Rolf Kühn (Foto: Jens Herrndorff)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

Swing, Swing, Swing – A Tribute to Benny Goodman

Dieses Konzert steht ganz im Zeichen von Benny Goodman, einer der wichtigsten Bandleader der amerikanischen Swing-Ära. In die Rolle des Jazzmusikers schlüpft hier der Berliner Starklarinettist Rolf Kühn. Zusammen mit Größen der europäischen Jazzszene und der NDR Bigband unter Leitung von Jörg Achim Keller, der die Stücke arrangiert hat, präsentiert Kühn die bekannten Klassiker Goodmans in modernem, zeitgemäßem Gewand. Ein weiterer Stargast ist der Franzose Émile Parisien, der mit seinem Sopransaxofon eine eigene, neue Farbe beisteuert.

Jörg Achim Keller Leitung

NDR Big Band

Rolf Kühn Klarinette

Émile Parisien Saxofon

Christopher Dell Vibrafon

Iiro Rantala Klavier

Lars Danielsson Kontrabass

Jeff Hamilton Schlagzeug

Swing, Swing, Swing – A Tribute to Benny Goodman

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Fr, 16. Mär 2018, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie P

Programm

Für den ersten Jazz-Termin des Jahres 2018 geht es zurück zu einem Meilenstein des Jazz: Zum berühmten Carnegie Hall Concert von Benny Goodman, das vor 80 Jahren stattfand und das für die Akzeptanz des Jazz als ernstzunehmender Musikrichtung eine entscheidende Rolle spielte. Zugleich machte es Benny Goodman endgültig zum »King of Swing« und seine Mitmusiker zu Berühmtheiten, von denen viele bald selbst eigene Bands gründeten. Der historische Ablauf, von »Don’t Be That Way« bis zum finalen »Sing, Sing, Sing« wird hier von der NDR Bigband unter Leitung und mit den Arrangements von Jörg Achim Keller nachgezeichnet, aber natürlich spielen die Musiker die Stücke in zeitgemäßem Gewand und auf ihre Weise.

In die Rolle Benny Goodmans schlüpft hier der Berliner Starklarinettist Rolf Kühn. Als Rhythmusgruppe und Solisten treten einige der besten europäischen Jazzmusiker auf: Jeffrey Hamilton gibt sozusagen den Part von Gene Krupa, Iiro Rantala spielt am Klavier im Geiste von Teddy Wilson, Vibrafonist Christopher Dell darf sich mit dem Sound von Lionel Hampton auseinandersetzen und Lars Danielsson wird Harry Goodmans eher bescheidene Rolle am Kontrabass sicher deutlich erweitern. Dazu kommt noch der Franzose Émile Parisien, der mit seinem Sopransaxofon eine weitere, neue Farbe beisteuert.

Über die Musik

Swing, Swing, Swing – A Tribute to Benny Goodman

Raus aus den Kellern – das Carnegie Hall Concert 1938

Der Jazz hat kein blaues Blut. Geboren wurde er um die Zeit des Ersten Weltkriegs herum in Storyville, dem Rotlichtviertel von New Orleans. Weiter führte sein Weg über die Chicagoer Speakeasys – die Gangsterkneipen der Prohibitionszeit – in die ebenfalls alles andere als bürgerlichen New Yorker Clubs. Erst mit dem in den 1930er-Jahren einsetzenden Siegeszug des Swing erreichte der Jazz auch die weiße Mittelschicht Amerikas. Einen Meilenstein setzte dabei das berühmte Carnegie Hall Concert von Benny Goodman am 16. Januar 1938.

