Magnus Lindgren (Foto: Fredrik Jonsson)

Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic

Stockholm Underground

Die Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic startet mit einer Hommage an den Jazz-Flötisten Herbie Mann. Dieser hatte 1969 sein legendäres Album Memphis Underground veröffentlicht, das von den wichtigsten Fachzeitschriften bis heute unter die »100 besten Jazz-Alben« gerechnet wird. In Anlehnung daran lassen schwedische Musiker unter dem Motto »Stockholm Underground« Herbie Manns lässigen, vom Latinjazz beeinflussten Groove wieder aufleben. Als Stargast mit dabei: der Jazztrompeter Till Brönner.

Henrik Janson Gitarre

Lars »Larry« Danielsson E-Bass

Daniel Karlsson Keyboard

Ida Sand Gesang und Klavier

Per Lindvall Schlagzeug

Till Brönner Trompete

Magnus Lindgren Flöte und Leitung

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Mi, 20. Sep 2017, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie P

Programm

Mit einer Hommage an den Jazz-Flötisten Herbie Mann beginnt die neue Saison der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic. Der Titel des Abends lehnt sich an dessen legendäres Album Memphis Underground von 1969 an, das von den wichtigsten Fachzeitschriften bis heute unter die »100 besten Jazz-Alben« gerechnet wird. Herbie Manns lässigen, mit einer starken, von seinen Brasilien-Reisen inspirierten Latin-Note unterlegten Groove wollen hier aus diesem Geist schöpfende schwedische Musiker wieder aufleben lassen.

Mit Henrik Janson an der Gitarre, Lars »Larry« Danielsson am E-Bass und Per Lindvall am Schlagzeug ist die Urbesetzung von Nils Landgrens Funk Unit versammelt, die Mitte der 1990er-Jahre bewies, dass Groove und Soul nicht nur von Amerikanern, sondern auch von Europäern gespielt und weiterentwickelt werden kann. Dazu kommt an den Keyboards Daniel Karlsson, der sich mit seinem Trio sowie bei Oddjobund in der Band des e.s.t.-Schlagzeugers Magnus Öström als rhythmisch-melodischer Meister bewiesen hat. Als Gast stößt schließlich die Sängerin Ida Sand dazu, deren soulige Stimme perfekt zum Herbie-Mann-Programm passt.

Die Schlüsselfigur dieses Projekts aber ist Magnus Lindgren, ein Leuchtturm in der Jazz-Szene Stockholms. Er ist nicht nur der beste Jazz-Flötist Schwedens, sondern wie Herbie Mann auch Saxofonist, Komponist und Arrangeur. Lindgren war unter anderem auch musikalischer Leiter einiger Projekte von Deutschlands populärstem Jazzer, dem Trompeter Till Brönner. So wird Brönner, der für seine Liebe zum groovenden und vom Latin-Jazz beeinflussten Mainstream bekannt ist, auch hier als Gast dabei sein.

Über die Musik

Stockholm Underground

Eine Hommage an Herbie Mann

Europas bester Jazzflötist: Magnus Lindgren

Im Rückgriff auf musikalische Traditionen und Vorbilder entsteht oft Neues, mitunter Wegweisendes. Viele Abende der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic haben dies eindrucksvoll bewiesen. Für das erste Konzert der gerade begonnenen Saison erinnerte sich ihr Kurator Siggi Loch an einen zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen späten Pionier des Jazz: Herbie Mann, der nicht nur ein Vordenker vieler Fusion-Stränge des Jazz war, sondern auch die Flöte als Lead- und Soloinstrument im Jazz einführte. Eines seiner wichtigsten Alben ist Memphis Underground von 1969, das die amerikanische Zeitschrift Rolling Stone 2013 unter die »100 besten Jazzalben« aller Zeiten wählte. Um den Geist dieses Meilensteins, seines Schöpfers wie dessen Ära aufleben zu lassen, wandte sich Loch an den schwedischen Holzbläser Magnus Lindgren. Der bei uns noch viel zu wenig beachtete Leuchtturm der Jazzszene Stockholms ist nun die Schlüsselfigur des Stockholm Underground-Abends.

