Les Talens Lyriques (Foto: Jacques Verrees)

Kammermusik

Barockmusik mit Les Talens Lyriques und Christophe Rousset

Seit mehr als 25 Jahren gehört Les Talens Lyriques zu den führenden Ensembles der Alte-Musik-Szene. Mit ihrem Gründer und Leiter, dem Cembalisten Christophe Rousset, hat die Gruppe maßgeblich zur Wiederentdeckung der Musik französischer Barockkomponisten beigetragen. An diesem Abend stellen sie Orchestersuiten aus Bühnenwerken von Jean-Marie Leclair und Jean-Philippe Rameau vor, außerdem Georg Philipp Telemanns Ouvertürensuite La Putain, die ihren Titel einem Bauernmädchen verdankt, das dem anderen Geschlecht freizügiger begegnet, als es im Allgemeinen üblich ist.

Les Talens Lyriques

Christophe Rousset Dirigent

Georg Philipp Telemann

Orchestersuite G-Dur TWV 55:G1 »La Putain«

Jean-Marie Leclair

Orchestersuite aus der Tragédie en musique Scylla et Glaucus

Georg Philipp Telemann

Ouvertürensuite B-Dur TWV 55:B5

Jean-Philippe Rameau

Orchestersuite aus der Opéra-Ballet Les Fêtes de l’Hymen et de l’Amour

Termine und Karten

Mi, 24. Jan 2018, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie R

Programm

Telemann hatte Humor. Literarische »Helden«, Naturgeräusche und historische Ereignisse: alles wurde von ihm ebenso bildhaft wie charakteristisch in Musik gesetzt – sei es in der Wassermusik Le Tintamarre, in den Don-Quichotte- und Gulliver-Suiten oder in seiner Ouverture burlesque zum Pariser Börsencrash von 1720. Das malerischste all dieser Stücke ist zweifellos die Ouvertürensuite La Putain, die ihren Titel einem Bauernmädchen verdankt, das dem anderen Geschlecht freizügiger begegnet, als dies im Allgemeinen üblich ist: Die einleitende Ouvertüre zitiert das Volkslied »Ich bin so lang nicht bei dir g’west«, der allegorische Auftritt der Strebsamkeit erfolgt im Schneckentempo und misslingt, weshalb sich die bäuerliche Gesellschaft unbeschwert zur Kirmes aufmachen kann. Anschließend gerät das Menuett »Der Hexen-Tantz« zur Karikatur der guten Manieren, da die tanzenden Frauen wie vom Teufel besessen die Hüften schwingen, bevor der Hörer in eine buchstäblich lausige Herberge entführt wird, in der fröhlich gezecht wird. Les Talens Lyriques werden sich in diesem Konzert der Reihe Originalklang Telemanns viel zu selten zu hörender Suite La Putain widmen, einer vor Fantasie und Witz schier übersprudelnden Musik, die eine ländlich pittoreske Atmosphäre verbreitet.

Außerdem hat das französische Barockensemble die Orchestersuite aus Jean-Philippe Rameaus »Ballet heroïque« Les Fêtes de l’Hymen et de l’Amour aufs Programm gesetzt, das mit seiner zwischen dem italianisierenden Stil und der französischen Expressivität changierenden Musik dem Premierenpublikum ein Bühnenspektakel auf allen Ebenen bot: Mit schwungvollen Tanzeinlagen voller neuartiger Orchesterklänge, expressiven Sinfonien und einem Chor, der wesentlich am Ablauf der Handlung beteiligt war. Die Bühnenhandlung ist in der Welt der ägyptischen Mythologie angesiedelt, wobei Rameaus Partitur auch die klangliche Umsetzung einer Nil-Überschwemmung enthält.

Zwischen diesen beiden Werken widmen sich Les Talens Lyriques der Orchestersuite aus der Tragédie en musique Scylla et Glaucus von Jean-Marie Leclair, dessen Ruf als einem der bedeutendsten Violinvirtuosen der Zeit seine Reputation als Komponist sogar noch überstrahlte. Die musikalische Leitung des Abends liegt in den Händen von Christophe Rousset, der zu den führenden Barockinterpreten zählt.