»Was zum Teufel sollen wir da?«, soll Benny Goodman geantwortet haben, als er 1937 die Einladung in die Carnegie Hall bekam. Der Einzug in den Tempel der Klassik erregte dann entsprechendes Aufsehen, in den Zeitungen war schon vorher von einem Meilenstein der Musikgeschichte die Rede. Unter solchem Erwartungsdruck lagen die Nerven der Musiker blank, als sie die Bühne betraten, zumal sich in den ersten Reihen Fotografen, Journalisten und Musikkritiker tummelten, die mit Jazz bislang nicht viel am Hut gehabt hatten. Der Trompeter Harry James berichtete später, er habe sich »wie eine Hure in der Kirche« gefühlt. Doch schon mit der Eröffnung durch »Don’t be that Way«, das fortan zu einem Goodman-Klassiker werden sollte, fiel die Anspannung ab. Nach einem Medley zur bisherigen Jazzgeschichte (»Twenty Years of Jazz«), einer Jam Session, bei der unter anderem Johnny Hodges (aus Duke Ellingtons Band), Count Basie und Lester Young mitwirkten, und dem normalen Programm Goodmans mit dem mitreißenden »Sing, Sing, Sing« als Schlussnummer war der Erfolg überwältigend.

Zwar war dies weder das erste Jazzkonzert noch der erste Auftritt schwarzer Künstler in der Carnegie Hall, doch das mit Abstand folgenreichste. Der Abend machte nicht nur Fachleuten klar, dass der Jazz nach seinen rohen, ungeschliffenen Anfängen nun eine zweite, von herausragenden Instrumentalisten, Arrangeuren und Bandleadern geprägte Kunstmusik neben der Klassik geworden war. Nach dem Konzert zog diese Musik erstmals in die bürgerlichen Kulturtempel ein, dank ihm wurde er bei einem breiten Publikum salonfähig. Eine Geburtsstunde des »Jazz in klassischen Konzertsälen« also, dessen Tradition sich von Norman Granz’ berühmter Reihe Jazz at the Philharmonic bis zum unserem Jazz at Berlin Philharmonic zieht. So lag es für Siggi Loch, den Kurator dieser erfolgreichen Fortführung der Idee, nahe, diesen Meilenstein der Jazzgeschichte anlässlich des kleinen Jubiläums von 80 Jahren aufzugreifen und sich vor seiner prägenden Figur zu verbeugen: Benny Goodman.

Der »King of Swing« – Benny Goodman

Auch dem 1909 in Chicago geborenen Benjamin David Goodman war es nicht in die Wiege gelegt, eine aristokratische Figur der Musikgeschichte zu werden. Er war das neunte von zwölf Kindern einer jüdischen Emigrantenfamilie und wuchs in beträchtlicher Armut auf. Seine aus dem litauischen Kaunas stammende Mutter Dora war Analphabetin und mit dem Haushalt ausgelastet. Sein in Warschau geborener Vater David schuftete in den berüchtigten Schlachthöfen von Chicago – bewunderte aber jede Art von Bildung und tat alles, um sie seinen Kindern zu ermöglichen. So ergriff er 1919 die Chance, als Benny und seine Brüder Harry und Freddy in der Synagoge Instrumente und Musikunterricht bekommen konnten. Der schon als Kind ehrgeizige und extrem fleißige Benny – er übte buchstäblich bis zu seinem Lebensende eisern einige Stunden am Tag – erwies sich sofort als außergewöhnliches Talent. So durfte er schon wenig später Stunden bei Franz Schoepp nehmen, dem seinerzeit wohl besten Klarinettenlehrer Amerikas, aus dessen Schule auch Jimmy Noone und Buster Bailey kamen.

