Karajan-Akademie (Foto: Tim Deussen)

Karajan-Akademie

Zum 250. Todestag von Georg Philipp Telemann

Zu Lebzeiten war Georg Philipp Telemann sehr viel berühmter als sein Kollege Johann Sebastian Bach und hochgeschätzt wegen seiner Vielseitigkeit. Jedes musikalische Genre konnte er bedienen – egal, ob Oper, Kirchen- oder Kammermusik, ob im polnischen, französischen oder italienischen Stil. Den Gedenktag nimmt die Karajan-Akademie zum Anlass, dieses Konzert dem großen Barockkomponisten aus Magdeburg zu widmen. Die Leitung hat Reinhard Goebel, der maßgeblich zur Wiederentdeckung von Telemanns Leben und Schaffen beigetragen hat.

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker

Reinhard Goebel Dirigent

Akademie II – Historisch informiert – Georg Philipp Telemann zum 250. Todestag

Georg Philipp Telemann

Concerto für zwei Klarinetten, zwei Fagotte, Streicher und Generalbass C-Dur TWV 52:C1

Georg Philipp Telemann

Concerto für zwei Flöten, Violine, Violoncello, Streicher und Generalbass D-Dur TWV 54:D1

Georg Philipp Telemann

Sinfonia für Piccoloflöte, Flöte, Oboe, Klarinette, »deux Contrebasses concertants«, Streicher und Generalbass G-Dur TWV 50:1 »Grillen-Symphonie«

Georg Philipp Telemann

Sonata für zwei Oboen, zwei Violinen, zwei Violen und Generalbass e-Moll TWV 50:4

Georg Philipp Telemann

Concerto für Violine, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Hörner, Fagotte, Pauken, Streicher und Generalbass F-Dur TWV 51:F4

Termine und Karten

Mi, 06. Dez 2017, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie KA

Veranstalter/Kartenverkauf

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker e.V.

Herbert-von-Karajan-Straße 1

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Programm

»Was er in den stylis der Music gethan«, schrieb Johann Gottfried Walther in seinem Musicalischen Lexicon von 1732, »ist überall zur Genüge bekannt. Erst war es der Polnische, dem folgete der Frantzösische, Kirchen-Cammer- und Opern-Styl, und was sich nach dem Italiänischen nennet.« Die Rede ist hier von Georg Philipp Telemann, der zu seinen Lebzeiten zu den bekanntesten deutschen Komponisten zählte: ein Meister des »vermischten Geschmacks«, zu dem er das Beste aus den damals dominierenden Stilarten – dem französischen und dem italienischen Gusto – zusammenführte, um dann oft auch noch polnisches oder mährisches Gewürz darüberzustreuen. Paradebeispiel hierfür ist die Grillensinfonie G-Dur TWV 50:1, »nach welscher, französischer, englandischer, schottischer u. polnischer Schreibart« (Telemann).

2017 jährt sich Telemanns Todestag zum 250. Mal. Grund genug für die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker dieses historisch informierte Konzert dem großen Barockkomponisten aus Magdeburg zu widmen. Telemann-Wiederentdecker Reinhard Goebel, Gründer und 33 Jahre lang Leiter der legendären Musica Antiqua Köln, hat die Grillensinfonie an diesem Abend aufs Programm gesetzt – ebenso wie das Concerto C-Dur TWV 52:C1.

Ebenfalls im Programm vertreten: Telemanns Concerto D-Dur 54:D1, das zu seinen stilistisch avanciertesten Konzertkompositionen der frühen 1730er-Jahre im Vorfeld der Musique de table gehört. Mit einer durch Synkopen und Triolen reich differenzierten Rhythmik, kontrastierenden Motiven auf engstem Raum sowie einer groß dimensionierten Formanlage nimmt das Werk stilistische Charakteristika vorweg, die schließlich ein halbes Jahrhundert später im Genre der Sinfonia concertante gebündelt wurden. Abgerundet wird der Abend mit dem Concerto F-Dur TWV 51:F4 für Violine, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Hörner, Fagotti, Pauken, Streicher und Basso Continuo und mit der Sonata e-Moll TWV 50:4, bei der es sich eigentlich um ein waschechtes Konzert im »goût français« handelt.

