Podiumsplätze sind ab 3. April an der Kasse erhältlich.

Wollny Trio (Foto: Jörg Steinmetz)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

Happy Birthday, Michael Wollny

Nicht jeder bekommt zum Geburtstag ein Konzert. Doch wenn das Geburtstagskind Michael Wollny heißt und gleichzeitig einer der wichtigsten Jazzpianisten unserer Zeit ist, dann ist ein Konzert in der Berliner Philharmonie nur angemessen. Seinen 40. Geburtstag begeht der Musiker mit dem Schlagzeuger Eric Schaefer und dem Bassisten Christian Weber, den aktuellen Mitgliedern des Michael Wollny Trio, sowie dem Norwegian Wind Ensemble unter der Leitung von Geir Lysne.

Michael Wollny Trio:

Michael Wollny Klavier

Christian Weber Kontrabass

Eric Schaefer Schlagzeug

Norwegian Wind Ensemble

Geir Lysne Leitung

Gäste:

Heinz Sauer Saxofon

Émile Parisien Saxofon

Vincent Peirani Akkordeon

»Michael Wollny 40« – Das Geburtstagskonzert

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Podiumsplätze sind ab 3. April an der Kasse erhältlich.

Di, 29. Mai 2018, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie P

Programm

Er ist nicht nur Deutschlands international erfolgreichster junger Jazzmusiker, er war auch schon beim Start von Jazz at Berlin Philharmonic mit von der Partie und hat in der Reihe so oft gespielt wie kein anderer. Da ist es nur recht und billig, wenn Michael Wollny auch seinen 40. Geburtstag mit einem Konzert im Großen Saal der Philharmonie begehen darf. Die Basiseinheit dieses musikalischen Festes bildet das aktuelle Michael Wollny Trio, besetzt mit dem langjährigen Weggefährten Eric Schaefer am Schlagzeug – »eines der heimlichen Zentralgestirne des deutschen Jazz«, wie ihn Die Zeit nennt – und dem jungen Bassisten Christian Weber. Jene Formation also, die mit dem Album Nachtfahrten erfolgreich an den Vorgänger und Wollnys endgültigen Durchbruch Weltentraum anknüpfen konnte.

Für den orchestralen Glanz, der diesem Ereignis zukommt, sorgt das Norwegian Wind Ensemble unter Leitung von Geir Lysne, mit dem das Michael Wollny Trio bereits eine improvisatorische Reise zum Mond unter dem Programmtitel Moon unternommen hat. Mit Lysne hat Wollny außerdem bereits beim Jazz at Berlin Philharmonic-Abend Monteverdi meets Morricone und – zusammen mit Det Norske Blåseensemble und Schaefer – bei der Vertonung des Stummfilmklassikers Nosferatu zusammengearbeitet. Wie es sich für eine Geburtstagsfeier gehört, werden außerdem einige Überraschungsgäste erwartet, die Wollny »in the spirit of Jazz« gratulieren – indem sie mit ihm musizieren.

Über die Musik

Happy Birthday, Michael Wollny

Der Erfolgreichste einer neuen deutschen Jazz-Generation wird 40

Es war keine Gefälligkeit, dass der deutsche Pianist Michael Wollny an der Seite des polnischen Pianisten Leszek Możdżer und des finnischen Pianisten Iiro Rantala bei jenem Benefizkonzert am 11. Dezember 2012 im Berliner Kammermusiksaal auftrat, mit dem der Chef des ACT-Labels Siggi Loch den von ihm ersteigerten »Brendel-Flügel« seiner neuen Jazz-Bestimmung übergab – ein Konzert, das die fortan von Loch kuratierte Reihe Jazz at Berlin Philharmonic begründen sollte. Denn Wollny galt unter Kennern schon bei seinem Auftauchen in der Szene Anfang des Jahrtausends als große Hoffnung des deutschen Jazz. Er hat diese Erwartungen nicht enttäuscht, wie zum Beispiel die Stammgäste von Jazz at Berlin Philharmonic bestätigen können, angesichts seiner späteren Auftritte dort, unter anderem am 31. Mai 2016 bei einer Neuauflage der ersten Piano Night, nun aber im Großen Saal der Philharmonie.

