Orgel in der Philharmonie (Foto: Hermann Willers)

Orgel

Stummfilmkonzert zum Lutherjahr

Ein katholischer Organist improvisiert die Musik zu einem Luther-Film: Zur Eröffnung der philharmonischen Orgelreihe und passend zum Reformationsjubiläum begleitet Thierry Escaich den Stummfilm Luther – Ein Film der deutschen Reformation. Das mit großem Staraufgebot produzierte Historiendrama aus dem Jahr 1927 ist eine echte cineastische Rarität. Anlässlich des Lutherjahrs aufwändig restauriert, beschreibt der Streifen in monumentalen Bildern den Lebensweg des großen Reformators.

Thierry Escaich Orgel

Orgel & Stummfilm

Luther – Ein Film der deutschen Reformation

Ein Historienfilm von Hans Kyser aus dem Jahr 1927

Thierry Escaich Orgel

Termine und Karten

So, 08. Okt 2017, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Programm

Die Orgelkonzertreihe der Berliner Philharmoniker wird traditionsgemäß mit einer Abendveranstaltung eröffnet – in dieser Saison zum zweiten Mal mit einem Stummfilmkonzert. Pünktlich zum 500-jährigen Reformationsjubiläum steht nun eine echte cineastische Rarität auf dem Programm: Hans Kysers legendäres Historiendrama Luther – Ein Film der deutschen Reformation. Nach der Uraufführung 1928 galt der mit großem Staraufgebot produzierte Streifen bald als »evangelischer Verkündigungsfilm«, was insbesondere katholischen Kreisen missfiel. Es kam zu heftig ausgetragenen konfessionellen Kontroversen und politischen Protesten, als deren Folge das Biopic rund 40 Mal zensiert wurde.

Die aus den Tiefen des Bundesarchivs aufgetauchte ungekürzte Originalfassung wurde nun aufwändig restauriert und erlebt heute im Großen Saal der Philharmonie ihre Aufführung. Hans Kysers Luther ist ganz großes Kino, das mit monumentalen Bildern den Lebensweg des Rebellen und Reformators Martin Luther inszeniert: der Eintritt ins Kloster, Luthers Romfahrt, die zum einschneidenden Erlebnis wird, der Anschlag der Thesen in Wittenberg und schließlich der päpstliche Bann. Während Luther auf der Wartburg die Bibel ins Deutsche übersetzt, bricht der Bauernkrieg aus. An dieser Stelle endet der Film im revolutionären Inferno, wenn Martin Luther eine glänzende Ritterrüstung tragend den religiösen Eiferern entgegentritt und so Kirchenplünderungen und Bilderstürmerei verhindert.

An der Philharmonie-Orgel nimmt mit Thierry Escaich ein musikalischer Tausendsassa Platz. Der 52-jährige Franzose ist ein renommierter Komponist, dessen Werke weltweit aufgeführt werden. Er unterrichtet als Professor am Pariser Conservatoire und gilt als einer der besten Konzertorganisten unserer Zeit. Wenn Thierry Escaich neben seinen zahlreichen Verpflichtungen noch Zeit findet, spielt er sonntags in der Pariser Kirche St-Étienne-du-Mont die Orgel. Ein katholischer Organist improvisiert die Musik zu einem Luther-Film – das verspricht spannend zu werden.

Über die Musik

Kulturkampf auf der Leinwand

Hans Kysers Luther-Film

Ein feste Burg – ein deutscher Held?