Magnus Lindgren ist nicht nur – wie es Herbie Mann war – Saxofonist, Komponist und Arrangeur, sondern vor allem der vermutlich beste Jazzflötist Europas. Und doch ist Stockholm Underground sein erstes Projekt, bei dem er ausschließlich Flöte spielt. Mit seinen weichen Linien, dem aspirierten Ton und den Multiphonics-Passagen, bei denen Stimme und Flöte zugleich erklingen, beherrscht er die Elemente perfekt, die für Herbie Manns Instrumentalstil so typisch waren. Lindgren ist aber nicht nur der herausragende Solist des Abends, er schrieb auch die Arrangements und komponierte mehrere Stücke.

Der 1974 in Västerås gut 100 Kilometer westlich von Stockholm geborene Magnus Lindgren begann mit 13 Jahren Saxofon zu lernen, besuchte zunächst das Musikgymnasium in seinem Heimatort und später dann die Königliche Musikakademie in Stockholm. Schon 1992 tourte er mit dem Peter Johannesson Quintett und Herbie Hancock. Und gleich sein Debütalbum Way Out wurde 1999 für den schwedischen Grammy nominiert. Bekommen hat er ihn dann zwei Jahre später für das Bigbandalbum Paradise Open mit der Swedish Radio Jazz Group, das auch die renommierte Auszeichnung »Gyllene Skivan« des schwedischen Magazins Orkesterjournalen erhielt. Im selben Jahr wurde Lindgren zum besten schwedischen Jazzmusiker des Jahres gewählt. 2006 folgte der schwedische Django d’Or als »Contemporary Star of Jazz«.

Lindgren tourt viel mit seinem 1997 gegründeten Quartett mit dem Pianisten Mathias Algotsson, dem Bassisten Fredrik Jonsson und dem Schlagzeuger Jonas Holgersson. Unter anderem spielte die Formation beim Montreux Jazz Festival, wo sie auch als Begleiter der Opernsängerin Barbara Hendricks auftraten. Zu den Kollegen, mit denen er spielte, gehören Skandinavier wie Jonas Kullhammar, Jojje Wadenius, Lisa Ekdahl oder Lina Nyberg (mit der er das erfolgreiche Bigbandalbum Brasil Big Bom einspielte), aber auch internationale Größen wie Bob Mintzer, Steve Slagle, James Ingram oder Jim McNeely. Und er gehörte zudem zum Team von Nils Landgrens Funk Unit, die dem schwedischen Jazz entscheidend die Tür zur internationalen Szene öffnete. Außerdem arbeitet Lindgren viel als Arrangeur, beispielsweise für die Nobelpreis-Verleihung 2003, und als Komponist, für Jazzensembles ebenso wie für große Besetzungen. So schrieb er für das Opernorchester in Malmö die 2004 in Stockholm uraufgeführte Music for Neighbours.

Das Vorbild: Jazzflötist Herbie Mann

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele, vielleicht sogar die Mehrzahl der wichtigen Entwicklungen des Jazz in Europa ereignet. Die Heimat des Jazz aber ist und bleibt Amerika. Die überwiegend schwarzen und jüdischen amerikanischen Musiker der Jazzfrühzeit und der großen Blüte des Swing und des Bebop waren die Taktgeber, an denen sich der Rest der Jazzwelt orientierte, bevor auch auf den anderen Kontinenten begnadete Talente ihren eigenen Personalstil fanden. Einer der späten prägenden US-Pioniere ist eben der Jazzflötist Herbie Mann.