Über die Musik

»Da me, Telemann«

Ein Kaleidoskop des »vermischten« Stils

Wie soll man ihn sich vorstellen, diesen nimmermüden, gut gelaunten, um keinen Einfall verlegenen Magdeburger Georg Philipp Telemann? Als 20-jähriger Student bewies er den Leipzigern, was ein galant homme in der Tonkunst zu leisten im Stande war. Mit 80 Jahren war er der geistig jüngste Greis Deutschlands, der seine Nase noch immer in alle Töpfe steckte, in denen die Musik der Zukunft gekocht wurde (um ein Wort von Heinrich Heine über Franz Liszt zu paraphrasieren). In den sechs Jahrzehnten dazwischen erhob er das Jonglieren mit sämtlichen europäischen Kompositionsstilen zur hohen Kunst. Was der »galante Stil« in Deutschland sein sollte, hat zuvörderst Telemann definiert – in seinen Notendrucken von der Kleinen Cammer-Music bis zur Musique de Table. Er war es, der als erster die »polnische und hanakische Musik in ihrer wahren, barbarischen Schönheit« nach Deutschland importierte. Den französischen Stil verteidigte er auch dann noch, als alle seinen Kollegen mit wehenden Fahnen zu italienischen Vorbildern überliefen. Unumwunden gab er zu, dass ihm seine Konzerte »niehmals recht von Hertzen gegangen« seien, weshalb sie »mehrentheils nach Frankreich riechen«. Denn in vielen Concerti der italienischen Machart fand er »wenig Harmonie und noch schlechtere Melodie [...] als worzu mein Ohr durch die Frantzösischen Musiquen gewöhnet war«. Wie voreilig dieses Bekenntnis Telemanns aus seiner ersten Autobiografie von 1718 war, beweist Reinhard Goebel mit seiner Auswahl von fünf glänzenden, vor Einfällen und unkonventionellen Besetzungen nur so strotzenden Konzerten aus Telemanns späteren Lebensjahren.

Telemann und Darmstadt

Die meisten Manuskripte seiner Konzerte befinden sich heute in der Universitäts- und Landesbibliothek im südhessischen Darmstadt. Seit Telemann 1712 den Dienst als Musikdirektor in Frankfurt am Main angetreten hatte, waren die Beziehungen zum Hof des Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt eng und herzlich, zumal dort der Sachse Christoph Graupner die Hofkapelle leitete. Graupner wurde nicht müde, telemannsche Konzerte abzuschreiben, besonders nicht von 1730 an, als er »die Besorgung der Taffel-piècen und Concerts nunmehr auch zur Incumbenz« hatte, wie ein Dokument im Hessischen Staatsarchiv belegt. Dafür erhielt er eigens einen Sonderzuschuss für sein Schreibwerkzeug. Es verwundert also nicht, dass er um 1740 neue Stimmen zu Telemanns Concerto C-Dur TWV 52:C1 anfertigte. Als Tafelmusik für den Landgrafen war dieses heiter gestimmte, mit Streichern und vier Bläsern besetzte Concerto bestens geeignet. Auf das einleitende Dolce mit gedämpften Streichern folgen drei als Konzertsätze getarnte Tänze: eine Corrente, eine Sarabande und ein Rigaudon. Munter plaudernd treten zwei Chalumeaux dem Tutti gegenüber, während zwei Fagotte die Streicher in der Unteroktav verstärken. Weil Telemann neben dem Sopranchalumeau auch eine Bassvariante dieses schalmeihaften Instruments einsetzte, wird die Übertragung auf zwei heutige Klarinetten zur Herausforderung.