Über die Musik

Mit der Schneckenpost zu Osiris nach Paris

Georg Philipp Telemann und die Tradition der französischen Ouvertürensuite

Durch Telemann »haben wir die Schönheit und die Anmut der französischen Musik mit nicht geringem Vergnügen empfunden«, urteilt der Musiktheoretiker und Komponist Johann Adolph Scheibe in seinem Critischen Musikus (1737 – 1740). Und Johann Mattheson, ebenfalls Musiktheoretiker und Komponist sowie Musikschriftsteller, ergänzt in seinem 1739 veröffentlichten Vollkommenen Capellmeister: »[…] ohne der Schmeichelei beschuldigt zu werden, kann man mit Recht von ihm [Telemann] sagen, er habe als ein Nachahmer der Franzosen, endlich diese Ausländer selbst in ihrer eigenen Nationalmusik übertroffen.«

Telemann muss seine Affinität zur französischen Musik wohl selbst so empfunden haben. Sonst hätte er kaum in einem Brief vom 18.November 1717 an Mattheson geschrieben: »Je suis grand Partisan de la Musique Françoise, je l’avoue.« (Ich bin ein großer Parteigänger der französischen Musik, das gestehe ich.) In der Tat, genau das war er! Und diese Vorliebe – neben seiner Begeisterung für den italienischen Gusto – teilte er mit den Herrschenden und ihren Hofleuten in ganz Europa, die in Frankreich das erstrebenswerte Vorbild sahen. So verwendeten sie etwa in der mündlichen und schriftlichen Kommunikation gerne die französische Sprache und verzichteten darauf, sich in ihrer eigenen Landessprache zu verständigen, die sie mitunter allerdings – wie der preußische König Friedrich II. – kaum beherrschten. Unter Ludwig XIV. (Regierungszeit: 1661 – 1715) hatte das absolutistische Frankreich eine kulturelle Glanzzeit erlebt. Dementsprechend wurde die Hofhaltung des »Sonnenkönigs« zum Ideal für die aristokratische Gesellschaft in ganz Europa. Eifrig war man bemüht, den dort entfalteten Glanz und die dementsprechenden theatralischen und musikalischen Veranstaltungen nachzuahmen.

Bereits als Gymnasiast am Hildesheimer Andreanum (1697 – 1701) interessiert den in Magdeburg geborenen Telemann die französische Musik ganz besonders. So besucht er von hier aus die Hofkapellen in Hannover und Braunschweig-Wolfenbüttel, um begeistert festzustellen: »Hier ist der beste Kern von Franckreichs Wissenschaft / zu einem hohen Baum und reifster Frucht gediehen.« Vor allem fasziniert ihn die damals noch junge Gattung der Ouvertüre mit ihren vielgestaltigen »Nebenstücken«, den Tanz- und Charaktersätzen, die ihre in der Welt der Oper wurzelnde Herkunft nicht verleugnen. In der Universitäts- und Messestadt Leipzig, in die er 1701 zum Jurastudium übersiedelt, vertieft sich diese Neigung noch, zumal er inzwischen der Jurisprudenz zugunsten der Musik Valet sagt. Nach Herzenslust erprobt er nun mit seinem 1702 gegründeten studentischen Collegium musicum »Franckreichs Lebhafftigkeit«. Es ist ein künstlerischer Weg, den er von 1705 an in Sorau (heute: Zary in Polen) fortsetzt. Als Kapellmeister des dortigen Grafen kann er sich endlich intensiv mit den originalen französischen Ouvertüren eines Lully oder Campra beschäftigen. Hat doch der Graf von seiner gerade absolvierten Frankreichreise hervorragende Bespiele mitgebracht, die Telemann jetzt intensiv studiert. Der Ertrag dieser Auseinandersetzung kann sich sehen lassen! Während der folgenden Lebensstationen vertieft er diese sogar noch: zunächst als Konzert- und Hofkapellmeister in Eisenach (1708 – 1712), dann als Kapellmeister und Leiter eines Collegium musicum aus zumeist bürgerlichen Musikliebhabern nebst anderen Tätigkeiten in der Freien Reichs- und Messestadt Frankfurt am Main (1712 – 1721). Naheliegend, dass Telemann auch von 1721 an in der Freien Reichs- und Hansestadt Hamburg diesen bewährten Pfad weiterverfolgt und dabei der Ouvertürensuite mit ungebrochenem Interesse begegnet.

