(Foto: Atsushi Yokota)

Das Waseda Symphony Orchestra Tokyo spielt Strauss und Tschaikowsky

Das hervorragende Orchester der Waseda-Universität von Tokio ist den Berliner Philharmonikern seit langem freundschaftlich verbunden. Seine Markenzeichen: stupende rhythmische Prägnanz und die Taiko-Trommler, die jedes Konzert mit einem virtuosen Trommelstück beschließen. Dass dem Orchester außerdem ein Faible für klangvolle, hochanspruchsvolle Partituren eigen ist, zeigt das Hauptwerk dieses Konzerts: Richard Strauss’ Symphonia domestica.

Waseda Symphony Orchestra Tokyo

Masahiko Tanaka Dirigent

Otto Nicolai

Ouvertüre zur Oper Die lustigen Weiber von Windsor

Richard Strauss

Symphonia domestica op. 53

Peter Tschaikowsky

Romeo und Julia, Fantasie-Ouvertüre nach Shakespeare

Maki Ishii

Mono-Prism für japanische Trommeln und Orchester op. 29

Termine und Karten

So, 04. Mär 2018, 11:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 10:00 Uhr

Live in der Digital Concert Hall zur Übertragung

Programm

Das Waseda Symphony Orchestra zählt zu den besten Studentenorchestern der Welt. Seine Markenzeichen: eine stupende rhythmische Prägnanz, ein Faible für schwierige Werke und die Taiko-Trommler, die jedes Konzert mit einem virtuosen Trommelstück beschließen. Seine Mitglieder zeichnen sich durch hohes instrumentales Können, große Musikalität und eine bedingungslose Liebe zur Musik aus. Nur eines sind sie nicht: angehende Berufsmusiker. Vielmehr studieren sie an der renommierten japanischen Waseda-Universität Fächer wie Jura, Wirtschaftswissenschaften, Politik, Literatur- oder Sozialwissenschaften. Die Voraussetzungen, um in das Orchester aufgenommen zu werden, sind jedoch höchst professionell: Jedes Mitglied muss sich durch ein Probespiel qualifizieren und bereit sein, viel Zeit in die intensive Probenarbeit zu investieren.

Für das hohe künstlerische Niveau des Klangkörpers sorgt sein langjähriger Dirigent Masahiko Tanaka. Seit Mitte der 1970er-Jahre besteht eine Freundschaft zwischen dem Studentenorchester und den Berliner Philharmonikern, die über den ehemaligen philharmonischen Cellisten Rudolf Weinsheimer bis heute intensiv gepflegt wird. So ist es nur selbstverständlich, dass das Waseda Symphony Orchestra auf seinen Europatourneen auch immer Station in der Berliner Philharmonie macht. Das letzte Mal war es hier im März 2015 zu erleben. In dieser Saison kommt es mit Otto Nicolais Ouvertüre zur Oper Die lustigen Weiber von Windsor, Richard Straussʼ Symphonia domestica und Peter Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre Romeo und Julia. Den Schluss- und Höhepunkt des Konzerts bildet Maki Ishiis Mono-Prism für japanische Trommeln und Orchester.

Über die Musik

Orchestrale Bravourstücke

Musik von Otto Nicolai, Richard Strauss, Peter Tschaikowsky und Maki Ishii

Das Waseda Symphony Orchestra besteht zwar nicht aus Berufsmusikern, sondern Absolventen unterschiedlichster Fächer an der Waseda Universität in Tokio, doch in seinen musikalischen Leistungen kann es sich – was wiederholt auch in Berlin zu erleben war – mit jedem professionellen Klangkörper messen. Bei ihren Tourneen bevorzugen die Musikerinnen und Musiker im besten Sinne effektvolle Programme. Sie spielen Werke, in denen sie ihre technische Brillanz und Virtuosität sowie die Fähigkeit, intensiv, dramatisch und farbig zu musizieren unter Beweis stellen können. Am Ende ihrer Programme steht mit Maki Ishiis Mono-Prism fast immer eine Komposition, die unhörbar eine Verbindung zwischen westeuropäischer und japanischer Musik schlägt.