Genau dazwischen hatte sich Wollnys musikalischer »Weltentraum« vollends erfüllt: Das gleichnamige Album hatte ihm 2014 den Durchbruch beim breiten Publikum beschert. Nachdem das Heute Journal und die Tagesthemen Beiträge gesendet hatten, schoss die CD an Popstars wie Beyoncé vorbei auf Platz zwei der Amazon-Charts, wurde in England »Album des Jahres« und bekam im Jahr darauf drei Jazz-Echos – ein Rekord genau wie die acht Jazz-Echos, die Wollny insgesamt bislang erhalten hat. Dabei war das Album mit Bearbeitungen von Avantgardisten wie Paul Hindemith, Wolfgang Rihm, Edgard Varèse oder Alban Berg nicht zum Hit prädestiniert, erst die auf verblüffende Weise ebenso komplexe wie eingängige Interpretation Wollnys machte die Stücke dazu. Seither füllt der Name Michael Wollny die großen Häuser. Und auch die Anerkennung der Institutionen folgte: Noch im Jahr 2014 berief ihn die Hochschule für Musik und Theater in Leipzig zum Professor. Und nicht nur die großen Jazzfestivals reißen sich um ihn, gerne auch als Artist in Residence wie in diesem Jahr das Elbjazz Festival, sondern auch die klassischen: Das Rheingau Musik Festival bedachte ihn ebenso mit einem Kompositionsauftrag wie die Alte Oper Frankfurt zwei Jahre hintereinander für ihr alljährliches Musikfest.

Doch der Weg dahin war schwerer und anstrengender als es in der Rückschau scheint. Nicht dass Wollny bis zu Weltentraum nicht erfolgreich gewesen wäre: Schon das erste Album mit dem Trio [em] war 2006 ein Paukenschlag: »Call it [em] klingt wie eine Inhaltsangabe dessen, was wache, junge Jazzmusik ausmachen soll. Frisch, voller umherfliegender Einflüsse, nicht populistisch. »Etwas Eigenes«, jubelte die Zeitschrift Jazzthing, der britische Observer war überzeugt: »This is the future sound of Jazz.« Und die Hymnen sollten bei den vier folgenden Alben noch anschwellen. So hatte Wollny bis 2013 bereits alle wichtigen deutschen und viele bedeutende internationale Jazzpreise gewonnen – angefangen vom Kulturpreis seiner Heimatstadt Schweinfurt 2003, über den Bayerischen Kunstförderpreis 2005, den Choc de l’année 2006 des französischen Jazzmagazins Jazzman und den SWR-Jazzpreis 2008 bis zu mehreren Preisen der Deutschen Schallplattenkritik, dem Bayerischen Staatspreis, dem Neuen Deutschen Jazzpreis und den ersten Jazz-Echos. Zudem hat er gleichberechtigt mit Stars wie Brad Mehldau, Joachim Kühn und Nils Landgren arbeiten dürfen. Doch ein über den Jazz-Zirkel hinaus populärer »Bestseller« war er noch nicht.

Bis es also endlich auch die breite Öffentlichkeit erreichte, dass es in Deutschland einen genialen Pianisten gibt, der alle Stilgrenzen in einer eigenen Stilistik aufhebt, einen, der für jedes musikalische Theorem eine eigene, stets überraschende Lösung findet, musste einiges zusammenkommen: von der »Entdeckung« durch den Pianisten und Hochschullehrer Chris Beier, der Wollny schon mit 16 gegen alle Aufnahmeregeln an der Würzburger Hochschule für Musik unter seine Fittiche nahm, über das nachhaltige Lob der Jazzkritik und die Unterstützung durch Siggi Loch und sein ACT-Label bis zur an die psychischen wie physischen Grenzen gehenden Hingabe des Künstlers selbst. Wenige bearbeiten den Flügel so körperlich wie Wollny, geistig wie physisch ist er immer in Bewegung, oft geht es dem Instrument ans Innerste. Stets reflektiert Wollny sein Spiel selbstkritisch, wie man unlängst auch einem geistreichen Artikel über die Kunst des Improvisierens in der Süddeutschen Zeitung entnehmen konnte. Seine Inspiration kann von Schubert oder Mahler kommen, von Björk oder Kraftwerk, von japanischen Gangsterfilmen oder Horrorstories. Und wie ein Gedankenleser kann er dem Spiel seiner Begleiter folgen, es aufnehmen, mitgestalten und weiterreichen. Der Ausdruckskraft, die sich aus dieser Energie, gepaart mit unerschöpflichem Einfallsreichtum und überragender Technik, ergibt, kann man sich nicht entziehen.