Schon mit 14 wurde Benny Goodman ein bei der Gewerkschaft eingetragener Profimusiker und wohl noch im selben Jahr wurde er Mitglied einer Band, die als Austin High Gang in die Geschichte einging, und aus der mit dem Schlagzeuger Dave Tough, dem Saxofonisten Bud Freeman, dem Multiinstrumentalisten Frank Teschemacher und dem Kornettisten Jimmy McPartlang weitere herausragende Musiker hervorgingen. Die nächsten Jahre bis 1929 arbeitete er im Orchester des Schlagzeugers Ben Pollack, eine der besten weißen Bands, die richtigen Hot Jazz mit immer ausgefeilteren Arrangements spielte. Mit ihr kam Goodman auch nach New York, wo er sich Anfang der 1930er-Jahre in die große Zahl der Freelance-Musiker einreihte, die in ständig wechselnden Bands in den Hotels, Clubs und Dance Halls spielten und im Plattenstudio wie im Rundfunk den Großteil der kommerziellen Musik in den USA produzierten. Für Goodman eine harte, aber gute Schule mit ersten Erfahrungen als Bandleader. Eine große Karriere war aber wegen seines Rufs als »Schwieriger« und der 1932 einsetzenden Weltwirtschaftskrise nicht absehbar – bis John Hammond ihn unter seine Fittiche nahm, der vielleicht bedeutendste Impresario der Jazzgeschichte. Der Produzent verschaffte ihm einen Plattenvertrag, wichtige Auftritte – etwa für die von der National Biscuit Company gesponserte populäre Radiosendung »Let’s dance« – und damit die Möglichkeit, eine eigene Band zu gründen. In die holte Goodman erstklassige Musiker wie den Schlagzeuger Gene Krupa, den Trompeter Bunny Berigan, den Pianisten Teddy Wilson oder die Sängerin Helen Ward. Die Arrangements kamen von Fletcher Henderson, dem Arrangeur seiner Zeit, der auch den Sound der Benny-Goodman-Big-Band entscheidend prägen sollte. Charakteristisch war die Betonung »on top of the beat« statt des von den meisten anderen Bands gewohnte »back of the beat«, also rhythmisch immer etwas vorauseilend. Dazu kam die Virtuosität seiner Solisten und allen voran die seines Klarinettenspiels, das er in eine neue technische Dimension hob: Sein Ton war lupenrein, seine Phrasierungen unerhört elegant, auch noch in den schnellsten Tempi wirkte alles mühelos.

Trotzdem lief es auf der ersten großen Tour 1935 so schlecht, dass Goodman schon daran dachte, die Band wieder aufzulösen. Bis der letzte Auftritt zum Wendepunkt wurde: Ein junges College-Publikum strömte am 21. August in den Palomar-Ballroom in Los Angeles und machte das Konzert zum rauschhaften Ereignis. Die Presse überschlug sich, und fortan eilte Benny Goodman von Erfolg zu Erfolg: Der »King of Swing« war geboren, und mit ihm wurde der Swing die Popmusik ihrer Zeit. Goodman war aber nicht nur eine Leitfigur der Big-Band-Ära. Mit seinen kleinen Besetzungen, die sich immer für einige Stücke aus dem Orchester lösten (und einige legendäre Alben einspielten) wurde er ein entscheidender Impulsgeber für den modernen Jazz. Nicht zuletzt war er – von John Hammond vehement ermutigt – der erste prominente weiße Musiker, der mit der Rassentrennung brach, auch und vor allem im Carnegie Hall Concert, wo ja diverse schwarze Musiker von Lester Young und Count Basie bis zu Teddy Wilson und Lionel Hampton an seiner Seite spielten.

Mit dem Ende der Big-Band-Ära nach dem Zweiten Weltkrieg – die wirtschaftliche Situation hatte sich für große Besetzungen dramatisch verschlechtert, aber auch der Geschmack des Publikums geändert – musste auch Benny Goodman sein Orchester auflösen, zumal er mit dem neuen, angesagten Jazzstil, dem Bebop, nie richtig warm wurde. Doch Goodman reüssierte nicht nur als Interpret klassischer Werke, von 1955 an, als der Swing wieder regelmäßig Revivals feierte, konnte er bis kurz vor seinem Tod 1986 auf Tourneen und Festivals wieder die Musik präsentieren, die er groß gemacht hatte.