Otto Nicolai: ein Komponistenleben zwischen Deutschland und Italien

Otto Nicolai teilt mit einigen anderen Komponisten das Schicksal, scheinbar nur durch ein Werk zu Anerkennung und Ruhm gelangt zu sein. Sein restliches Œuvre geriet nahezu in Vergessenheit. Dabei reicht Nicolais Einfluss weit über sein kurzes Leben hinaus. Der am 9. Juni 1810 in Königsberg Geborene hatte eine schwere Jugend, floh mit 16 Jahren aus seinem Elternhaus und ging 1827 nach Berlin. Hier wurde er Schüler Carl Friedrich Zelters und studierte von 1828 bis 1830 am Königlichen Institut für Kirchenmusik. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Musiklehrer, war Mitglied der Singakademie und verschiedener Gesangsvereine. In den frühen, entbehrungsreichen Berliner Jahren, komponierte Nicolai vor allem geistliche Musik, aber auch eine Symphonie. 1833 wurde er als Organist an die Kapelle der preußischen Gesandtschaft in Rom berufen. Neben seiner Arbeit studierte er die Werke der italienischen Klassiker, besonders die Palestrinas – »da es wohl das Einzige sein möchte, weshalb ein deutscher Musiker nach Italien reisen muss«. Nicolai bildete sich musikalisch weiter, trat als Pianist auf und gab Klavierunterricht. Durch seine Trauermusik auf den Tod Vincenzo Bellinis (1835) kam er in Kontakt mit dem Musiktheater und fand Gefallen am Komponieren von Opern. Über Bologna führte ihn sein künstlerischer Weg 1837 als Kapellmeister an das Wiener Kärntnertortheater. Trotz erfolgreicher Arbeit dort wurde sein Vertrag nicht verlängert. Nicolai kehrte im Oktober 1838 nach Italien zurück und machte sich dort bald als Komponist von italienischen Opern einen Namen. Die erfolgreichste war seinerzeit Il templario (Der Tempelritter) nach Walter Scotts Kreuzritter-Roman Ivanhoe.

1841 ging Nicolai erneut nach Wien, wurde Erster Kapellmeister der Hofoper und machte sich einen Namen als Dirigent und Begründer der Philharmonischen Akademien, aus denen später die Philharmonischen Konzerte und damit die Wiener Philharmoniker hervorgingen. Als die Wiener Hofoper 1847 eine Aufführung seiner Oper Die lustigen Weiber von Windsor ablehnte, kündigte Nicolai seinen Vertrag und ging nach Berlin. Am 1. März 1848 wurde er Kapellmeister am Opernhaus und übernahm die Leitung des Domchores. Nur zwei Monate nach der Premiere der Lustigen Weiber von Windsor erlitt er mit 38 Jahren nach einem Konzert mit dem Domchor einen Schlaganfall, an dessen Folgen er starb.

Komik und romantische Stimmung – Die lustigen Weiber von Windsor

Die ursprünglich für Wien bestimmte Oper Die lustigen Weiber von Windsor entstand 1845/1846. Bruchstücke wurden schon in Nicolais Wiener Abschiedskonzert am 1. April 1847 aufgeführt; als Solistin wirkte die berühmte Sängerin Jenny Lind mit. Auf Order König Friedrich Wilhelms IV. kam die Oper am 9. März 1849 an der Hofoper zur Uraufführung. Angekündigt wurde sie als »komisch-phantastische Oper in 3 Acten, mit Tanz, nach Shakespeare’s gleichnamigem Lustspiel, gedichtet von H[ermann] S[Samuel] Mosenthal«. Im Mittelpunkt steht weniger (wie später bei Verdi) der dicke, liebestolle Ritter John Falstaff. Hauptakteurinnen sind die Damen Fluth und Reich, die zunächst von ihm genarrt werden, sich dann aber genüsslich an ihm rächen. Nicht minder wichtig ist der zweite Handlungsstrang: die Liebe zwischen Anna Reich und dem mittellosen Fenton. Die jungen Leute müssen sich gegen den Widerstand ihrer Eltern den Weg zur Heirat erkämpfen.