Mann war nicht nur derjenige, der die Flöte als Lead-Instrument im Jazz eingeführt hat, er war auch ein Pionier des Jazz-Rock, der Weltmusik und anderer Fusionstile. Freilich begann auch der 1930 im New Yorker Stadtteil Brooklyn als Sohn jüdischer Auswanderer geborene Herbert Jay Solomon ganz traditionell. In den frühen 1950er-Jahren spielte er noch den zeittypischen Bebop, und dies auf dem Tenorsaxofon, auf Klarinette und Bassklarinette, bevor er sich als einer der ersten Jazzmusiker ganz auf die Flöte spezialisierte. Sein Horizont weitete sich entscheidend, als ihn das State Department auf eine Afrikatournee schickte. Mit Flautista! nahm er noch im selben Jahr ein Album mit afro-kubanischem Jazz auf. Zwei Jahre später bereiste er Brasilien, um nach der Rückkehr in New York mit brasilianischen Musikern wie Antônio Carlos Jobim oder dem Gitarristen Baden Powell ins Studio zu gehen. Mann wurde damit zu einem der ersten und wichtigsten Verbreitern des Bossa nova in den USA und Europa; die brasilianische Musik behielt fortan starken Einfluss auf sein Werk. Seinen ersten Hit hatte Mann freilich 1962 mit dem funkigen »Comin’ Home Baby«, und danach verlegte er sich – wieder als einer der ersten – für mehrere Alben darauf, Jazz auch mit Soul und R&B zu kreuzen. Memphis Underground war dann der Gipfel dieser Entwicklung.

Stilgrenzen interessierten Mann nie, in den 1970er- und -80er-Jahren unternahm er auch Fusion-Experimente mit Raggae, Rock (London Underground), Disco oder indischer Musik (mit dem Sarodvirtuosen Vasant Rai). Auf einem seiner letzten Alben aus dem Jahr 2000, East European Roots, schließlich beschäftigte er sich mit der jüdisch-slawischen Volksmusik seiner Vorfahren. Zum letzten Mal trat Mann im Mai 2003 beim New Orleans Jazz and Heritage Festival auf, zwei Monate später erlag er mit 73 einer langwierigen Krebserkrankung.

Seine Wandlungsfähigkeit, die auch vor trivialen Trends und seichten Strömungen nicht Halt machte, brachte ihm einerseits den Zorn der Jazzpuristen, andererseits aber eine enorme Popularität ein, auch noch in Zeiten, als das allgemeine Interesse an Jazz stark schwand. Nicht weniger als 25 seiner Alben erreichten die Popcharts, was kaum einem anderen Jazzer je gelungen sein dürfte. Daran knüpft Magnus Lindgren im Konzert des heutigen Abends an. Er wird aber nicht nur Manns mit einer starken, von den Brasilienreisen inspirierten Latin-Note unterlegten Soul- und R&B-Jazz wieder aufleben lassen, sondern mit einem weit aufgefächerten, in die Gegenwart reichenden, vielleicht sogar in die Zukunft weisenden Programm einen eigenen Beitrag leisten. Von den fünf Stücken des Memphis Underground-Albums steht deshalb auch nur eines auf dem Programm. Ansonsten geht es vom hier scharf synkopierten Procul Harum-Crossover-Klassiker »A Whiter Shade Of Pale« und der soften Funk-Nummer »Penny Blue« der Crusaders über Ida Sands Soul-Reißer »Brutal Truth« bis zu den von Magnus Lindgren selbst geschriebenen Stücken, darunter das samtweiche »Mr. Mann« oder den mit entsprechenden Keyboard-Pattern und cooler Flötenlinien clever an Manns Discophase angelehnten »Super Boogie«.

Das Publikum im Kammermusiksaal erwartet also auch in diesem Konzert ein einmaliger, nicht wiederholbarer Abend – gleichwohl er diesmal von langer Hand vorbereitet ist. Der Kern der auftretenden Musiker hat nicht nur schon mehrfach zusammen geprobt, man war auch bereits im Studio und nahm Stockholm Underground unter der Leitung des hier von vielen Auftritten bestens bekanntem schwedischen Posaunisten Nils Landgren als CD auf. Zum zweiten Mal in der Geschichte der Reihe wird also eine CD zum Programm – vor der offiziellen Veröffentlichung – erhältlich sein.