Erster Jazz-Botschafter Deutschlands – Rolf Kühn

In den späteren Bands von Benny Goodman spielte von 1958 bis 1962 auch ein Deutscher: Rolf Kühn, selbst ein virtuoser Klarinettist, der Benny Goodman so genau zugehört hatte, dass er ihn bei manchen Auftritten der Band sogar vertrat. Die Grundlagen dafür hatte er mit einem für damalige Zeiten außergewöhnlichen Lebenslauf gelegt. 1929 in Köln geboren, wuchs Kühn in Leipzig auf. In der Bach-Stadt lernte er von 1937 an Klavier, Kompositionslehre und Musiktheorie. Bald stieg er auf Holzblasinstrumente um und bekam Unterricht bei Hans Berninger, damals der Soloklarinettist des Gewandhausorchesters. Freilich privat und wie auch bei anderen Lehrern eher heimlich, weil ihm als Halbjude der Besuch des Konservatoriums verwehrt war. Nach dem Ende des Nationalsozialismus und des Kriegs wurde Kühn mit 17 Saxofonist und Klarinettist beim neu gegründeten Sender Leipzig des Mitteldeutschen Rundfunks. Doch schon ein Jahr später lernte er durch die vier Jahre ältere Jutta Hipp – selbst Leipzigerin und bald darauf die nach New York übersiedelte erste Starpianistin des deutschen Jazz – die Musik kennen, die sein Leben fortan bestimmen sollte: Sie spielte ihm im Haus ihrer Eltern eine Platte von Benny Goodman vor. Bald darauf saß Kühn erst in Kurt Henkels Rundfunk-Tanzorchester Leipzig, der führenden Big Band der Sowjetzone, dann als Erster Saxofonist im RIAS Tanzorchester – womit er gleichzeitig in den Westen übersiedelte. 1954 gewann Kühn den europäischen Jazz-Wettbewerb als »Bester Klarinettist« – was ihm auch in den folgenden beiden Jahren gelingen sollte.

1956 ging Kühn in die USA, wo ihm – auch das eine Parallele zu Benny Goodman – John Hammond eine Band zusammenstellte und seine erste Plattenaufnahme unter eigenem Namen ermöglichte. Kühn war der erste deutsche Jazzmusiker, der für längere Zeit in Amerika lebte und dort erfolgreich war. »Ich war anfangs jede Nacht in den Clubs unterwegs und habe viele großartige Musiker kennengelernt wie die Birdland Allstars, Chet Baker, Zoot Sims, Count Basie oder Billy Eckstine, solche Leute, oft an einem Abend. Das war schon irre«, erinnert er sich. Bald spielte er auf den wichtigen Festivals, wurde als Nachfolger von Buddy DeFranco eineinhalb Jahre Soloklarinettist bei Tommy Dorsey und stieg schließlich wie erwähnt bei Benny Goodman ein. Als man ihm 1962 die Leitung des NDR-Fernsehorchesters in Hamburg anbot, kehrte er nach Deutschland zurück. Freilich war er immer noch in der ganzen Welt unterwegs: Einmal als Mitglied der German Allstars rund um Albert Mangelsdorff. Aber auch geistig: Rolf Kühn blieb künstlerisch nie stehen, sein musikalisches Spektrum umfasste seit den 1960er-Jahren neben klassischem Jazz auch Free Jazz und Jazzrock. Mit seinem 1966 ebenfalls in den Westen geflohenen, 14 Jahre jüngeren Bruder, dem Pianisten Joachim Kühn – der ebenfalls bald internationalen Erfolg hatte und lange in Frankreich und in den USA lebte – bildete er für eine Weile eines der geschmackvollsten Revoluzzer-Duos unter den zu neuen, eigenen Ufern aufbrechenden europäischen Jazzern. Danach wandte sich Kühn immer öfter der Kompositions- und Dirigentenarbeit zu, schrieb Filmmusik und übernahm die musikalische Leitung verschiedener Theaterhäuser wie des Berliner Theater des Westens.