Zu den Darmstädter Telemann-Beständen zählt auch das D-Dur-Konzert TWV 54:D1 mit einem besonders originellen Solistenquartett: Einem Streicherduo aus Solovioline und Solocello treten zwei Traversflöten gegenüber. Selten hat sich Telemann so italienisch gebärdet wie im ersten Satz dieses Werks, einem rein venezianischen Konzert-Allegro ganz nach der Machart des prete rosso Antonio Vivaldi. Das rhythmisch straffe Synkopenthema und die »rauschenden« Sequenzen, der virtuose Einstieg der beiden Streichersolisten und die klassisch ausgeprägte Konzertform – dies alles atmet den Geist Venedigs, das Telemann nie gesehen hat. Nur die beiden Traversflöten streuen Sand ins Getriebe der Streicher und lassen keinen Gedanken an ein konventionelles Doppelkonzert aufkommen. Weil Telemann hier ausnahmsweise ganz italienisch sein wollte, ist der nachfolgende langsame Satz eine Siciliana in d-Moll. Die vier Solisten deuten die schmachtende Melodie der Streicher nacheinander auf je eigene Weise aus. Selbst das an dritter Stelle stehende Allegro erinnert an ein stürmisches Vivaldi-Finale im Dreiertakt mit sich aufbäumenden Dreiklängen und furiosen Unisono-Kaskaden. Ganz zum Schluss aber meldet sich der Franzose in Telemann zurück – in einer Gavotte, die wie ein französischer Nachsatz wirkt, übrigens mit den delikatesten Klangkombinationen für die Solisten im Mittelteil.

Hamburger »Grillen-Symphonie«

Knapp 85 Jahre zählte Telemann, als er in Hamburg einen leeren Notenbogen zur Hand nahm und ihn mit einer launigen Überschrift versah: »Grillen-Symphonie, nach welscher, französischer, engländischer, schottischer u. polnischer Schreibart«. Nachdem er die Instrumente auf die verschiedenen Notensysteme verteilt hatte, strich er alles wieder durch, drehte das Notenblatt um und begann von Neuem, nun ohne Überschrift, aber mit der gleichen originellen Instrumentierung: Zu den Tuttistreichern kommen in der Höhe Flöte, Oboe und Chalumeau, in der Tiefe zwei konzertierende Kontrabässe hinzu. Die Traversflöte kann nach Belieben durch ein Piccolo ersetzt oder in der Oberoktav verdoppelt werden. Dies erhöht noch den Eindruck des Zirpens, den der ganze erste Satz hervorruft. Offenbar sollen die Streicher mit ihren Tremolo-Reibungen die »Stridulation« der Grillen imitieren, jenes typische flirrende Geräusch, das die Grillenmännchen durch Reiben des rechten Vorderflügels über den Linken erzeugen können, weil ersterer über eine gezähnte »Schrillader« verfügt. »Schrill« muten denn auch die restlichen Orchestermotive in diesem Satz an, der ganz im italienischen Stil gehalten ist. Ob Telemann den Mittelsatz nach »französischer, engländischer oder schottischer Schreibart« entworfen hat, lässt sich schwer entscheiden. Es könnte sich um eine Ecossaise handeln, einen schottischen Tanz. Unzweifelhaft polnisch ist das Finale. Noch Jahrzehnte, nachdem er als blutjunger Kapellmeister in Sorau (heute: Záry) und Pless (heute: Pszczyna) in den Bann der polnischen Dudelsackpfeifer geraten war, hatte diese Musik für ihn nichts von ihrer »wahren barbarischen Schönheit« eingebüßt: »Man sollte kaum glauben, was dergleichen Bockpfeiffer oder Geiger für wunderbare Einfälle haben, wenn sie, so offt die Tantzenden ruhen, fantaisiren. Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben erschnappen.« So bekannte Telemann in seiner Autobiografie von 1740, die in Johann Matthesons Grundlage einer Ehren-Pforte veröffentlicht wurde.

