Dorothee Oberlinger (Foto: promo)

Kammermusik

»Barbarische Schönheit« mit Dorothee Oberlinger und Il Suonar Parlante

Die Blockflötistin Dorothee Oberlinger beherrscht ihr Instrument wie kaum eine andere – temperamentvoll, virtuos, klangschön. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Suonar Parlante und weiteren Spezialisten für Alte Musik präsentiert sie ein spannendes Konzertprogramm, das deutlich macht, wie sehr sich Komponisten des Barock von der »Barbarische Schönheit« westslawischer Musik inspirieren ließen und diese in den eigenen Stil integrierten.

Il Suonar Parlante

Vittorio Ghielmi Leitung

Dorothee Oberlinger Blockflöte

Alessandro Tampieri Violine

Marcel Comendant Cimbalom

Stano Palúch Violine

Shalev Ad-El Cembalo

Barbarische Schönheit

Georg Philipp Telemann

Konzert a-Moll für Blockflöte, Gambe, Streicher und Generalbass TWV 52:a1

František Jiránek

Konzert d-Moll für Violine, Streicher und Basso continuo

Johann Gottlieb Graun

Konzert a-Moll für Gambe, Streicher und Basso continuo

»Barbarische Schönheit«: Suite aus Instrumentalstücken und Tänzen mit osteuropäischem Einschlag von Georg Philipp Telemann, Antonio Vivaldi, Franz Benda u. a.

Termine und Karten

Di, 17. Apr 2018, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie R

Programm

Während seiner mehrjährigen Amtstätigkeit als Kapellmeister am Hof von Sorau in der Niederlausitz reiste Georg Philipp Telemann im Gefolge seines Dienstherrn, des Reichsgrafen Erdmann II. von Promnitz, ein Mal auch nach Krakau und lernte dort nach eigener Aussage die »polnische […] Musik in ihrer wahren barbarischen Schönheit kennen«. Der in Magdeburg geborene Pastorensohn Telemann traute seinen Ohren kaum, was polnische »Bockpfeiffer oder Geiger für wunderbare Einfälle haben, wenn sie, so oft die Tanzenden ruhen, fantasieren«. Eine Woche lang solchen Musikern aufmerksam zuzuhören – so Telemanns Resümee – müsste einen Komponisten mit musikalischen Einfällen für ein ganzes Leben versorgen. Und so blieb der Krakauer Aufenthalt für Telemann über Jahre hinweg eine Quelle der Inspiration, wenngleich er auch die in Polen aufgeschnappten Melodien und Rhythmen im damals tonangebenden Stil der italienischen Musik verarbeitete.

Diesem sogenannten »vermischten Stil«, der zu Telemanns Lebzeiten in ganz Europa für Aufsehen sorgte, hat das von dem 1968 in Mailand geborenen Gambisten Vittorio Ghielmi gegründete Ensemble Il Suonar Parlante ein spannendes Konzertprogramm gewidmet, das den Einflüssen westslawischer Musik auf Komponisten anderer Länder besonders Rechnung trägt. Zusammen mit der Blockflötistin Dorothee Oberlinger, den Geigern Alessandro Tampieri und Stano Palúch sowie dem Zymbalisten Marcel Comendant bringen Ghielmi und sein Ensemble Musik von Telemann und einiger seiner Zeitgenossen zu Gehör, darunter auch anonyme Meister des frühen 18. Jahrhunderts, deren Werke in einer 1730 erschienenen Anthologie erschienen sind.

Doch das Konzert von Il Suonar Parlante überschreitet nicht nur historische Landesgrenzen, sondern setzt sich – Telemanns Vorbild aufgreifend – auch über Stilgrenzen hinweg, insbesondere jene zwischen der sogenannten E- und U-Musik: Denn neben den vielfältigen volksmusikalischen Traditionen, die Telemann vor über 300 Jahren in ihren Bann zogen, reflektiert das Programm von Il Suonar Parlante auch noch heute lebendige, vom Jazz bis zum Gipsy-Swing reichende Formen populärer Musikausübung.

Über die Musik

»Gedancken für ein ganzes Leben«

Musik im »vermischten Geschmack« von Georg Philipp Telemann und seinen Zeitgenossen

Wer heute das Schloss in Pszczyna bei Katovice besucht, sollte es nicht versäumen, im Cafe u Telemanna vorbeizuschauen, dem Schlosscafé »bei Telemann«. Kaffee und Kuchen schmecken dort vorzüglich – wie sollte es auch anders sein, wenn man sich den Magdeburger Lebenskünstler zum Namenspatron wählt? Dafür gibt es gerade in Pszczyna gute Gründe.