Auch mit bald 90 Jahren ist Rolf Kühn aktiv und kreativ. Übt möglichst täglich in dem ganz nahe seiner Wohnung gelegenen ehemaligen RIAS-Studio, wo er schon Anfang der 1950er-Jahre Einspielungen gemacht hatte. Denn, so sagt Kühn ganz im Geiste Benny Goodmans: »Die Klarinette ist eine Ehe für immer. Liebe für das Instrument, Besessenheit sind die Voraussetzung, um mit ihm auszukommen. Diese Dame Klarinette macht es einem manchmal nicht leicht. Du denkst, du hast sie im Griff, spielst am nächsten Tag und hast das Gefühl, alles fängst wieder von vorne an.« Dieser Herausforderung stellt er sich auch nach wie vor mit einer eigenen Band. Im Tri-Olässt er sich von jungen Wilden der Berliner Szene wie dem Schlagzeuger Christian Lillinger oder dem Gitarristen Ronny Graupe inspirieren und ordentlich fordern. Damit wie mit seiner Biografie ist Kühn wie kein anderer prädestiniert, im heutigen Konzert in die Rolle von Benny Goodman zu schlüpfen: Nicht als Nachahmer, sondern als Interpret mit unverwechselbarer eigener Note, der dessen wahrhaft klassisch gewordene Musik neu belebt. Was die Leitlinie für alle Beteiligten an diesem Swingabend bei Jazz at Berlin Philharmonic ist: Geht es doch nicht um eine Reproduktion des Carnegie Hall Concerts, sondern um eine aktuelle Wiedererweckung für den Augenblick im Geiste des Jazz. Mit unvorhersehbaren Momenten ganz ähnlich der Jam Session von 1938.

Europäer zwischen Tradition und Avantgarde: Émile Parisien, Lars Danielsson, Iiro Rantala und Christopher Dell

Dafür steht schon der Holzblaskollege, den sich Rolf Kühn explizit für diesen Abend an seine Seite gewünscht hat: der junge französische Tausendsassa Émile Parisien. Den Jazz at Berlin Philharmonic-Stammgästen ist der Saxofonist noch vom Bix-Beiderbecke-Abend in guter Erinnerung. Auch dort verband Parisien den traditionellen Jazzkanon und den wunderbaren Ton des Early Jazz mit modernen Einflüssen und individualistischen Improvisationen. Parisien ist ohnehin einzigartig: Seit Sidney Bechet hat sich kein anderer so auf das Sopransaxofon konzentriert, ihm technisch wie mit einem charismatisch warmen Timbre eine neue Stimme verschafft. In Frankreich hat sich Parisien so zusammen mit seinem Freund und musikalischen Weggefährten, dem Akkordeonisten Vincent Peirani, und mit dem eigenen Quartett an die Spitz gespielt und alle verfügbaren Preise vom »Prix Django Reinhardt« bis hin zu den »Victoires du Jazz« gewonnen. Zuletzt sorgte er bei den europäischen Festivals als Co-Bandleader einer international besetzen Band mit Joachim Kühn für Furore.

Bereits mehrfach bei Jazz at Berlin Philharmonic zu Gast war der schwedische Bassist Lars Danielsson. Kein Wunder, ist er doch seit Jahren eine der wichtigsten Stimmen des europäischen Jazz und einer der gefragtesten Begleiter. Vom Cello kommend klingt sein Ton so melodisch und warm wie kaum ein anderer. Und er schloss sich mit einer eigenen, »nordischen« Färbung früh der Generation europäischer Jazzer an, die einen stiloffenen Mix zwischen Klassik, Jazz und Pop prägten. Der Begriff »Liberetto«, den drei seiner Alben im Titel führen, bringt diese Verbindung schon sprachlich auf den Punkt. Als Partner für seine eigenen Projekte hat er sich – neben seiner Frau, der Sängerin Cæcilie Norby – gerne Pianisten ausgesucht, die, ebenso wie er, dem neuen europäischen Jazz verbunden sind indem sie die jeweils eigene Volksmusiktradition aufgreifen, unter anderem den Polen Leszek Możdżer, den aus Armenien stammenden Tigran Hamasyan und zuletzt den vom französischen Überseedepartement Martinique kommenden Grégory Privat.