LutherEin Film der deutschen Reformation ist nicht in erster Linie ein Film, sondern vielmehr ein Denkmal, dass sich zufälligerweise des Mediums Film bedient, weil das derzeit und vielleicht auch heute noch die beste Möglichkeit ist, um eine breite Masse mit Inhalten, Emotionen und Informationen zu versorgen. Luther, diesem »Größten aller Deutschen« sollte also ein gebührendes Denkmal geschaffen werden. Dafür wurde in Berlin am 6. Juli 1926 die Vereinigung »Luther-Filmdenkmal: Zentralstelle für die Schaffung eines Luther-Films« gegründet. In einer Art Crowdfunding-Kampagne wurden die deutschen Protestanten um Spenden gebeten. Die Produktionskosten waren mit 650.000 Reichsmark für damalige Verhältnisse außergewöhnlich hoch. Trotzdem verweigerte man sich der Zusammenarbeit mit dem Filmgroßkapital. Die evangelischen Christen waren aufgerufen, durch Spenden den Film zu finanzieren und damit seine Unabhängigkeit zu garantieren: »Und an die Stelle des Großkapitals sollst du treten, deutsches evangelisches Volk!« Es wurden Flugblätter und Briefe mit folgendem Wortlaut in protestantischen Gemeinden verteilt: »Wohl in jeder größeren deutschen Stadt mit evangelischer Bevölkerung erhebt sich ein Denkmal Luthers aus Erz und Stein, um zu den nachfolgenden Geschlechtern von der gewaltigen Geistestat dieses Größten aller Deutschen zu reden. Aber wer liest ihre Sprache, und wer kann sie verstehen? Das ruhelose Geschlecht unserer Tage hat keine Zeit, solche Denkmäler in Ruhe zu betrachten und ihrer stummen Sprache nachzugehen. Bilder bilden. So ist ein Luther-Film das eindrucksvollste und wirksamste Luther-Denkmal. Ein solches Denkmal wollen wir schaffen, […] in Gemeinschaft mit innerlich interessierten evangelischen Kreisen, damit unser Luther-Filmdenkmal aus den Herzen herauswachse und in den Herzen immer und immer wieder die Liebe und Dankbarkeit zu unserem Luther erwecke und wachhalte.«

Bei einem Projekt dieses Ausmaßes versteht es sich fast von selbst, dass es kein innerkirchliches Projekt war, sondern auf die breite Masse abzielte. Der Film wurde in den großen Kinos gezeigt, wo die »Massen der Leute, die zwar ins Kino gehen, aber nicht in die Kirche, trotzdem mit religiösen, lutherischen Ideen erfüllt werden können«, so Esther P. Wipfler 2011 in ihrer Untersuchung Martin Luther in Motion Pictures. History of Metamorphosis. Um diese große Masse zu erreichen und zu begeistern, entschloss man sich, so Wipfler weiter, dass die Ausführung »unter Zuziehung erster Künstler und der erfahrensten Fachleute erfolgt und durch das Präsidium des Evangelischen Bundes in allen Einzelheiten überwacht wird«.

Die Macher

Zu den »ersten Künstlern« seiner Zeit zählte der Drehbuchautor Hans Kyser. Von ihm stammt unter anderem das Drehbuch für den ersten deutschen Tonfilm-Versuch Das Mädchen mit den Schwefelhölzern von 1925, der allerdings an den tontechnischen Herausforderungen der Zeit grandios scheiterte. Berühmtheit erlangte er durch sein Drehbuch für den Stummfilm Faust – Eine deutsche Volkssage, der unter der Regie von Friedrich Wilhelm Murnau 1926 zu einem Riesenerfolg wurde. Daraufhin erhielt er das Angebot, neben dem Drehbuch auch die Regie für das »Luther-Filmdenkmal« zu übernehmen. Es sollte seine einzige Regiearbeit bleiben. Kyser inszeniert seinen Luther-Film mit Helldunkel-Techniken, die er sich bei barocken Malern, insbesondere bei Rembrandt, abgeschaut hatte. Durch die Restaurierung sind insbesondere diese wunderbaren Licht-Schatten-Wirkungen erstmalig wieder voll erlebbar.

Das Drehbuch verfasste er allerdings nicht alleine. Vielmehr sollte der Film nach dem Willen der »Zentralstelle für die Schaffung eines Luther-Films« nicht nur in technischer und ästhetischer Hinsicht, sondern auch in wissenschaftlicher, ethischer und kirchlicher Beziehung »befriedigen«.