Aus Memphis Underground wird Stockholm Underground

Vielleicht am Wichtigsten war Herbie Mann, dass seine Musik groovt. Unter den Musikern auf seinen Alben befanden sich stets die besten Sessionmusiker des Soul- und Jazzbereichs. Von Memphis Underground sagte er selbst, es sei innerhalb seines Œuvres »der Inbegriff eines Groove-Albums«, weil »man die Rhythmusgruppe wie einen einzigen Musiker empfindet«. Dafür hatte er freilich auch die richtigen Begleiter gefunden, neben seinen Co-Solisten Roy Ayers, Larry Coryell und Sonny Sharrock vor allem die legendäre Stax Rhythm Section des gleichnamigen Studios in Memphis. Musiker wie Wayne Jackson (Trompete), Charles Axton (Tenorsaxofon), Floyd Newman (Baritonsaxofon), Booker T. Jones (Orgel/Klavier), Johnny Jenkins (Gitarre), Donald »Duck« Dunn (Bassgitarre) oder Al Jackson (Schlagzeug), deren Namen man erst heute aus Dokumentationen besser kennt, die aber entscheidenden Anteil am Memphis Soulsound der Aufnahmen etwa von Otis Redding, Wilson Pickett oder später Isaac Hayes hatten.

Für einen Jazz at Berlin Philharmonic-Abend in diesem Geiste musste natürlich eine ebenso »tighte« Rhythmusgruppe wie die Stax Rhythm Section zusammengestellt werden. Wie der Titel Stockholm Underground nahelegt, wurde man bei schwedischen Musikern fündig. Und es ist kein Zufall, dass das europäische Gegenstück zur Memphis Stax Rhythm Section gerade aus Schweden kommt. Das Land und insbesondere Stockholm war – neben Paris – früh ein bevorzugter Zufluchtsort für amerikanische Jazz- und Bluesmusiker, die vor Diskriminierung und wirtschaftlicher Not flohen. Ein Quincy Jones hat in den 1950er- und -60er-Jahren mit der schwedischen Radio Big Band einige seiner schönsten Aufnahmen gemacht. Ein Art Farmer interpretierte 1964 schwedische Folksongs. Das Stockholm Jazz Festival war früh ein Kulminationspunkt transatlantischer Begegnungen. Viele US-Musiker lebten eine Zeit lang hier oder tun es noch – wie der Gitarrist und Sänger Eric Bibb, der bei der CD-Aufnahme von Stockholm Underground als Gast mit von der Partie war. Selbst »Mrs. Street Life« Randy Crawford hat sich einst regelmäßig von der skandinavischen Funk-Jazz-Band Lava begleiten lassen. Den schwedischen Jazz hat all dies bis heute stark beeinflusst.

Die Funk-Unit-Rhythmusgruppe als »Backbone«

Wie eben auch die Rhythmusgruppe bei Stockholm Underground. Mit Henrik Janson an der Gitarre, Lars »Larry« Danielsson am E-Bass und Per Lindvall am Schlagzeug ist die heute weit über Skandinavien hinaus ebenfalls fast kultisch verehrte Urbesetzung von Nils Landgrens Funk Unit versammelt, die Mitte der 1990er-Jahre bewies, dass Groove und Soul nicht nur von Amerikanern, sondern auch von Europäern gespielt und weiterentwickelt werden kann.

Ein Henrik Janson etwa, 1961 in der Provinz Värmland geboren, hat wie so viele skandinavische Musiker nicht nur die eigene Volksmusik und die Klassik, sondern auch die Einflüsse amerikanischer Musik von früh auf eingesogen. Vom Cello auf Gitarre umgestiegen, gründete er bereits im Alter von 13 Jahren seine erste Jazzrock-Band Mantra, für die er auch bereits alle Titel schrieb. Seit 1981 in Stockholm lebend, wurde er dort rasch ein gefragter Studiomusiker, Produzent, Dirigent, Komponist und Arrangeur. Als Gitarrist stand er in Diensten nationaler Stars wie Roxette, Thomas Ledin, Benny Andersson oder Ratata, aber auch vieler internationaler Stars, von groovenden Jazzern wie Toots Thielemans, Eddie Harris, Maceo Parker oder Randy Brecker über Popstars wie Britney Spears, Kelly Rowland, Ronan Keating bis zu Boygroups wie den Backstreet Boys, Take That und Westlife. Sein Soloalbum Livingroom wurde 1992 für den schwedischen Grammy nominiert.