Wenn dieses »Jahrhunderttalent«, wie ihn die Süddeutsche Zeitung schon vor Jahren nannte, nun seinen 40. Geburtstag feiert, dann ist das Grund genug, ihm auch bei Jazz at Berlin Philharmonic den roten Teppich auszurollen. Er selbst hat jedenfalls »den Eindruck, dass gerade ein anderer Lebensabschnitt beginnt«. So darf er unter dem Motto »Happy Birthday, Michael Wollny« vier Tage nach seinem Ehrentag im Großen Saal der Philharmonie Rückschau halten auf die Stationen seiner Karriere und zugleich einen Ausblick wagen auf das, was sich daraus ergeben kann. Mit fremden und eigenen Kompositionen, die prägend für ihn waren. Und vor allem mit den wichtigsten Weggefährten.

Treffen der Generationen als Initialzündung: das Duo mit Heinz Sauer

Michael Wollny wird sein Geburtstagskonzert in der Berliner Philharmonie solo beginnen, mit einem Stück von Chris Beier, dem wichtigsten Lehrer seiner Jugend. Beier ist seit Jahren durch fokale Dystonie gehandicapt, eine Störung der Signalübermittlung der Nerven, weshalb er nicht selbst hier mitspielen oder auftreten kann. Gleich nach dieser Hommage aber kommt ein anderer Älterer auf die Bühne, der Wollny geprägt hat: der 85-jährige Saxofonist Heinz Sauer. Es war 1999, als der Pianist Bob Degen, Sauers Leib- und Magen-Partner im Duo, in der Band Voices wie auch beim hr-Jazzensemble, zurück nach Amerika ging. Die vakante Stelle im HR-Jazzensemble wurde schließlich mit einem gewissen Michael Wollny besetzt, der damals noch Student an der Musikhochschule Würzburg war. Aus dem gemeinsamen Engagement ergab sich eher zufällig ein erster Duo-Auftritt im Literaturhaus Darmstadt, und Sauer, der sein ganzes Leben lang höchst wählerisch in der Auswahl seiner Begleiter war, wusste, dass er einen neuen Partner gefunden hatte.

Wollny und Sauer belebten etwas wieder, was dem aktuellen Jazz zu dieser Zeit abhanden zu kommen drohte: die kühne, mitunter tollkühne Lust am Improvisieren ohne Netz und doppelten Boden. »Die Kontrolle aus der Hand geben und sehen, was passiert«, beschrieb Wollny einmal das Credo des gemeinsamen Spiels, und Sauer ergänzte: »Wir spielen eigentlich keine Stücke, sondern was sich aus dem Austausch mit sich, dem Raum und dem Publikum im Moment ergibt.« Bis heute reichen den beiden wenige Noten, ein kleines Motiv, um einen faszinierenden Prozess in Gang zu setzen, den man am besten als musikalisches Gespräch beschreiben kann. In der Berliner Philharmonie wird man das erst bei George Gershwins Standard »Summertime«, dann bei »Nothing Compares 2 U« von Prince erleben dürfen – eine typische Auswahl der beiden, die stets die gesamte Musikgeschichte für sich nutzbar machen konnten.

Große Erfolge durften sie damit feiern: Als im Frühjahr 2005 mit Melancholia das erste gemeinsame Album erschien, zählte es die Welt »zum Besten, was deutscher Jazz zu bieten hat«. Auch außerhalb Deutschlands schlugen die Wellen hoch. In Frankreich kürte das renommierte Magazin Jazzman das Album zur Jazz-CD des Jahres 2006. Der schon im nächsten Jahr vorgestellte Nachfolger Certain Beauty bekam den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Die Zeit jubelte: »Der Jazz lebt hier wieder.« If (Blue) Then (Blue) hieß das 2010 folgende Album, auf dem Sauer abwechselnd mit Michael Wollny und Joachim Kühn spielt, dem bedeutendsten deutschen Jazzpianisten der frühen mittleren Generation, über den Wollny einst seine Abschlussarbeit schrieb. Pünktlich zu Sauers 80. Geburtstag erschien Ende 2012 der Live-Mitschnitt Dont Explain.