Der Titel »komisch-phantastische Oper« deutet an, dass es um mehr geht als ein Lustspiel im gewohnten Sinne. Eine zentrale Rolle spielt die Szene im Wald bei Windsor im dritten Akt. Das wird schon in der Ouvertüre deutlich, deren thematisches Material hauptsächlich aus diesem Akt stammt. Zunächst wird der nächtliche Wald mit dem aufgehenden Mond (Tremoli der Streicher) beschrieben. In einem raschen Teil, der an Mendelssohn erinnert, tauchen Feen und Geister auf, wird aber auch die freudig-lüsterne Vorfreude des als Jäger verkleideten Falstaff auf die Frauen Fluth und Reich gezeichnet. Am Ende steht ein Vivace-Teil mit Motiven aus der späteren Ballettmusik der Oper.

Familienalltag: Richard Strauss’ Symphonia domestica

Richard Strauss machte sich selbst verschiedentlich zum Thema seiner Musik. In der Tondichtung Ein Heldenleben heroisiert er seine Vita, indem er den Lebensweg eines »außergewöhnlichen Menschen« nachzeichnet. In der Symphonia domestica treibt er die subjektive Darstellung noch weiter und lässt uns in sein Privatleben blicken: »Küche, Wohnzimmer, Schlafgemach sind all’ und jedem geöffnet«, wie Romain Rolland befand. Das Programm des am 21. März 1904 in New York uraufgeführten Werkes, das der Komponist seiner Frau und seinem Sohn widmete, ist einfach. Strauss »schildert« seinen Alltag in Berlin-Charlottenburg (wo er mit Frau und Kind damals lebte) mit all dem, was zum häuslichen Leben gehört. Ursprünglich gab es zu den drei dominierenden Themen des Beginns (der Mann, die Frau, das Kind) und zu einzelnen Abschnitten des Werks in der Partitur erklärende Überschriften: »Themen des Mannes, gemächlich-mürrisch-feurig; Thema der Frau – des Kindes – Kindliche Spiele, Elternglück – zärtlich bewegt – Wiegenlied – die Glocke schlägt sieben Uhr abends – Liebesszene – die Glocke schlägt sieben Uhr morgens – Erwachen und lustiger Streit – Versöhnung, fröhlicher Beschluss.« Diese Überschriften entfernte Strauss dann aber zum größten Teil. Die wenigen, die stehen blieben, provozierten Vorbehalte und Kritik. Strauss selbst war programmatischen Leitlinien oder Wegmarken gegenüber skeptisch. So schrieb er vor der Pariser Erstaufführung der Symphonie an Romain Rolland, für ihn sei das poetische Programm »auch nichts anderes als der formbildende Anlass zum Ausdruck und zur rein musikalischen Entwicklung« seiner Empfindungen und eben nicht bloß eine musikalische Beschreibung gewisser Vorgänge des Lebens: »Das wäre doch gegen den Geist der Musik.«

Das einsätzige Werk besteht aus vier ineinander übergehenden Abschnitten: Allegro, Scherzo, Adagio und Finale. Die Personen werden durch drei Themen bzw. Themengruppen dargestellt. Der Vater (Richard) hat ein »gemächlich« schreitendes Cello-Thema, eine als »träumerisch« bezeichnete Figur der Oboe, eine »mürrische« der Klarinette und einen »feurigen« Aufschwung der Geigen. Die Mutter (Pauline) charakterisiert Strauss bezeichnenderweise durch eine Umkehrung des ersten Motivs des Mannes, als seine Antipodin: lebhaft, graziös, gefühlvoll, aber auch aufbrausend, zornig und zänkisch. Das Kind (Franz) wird durch ein Thema der Oboe d’amore »von Haydnscher Einfachheit« (Strauss) porträtiert. Jedes Thema hat seine eigene Tonart: F-Dur steht für den Mann, H-Dur für die Frau und D-Dur für das Kind.