Telemann in Oberschlesien

Als junger Komponist verbrachte Telemann im benachbarten Schloss unbeschwerte Monate. Frisch verheiratet und von einem ehrgeizigen Reichsgrafen gefördert, genoss er sein Dasein in vollen Zügen – in Pszczyna (Pless) ebenso wie in Záry (Sorau), dem Hauptsitz des Grafen von Promnitz in der Niederlausitz. Während vom Sorauer Schloss heute noch das barocke Original steht, wurde das Sommerschloss in Pless nach 1870 in neobarocken Formen erneuert. Viel wichtiger aber ist die ländliche Umgebung. Hier nämlich entdeckte Telemann seine lebenslange Liebe zur polnischen Musik. In den weit weniger gepflegten Vorläufern des Cafe u Telemanna geriet der junge Compositeur aus Deutschland so sehr in den Sog der polnischen Wirtshausgeiger und Dudelsackbläser, dass er beschloss, die noble Hofmusik durch ein Crossover zu bereichern: durch die Vermählung mit der polnischen Volksmusik. Diesem Thema widmen Dorothee Oberlinger, Vittorio Ghielmi und die Musiker des Ensembles Il Suonar Parlante ihr heutiges Programm.

In Telemanns erster Autobiografie von 1718 liest sich noch vergleichsweise zurückhaltend, was er zum Lobe der polnischen Musik zu schreiben weiß, »dieses bey der Music-verständigen Welt so schlecht geachteten Styli«. Der Autor gesteht, dass er »viel Gutes und veränderliches darbey gefunden / welches mir nachgehends in manchen / auch ernsthafften Sachen / Dienste gethan.« Just 1718, als Musikdirektor der Stadt Frankfurt am Main, verpflanzte er polnische Hirtenmusik in seinen Weihnachtskantaten sogar nach Bethlehem. Noch viele weitere »ernsthaffte Sachen« würzte er mit dem Flair der slawischen Welt: Concerti, Orchestersuiten, Triosonaten und Quartette. Immerhin inspirierte ihn dies – ebenfalls schon 1718 – zu einem kleinen Preisgedicht:
»Es lobt ein jeder sonst das / was ihn kann erfreun.
Nun bringt ein Polnisch Lied die gantze Welt zum springen;
So brauch ich keine Müh den Schluß heraus zu bringen:
Die Polnische Music muß nicht von Holtze seyn.«

»Barbarische Schönheit«

Sehr viel hymnischer noch liest sich, was Telemann 22 Jahre später zum Lobe der so sehr geliebten Musik aus dem Osten verfasste. Inzwischen hatte er so viele heitere und »ernsthaffte« Stücke mit polnischen Rhythmen und Melodien gewürzt, dass er das Hohelied dieser Musik ohne Bedenken singen konnte. Dabei kam er auch ausdrücklich auf Pszczyna bzw. Pless zu sprechen: »Als der Hof sich ein halbes Jahr nach Plesse, einer oberschlesischen, promnitzschen Standesherrschaft, begab, lernete ich so wohl daselbst als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbarischen Schönheit kennen. Sie bestund, in gemeinen Wirtshäusern, aus einer um den Leib geschnalleten Geige, die eine Terzie höher gestimmet war, als sonst gewöhnlich, und also ein halbes Dutzend andre überschreien konnte; aus einem polnischen Bocke; aus einer Quintposaune und aus einem Regal. An ansehnlichen Oertern aber blieb das Regal weg; die beiden erstern hingegen wurden verstärckt: wie ich denn einst 36. Böcke und 8. Geigen beisammen gefunden habe. Man sollte kaum glauben, was dergleichen Bockpfeiffer oder Geiger für wunderbare Einfälle haben, wenn sie, so offt die Tantzenden ruhen, fantaisiren. Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein ganzes Leben erschnappen. Gnug, in dieser Musik steckt überaus viel gutes; wenn behörig damit umgegangen wird. Ich habe, nach dieser Zeit, verschiedene grosse Concerte und Trii in dieser Art geschrieben, die ich in einen italiänischen Rock, mit abgewechselten Adagi und Allegri, eingekleidet.«