Die entscheidenden inhaltlichen Impulse kamen von Bruno Doehring. Doehring war Domprediger und Professor für Praktische Theologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) in Berlin. Außerdem war er als Mitglied des Reichstags für die Deutschnationale Partei (DNVP) auch politisch aktiv. Er hatte seine nationalistische Gesinnung in zahlreichen Schriften und Predigten im Berliner Dom zum Ausdruck gebracht und sah in dem Film eine willkommene Gelegenheit, für seine nationale Gesinnung und die Partei zu werben, der er angehörte. Er hatte sich im Ersten Weltkrieg radikalisiert und fand für seine extrem nationalistische Interpretation der Reformation auch später noch deutliche Ausdrücke, etwa wenn er in seiner Autobiografie von Luther als dem »Generalseelsorger seiner lieben Deutschen« spricht oder von dem »Deutschen Propheten«. Er hielt auch zur Zeit der Weimarer Republik dem Kaiser die Treue. Später verwahrte er sich gegen die Einflussnahme der Nationalsozialisten, indem er zum Beispiel Trauerfeiern für SA-Soldaten im Dom verweigerte. Während des Zweiten Weltkriegs predigte er mit biblisch kaum verhüllter Kritik und Anklage gegen Hitler und seine Parteigenossen. Nach der teilweisen Zerstörung des Doms im Jahr 1944 predigte Doehring in den Katakomben vor regelmäßig etwa 100 Zuhörern weiter und erwarb sich den Ruf als »Tröster Berlins«.

Der Einfluss Doehrings bzw. des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses machte sich auch bemerkbar in der Deutlichkeit, mit der der »Kulturkampf« mit der katholischen Kirche seinerzeit geführt wurde. Der Streifen hatte ja durchaus eine propagandistische Stoßrichtung: »Seien Sie sich bewußt, dass Rom die größten Anstrengungen unternimmt, um Deutschland, das Land der Reformation, zurückzuerobern«, war Doehring überzeugt.

Diese Propaganda manifestierte sich im Film unter anderem in der Beschreibung von Luthers Pilgerreise nach Rom, die den Papst sowie die katholische Kirche im Allgemeinen in einem ungünstigen Licht erscheinen lässt. Ebenso lässt die Darstellung des Tetzel als Luthers Widersacher und Volkfeind kaum Interpretationsspielraum zu. Das ist insbesondere auffällig im Vergleich zu früheren Darstellungen, z. B. in dem Stummfilm Die Wittenberger Nachtigall von 1913, der in dieser Hinsicht vergleichsweise harmlos daherkommt. Allerdings wird in späteren Verfilmungen die Figur des Tetzel ähnlich kritisch angelegt. Und in jedem Luther-Film werden ihm die berühmten Worte zugeschrieben: »Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem (Fege-)Feuer springt.« Auch die Besetzung der Rolle durch den Komiker Jakob Tiedtke war eine unmissverständliche Polemik gegen den Katholizismus.