Auf die Exposition folgen ein Scherzo mit einer Art Trioteil, dann die von den Themen des Mannes dominierte Durchführung sowie eine leidenschaftliche Liebesszene. Anschließend passieren die Themen Revue, allerdings teilweise verzerrt (»Träume und Sorgen«). Im Finale »stört« das Kind, streitet das Paar, was in einer großen Doppelfuge zum Ausdruck kommt (»lustiger Zank und Versöhnung«), und findet schließlich zu neuer Gemeinsamkeit und Frieden zurück – mit aufrauschendem Ton und mit einer temperamentvollen Orchesterstretta.

Schon immer gab es Einwände gegen die Symphonia domestica. Zur intimen Atmosphäre des Familienlebens will nicht recht ein so groß besetztes Orchester passen (in dem ad libitum auch erstmals vier Saxofone mitspielen). Strauss-Biograf Ernst Krause konstatierte ein »klaffendes Missverhältnis zwischen der Schlichtheit des Programms und der Monumentalität der Ausführung«. Das familiäre Genrebild aus Berlin-Charlottenburg nehme die Ausmaße eines bürgerlichen Welttheaters an. Der ästhetischen Fragwürdigkeit stehen freilich Stärken der Partitur gegenüber: eine große Farbpalette, eine Vielzahl von Stimmungen, kammermusikalische Passagen von großer Intimität, originelle Erfindungen. Richard Specht lobte im Vorwort der Partitur: »[...] wie durchsichtig, wie delikat ist dieses Orchester behandelt, wie hat es hier ein Meister verstanden, mit dem Freskopinsel ein zartes Aquarell zu malen!«

Familientragödie: Peter Tschaikowskys Romeo und Julia

Von der familiären Berliner Idylle führt das Programm zu einem der bekanntesten Familiendramen der Geschichte überhaupt. Die in Verona angesiedelte tragische Liebesgeschichte von Romeo und Julia, von Shakespeare literarisch am erfolgreichsten verarbeitet, fasziniert Leser und Zuschauer seit Jahrhunderten. Zwei sich liebende junge Menschen dürfen nicht zueinanderkommen, weil sie verfeindeten Familien angehören, Romeo den Montagues, Julia den Capulets. Immer wieder kommt es zu Streit, Kampf und Mord. Romeo und Julia müssen ihre Liebe verbergen. Die geheime Eheschließung durch Pater Lorenzo bringt keine Lösung des Konflikts. Am Ende stirbt Romeo durch Gift, Julia erdolcht sich. Erst über dem Grab ihrer Kinder versöhnen sich schließlich die beiden Familien.

Diese Tragödie hat Musiker seit dem 18. Jahrhundert zur Vertonung angeregt, in Form von Singspielen und Opern, Symphonischen Dichtungen, Symphonien sowie Balletten – von Georg Benda über Vincenzo Bellini, Hector Berlioz, Charles Gounod, Peter Tschaikowsky bis zu Sergej Prokofjew, Boris Blacher und Leonard Bernstein. Tschaikowsky verfasste seine Symphonische Dichtung Romeo und Julia als »Fantasie-Ouvertüre«. Dabei wurde er von Berlioz und Liszt und deren symphonischer Programm-Musik beeinflusst. Noch wichtiger aber war der Einfluss, den Mili Balakirew auf die Entstehung und Ausführung der Komposition hatte. Balakirew war Gründer und Wortführer des »Mächtigen Häufleins«, jener Gruppe russischer Komponisten, die gegen eine Verwestlichung der russischen Musik zu Felde zogen und eine neue nationale Schule begründen wollten. Tschaikowsky stand gleichsam zwischen den Fronten, wiewohl er doch eher den »Westlern« zugerechnet wurde. Anders als Balakirew verstand er sich jedoch nicht als Programmatiker, sondern als Komponist absoluter Musik. Balakirew beriet ihn nicht nur allgemein, sondern machte Vorschläge zur Form des Werks, zur Disposition der Tonarten, ja sogar zur Gestaltung einzelner Themen. 1869 entstand die erste Fassung der Komposition. Die Moskauer Uraufführung im März 1870 war kein Erfolg, das Werk fiel durch. Auf Balakirews Vorschlag revidierte Tschaikowsky die Partitur. In der zweiten Fassung kam die Ouvertüre im Februar 1872 in St. Petersburg zur Aufführung. Ihre endgültige Gestalt erhielt sie aber er 1881.

