Anfangs engagierte sich der Musiker im Bereich der Neuen Musik und spielte speziell Kompositionen von Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen und György Ligeti. Heute arbeitet der Jazzpreisträger als Posaunist, Komponist, Arrangeur und Instrumentallehrer vorwiegend im freien Jazz, leitet verschiedene Ensembles und Musikprojekte, konzertiert in Deutschland, Frankreich, Polen und der Schweiz, spielt auf zahlreichen deutschen und europäischen Festivals wie Straßburg, Nancy, Illingen, St. Wendel, Darmstadt und Erlangen. Von 2000 bis 2011 arbeitete er als Dozent im Aufbaustudiengang Jazz an der Musikhochschule Saarbrücken. Er komponierte für den Saarländischen Rundfunk und den rbb.

Pamela und Wolf Biermann (Foto: Thomas Grabka)