Perfekt dürfte er deshalb bei »Swing, Swing, Swing« mit dem finnischen Pianisten Iiro Rantala harmonieren – ebenfalls ein alter Bekannter für Jazz at Berlin Philharmonic-Besucher. Rantala durfte 2015 mit seiner Hommage an John Lennon unter dem Titel »My Working Class Hero« seinen internationalen Durchbruch feiern. Ein großer Erfolg wurde das Projekt nicht nur wegen der populären Vorlage, sondern vor allem wegen der bezwingend eigenwilligen, emotionalen Art, auf die er sich Lennons Musik aneignete. So erwies sich Rantala wieder als Großmeister einer intelligenten Eklektik, bei der der Jazz bei Bach beginnt und bei aktuellen Popgrößen noch lange nicht aufhört. Die Interpretation berühmte Vorgänger und Kollegen, eingebettet in eigene Komposition, zieht sich durch sein gesamtes Schaffen. Von den wild-witzigen Eskapaden mit seinem Trio Toykeät über seine hochgelobten Alben »My History of Jazz« oder »Lost Heroes« bis zum »Good Stuff«, einem Album, auf dem er im Duo mit dem Stargitarristen Ulf Wakenius auf den Spuren von Bizet und Pucchini bis zu Coltrane, Stevie Wonder und Ashford & Simpson wandelt. Aktuell geht es live im neuen Trio mit dem e.s.t.-Bassisten Dan Berglund und dem dänischen Schlagzeuger Morton Lund in einem noch weiteren stilistischen Bogen um Standards von Bud Powell und Keith Jarrett über Toots Thielemans und Thelonious Monk bis zu Cole Porter und Kurt Weill. Wer könnte also geeigneter sein, um nun bei »Swing, Swing, Swing« den Part von Teddy Wilson, des vielleicht elegantesten Pianisten des frühen Jazz, zu übernehmen als der Finne mit der herausragenden Technik.

Auf seine ganz eigene Art wird Christopher Dell versuchen, die unbändige Energie seines Carnegie-Hall-Pendants Lionel Hampton in Erinnerung zu rufen. Der musikalisch in Hilversum, Rotterdam und am berühmten Berklee College of Music in Boston ausgebildete, 52-jährige Darmstädter ist nicht nur der wahrscheinlich beste Vibrafonist seiner Generation in Deutschland und darüber hinaus, er ist auch ein vielseitig gebildeter Theoretiker. Vom Jahr 2000 an leitete er das Institut für Improvisationstechnologie in Berlin, war Dozent und Gastprofessor für Stadttheorie und Urban Design in Hamburg und München, schrieb eine Abhandlung über das Prinzip Improvisation und ist seit 2017 Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Es sind also vor allem die Klangräume, die den Musikarchitekten Dell anziehen. Das bewies er zum Beispiel mit einem herausragenden Bert-Kaempfert-Projekt, in dem sich dessen vermeintlich seichter Easy-Listening-Sound mit intellektuellem Anspruch, lustvollem Groove und humorvoller Strukturarbeit verband. Ähnlich komplexe und doch immer auch unterhaltsame Exkursionen unternahm Dell viele Jahre mit seinem Trio D.R.A. mit Christian Ramond am Bass und Felix Astor am Schlagzeug, seit 2010 nun im Trio mit Christian Lillinger (Schlagzeug) und Jonas Westergaard (Bass). So avantgardistisch manche Studiowerke anmuten, Dell weiß genau um die Tradition, und kann sich in einen mitreißenden Performer verwandeln – einen, wie es einst Lionel Hampton war.