Französische »Symphonie«

Ein Unikum unter Telemanns Orchesterwerken ist die fünfstimmige Sonata e-Moll für Streichorchester, zwei Oboen und Fagott. Christoph Graupner hatte auf seine Darmstädter Abschrift ursprünglich »Concerto« geschrieben, das Wort aber durchgestrichen und es durch »Sonata« ersetzt. Die Besetzung gab er mit »2 Hautbois, Basson, 2 Violin(i), 2 Viol(e) e Cembalo« an, äußerlich also ein kammermusikalisches Oktett. Der französische Charakter ist aber schon an den Satzbezeichnungen wie Tendrement oder Gay ablesbar. Im Telemann-Werkverzeichnis ist das Werk unter den Orchestersinfonien in der Werkgruppe 50 eingeordnet. Was es tatsächlich darstellt, erschließt sich nicht auf Anhieb. Das einleitende Gravement wirkt durch seine schwer lastenden Viertel und die langen Orgelpunkte so klagend wie der Eingangschor von Bachs Matthäus-Passion. Darauf folgt eine fünfstimmige Fuge, deren feierliches Thema sofort in Engführung vorgestellt wird. Später kommt ein zweites Thema hinzu, das aus der einfachen eine Doppelfuge macht. An dritter Position steht eine französische Air im Rhythmus eines Rigaudon, wo Geigen und Oboen munter parlieren, der vierte Satz ist das oben erwähnte Tendrement, eine Chaconne, die trotz des zarten Beginns bald jenen Pariser Aplomb entfaltet, wie ihn Jean-Baptiste Lully in den Orchester-Chaconnes seiner Tragédies lyriques so unnachahmlich zelebrierte. Im Finale hat Telemann alle Stile virtuos durcheinander gewirbelt: Es beginnt als fünfstimmige Fuge über ein polnisches Synkopenthema, verwandelt sich aber im zweiten Teil unversehens in eine Tempête, eine Sturmmusik, wie man sie aus französischen Opern kennt. Reinhard Goebel vermutet, dass Telemann diesen außergewöhnlichen Satz während seines Aufenthalts in Paris 1737/1738 komponiert hat.

Dresdner »Suitenkonzert«

Gerne wäre man dabei gewesen, als die Dresdner Hofkapelle unter ihrem Konzertmeister Johann Georg Pisendel das sogenannte Suitenkonzert F-Dur TWV 51:F4 aus der Taufe hob. Kein anderes Telemann-Konzert hält so viele angenehme Überraschungen für die Zuhörer bereit. Mit nicht zu überbietendem Understatement schrieb der Meister das Wort »Concerto« auf die Partitur und daneben ein »Da me, Telemann« (Von mir, Telemann). »Von wem sonst?« möchte man hinzufügen. Das Werk beginnt in trügerischer Einfalt wie ein klassisches Violinkonzert. Das Streichorchester ist bereits um zwei Hörner und zwei Flöten erweitert, ganz im Sinne späterer Violinkonzerte des 18. Jahrhunderts. Die Geigen beginnen im neuesten Pariser Stil mit Coups d’archet, lärmenden Doppelgriffen. Dazu trällern die Flöten flinke Triolen. Die eigentliche Überraschung liegt im harmonischen Verlauf: Auf kräftige F-Dur-Dreiklänge folgen unvermittelt D-Dur-Septakkorde als Brücke nach g-Moll. Man glaubt, in einer Sinfonie von Telemanns Patensohn Carl Philipp Emanuel Bach gelandet zu sein. Dazu passen auch die lombardischen Rhythmen und die empfindsamen Wendungen der Streicher. Die kleinen Dreher der Flöten dagegen sind purer Telemann. Der Geigensolist passt sich dem modernen Duktus des Orchesters an und folgt getreu den Pfaden eines galanten Violinkonzerts bis hin zur obligatorischen Solokadenz. Den Dresdner Zuhörern dürfte schon in diesem Kopfsatz schwindelig geworden sein ob der Fülle an Einfällen.

Im folgenden Satz wiegt der Komponist sie erst einmal in Sicherheit: Dieses Un poco grave in d-Moll scheint der langsame Mittelteil des Violinkonzerts zu sein. Das Orchester setzt im schweren Dreihalbetakt mit dem Vorspiel ein, das große Violinsolo in der Mitte wird von den Streichern mal mit dem Bogen, mal zupfend zart begleitet. Dass Telemann irgendwo zwischen die Stimmen das Wort Corsicana geschrieben hat, könnte auf einen korsischen Tanz hindeuten. Oder handelt es sich um eine politische Anspielung auf den Skandal des Jahres 1736, das Abenteuer des Kölner Barons Theodor von Neuhoff, den die Korsen zum König ihrer Insel ausriefen?