Der Inhalt

Der Film ist untergliedert in acht Kapitel. In 1. Kapitel, »Die Berufung«, fallen gleich die aufwändigen Kostüme dieser Produktion auf. Am Beginn stehen einige fiktive Szenen aus Luthers Jugendleben. So wird gezeigt, wie er eine kleine Dorfschule besucht, und die Schüler freuen sich, der Strenge ihres Lehrers zu entkommen. Sie sind begeistert vom milden und lebensfrohen Luther und laufen ihm ins Freie nach. Luther spielt für die Kleinen sein Saiteninstrument, während sie seiner Musik lauschen. Außerdem besucht er seine Eltern, und der Konflikt mit seinem Vater wird hier angelegt. In Kapitel 2, »Das Gelübde«, wird das bekannte Gewittererlebnis thematisiert. Luther, in ein schweres Gewitter gekommen, schwört Mönch zu werden, sollte er das Gewitter überstehen. Im Kloster widmet er sich geradezu exzessiv dem Mönchsleben. Er fastet und geißelt sich bis zur absoluten Erschöpfung. Sein Beichtvater Johann von Staupitz macht sich Sorgen um den jungen Mönch. Er bringt ihn dazu, in der Bibel zu lesen. Martin beginnt beflissen sein Bibelstudium, und eines Tages macht er die Entdeckung, dass Gott kein zürnender Richter ist. Sein Fasten und Selbstgeißeln war der falsche Weg, denn Gott wird Barmherzigkeit zeigen. In Kapitel 3, »Die Wallfahrt nach Rom«, wird die inhaltliche Schwarz-Weiß-Malerei auf die Spitze getrieben. Luther reist gemeinsam mit seinem Mitbruder Franziskus nach Rom. Sie sehen das Elend der Bevölkerung und nehmen betroffen Anteil daran. Bei der Ankunft in der Heiligen Stadt finden sie kein Obdach, während gleichzeitig die Mätressen auf Sänften aus dem Kloster herausgetragen werden. Sie finden sich in der Menge der Büßer wieder, die auf Knien die Treppe nach St. Peter hinaufkriechen, sodann aber von der Schweizer Garde zurückgedrängt werden, da der Papst in einer Sänfte mit seinem Hofstaat naht. Luther sieht dort in einer expressionistisch anmutenden Vision das Kreuz, das ihm fortan den Weg weist, nämlich in Richtung des Volks, nicht des Klerus, dem er ja zu dem Zeitpunkt faktisch noch angehört. In Kapitel 4, »Die Thesen«, hat Tetzel seinen großen Auftritt. Von viel Lärm und Gefolgschaft umgeben, betreibt er seine Jahrmarktsgeschäfte mit dem Ablasshandel, während Luther allein in seiner Stube und »allein durch den Glauben« an den 95 Thesen arbeitet. Ebenso allein geht er zur Tür der Wittenberger Schlosskirche und »postet« mit ein paar wohlgesetzten Hammerschlägen seine Thesen. Diese Thesen verbreiten sich bekannter maßen rasch, wie in Kapitel 5, »Der Weg der Thesen«, nachgezeichnet wird. Die Thesen und somit Luther finden Unterstützer in dem Buchdrucker Hans Lufft zu Wittenberg, in Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen, die auch bereit sind, für ihn zu kämpfen. Kurfürst Friedrich der Weise schlägt sich auf seine Seite, und Hans Sachs verfasst sein berühmtes Gedicht »Die Wittenberger Nachtigall«. Das »Löschen« dieser »Posts« geschieht noch ganz handwerklich, indem das römische Inquisitionsgericht die Thesen verbrennt, woraufhin Friedrich der Weise im Gegenzug die päpstlichen Schriften verbrennt. Und wie so oft schreibt das Drehbuch auch hier eine »nationale« Note mit hinein, wenn beispielsweise Philipp Melanchton sinniert: »Schreibt der Papst mit einem lateinischen Gänsekiel, wird unser Luther mit einer deutschen Adlerfeder antworten.« In Kapitel 6, »Der Weg des Gewissens«, soll sich Luther in Worms vor dem Kaiser verantworten und seine Schriften widerrufen, was er bekanntlich nicht tut. (»Hier stehe ich und kann nicht anders.«) Auch hier wird wieder der Einfluss des Drehbuchschreibers Doehring deutlich, der ja unter anderem auch Werbung für seine rechtsgerichtete Deutschnationale Volkspartei unterbringen wollte, wenn er Luther in diesem entscheidenden Moment die Worte in den Mund legt: »Ich habe meine Schriften geschrieben, weil ich mich dem Dienste nicht entziehen kann, den ich meinem Deutschland schuldig bin.« In Kapitel 7, »In Acht und Bann«, besucht Luther seine Eltern und söhnt sich mit seinem Vater aus. Auf dem Heimweg nach Wittenberg wird er überfallen und auf die Wartburg entführt. Doch die Entführung erweist sich als Luthers Rettung, ist er doch auf der Burg vor dem Zugriff des Kaisers und des Papstes sicher. Im 8. und letzten Kapitel, »Der Sieg des Glaubens««, beginnt er mit der Bibelübersetzung. Der Choral »Ein feste Burg ist unser Gott« wird zum Leitmotiv. Der Film endet mit den Bilderstürmen in Wittenberg, Luthers Heimkehr in die Stadt und einen Ausblick auf die in der Folgezeit stattfinden Religionskriege.