Sauer brachte diese Zusammenarbeit die Anerkennung, die er schon viel früher verdient gehabt hätte. Denn lange – und wohl vielleicht auch ganz gerne – stand er im Schatten seines Freundes Albert Mangelsdorff, in dessen Quintett er von 1961 bis 1978 spielte und für den er eine Art Alter Ego wurde. Mangelsdorff war nicht nur der prägende Posaunist seiner Zeit, er war auch ein eloquenter Fürsprecher für den Jazz im Allgemeinen. Der hessische Autodidakt Sauer hingegen, der erst mit 20 sein Instrument fand (und sich darauf nach eigener Aussage bis heute auf der Klangsuche befindet), war auch im Leben so knorrig und eigenwillig wie sein Saxofonspiel. Natürlich spielte Sauer mit ganz Großen: Archie Shepp, Dave Holland, Benny Wallace oder Tomasz Stańko zum Beispiel. Doch wichtiger war immer die Nibelungentreue, mit der er an den wenigen hing, die er als ideale Partner erkoren hatte: Neben Mangelsdorff das Jazzensemble des Hessischen Rundfunks, für das er seit 1960 bis heute spielt und komponiert. Ihretwegen ist er stets in Frankfurt geblieben und hat auf die Karriere verzichtet, wie sie der Kritiker Konrad Heidkamp schon vor vielen Jahren einmal vorgezeichnet hatte: »Lebte Heinz Sauer in New York, stünde er im Jazz-Olymp der Saxofonisten.«

Die Basis: Das Trio mit Eric Schaefer und Christian Weber

Im besagten Duo mit Heinz Sauer wie auch in der Königsklasse des Solopianos hat Michael Wollnys seine Ausnahmestellung längst bewiesen. Doch seine bevorzugte Besetzung, weil sie die perfekte Balance zwischen individuellem Beitrag und gruppendynamischem Musizieren ermöglicht, ist seit jeher das klassische Klaviertrio. Nach einem ersten Trio in Franken gründete er 2002 in Berlin mit der Bassistin Eva Kruse und dem Schlagzeuger Eric Schaefer das Trio [em], das fortan mit seiner revolutionären Neudefinition dieser traditionellen Formation die deutsche Jazzlandschaft aufrollen sollte. Mit Call it [em], der ersten Produktion in der ACT-Reihe »Young German Jazz«, beginnt 2005 die Erfolgsgeschichte dieses magischen Dreiecks. Sein Geheimnis: die einzigartige Kombination von herausragender Technik, unerschöpflicher Kreativität und traumwandlerischer Interaktion. Die Zeit ernennt die drei gar zum »aufregendsten Piano-Trio der Welt«. Mit den Nachfolgealben [em] II und [em] 3 avancieren sie zum Inbegriff des jungen deutschen Jazz. Den Ehrungen der verschiedensten Zeitschriften folgen Preise wie der Ronnie Scott’s Jazz Award oder der (allererste) BMW Welt Jazz Award. Mit [em] live at JazzBaltica, erschienen im Herbst 2010, spielt sich das eigenwillige Trio laut FAZ endgültig mit ihrer »krachend vitalen, interaktiven Musik« in die Weltspitze der Pianotrio-Besetzung. Englands Kritikerpapst Stuart Nicholson bezeichnete das Album als das »wohl beste Jazzalbum der letzten 25 Jahre«.

Nach Wasted & Wanted 2012 verabschiedet sich dann Bassistin Eva Kruse in eine Babypause und in ihre neue Heimat Schweden. Wollny und Schaefer wagen einen ungewöhnlichen Schritt: Sie holten keinen deutschen Bassisten als »Ersatz«, sondern den Amerikaner Tim Lefebvre, der schon bei Popstars wie David Bowie, Sting oder John Mayer gespielt und sich im Jazzbereich vor allem mit der New Yorker Fusion-Formation Rudder einen Namen gemacht hatte. »Eric und ich spürten sofort, dass er etwas mit uns machte«, erzählte Wollny. Es war die Wucht, dieses geradlinige amerikanische »Straight-ahead«-Spiel, das den beiden noch gefehlt hatte, und das nun als weitere Komponente in Wollnys bislang eher von der europäischen Klassik als vom »schwarzen« Jazz geprägten Palette dazukam. Weltentraum, das Ergebnis dieser Zusammenarbeit, war, wie schon erwähnt, der Publikumsdurchbruch.