Vittorio Ghielmi und sein Orchester Il Suonar Parlante huldigen mit ihrem Programm der »polnischen und hanakischen Musik in ihrer wahren barbarischen Schönheit«. Dabei erlauben sie sich gegenüber Telemanns Beschreibung einige Umbesetzungen, die vom Balkan stammen: Statt der polnischen Quintposaune setzen die Musiker lieber auf die faszinierende Klangaura des Hackbretts, das der moldawische Cymbalon-Virtuose Marcel Comendant hinreißend spielt. Durch seine Improvisationen unterbricht und erweitert er auch »ernsthaffte Sachen« aus Telemanns Feder. Die Terzgeige der polnischen Musiker wird durch die »Gypsy Violin« des Stano Palúch ersetzt. Dorothee Oberlinger kommt mit einem Arsenal von Flöten hinzu, um zwischen barocken Kunst- und Volksmusik eine virtuose Brücke zu bauen. Da die Berliner Philharmonie ein »ansehnlicher Ort« ist, bleibt natürlich auch das Regal fort, jene schnarrende kleine Orgel, die man aus Claudio Monteverdis Orfeo kennt. Den Basso continuo übernimmt Shalev Ad-El am Cembalo. Bevor dieses Arsenal von Instrumenten im zweiten Teil des Konzerts in einem gigantischen Concerto polonois zum Einsatz kommt, beweisen die Solisten in drei Konzerten höfisch sublim ihr Können.

Ein Doppelkonzert aus Darmstadt

Zeitlebens hatte Telemann eine Vorliebe für Doppelkonzerte. Statt einen einzigen Solisten mit virtuosen Passagen in den Vordergrund zu rücken, was ihm zuwider war, übernahm er lieber die galante Konversation seiner Triosonaten in die Konzertform. Dabei kleidete er auch polnische Musik »in einen italiänischen Rock, mit abgewechselten Adagi und Allegri«. Im a-Moll-Konzert für Blockflöte, Gambe, Streicher und Continuo ist ihm beides vorzüglich gelungen: Die Solisten parlieren in den Soloabschnitten über dem Generalbass, von den Streichern dezent gestützt. Die Themen des Tutti atmen den rauen Ton polnischer Wirtshausmusik, bis sie von den höfischen Klängen der Flöte und Gambe gezähmt werden. In der Darmstädter Partiturabschrift, die dieses wundervolle Konzert als einzige Quelle überliefert, trägt der erste Satz keine Überschrift. Das Grave, das man oft lesen kann, ist sicher falsch. Das scharf punktierte polnische Thema verlangt nach einem zügigen Andante-Tempo, ebenso die galanten Seufzer der Solisten. Als zweiter Satz folgt eine wirbelnde Polonaise, die in wilde Tremoli mündet. Umso süßer klingt danach das Dolce in F-Dur, eine Musette, die auf sanfte Art den Dudelsack imitiert. Im Finale kann man die Eins des Taktes nicht stark genug betonen, so »barbarisch schön« kommt sein Tanzthema daher.

Ein Violinkonzert aus Dresden

Als der Dresdner Hofkapellmeister Julius Rietz im Jahre 1860 einen lange unbeachteten Schrank auf der Empore der Hofkirche öffnete, tat sich ein Schatz vor ihm auf: die Notenbestände des legendären »Schranck No: II«. In diesem imposanten barocken Möbelstück hatten Dresdner Archivare nach dem Siebenjährigen Krieg alle Orchestermaterialien abgelegt, die damals nicht mehr benötigt wurden. Es waren mehr als 1750 Werke von Telemann, Fasch, Händel, Vivaldi und vielen Dresdner Meistern. Darunter befand sich auch ein Violinkonzert in d-Moll von einem gewissen »Sig. Giraneck«, das im zehnten Fach in der 18. Lage deponiert worden war und mehr als 250 Jahre auf seine Wiederbelebung warten musste. Sein Komponist – in korrekter Schreibweise František Jiránek – wurde 1698 in Lomnice nad Popelkou geboren, in der Reichenberger Region im Nordosten Böhmens. Jiráneks Eltern dienten im Schloss von Lomnice beim Grafen Wenzel Morzin, der als Widmungsträger der Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi in die Musikgeschichte einging. Just in jener Zeit, als der Graf Vivaldi als seinen Kapellmeister in Italien beschäftigte und ihm regelmäßig Geldbeträge zukommen ließ, schickte er auch den jungen Jiránek zum Studium nach Venedig. Wieder zurück in der Heimat, diente der virtuose Geiger seinem gräflichen Gönner bis zu dessen Tod 1737 und wechselte danach in die Dresdner Kapelle des Grafen Brühl. Dort spielte Jiránek unter Johann Gottlieb Harrer, dem späteren Nachfolger Bachs als Thomaskantor. Dem allmächtigen sächsischen Premierminister diente Jiránek bis zu dessen Tod 1763, bevor er die letzten 15 Lebensjahre ebenfalls in Dresden verbrachte.