Tschaikowsky komponierte seine Symphonische Dichtung nach dem Muster der klassischen Ouvertüre und der Form des Sonatenhauptsatzes mit Exposition, Durchführung und Reprise. Allerdings erweiterte er sie um eine ausgedehnte Einleitung und eine Coda. Ihm ging es nicht darum, die Tragödie der Liebenden nachzuerzählen, sondern wesentliche Stationen und vor allem die Stimmungen und Gefühle der Handelnden darzustellen: den unlösbar erscheinenden Streit der beiden Familien, die gleichsam exterritoriale Liebe zwischen Romeo und Julia sowie Pater Lorenzos Bereitschaft, beiden zu helfen und zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Das an russische Kirchenmusik erinnernde Choralthema der Einleitung (Andante) symbolisiert Pater Lorenzo, das energische, rhythmisch markante Hauptthema (Allegro giusto) den Streit zwischen den Familien. Für die Liebenden steht das schwelgerische »dolce«-Seitenthema mit einer intensiven, kantablen Melodie des Englischhorns über den Streichern. In der Durchführung »kämpfen« Choral- und Hauptthema miteinander. In der Coda kommt es zur finalen Katastrophe.

Nach der Wiener Premiere 1876 schimpfte der einflussreiche, gefürchtete Kritiker Eduard Hanslick: »Diese Ouvertüre war neu und befremdend, denn dass diese seelenlose, von grauen Dissonanzen und wildem Lärm durchtobte Tonschlacht eine Illustration der zartesten Liebestragödie sein sollte, das hätten die wenigsten Zuhörer zu denken gewagt.« Dieses Fehl-Urteil hat der Verbreitung und Popularität der Komposition jedoch nicht schaden können.

Schöpfung aus zwei Musikwelten: Maki Ishiis Mono-Prism

Im Werk des japanischen Komponisten Maki Ishii werden auf besondere Weise Verbindungen zwischen fernöstlicher, japanischer und westlicher, vor allem europäischer klassischer Musik hergestellt. Ishii, der sein Komponieren selbst als »Schöpfung aus zwei Musikwelten« bezeichnete, wurde 1936 in eine künstlerische Familie geboren. Sein Vater Baku Ishii war Tänzer und Choreograf und gilt als Begründer des modernen japanischen Tanzes. Seine Mutter Yai Ishii war Schauspielerin. Zuhause lernte Maki früh die westliche Musik kennen. Obwohl er auch Gelegenheit hatte, traditionelle Hofmusik im Kaiserpalast zu hören, war Musik für ihn zunächst gleichbedeutend mit westlicher Klassik. Nach dem Kompositions- und Dirigierstudium in Tokio, kam Ishii Ende der 1950er-Jahre zu weiteren Studien nach Berlin. Hier waren Boris Blacher und Josef Rufer seine Lehrer an der Musikhochschule. In der Folgezeit arbeitete er in Tokio und in Berlin als Komponist und Dirigent. Ishii wandte sich mehr und mehr von der westlichen Avantgarde ab, studierte die traditionelle japanische Musik und ihre spirituellen Wurzeln. Seine Werke spiegeln die Auseinandersetzung zwischen den beiden Musikwelten. Ishii starb 2003 im japanischen Kashiwa.