Uraufführung und Zensur

Der Film wurde in Babelsberg gedreht und hatte im Dezember 1927 Premiere. In diesem Jahr sorgten bereits Historienfilme wie Königin Luise und Die Weber für Aufsehen, aber Luther stellte sie in den Schatten. Bei der inoffiziellen Nürnberger Uraufführung des Films am 17. Dezember 1927, so die Zensurunterlagen, gab es »Anlaß zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Vertretern des katholischen und des protestantischen Religionsbekenntnisses«. Nach Beschwerden der katholischen Kirche erhielt der Film einige Zensurauflagen. Die eigentliche Premiere fand dann am 16. Februar 1928 im Berliner UFA-Palast am Zoo statt. Der Film lief ungewöhnlich lange in den Kinos. Er wurde in einer von den Zensoren insgesamt vier Mal gekürzten Fassung gezeigt, bis der protestantische Einfluss auf das Filmwesen in Deutschland 1939 endete. Natürlich wurde der Film nach Aufkommen des Tonfilms um 1930 wesentlich seltener gespielt. Allerdings darf man die Wirkung, die dieses »Film-Denkmal« auf das Luther-Bild einer ganzen Generation hatte, nicht unterschätzen. Die Aufführungen wurden angekündigt als »religiöse Weihestunde«, wo zuweilen auch Chöre live Choräle dazu aufführten.

In der zeitgenössischen Kritik wurde die Stoßrichtung der filmischen Aussage genau verstanden. So schrieb Leo Hirsch in einer Besprechung im Berliner Tageblatt vom 19. Februar 1928: »Martin Luther wird dargestellt als deutscher Heiland und mit sich ringender Revolutionär. Über all das, wogegen der historische Luther rebelliert, wird nur verstohlen gezeigt. Die Weltlichkeit der Papisten, die ›das Volk aussaugte‹, erscheint in wundervollen Aufnahmen, die Not des Volkes oft als ein Fastnachtstrubel mit lustigem Ablaßbetrieb. Luther zeigt sich inmitten mehr oder minder guter Katholiken als der bessere Katholik. Er zieht gen Worms und kommt, in Acht und Bann erklärt, heim, nicht ohne des öfteren in Titeln [gemeint sind die Texteinblendungen] seine deutsche und »die« deutsche Sendung zu erwähnen. In diesen Titeln gilt sein Protest fast mehr den Ausländern als der Unheiligkeit einer heilig gewesenen Kirche. Auf des Volkes Not antwortet er: ›Ich gebe euch die Bibel deutsch.‹«

Luther wird in diesem protestantisch-nationalkonservativen Zeitdokument der Weimarer Republik ein virtuelles Denkmal errichtet. Er wird zum Helden, wenn nicht gar Heiligen gemacht. Genau diese Verehrung war das erklärte Ziel der »Zentralstelle für die Schaffung eines Luther-Film-Denkmals«. Doch Luther selbst, so ist zu vermuten, hätte dies abgelehnt, da ihm diese Art der Heldenverehrung zuwider war.