Der Erfolg blieb Wollny und seinem Trio auch beim nächsten Album, Nachtfahrten, treu, obwohl der stets Neuland erforschende Pianist schon wieder einen ganz anderen Ansatz verfolgte: Die als Thema gewählte »schwarze Romantik« mit den Verlockungen, Gefahren und Illusionen der Nacht wurde hier durch Reduktion besonders kraftvoll in Szene gesetzt. Phänomenal wie immer ist das Zusammenspiel mit Eric Schaefer, gewissermaßen der siamesische Zwilling von Wollny. Es gibt wenige Klavier-Schlagzeug-Gespanne, die sich so blind verstehen, intuitiv wissen, was der andere machen könnte und selbst aus dem Augenblick neue Wege öffnen. Wie Wollny alle Klangmöglichkeiten des Flügels auslotet, so spielt auch der 1976 in Frankfurt geborene, dann in den deutschen Jazz-Hauptstädten Köln und Berlin ausgebildete Schaefer sein um allerlei Perkussionsinstrumente erweitertes Drumkit so filigran, wandlungsfähig und farbenreich wie kaum ein anderer. Stilgrenzen gibt es für beide nicht, stets wagen sie den Brückenschlag zwischen europäischer Tradition, amerikanischer Improvisationsästhetik, Minimal Music, Rock-Elementen oder auch asiatischer, speziell japanischer Musik – Schaefer praktiziert Zen und hat unlängst bei Kyoto Mon Amour ein hinreißendes Album mit japanischen Musikern eingespielt.

Neu bei Nachtfahrten war der Schweizer Bassist Christian Weber, und doch klang es, als hätte er schon immer mit Wollny und Schaefer gespielt. Der Züricher war bei einem Konzert für den wegen seiner vielen Verpflichtungen in den USA unabkömmlichen Tim Lefebvre eingesprungen und hatte die beiden sofort begeistert. Seither ist der 46-Jährige, der am Bruckner-Konservatorium Linz studierte, seit Jahren ein Fixpunkt der Schweizer Improvisationsszene ist und auch mit vielen amerikanischen Avantgarde-Jazzern wie Elliott Sharp, Phil Minton oder Evan Parker gespielt hat, aus dem Trio nicht mehr wegzudenken. Er bereichert es um viele neue Klangfarben und Einflüsse – wovon man sich auch an diesem Abend bei den drei von dieser Besetzung gespielten Stücken überzeugen kann, darunter Michael Wollnys »Farbenlehre« vom jüngsten, erst Ende März erschienenen Projekt der drei. Ein Projekt, bei dem sich Siggi Loch und Michael Wollny kurzerhand entschlossen, gleich zwei Alben daraus zu machen: Oslo und Wartburg, benannt nach den Aufnahmeorten. Dass das Ergebnis so opulent wurde, lag nicht zuletzt an den Gästen, die man kurz entschlossen eingeladen hatte: dem Saxofonisten Émile Parisien und Det Norske Blåseensemble, hierzulande als Norwegian Wind Ensemble bekannt.

Das orchestrale Pendant: Das Norwegian Wind Ensemble unter der Leitung von Geir Lysne

Fast jeder Solo- oder Bandmusiker träumt davon, auch einmal mit einem Orchester spielen zu dürfen. Für Wollny und Schaefer war es soweit, als Geir Lysne wegen einer improvisierenden Vertonung von Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu anfragte – ein Film, der Wollny schon lange beschäftigte. Lysne hatte im Namen des Norwegian Wind Ensembles angeklopft, das er seit nunmehr fünf Jahren leitet. Dieses älteste Orchester des Landes folgte vor einigen Jahren dem Trend vieler aufgeschlossener Klassiker und öffnete sich nach der zeitgenössischen Musik auch der Improvisation. Dafür holten sich die Musiker den Toparrangeur und – mit seinem Listening Ensemble – Big-Band-Revolutionär Geir Lysne, der sie zu einem der ungewöhnlichsten Klangkörper des Kontinents formte. Mit großem Aufwand wurde das Filmprojekt ein halbes Dutzend mal aufgeführt, und das Orchester setzte um, was Wollny, Schaefer und Lysne im Sinn hatten: keine Illustration des Films, sondern eine echte, parallel ablaufende »Symphonie des Grauens«, wie der Untertitel so schön lautet.