In Mono-Prism musizieren sieben Spieler japanischer Trommeln mit einem Symphonieorchester. Gespielt wird auf sieben Trommeln, die am Körper der Musiker mit Riemen befestigt sind (Shime-daiko), einer großen Trommel (Ō-daiko) sowie drei Trommeln mittlerer Größe (Chichibu-daiko). Das »Mono« im Titel bezieht sich auf die monochrome Klangqualität japanischer Trommeln, »Prism« verweist auf die prismatische Klangqualität des westlichen Orchesters. »Mono« symbolisiert somit das japanische musikalische Element und »Prism« das westliche. Das Trommlerensemble spielt, wie der Komponist erläuterte, »in Form einer Spirale und bewegt sich hin und her zwischen bestimmtem Rhythmus (Einfachheit) und unbestimmtem Rhythmus (Komplexität). Das Orchester strahlt seinerseits in der Art eines Prismas akustische und zeitliche Elemente aus, die sich qualitativ von denen unterscheiden, die der Bewegung des Trommelensembles zugrunde liegen.«

Trommler und Musiker stehen sich in der rund 25 Minuten dauernden Komposition gegenüber, bewegen sich aufeinander zu, treffen und verlieren sich. Die Trommelparts sind zum Teil sehr leise, das Orchester mit einer großen Schlagzeuggruppe breitet Klangflächen nach Art eines Clusters aus. »Mehr und mehr entfachen die Repetitionen der absichtsvoll primitiven Trommelrhythmen die archaische Gewalt dieser »Instrumente der Götter«. Spätestens wenn der Sog des auskomponierten Crescendos schließlich den ekstatischen Point of no Return erreicht, ist aus dem Konzert ein unwiderstehliches, sehr heutiges Ritual geworden« (Anselm Cybinski).

Das für die Trommelgruppe Ondekoza, das Boston Symphony Orchestra und seinen Chefdirigenten Seiji Ozawa geschriebene Werk kam im Juli 1976 beim Tanglewood Sommerfestival unter Ozawas Leitung zur Uraufführung. In Europa war es zum ersten Mal im September 1981 während der Berliner Festwochen zu hören – mit der Trommlergruppe Kodō und dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung des Komponisten. Mono-Prism gehört zu den bekanntesten Werken Ishiis und zieht das Publikum auch bei wiederholtem Hören in seinen Bann.

Helge Grünewald

Biografie

Masahiko Tanaka, Ehrenpräsident und Dirigent des Waseda Symphony Orchestra, wurde 1935 in Tokio geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Waseda Universität und spielte als Kontrabassist im Waseda Symphony Orchestra. Später wurde er in das NHK Symphony Orchestra Tokyo aufgenommen und setzte nebenher seine Kontrabass-Ausbildung bei Rainer Zepperitz an der damaligen Hochschule der Künste in Berlin fort. Masahiko Tanaka war Dozent an der Toho-Gakuen Musikschule, Orchestervorstand des NHK Symphony Orchestra und Juror bei vielen internationalen Kontrabass-Wettbewerben. Als Solist und Kammermusiker hat er zahlreiche Schallplatten und CDs eingespielt. Seiner intensiven Arbeit und Vorbereitung auf den Internationalen Jugendorchester-Wettbewerb 1978 in Berlin ist es zu verdanken, dass das Waseda Symphony Orchestra mit der Herbert-von-Karajan-Medaille in Gold ausgezeichnet wurde. Karajan, seinerzeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, äußerte sich voller Hochachtung zu Tanakas Einsatz für das Jugendorchester, das in den Jahrzehnten seines Bestehens viel zum internationalen Kulturaustausch sowie zu Verständigung und Frieden in der Welt beigetragen hat. Masahiko Tanaka dirigierte das Waseda Symphony Orchestra auch bei seinem letzten Auftritt in der Philharmonie Anfang März 2015.