Wie sehr der Unterricht bei Vivaldi den jungen Böhmen prägte, belegt sein d-Moll-Konzert. Es ist das venezianischste seiner Concerti. Während die in Darmstadt erhaltenen Oboen- und Fagottkonzerte schon deutlich den galanten Stil Dresdens widerspiegeln, wandelt Jiránek hier noch ganz auf den Pfaden seines Lehrers. Das Streichertutti eröffnet mit den typischen Anapäst-Rhythmen eines Vivaldi-Allegro. Dem antwortet der Solist mit Triolen-Sequenzen, Doppelgriffen und Arpeggi, am Ende in Zweiunddreißigsteln. Der Grave-Mittelsatz bettet das Geigensolo in einen venezianischen Klangteppich der Streicher ein. Das rhythmisch straffe Finalthema wird vom Tremolo der Bratsche und Bässe untermalt.

Ein Gambenkonzert aus Berlin

Dass Berlin einmal eine Hochburg des Gambenspiels war, ist heute eher in Vergessenheit geraten. Der königliche Flötenspieler von Sanssouci hat das zarte Instrument mit den Bünden und dem Untergriff in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund gedrängt. Dabei wusste gerade Friedrich II., was er an seinem Gambisten Ludwig Christian Hesse hatte. Dieser hieß nicht nur Hesse, er war auch einer: 1716 in Darmstadt geboren, wurde er zum Meisterschüler seines berühmten Vaters, der am Darmstädter Hof in Telemanns a-Moll-Doppelkonzert brillierte. Dem Sohn stand der Sinn schon bald nach galanteren Tönen. Da er sich beim Studium der Rechte in Halle mit Prinz August Wilhelm von Preußen angefreundet hatte, gelang ihm 1741 der Wechsel in die königliche Hofkapelle nach Berlin. Fortan diente er König Friedrich als Continuo-Gambist in dessen täglichen Potsdamer Konzerten und dem jüngeren Bruder des Monarchen in dessen Berliner Hauskapelle. Nach dem Tod August Wilhelms 1758 ging Hesse wieder zurück in seine Heimat, wo er 1772 starb.

Der zweifellose berühmteste Gambist seiner Zeit in Deutschland regte seine Kapellkollegen zu großartigen Werken an. Nur dank Hesses Kunstfertigkeit auf seinem Instrument hat der Berliner Konzertmeister Johann Gottlieb Graun sieben hoch virtuose Gambenkonzerte geschrieben, die teilweise in des Interpreten eigener Handschrift in Darmstadt erhalten sind. Graun stammte wie sein jüngerer Bruder, der Hofkapellmeister Carl Heinrich, aus Wahrenbrück bei Bad Liebenwerda, wo man heute eine Dauerausstellung zu den beiden großen Söhnen der Gegend besuchen kann. Noch vor seinem Bruder kam er als Geiger in die kleine Hofkapelle des Kronprinzen Friedrich nach Ruppin. Später leitete er die riesige Berliner Hofkapelle des Monarchen vom ersten Geigenpult aus. Johann Gottlieb Graun war also ein Friderizianer der ersten Stunde, der den Musikgeschmack des jungen Königs wesentlich prägte. Seine Gambenkonzerte sind Musterbeispiele für das eindrucksvolle, am preußischen Hof in jener Zeit entstandene Konzertrepertoire, das gemessen an seiner Bedeutung heute immer noch viel zu selten aufgeführt wird: Im prachtvollen ersten Satz des nun erklingenden d-Moll-Konzerts sorgen die Streicher für ein markantes Vorspiel, dessen Motive immer wieder zu vernehmen sind, während der Solist in den schwierigsten Passagen glänzt. Der Mittelsatz ist der Inbegriff eines Berliner Adagios, ein seelenvoller Gesang im Cantabile, wie ihn König Friedrich II. so liebte. Das Finale lässt den »Sturm und Drang« der nächsten Generation schon erahnen.