Allein schon die Ouvertüre, jenes markante französische Theatervorspiel, wussten sowohl die Kenner als auch die Liebhaber der Musik zu schätzen. Mattheson bringt es in seinem VollkommenenCapellmeister auf den Punkt: »Höre ich den ersten Theil einer guten Ouvertür, so empfinde ich eine sonderbare Erhebung des Gemüths; bey dem zweiten hergegen breiten sich die Geister mit aller Lust aus; und wenn darauf ein ernsthaffter Schluß erfolget, sammeln und ziehen sie sich wieder in ihren gewöhnlichen Sitz. Mich deucht, das ist eine angenehm abwechselnde Bewegung, die ein Redner schwerlich besser verursachen könnte. Wer Achtung darauf gibt, kann es einem aufmercksamen Zuhörer in den Gesichtszügen ansehen, was er dabey im Hertzen empfindet.« Telemann hat mit seinen Ouvertüren, von denen etwa 130 überliefert sind, glänzende Beispiele für diese Musikgattung geliefert. Zwei davon, jede mit einem Titel versehen, sind im heutigen Konzert zu hören.

Georg Philipp Telemanns Ouvertürensuiten »La Putain« und »Les Nations«

Die Bezeichnung der G-Dur-Ouvertüre (TWV55:Anh. G1) »La Putain« (Die Dirne) stammt allerdings nicht vom Komponisten selbst. Wie überhaupt Telemann als Autor des in Darmstadt nur als Abschrift überlieferten Stimmensatzes nicht genannt wird. Bedenkt man jedoch den Witz, die Programmatik und die glänzende instrumentale Ausführung der Ouvertüre und ihrer nachfolgenden elf Sätze, spricht alles für Telemann. Das beginnt mit der dreigeteilten Ouvertüre, bei der die langsamen, gewichtig-punktierten Eckteile einen schnellen, kontrapunktisch-brillant ausgearbeiteten Mittelteil umschließen. In diesem zitiert Telemann etliche Volkslieder, zum Beispiel das »Ich bin so lang nicht bei dir gewest, ruck her, ruck her, ruck her«, auf welches dann auch Johann Sebastian Bach in der Nr. 30 seiner Goldberg-Variationen – dem Quodlibet – zurückgreifen wird. Nach der Ouvertüre setzt sich die Schneckenpost mühsam in Bewegung. Auf eine turbulente Bauren Kirchweyh folgt ein Menuett, das »man nirgend besser antreffen (kan) als bey den Frantzosen und ihren gescheuten Nachahmern in Teutschland, unter welchen Telemann der vornehmste ist« (Mattheson). Den durchaus freundlichen Hexen-Tantz löst eine ernsthafte Sarabande ab, bevor es zügigen Schritts in die Laußherberg geht. Dann hält man bei einem weiteren Menuett und dem dort geführten Gespräch zwischen einigen Soloinstrumenten und dem Tutti noch einmal inne. Die Bourrée mit ihrem »gefälligen Wesen« (Mattheson) führt schnurstracks zum temperamentvollen Kehraus der Hornpipe.