Oft in Gemeinschaftsarbeit mit seinem Bruder Ulf schrieb er zahlreiche Scores und Arrangements im Classic-Crossover-Bereich, unter anderem kommerziell äußerst erfolgreich für das Quartett Il Divo und das Trio Divine, aber auch für Paul Potts und in der Folge für viele andere Castingshow-Gewinner. Janson arbeitete dabei unter anderem mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra, den Prager Philharmonikern und dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra zusammen. Zuletzt arrangierte er die Streicher für Céline Dion. Auch als Songwriter feierte Janson große Erfolge – und nicht zuletzt eben auch als Mitglied von Nils Landgrens Funk Unit.

Ähnliches gilt für den 1959 geborenen Schlagzeuger Per Lindvall. Dem Autodidakten, der als junger Musiker in einer Kirchengruppe untrügliches Timing, Groove und das intuitive Gespür für Melodiebegleitung lernte, eilt in seiner Heimat ein Ruf wie Donnerhall voraus: Er dürfte von allen schwedischen Drummern die meisten Einspielungen vorzuweisen haben – neben vielen anderen zum Beispiel mit ABBA, aber auch bei Soloprojekten von Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Bjorn Ulvaeus war er dabei, ebenso bei Aufnahmen von Janne Schaffer oder von A-ha. Für viele Produzenten aus den verschiedensten Musikgenres ist Lindvall wegen seines soliden Grooves und seiner Fähigkeit, das Beste aus Sängern und Begleitern herauszuholen, bis heute die erste Wahl. Mit seinem Bruder Sven am Bass und Staffan Astner an der Gitarre ist Lindvall auch mit seiner eigenen Band Bronk unterwegs.

Zur Spezies der unverzichtbaren Sidemen, die den Sound vieler Bands entscheidend prägen, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen, gehört auch der E-Bassist Lars »Larry« Danielsson, nicht zu verwechseln mit dem Kontrabassisten gleichen Namens. 1960 im dänischen Gentofte geboren, heute in Kopenhagen lebend, verlor Danielsson sein Herz früh an groovende Fusionmusik, ob Westcoastsound, LA Funk, Blues oder R&B-Pop. Bald wurde er eine Koryphäe auf diesem Gebiet und begleitete in den mehr als 35 Jahren seiner Karriere unglaubliche 500 Einspielungen mit seinem Fender Bass. Weit über Skandinavien hinaus – wo er zum Beispiel lange Jahre mit seinen Landsleuten Sanne Salomonsen und Thomas Helmig, mit Michael Ruff, Lisa Nilsson oder Morten Harket arbeitete, oft zusammen mit Per Lindvall und Henrik Janson – ist er heute einer der begehrtesten Vertreter seines Fachs. Unter anderem stehen Art Garfunkel, Sheryl Crow, Jerry Lee Lewis, Mary J. Blige, die Brecker Brothers, Maceo Parker oder Eagle-Eye Cherry auf der Liste seiner Auftraggeber. Einen Eindruck von dem Bass-Spiel, das man im heutigen Konzert erwarten darf, kann man auf dem 2012 veröffentlichten Album Studio Tan gewinnen, auf dem neben der Sängerin Rigmor Gustafsson mit Janson, Lindvall, Magnus Lindgren und Nils Landgren bereits die wichtigsten Stockholm Underground-Mitstreiter versammelt sind.