Ein Concerto Polonois

Das Concerto polonois mit dem telemannschen Subtitel »Barbarische Schönheit« nach der Pause hat Vittorio Ghielmi aus einschlägigen Werken zusammengesetzt, eine Art Riesen-Suite aus polnisch anmutenden Einzelsätzen, die in seiner Fassung folkloristischer klingen, als sie von den Komponisten notiert wurden. Denn Ghielmis Mitstreiter gestatten sich alle Freiräume, die auch die polnischen Wirtshausgeiger in Telemanns Jugend beim »Fantaisiren« in Anspruch nahmen.

Das Concerto Polonois in G-Dur von Telemann macht den Anfang. Es ist im Dresdner »Schranck No: II« als Concerto alla Polonese überliefert, in Darmstadt als Concerto Polon. Zwischen die munteren Allegrosätze dieses Werks hat Ghielmi das Largo in g-Moll aus dem ebenfalls als Concerto Polonois bezeichneten Quartett TWV 43:B3 eingefügt, das besonders rau und ursprünglich klingt. Offenbar hat Telemann hier eine authentische Volksmelodie aufgezeichnet. Dies tat auch Johann Philipp Kirnberger im Palais der Prinzessin Amalie Unter den Linden, als er seine Masura niederschrieb, einen Volkstanz aus der namensgebenden polnischen Region. Aus Mittelmähren, wo die Hannaken wohnen, entlehnte Telemann die Melodie zu seiner Hanaquoise. Sie entstammt einer frühen Orchestersuite in D-Dur, die durchaus schon in Záry oder Pszczyna entstanden sein könnte. Der Satz Scaramouche aus einer B-Dur-Suite für Streicher hat mit Polen nichts zu tun, sondern ist einer grotesken Figur der Commedia dell’arte gewidmet.

Antonio Vivaldi ist mit zwei Sätzen im Concerto Polonois vertreten: Das Grave recitativo aus seinem frühen Violinkonzert RV 208 macht dem Beinamen »Grosso Mogul« alle Ehre. Durch seine »schrägen« Harmonien und die übermäßigen Intervalle scheint es geradewegs aus dem Indien des legendären Großmoguls Aurangzeb zu stammen. Der Kopfsatz des berühmten C-Dur-Konzerts für Flautino RV 443 ist ein schöner Beleg dafür, dass Vivaldi seinem Schüler Jiránek beim Spielen genau zuhörte: Das muntere Thema scheint einem böhmischen Volkstanz nachempfunden. In den letzten fünf Sätzen wird das Concerto polonois immer folkloristischer: von Telemanns Darstellung einer Drehleier (La Vielle) über eine weitere seiner Rostocker Polonaisen bis hin zu polnischen und ungarischen Sprüngen (Saltus PollonicusSaltus Hungaricus) aus der Sammlung der ungarischen Grafenfamilie Zai von Uhrovec. Den Schlusspunkt aber setzt ein böhmisches Scherzo aus Berlin, komponiert von Franz Benda, dem zweiten Konzertmeister Friedrichs des Großen.

Karl Böhmer

Biografie

Das Bekenntnis zur Musik als einer Form der Klangrede steckt beim Ensemble Il Suonar Parlante bereits im Namen: Von »suonare parlante« sprach Nicolò Paganini, wenn er auf seiner Violine die menschliche Rede nachahmte. Gegründet wurde die Formation 2002 als Gamben-Quartett von Vittorio Ghielmi, Rodney Prada, Fahmi Alqhai und Cristiano Contadin. Nach zwei CD-Produktionen, die unter den Namen Quartetto Italiano di Viole da Gamba eingespielt worden waren, fand das Ensemble seine endgültige Form und begann, unter seinem heutigen Namen Il Suonar Parlante bei wichtigen klassischen Musikfestivals und zusammen mit Jazzmusikern wie Uri Caine, Kenny Wheeler, Don Byron und Markus Stockhausen weltweit zu gastieren. Im Jahr 2007 gründeten Vittorio Ghielmi und Graciela Gibelli das Il Suonar Parlante Orchestra, welches regelmäßig bei zahlreichen renommierten Festivals in ganz Europa gastiert. Als Ensemble in Residence wurde es zu Festspielen wie der 46. Semana de Música Religiosa in Cuenca (Spanien, 2007), zu den Stuttgarter Festspielen 2010 sowie zum Musik-Festival von Segovia 2011 eingeladen. Seit zehn Jahren enger Zusammenarbeit und unter der Leitung von Vittorio Ghielmi haben sich die Mitglieder des Ensembles Il Suonar Parlante eine führenden Position bei der Interpretation alter Musik nach den Idealen der von Nicolò Paganini propagierten »Klangrede« geschaffen, die in bestimmten europäischen und außereuropäischen Randgebieten überlebt hat – durch künstlerische Produktionen, Seminare und Kongresse. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker ist Il Suonar Parlante nun erstmals zu erleben.