Mit der ebenfalls in Darmstadt überlieferten, wahrscheinlich vor 1723 komponierten Ouvertürensuite »Les Nations«, der sogenannten Völker-Ouvertüre (TWV55:B5), kommt Telemann dem damals durchaus schon vorhandenen Interesse entgegen, die Welt zu bereisen. Doch es sind keine landestypischen Melodien, die er hier verwendet – dafür fehlt ihm die Information –, vielmehr zeichnet er die Charaktereigenschaften und die Gemütslage der einzelnen Völker nach, so wie er sie in der Realität verankert glaubt. Vorgestellt werden die ernsthaften und gesetzten Schweizer und die leidenschaftlichen und temperamentvollen Portugiesen. Doch Telemann knüpft auch an regionale Besonderheiten an, etwa bei den Türken an die Musik der Janitscharen (der Elitetruppe des türkischen Militärs) mit ihren trommelnden Bässen, den darüber »schwebenden« fremdartigen Klängen und den marschartigen Rhythmen. Oder bei den Moskowitern an die betont feierlich läutenden Kremlglocken. Doch wie es sich beim Reisen damals ergab, begegnete man auf dem Weg Menschen mit sehr unterschiedlichen Arten der Fortbewegung wie den behenden Läufern (Les Coureurs) oder den vom Zurücklegen weiter Strecken geschwächt Hinkenden (Les Boiteux), die der sarkastische Telemann hier einander abwechseln lässt. Natürlich packt er alle diese Merkwürdigkeiten in die wohlbekannten Tanzsätze Gigue, Passepied, Sarabande und Bourée. Die zwei in diesem Konzert vorgestellten Ouvertürensuiten belegen eindrucksvoll, dass Telemann – wie seine Zeitgenossen zu Recht überzeugt waren – »die größte Stärke in der Verfertigung französischer Musikstücke« besaß.

Jean-Marie Leclairs Ouvertürensuite aus Scylla et Glaucus

Ob Telemann im Herbst 1737 bei seiner »längst abgezielten Reise nach Paris« dort mit dem Tänzer, Ballettmeister und damals bereits weithin berühmten Geiger Jean-Marie Leclair »l’aîné« (dem Älteren) zusammengetroffen ist, wissen wir nicht. Möglich wäre es schon. Allerdings verließ Leclair in jenem Jahr (wann genau, ist nicht überliefert) Paris und später auch Frankreich für sechs Jahre. Bis dahin war er seit 1733 als »Ordinaire de la Musique du Roy« von König Ludwig XV. (Regierungszeit: 1723 – 1774) tätig gewesen. Unabhängig vom Königshof hatte sich in dieser Zeit in den Pariser Adels- und Bürgerhäusern ein eigenständiges Musikleben mit entsprechenden Institutionen entwickelt. Die berühmteste unter ihnen war das 1725 gegründete Concert spirituel, eine öffentliche bürgerliche Einrichtung, an deren Veranstaltungen jedermann gegen ein entsprechendes Eintrittsgeld teilhaben konnte. Hier präsentierte sich Leclair mehrfach mit eigenen Violinkonzerten, Triosonaten und anderen Kompositionen. 1743 kehrt er nach Frankreich zurück. Drei Jahre später, am 4. Oktober 1746, stellt er dem Pariser Publikum seine erste und einzige Oper Scylla et Glaucus vor, der leider kein sonderlicher Erfolg beschieden ist. Nach nur 18 Aufführungen verschwindet sie – bis zum Jahr 1979 (!) in London – aus dem Spielplan. Leclair allerdings gibt sich mit der mangelnden Zustimmung nicht zufrieden. Er übernimmt aus seiner Tragédie en musique die geeigneten Nummern und lässt das Werk entsprechend verkürzt weiterleben: als Ouvertürensuite.

Inhaltliche Grundlage bleibt auch für sie die in Ovids Metamorphosen überlieferte Erzählung von der Nymphe Skylla, dem Meeresgott Glaukos und der Zauberin Kirke. Als diese erfährt, dass der von ihr begehrte Glaukos nicht sie, sondern Skylla liebt, schlägt ihre Zuneigung in Hass um. Sie vergiftet die Rivalin und verwandelt sie in einen Felsen in der Meerenge zwischen Sizilien und dem italienischen Festland. Umgeben von Ungeheuern, bildet dieser Felsen zusammen mit dem Strudel der Charybdis den Schrecken dieser Meerenge. Eine Geschichte, die Leclair sowohl in die üblichen Suitensätze – also Sarabande, Gigue usw. – als auch in die Marche des Bergers et Sylvains (Marsch der Hirten und Waldgeister) und in die drei Airs des Démons »gegossen« hat. In dieser »Neu-Komposition« bestätigt Leclair seine bereits damals allenthalben von der Fachwelt gelobte Kunst, ausdrucksstarke Melodien zu erfinden, mit einer gewagten Harmonik zu brillieren und mit allen nur denkbaren Finessen des Violinspiels wie Doppelgriffen, Arpeggien, Tremoli und Doppeltrillern zu glänzen.