Vervollständigt wird die Rhythmusgruppe bei Stockholm Underground an den Keyboards von Daniel Karlsson. Dass er nicht so bekannt ist wie seine Landsleute Jacob Karlzon, Bobo Stenson oder gar Esbjörn Svensson, liegt nicht an mangelnden Fähigkeiten, sondern an seinem Nebenberuf: Er besitzt und fährt eine Stockholmer Schärenfähre. Das Taxibåt hieß deshalb auch sein erstes Trioalbum. Drei hervorragende und preisgekrönte CDs in dieser Formation hat er bislang nachgelegt. Sie beweisen, dass er einer der groovendsten, originellsten und modernsten seiner Zunft ist. Inzwischen hat er sich für seine Fähre einen Ersatzfahrer gesucht, denn auch beim furiosen Powerjazzquintett Oddjob und in der Band des e.s.t.-Schlagzeugers Magnus Öström ist er mittlerweile der rhythmisch-melodische Großmeister an den Tasten.

Prominente Gäste: Till Brönner und Ida Sand

In den vergangenen Jahren war Magnus Lindgren auch der musikalische Leiter und Arrangeur einiger Projekte von Deutschlands populärstem und erfolgreichstem Jazzer der jüngeren Generation, dem Trompeter Till Brönner. Nicht nur deswegen ist Brönner jetzt als Gast bei Stockholm Underground dabei, sondern vor allem , weil der in Bigbands und Orchestern musikalisch sozialisierte 46-Jährige selbst ein Spezialist für eingängigen, groovenden Jazz ist. Und zwar ebenfalls einer, der dabei grenzenlos neugierig bleibt. Auf seinen Alben wandelte er mal auf den Spuren von Chet Baker oder Miles Davis, mal gab er sich brasilianisch oder elektronisch, mal suchte er im Duo mit dem Kollegen Sergei Nakariakow die Begegnung mit der Klassik. Obwohl Trompete und Flügelhorn sicher seine größten Stärken sind, hat er sich auch als Sänger ausprobiert. Als Gastmusiker begleitete er Jazzveteranen wie Dave Brubeck oder Monty Alexander ebenso wie Soul- und Funkgrößen von Nils Landgren bis Joy Denalane. Als Produzent und Moderator begab er sich am weitesten in den Pop hinein: Alben von Hildegard Knef und den No Angels tragen seine Handschrift, für allgemeine Aufmerksamkeit sorgte er als Mentor und Juror bei der TV-Castingshow »X-Factor«. Eine Mischung, die Till Brönner spektakuläre Verkaufserfolge, viele Auszeichnungen vom Preis der Deutschen Schallplattenkritik bis zum Echo in allen Kategorien, eine Professur in Dresden und Popularität weit über den Jazzbereich und Deutschland hinaus eingebracht hat. Aktuell schiebt er seinen Traum von einem »Jazzhaus« in Berlin an, macht regelmäßig eine Sendung für Klassik Radio und tourt mit seinem aktuellen Album The Good Life durch die Republik.

Schließlich ist noch Sängerin Ida Sand, selbst gebürtige Stockholmerin, bei Stockholm Underground in der Berliner Philharmonie mit dabei. Die Tochter eines bekannten Opernsängers und einer Kirchenmusikerin hat als Pianistin wie als Sängerin eine eigene Farbe, eine, die man nicht unbedingt von einer Schwedin erwartet. So war ihr spätes europäisches Debüt 2007 Meet Me Around Midnight eine echte Überraschung: Keinen ätherischen, »nordischen« Pop-Jazz, sondern puren, von einem dramatischen Timbre befeuerten und exzellent selbst am Klavier begleiteten Soul präsentierte sie da. Zehn Jahre und vier Alben später – zuletzt interpretierte sie auf Young At Heart Songs der kanadischen Folk-Rock- und Songwriter-Legende Neil Young – gilt die Ehefrau des Rockgitarristen Ola Gustafsson vielen als beste weiße Soulstimme Europas. Womit sie perfekt zum Herbie-Mann-Programm passt, speziell beim legendären Memphis Underground-Cover von Aretha Franklins »Chain of Fools«, aber auch mit ihrer eigenen Komposition »Brutal Truth«.

Alles ist also angerichtet für eine skandinavische Evolution des groovigen Soul-Jazz, wie ihn ein Herbie Mann und eine Stax Rhythm Section entscheidend mitgeprägt haben.

Oliver Hochkeppel

Magnus Lindgren (Foto: Fredrik Jonsson)