Das Waseda Symphony Orchestra Tokyo wurde 1913 an der Waseda-Universität Tokio gegründet, einer der ältesten und angesehensten Universitäten in Japan, die gleichwohl keine Musikfakultät besitzt. Die ca. 300 Mitglieder dieses groß besetzten Orchesters studieren Philosophie, Literatur, Jura oder Naturwissenschaften. Sie alle verbindet eins: die Liebe zur Musik. Das Waseda Symphony Orchestra Tokyo gehört zu den international besten Jugend- und Universitätsorchestern. 1978 wurde es beim Internationalen Jugendorchester-Wettbewerb in Berlin mit der Herbert-von-Karajan-Medaille in Gold ausgezeichnet. Ein Jahr später erhielt Karajan, der den jungen Musikern sehr zugewandt war, die Ehrendoktorwürde der Universität und dirigierte anlässlich der Verleihung das Orchester in einer öffentlichen Probe in der Okuma-Halle der Waseda-Universität. Viele Dirigenten von Weltruf wie Seiji Ozawa, Kenichiro Kobayashi, Hiroyuki Iwaki, Leonard Slatkin und Giuseppe Sinopoli standen ebenfalls am Pult des Waseda Symphony Orchestra, das bislang 14 internationale Tourneen mit über 170 Konzerten unternommen hat und nun zum 15. Mal in den berühmtesten Konzertsälen Europas zu Gast ist. In der Berliner Philharmonie war das Orchester bereits mehrfach zu erleben, zuletzt im März 2015 mit Werken von Richard Strauss und Maki Ishii; Dirigent war Masahiko Tanaka.

Eitetsu Hayashi, 1952 in Hiroshima geboren, begann 1971 seine Musikerlaufbahn als Gründungsmitglied und Primarius der bald international renommierten Taiko-Gruppen »Ondekoza« und »Kodo«. Als erster Taiko-Solist, der das traditionelle japanische Instrumentarium in der Art eines Drumsets anordnete, schuf er ab 1982 eine neue Art der Solo-Performance. Hierbei entwickelte er revolutionäre Drumtechniken und verband die traditionelle Taiko-Kunst mit Einflüssen aus westlicher klassischer Musik, Jazz und Rock. 1984 trat Eitetsu Hayashi als der erste Taiko-Trommler überhaupt mit dem American Symphony Orchestra in der New Yorker Carnegie Hall auf. Seitdem unternahm er Tourneen durch die USA, Japan, Lateinamerika, Europa, Afrika, Asien und Australien, bei denen er mit Künstlern wie dem afrikanischen Perkussionisten Mamady Keïta oder dem Jazzpianisten Yosuke Yamashita zusammengearbeitet hat. Zum 25-jährigen Jubiläum seiner Tätigkeit als Solospieler hat er 2007 ein Sonderprogramm konzipiert und aufgeführt, das ausschließlich aus Taiko-Konzerten bestand. Eitetsu Hayashi ist als Solist u. a. mit dem Boston Symphony Orchestra und – im Waldbühnenkonzert im Juni 2000 – mit den von Kent Nagano dirigierten Berliner Philharmonikern aufgetreten. 1997 wurde der Musiker, der auch als Produzent, Komponist, Dirigent und Pädagoge in Erscheinung tritt, mit dem japanischen »Ministry of Education Award« geehrt; 2001 erhielt er von der Japan Arts Foundation den »Award for Promotion of Traditional Japanese Culture«. Seit 2004 unterrichtet Eitetsu Hayashi als Gastprofessor an der Senzoku Gakuen College of Music in Kawasaki sowie seit 2005 an der Tokyo University of the Arts. 1995 gründete er die Taiko-Gruppe Eitetsu Fu-un no Kai, die ihn auf seinen Tourneen begleitet und als eigenständige Formation auch auf Festivals wie dem Japan-Korea Music Festival zu erleben war. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Eitetsu Hayashi zuletzt im März 2015 zu erleben.

(Foto: Atsushi Yokota)

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