Jean- Philippe Rameaus Ouvertürensuite aus Les Fêtes de l’Hymen et de L’Amour

Anders als im Fall Leclair sind sich Jean-Philippe Rameau und der nur zwei Jahre ältere Telemann mehrfach in Paris begegnet. Verbrachte letzterer doch ein Dreivierteljahr in der Stadt an der Seine und knüpfte hier intensive Kontakte. Natürlich wird er daher wohl am 24. Oktober 1737 die Uraufführung von Rameaus Tragédie en musique Castor et Pollux miterlebt und deren Schöpfer auch bei anderen Gelegenheiten gesehen und gesprochen haben. Denn man reicht Telemann während seines Paris-Besuchs (September 1737 bis Mai 1738) herum und feiert ihn begeistert beispielsweise bei den Concerts spirituels, in deren Rahmen er als überhaupt erster deutscher Künstler seine Vertonung des 70. Psalms »Deus judicum tuum« (TWV 7:7) und einige seiner Nouveaux Quatuors en Six Suittes, seiner sogenannten Pariser Quartette, vorstellt. Nicht weniger wird Rameau bewundert. Er arbeitet als Organist in Dijon, Clermont-Ferrand und Lyon, ehe ihm 1722 sein Traité de l’harmonie einen ersten Platz unter den Musiktheoretikern beschert. Von 1723 an lebt er dann in Paris, Anfang der 1730er-Jahre übernimmt er und zwar für die nächsten zwei Jahrzehnte – die Leitung des vom einflussreichen Generalsteuerpächter Alexandre Le Riche de la Pouplinière gegründeten privaten Orchesters. Erst mit 50 Jahren wendet sich Rameau der Oper zu, deren von Lully »erfundene« und nachdrücklich geprägte Form er modernisiert.

Als »Compositeur de la Musique du Cabinet du Roy«, eine Position, die Rameau 1745 übertragen wurde, erhält er 1747 den Auftrag, die Vermählung von Ludwig, dem Dauphin von Frankreich, mit Maria Josepha, der Tochter des Kurfürsten von Sachsen (und polnischen Königs), Friedrich Augusts II., musikalisch und theatralisch zu umrahmen. Was scheint da besser geeignet als ein Ballett mit einer locker geknüpften Handlung, eben wie das Ballet héroïque Les Fêtes de l’Hymen et de L’Amour ou Les Dieux l’Egypte. Louis de Cahusac, der Librettist, lässt Hymen (den Hochzeitsgott Hymenaios) und Amor, den Gott der Liebe, rauschende Feste feiern. Feste, zu denen die ägyptischen Götter und Sagengestalten wie Osiris und die Amazone Orthésie schöne und aufregende Geschichten beisteuern; der Wassergott Canopus, der in der Gestalt des Nils auftritt, oder die Nymphe Memphis müssen sich in gefährlichen Situationen bewähren. So soll beispielsweise Memphis geopfert werden, doch die Natur – der Fluss, die Wellen, Krokodile und gefährlichen Katarakte – bäumen sich dagegen auf. Die Nymphe wird gerettet und kann, vereint mit Canopus, endlich ihr Glück genießen.

Rameau übernimmt aus seiner Ballettkomposition die für die Suite geeigneten Nummern und formt sie zu so bekannten Suitensätzen wie Air, Gavotte, Gigue, Sarabande oder – ganz klassisch zum Schluss – einer Chaconne um. Selbstverständlich beteiligen sich an den Feierlichkeiten die Ägypterinnen und Ägypter, die Göttinnen und Götter, Satyrn, Musen und sogar Wilde, aber auch Schnitter und Winzer sowie die Jahreszeiten Frühling und Sommer. Rameau ist ein Reformer! Das betrifft auch die Ouvertürensuite und insbesondere seinen Umgang mit einzelnen Instrumenten bzw. Instrumentengruppen. Erstaunlich, mit welchem Feingefühl er die in der italienischen Musik so ausgeprägten Eigenschaften wie Vitalität, sangliche melodische Erfindungen und verblüffende konzertante Techniken in den französischen Gusto integriert. Bewundernswert ist die kühne Harmonik, sind rhythmischer Reichtum und eine originelle Orchestrierung. Von den Streichern verlangt Rameau ein breites Spektrum an virtuosen Spieltechniken; die Blasinstrumente (insbesondere die Holzbläser) brillieren mit ihren spezifischen Klangfarben. So hatte man damals ein Orchester noch nicht gehört!