Das nun erwartete Finale des Violinkonzerts entpuppt sich dann allerdings als ein reiner Orchestertanz ohne Violinsolo, dafür mit reichem Konzertieren der Bläser. Offenbar wollte Telemann in diesem Werk nicht nur seinem Freund Pisendel an der Solovioline die Gelegenheit geben zu glänzen, sondern auch dessen Kapellkollegen im berühmten Dresdner Orchester. Dafür warf der Hamburger Musikdirektor kurzerhand den Schein des Violinkonzerts über Bord und tat das, was er am besten konnte: Tanzsätze mit konzertierenden Instrumenten schreiben. Aus dem Concerto wird also eine Suite. Nun dürfen auch die Akademisten der Berliner Philharmoniker ihre Allegrezza beweisen, ihre Lebhaftigkeit, und im anschließenden Scherzo ihren Sinn für Humor. Hier meldet sich auch die Solovioline wieder zu Wort, bevor in der Caccia die Jagdhörner den Ton angeben. Im galoppierenden Rhythmus einer Gigue rücken sie dem armen Wild auf den Leib, gefolgt von den Holzbläsern und Streichern. Ob hier die Solovioline den Hirsch in Bedrängnis darstellen soll wie im Jagdfinale von Vivaldis Herbstkonzert? Für den Schluss hat sich Telemann einen weiteren Trumpf aufgehoben: In der pompösen Polacca melden sich Pauken und Trompeten zu Wort, so als ob urplötzlich Kurfürst Friedrich August II. im Saal stünde, um seiner Hofkapelle zu lauschen. Weil der Sohn Augusts des Starken wie sein Vater zugleich polnischer König war, wurde der polnische Tanz, die Polacca oder Polonaise, zum Markenzeichen des Dresdner Orchesters. Auch im abschließenden Minuetto sorgen Pauken und Trompeten für königlichen Glanz. Die zarten Mittelteile der beiden letzten Tänze bleiben dagegen der Solovioline vorbehalten. Der eigentliche König im musikalischen Dresden war eben doch Pisendel, der fränkische Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle. Das wusste sein Freund Telemann nur zu gut.

Karl Böhmer

Biografie

Reinhard Goebel, Gründer und 33 Jahre lang Leiter des Ensembles Musica Antiqua Köln, ist heute ein begehrter Dirigent und Vermittler seines Wissens um die historische Aufführungspraxis. 1952 in Siegen geboren, studierte Reinhard Goebel Violine bei Franzjosef Maier, Eduard Melkus, Marie Leonhardt und Saschko Gawriloff. Seine musikhistorischen und philologischen Interessen vertiefte er durch ein Studium der Musikwissenschaften an der Universität Köln. Mit Musica Antiqua spezialisierte er sich auf das Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts, das er inzwischen auch mit »modernen« Orchestern wie dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig, der Sächsischen Staatskapelle und dem Royal Philharmonic Orchestra London zur Aufführung bringt. Am Nationaltheater Mannheim leitete Reinhard Goebel Neuproduktionen der Opern Amadis de Gaule und Temistocle von Johann Christian Bach. Am Dirigentenpult der Berliner Philharmoniker gab er sein Debüt Anfang Oktober 2013: Auf dem Programm standen Werke von Jean-Féry Rebel, Wolfgang Amadeus Mozart, Christian Cannabich und Johann Christian Bach. Mit Stipendiaten der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker hat er seit 2008 mehrfach Werke der Barockzeit (Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Antonio Vivaldi, Johann Adolph Hasse) einstudiert und im Kammermusiksaal präsentiert. Zuletzt gestaltete er mit ihnen Ende Februar 2016 ein Konzert mit Musik, die unter August dem Starken am Dresdner Hof erklang. Seit Herbst 2010 lehrt Reinhard Goebel als Professor für historische Aufführungspraxis an der Universität »Mozarteum« in Salzburg. Seine Einspielungen mit dem Ensemble Musica Antiqua Köln setzten Maßstäbe in der Interpretationsgeschichte der Alten Musik. Das facettenreiche Wirken des Musikers wurde vielfach prämiert: 1997 beispielsweise erhielt er den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen, 2002 verlieh ihm die Stadt Magdeburg den Telemann-Preis und 2017 wurde er mit der Bach-Medaille der Stadt Leipzig geehrt.

Karajan-Akademie (Foto: Tim Deussen)

Reinhard Goebel (Foto: Christina Bleier)