Vittorio Ghielmi, in Mailand geboren, gehört zu den wenigen Gambisten, die regelmäßig mit großen internationalen Orchestern zusammenarbeiten (Los Angeles Philharmonic Orchestra, Philharmonia Orchestra London, Orquesta Ciudad de Granada, Il Giardino Armonico, Freiburger Barockorchester u. a.). Als Kammermusiker ist er in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt aufgetreten – im Duo mit seinem Bruder Lorenzo Ghielmi (Cembalo) bzw. mit dem Lautenisten Luca Pianca sowie an der Seite weiterer führender Interpreten wie Gustav Leonhardt, Cecilia Bartoli, Giuliano Carmignola, Reinhard Goebel, Giovanni Antonini, András Schiff und Thomas Quasthoff. Seine Feldforschungen zu alten Musiktraditionen wurden 1997 mit dem Erwin Bodky Preis prämiert. Seine Zusammenarbeit mit Volksmusikern, insbesondere mit den sardischen Sängern des Cuncordu de Orosei, wurde im Film Das Herz des Tons – eine Musikreise mit Vittorio Ghielmi dokumentiert. Von 2007 bis 2011 war Vittorio Ghielmi bei den Salzburger Festspielen als Assistent von Riccardo Muti tätig. 2007 konzipierte und dirigierte er die Uraufführung des Schauspiels Sieben mystische Anblicke im Rahmen der Semana de Música Religiosa in Cuenca (Spanien), wobei der amerikanische Filmemacher Marc Reshovsky und das schwedische Rilke Vokalensemble zu seinen künstlerischen Partnern zählten. Ghielmi war Artist in Residence beim Musikfest Stuttgart 2010, beim Segovia Festival 2011 und bei Bozar Brussels 2011. Er unterrichtet als Professor an der Universität Mozarteum Salzburg und gibt Meisterkurse an diversen anderen Hochschulen und Akademien. Zudem verfasste der Musiker zahlreiche wissenschaftliche Artikel und gab viele bislang unveröffentlichte Werke heraus; sein weltweit bekanntes Lehrbuch zum Erlernen des Viola-da-Gamba-Spiels gilt als Standardwerk. Vittorio Ghielmi musiziert auf einer Gambe von Michel Colichon (Paris 1688). In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt er heute Abend sein Debüt.

Dorothee Oberlinger, in Aachen geboren, zählt heute zu den weltweit führenden Blockflötistinnen. Sie wurde in Köln in den Fächern Schulmusik, Germanistik und Blockflöte ausgebildet; anschließend setzte sie das Blockflötenstudium in Amsterdam und Mailand fort. Für ihre künstlerischen Leistungen erhielt Dorothee Oberlinger bereits in jungen Jahren zahlreiche Preise und Auszeichnungen, beispielsweise 2008 einen »Echo Klassik« als »Instrumentalistin des Jahres«. Seit ihrem Debüt in der Londoner Wigmore Hall 1997 gastiert Dorothee Oberlinger regelmäßig im Rahmen großer Festivals und Konzertreihen in ganz Europa, Amerika und Asien; als Solistin spielt sie mit dem 2002 von ihr gegründeten Ensemble 1700 sowie mit führenden internationalen Barockensembles und Orchestern wie den Sonatori de la Gioiosa Marca, der Akademie für Alte Musik Berlin, der Academy of Ancient Music, London Baroque, Zefiro und L’arte del mondo. Neben ihrer intensiven Beschäftigung mit der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts widmet sich die Blockflötenvirtuosin immer wieder auch der zeitgenössischen Musik. Seit 2004 unterrichtet Dorothee Oberlinger als Professorin an der Universität Mozarteum Salzburg, wo sie das dortige Institut für Alte Musik leitet; darüber hinaus ist sie seit 2009 Intendantin der Arolser Barockfestspiele. Ihr erfolgreiches Debüt als Dirigentin gab sie Anfang 2011 in Salzburg. Für ihre musikalischen Verdienste ist Dorothee Oberlinger 2016 zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Simmern und vom Städte-Netzwerk der Telemann-Städte zur Telemann-Botschafterin ernannt worden. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war sie im Dezember 2011 erstmals zu erleben – als Solistin des Ensembles Concerto Melante.

Dorothee Oberlinger (Foto: promo)