Ingeborg Allihn

Biografie

Christophe Rousset absolvierte sein Musikstudium bei Huguette Dreyfus an der Schola Cantorum in Paris und am Königlichen Konservatorium in Den Haag bei Bob van Asperen. Im Alter von 22 Jahren gewann er beim Cembalowettbewerb von Brügge den Ersten Preis. Nach der Ausbildung gründete er 1991 das Ensemble Les Talens Lyriques, das u. a. an der Pariser Oper, dem Amsterdamer Concertgebouw, im Théâtre des Champs-Élysées, an der Opéra Royal de Versailles, der Wigmore Hall in London, der Carnegie Hall in New York sowie bei den Festspielen in Aix-en-Provence zu erleben war. Christophe Rousset führte mit Le Talens Lyriques zahlreiche in Vergessenheit geratene Opern des 17. und 18. Jahrhunderts auf, u. a. Antigona von Tommaso Traetta, La capricciosa Corretta von Vicente Martín y Soler, Armida Abbandonata von Niccolò Jommelli, La grotta di Trofonio von Antonio Salieri und Temistocle von Johann Christian Bach. Parallel zu seiner Tätigkeit als Dirigent setzt der Musiker seine Karriere als Cembalist fort. In zahlreichen Aufnahmen hat er Werke von François Couperin, Jean-Philippe Rameau, Jean-Henri d’Anglebert, Jean-Baptiste-Antoine Forqueray und Johann Sebastian Bach eingespielt. Rousset ist zudem ein gefragter Gastdirigent und leistet als Herausgeber kritischer Notenausgaben einen wichtigen Beitrag zur musikwissenschaftlichen Forschung. Darüber hinaus gibt er Meisterkurse an der Accademia Chigiana in Siena, bei der Jungen Deutschen Philharmonie und am Conservatoire Nationale Supérieur de Musique et de Danse de Paris. Gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern von Les Talens Lyriques engagiert er sich in Education-Projekten für junge Schülerinnen und Schüler. Christophe Rousset ist Chevalier der Légion d’honneur, Commandeur im Ordre des Arts und des Lettres und Chevalier im Ordre national du Mérite. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Les Talens Lyriques wurden 1991 von dem Cembalisten und Dirigenten Christophe Rousset gegründet. Die Instrumental- und Vokalformation hat sich nach dem Untertitel der Oper LesFêtesd’Hébé von Jean-Philippe Rameau benannt. Das Repertoire des Ensembles reicht von den Anfängen des Barockzeitalters bis zur beginnenden Romantik und umfasst Opern von Claudio Monteverdi, Francesco Cavalli, Georg Friedrich Händel, Jean-Philippe Rameau und Jean-Baptiste Lully ebenso wie kaum bekannte Bühnenwerke von Henry Desmarest, Jean-Joseph de Mondonville, Domenico Cimarosa, Tommaso Traetta und Vicente Martín y Soler. Zudem widmen sich Les Talens Lyriques dem Opernschaffen Mozarts, Salieris, Glucks und Cherubinis. Hierbei arbeiten die Musiker mit Regisseuren und Choreografen wie Pierre Audi, Jean-Marie Villégier, David McVicar, Eric Vigner, Ludovic Lagarde, Mariame Clément, Jean-Pierre Vincent, Macha Makeïeff, Natalie van Parys und David Lescot zusammen. Neben dem Repertoire für das Musiktheater führen Le Talens Lyriques Genres wie Madrigale, Kantaten, Messen, Motetten, Oratorien, Airs de cour und Symphonien auf. Zudem hat das Ensemble die Musik zu Gérard Corbiaus Film Farinelli eingespielt. Seit 2007 bieten seine Mitglieder gemeinsam mit ihrem Leiter Christophe Rousset in den Schulen der Region Île-de-France Education-Projekte an. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker sind Le Talens Lyriques nun erstmals zu erleben.

Les Talens Lyriques (Foto: Jacques Verrees)