Das Geheimnis dieses Zusammenspiels hat ein Posaunist des Ensembles plastisch erklärt: »Ich habe einmal eine Linie gespielt, die hat der Wollny mitgespielt, zeitgleich, das war, als ob er in meinem Kopf drinhockt. Ich hab’ die Linie irgendwann absichtlich tief nach unten gebogen, aber der ist einfach synchron mitgegangen – gespenstisch.« Weil mit dem Norwegian Wind Ensemble dieses Reagieren so wundervoll funktioniert, um das es Wollny immer geht, um diesen magischen Moment des gemeinsamen Musikzierens aus dem Augenblick heraus, musste das Orchester mit Geir Lysne unbedingt bei den neuen Aufnahmen mitwirken – und nun auch zum Geburtstagskonzert bei Jazz at Berlin Philharmonic antreten.

Deutsch-französische Freundschaft: Vincent Peirani und Émile Parisien

Der zweite Teil von »Happy Birthday, Michael Wollny« gehört sozusagen der deutsch-französischen Freundschaft. Denn was Michael Wollny und Eric Schaefer in Deutschland, das sind der Akkordeonist Vincent Peirani und der Sopransaxofonist Émile Parisien in Frankreich: Beide jeweils für sich Seelenverwandte wie auch unzertrennliche musikalische Partner und gleichzeitig Gallionsfiguren des neuen europäischen Jazz. Wobei der Aufstieg der beiden Franzosen ein bisschen kometenhafter vor sich ging.

Schon bei seinem Deutschland-Debüt an der Seite des Gitarristen Ulf Wakenius 2012 schrieb die Süddeutsche Zeitung von Vincent Peirani als »kommender Größe«: »Was der aus Nizza stammende Pariser Knopfakkordeon und Akkordina entlockt, hat man so noch nicht gehört. Die große französische Akkordeontradition von Galliano bis Matinier scheint durch, wird aber durch einen neuen, eigenen Ausdruck gesteigert. Feine Variationen, schwierigste Zaubereien oder perkussive Einfälle, alles scheint einer inneren Stimme zu entströmen, zu der noch eine unglaublich präzise und umfangreiche Unisono-Gesangsstimme dazukommt.« Wenig später hatte der heute 38-Jährige, der in seiner Heimat schon im Teenageralter diverse klassische Wettbewerbe gewonnen hatte, auch im Jazzbereich abgeräumt, was es an wichtigen Ehrungen gibt, von Les Victoires du Jazz bis zum Jazz Echo. Im Gleichschritt übrigens mit seinem Freund Émile Parisien, der das Spiel am Sopransaxofon ebenso revolutioniert hat, wie Peirani das am Akkordeon. Beide gingen und gehen sie auch eigene Wege: Peirani etwa als Begleiter von Größen wie Michel Portal, Daniel Humair, Renaud Garcia-Fons, Louis Sclavis oder Youn Sun Nah; Parisien bei amerikanischen Jazzstars wie Wynton Marsalis, Christian McBride oder Bobby Hutcherson, mit seinem eigenen Quintett oder bei der Zusammenarbeit mit Joachim Kühn. Unausweichlich aber finden sie immer wieder zusammen, im Duo oder in Peiranis Band Living Being.

Der immer vom eigenen Gestaltungswillen geprägte, alle Stile und Genres durchmessende Ritt durch die Musikgeschichte gehört zu ihrem musikalischen Selbstverständnis und eint sie mit Eric Schaefer und Michael Wollny. So war es fast unausweichlich, dass man zueinander fand. Erstmals trafen sich Wollny und Peirani 2012: Gemeinsam auf der Bühne der ACT-Jubilee-Night in Paris. Schon ein Jahr später wurde Wollny der Pianist in Peiranis Quartett-Projekt Thrill Box, drei Jahre später legte beide das Duo-Album Tandem vor, 2017 begleiteten Wollny, Peirani und Parisien spontan zusammen den Schweizer Vokalisten Andreas Schaerer bei seinem Projekt Out Of Land. Stets hört man, was sie so am anderen schätzen: »Vincents Spiel höre ich weniger als Akkordeon, sondern vielmehr als Orchester, das tausend Möglichkeiten birgt«, sagt Wollny. Und Peirani erwidert humorvoll: »Michael kann SMS schreiben und gleichzeitig Klavier spielen. Alles ist möglich mit ihm. Womöglich gibt es bei ihm überhaupt keine Grenzen.«

Es ist also angerichtet für ein Geburtstagskonzert, bei dem eine handverlesene Schar herausragender Musiker einen ihrer Besten feiert.

Oliver Hochkeppel

Wollny Trio (Foto: Jörg Steinmetz)