Die Musik und der Organist

Zu dem Film gibt es eine Originalmusik von Wolfgang Zeller. Die heutige Musikbegleitung von Thierry Escaich orientiert sich aber nicht daran. Escaich hat nach eigenen Angaben bisher mehr als 100 verschiedene Stummfilme auf der Orgel oder am Klavier begleitet. Seine Herangehensweise beschreibt er so: »Für gewöhnlich schaue ich mir den Film drei Mal an, ohne irgendwelche Musik. So kann ich meine eigene Analyse machen und eine persönliche Vision des Films entwickeln. Ich versuche, nicht vor dem Konzert zu improvisieren, um die Kraft der Bilder auf der Leinwand intakt zu erhalten, wenn ich in der Öffentlichkeit improvisiere.« In diesem Film spielt die Musik auch inhaltlich eine große Rolle, wenn Luther beispielsweise auf der Laute musiziert oder den Choral »Ein feste Burg ist unser Gott« zitiert. Dazu äußert sich Thierry Escaich wie folgt: »Wenn ich als Teil der Erzählung eine besondere Handlung wie das Singen oder das Spielen eines Instruments hervorheben muss, werde ich es tun, mit Hilfe eines melodischen Zitats oder einer bestimmten Registrierung. Das mache ich aber nur, wenn es für die Dramaturgie unentbehrlich ist. Ansonsten werde ich eine gewisse Distanz zu dem Bild halten, um dem formellen Diskurs des Regisseurs besser folgen zu können.« Dass dieser Film starke propagandistische Züge trägt, ist für den Katholiken Escaich kein Problem, im Gegenteil: »Meine Musik wird für Spannungen und Rivalitäten verantwortlich sein. Ich als Komponist werde umso stärker inspiriert, je stärker die psychologischen Beziehungen zwischen den Figuren sind. Das ist so ähnlich, als würde man ein gutes Opernlibretto vertonen.«

Michael Betzner-Brandt

Biografie

Thierry Escaich
Thierry Escaich ist gleichermaßen Komponist, Organist und Improvisator. Sein Œuvre umfasst mehr als 100 Werke, die mit ihrem lyrischen Elan und ihrer mitreißenden Rhythmik ein breites Publikum ansprechen. Der Musiker gibt weltweit Rezitals, gastiert als Solist bei bedeutenden Symphonieorchestern und improvisiert regelmäßig zu Stummfilmen wie Das Phantom der Oper oder Metropolis. Renommierte Orchester in Europa und den USA haben Thierry EscaichsKompositionen unter der Leitung von Dirigenten wie Valery Gergiev, Christoph Eschenbach und Lothar Zagrosek aufgeführt. Zu seinen jüngeren Kompositionen zählen ein Doppelkonzert für Violine und Oboe für Lisa Batiashvili und François Leleux sowie die Symphonie Psalmos für das Cincinnati Symphony Orchestra (2016). Im Juli 2017 brachte er sein drittes Orgelkonzert Quatre Visages du temps mit dem Ensemble Kanazawa in Japan zur Uraufführung. Thierry Escaichs Laufbahn als Komponist ist eng mit seiner Laufbahn als Organist verbunden – ähnlich wie bei Maurice Duruflé, dem er 1997 als Titularorganist an der Pfarrkirche Saint-Étienne-du-Mont in Paris nachfolgte. Als Composer in Residence verpflichteten ihn das Orchestre National de Lyon, das Orchestre National de Lille und das Orchestre de Chambre de Paris; viermal wurde er mit dem Preis Victoire de la musique ausgezeichnet (2003, 2006, 2011, 2017). Seit 1992 unterrichtet Thierry Escaich Improvisation und Komposition am Pariser Conservatoire, wo er selbst studiert hat. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wurde er 2013 zum Mitglied der Académie des Beaux-Arts des Institut de France ernannt. Bei den Berliner Philharmonikern debütierte Thierry Escaich im September 2015 als Solist in der Symphonie Nr. 3 – der Orgelsymphonie – von Camille Saint-Saëns unter der Leitung von Zubin Mehta.

Orgel in der Philharmonie (Foto: Hermann Willers)

Thierry Escaich (Foto: Guy Vivien)