Erfahrene Genre-Cowboys – die NDR Bigband unter Jörg Achim Keller featuring Jeff Hamilton

Fehlt noch das wichtigste für einen Swing-Abend: die Big Band. Auch hier kann der heutige Abend mit einem Starensemble aufwarten: mit der NDR Bigband unter Leitung von Jörg Achim Keller. Hervorgegangen aus dem ehemaligen »Tanzorchester« des Senders entwickelte sich die NDR Bigband unter der Leitung von Dieter Glawischnig spätestens in den 1980er-Jahren zu einem der weltbesten großen Jazzensembles. Durchgehend mit Ausnahmekönnern wie dem Trompeter Ingolf Burkhard, dem Saxofonisten Christof Lauer oder dem Pianisten Vladyslav Sendecki besetzt, versteht sich das Orchester als Solistenband, die nicht nur ein umfassendes Jazzrepertoire abdeckt, sondern auch Impulse setzt, eigene Projekte entwickelt und Genregrenzen erweitert. Regelmäßig werden internationale Stars des Big-Band-Bereichs wie Carla Bley, George Gruntz oder Michael Gibbs eingeladen, meist zu genreüberschreitenden Projekten wie zum Beispiel Örjan Fahlströms Jimi-Hendrix-Programm, dem Astor-Piazzolla-Programm mit Steve Gray, oder dem Frank-Zappa-Projekt mit Colin Towns. Die enorme Erfahrung der Band, »einerseits das musikalische Erbe aus einem Jahrhundert Jazzgeschichte zu pflegen, andererseits am Puls der Zeit zu bleiben« (wie es auf der Homepage heißt), unterstreichen über 60 Einspielungen, zahlreichen Einladungen zu den wichtigsten Festivals und diverse Auszeichnungen, darunter mehrere Jazz Echos.

Die Rhythmusgruppe der Big Band wird heute Abend vom Schlagzeuger Jeff Hamilton verstärkt, der wie nur wenige andere für die amerikanische Big-Band-Tradition steht. Der 64-Jährige hat schon in den 1970er-Jahren beim Woody Herman Orchestra und in den 1980ern beim Count Basie Orchestra gespielt sowie viele Stars des klassischen US-Jazz von Oscar Peterson über George Shearing bis zu Diana Krall begleitet. Vor allem im Clayton-Hamilton Jazz Orchestra hält er mit denBrüdern John (Bass) und Jeff Clayton (Saxofon) seit den 1990ern die Fahne des orchestralen Swingbop aufrecht.

Von 2008 bis 2016 leitete Jörg Achim Keller die NDR Bigband, schon vorher – noch als Chef der HR-Bigband – arbeitete er für sie in der Funktion, in der er einen weltweiten Ruf besitzt: als Arrangeur. Der gelernte Schlagzeuger – zwei Jahre trommelte er einst im europäischen Glenn Miller Orchestra, er ist also auch absolut im Swing zuhause – hat für nahezu alle renommierten Jazzorchester geschrieben, von den Ensembles von Peter Herbolzheimer über das niederländische Metropole Orkest bis zur BBC Big Band. Außerdem war er musikalischer Partner für eine Vielzahl Stars aus den verschiedensten Ecken, von Udo Jürgens, Nana Mouskouri, Sasha und Stefan Gwildis bis zu Mark Murphy, Nils Landgren, Chet Baker und Al Jarreau. Keller wird für seine alte Truppe wie für die herausragenden Solisten des Abends den richtigen Rahmen finden, um Benny Goodmans wohlvertraute Songs des Carnegie Hall Concerts, vom elegischen »Body and Soul« über das perlend-lässige »Live Goes to a Party« bis zur kraftvollen Blechlawine »Sing, Sing, Sing«, in neuem Licht erstrahlen zu lassen.

Oliver Hochkeppel

Rolf Kühn (Foto: Jens Herrndorff)