(Foto: Monika Rittershaus)

Das Bundesjugendorchester interpretiert Brittens »War Requiem«

Im Bundesjugendorchester versammeln sich hochbegabte Nachwuchsmusiker im Alter von 14 bis 19 Jahren. In diesem Konzert interpretiert der Klangkörper, für den die Berliner Philharmoniker 2013 eine Patenschaft übernahmen, gemeinsam mit dem Orchestre Français des Jeunes Benjamin Brittens War Requiem – ein gewaltiges, ergreifendes Plädoyer für die Völkerverständigung. Passend hierzu finden in dieser Aufführung Solisten und Chöre aus Deutschland, England, Frankreich, Polen und Belgien zusammen.

Bundesjugendorchester

Orchestre Français des Jeunes

Thomas Neuhoff Dirigent

Daniel Spaw Ko-Dirigent

Banu Böke Sopran

James Gilchrist Tenor

Erik Sohn Bariton

Chor des Bach-Vereins Köln e.V.

Polski Narodowy Chór Młodzieżowy Chor

Agnieszka Franków-Żelazny Chor-Einstudierung

Coventry Cathedral Girls' Choir Mädchenchor

Kerry Beaumont Chor-Einstudierung

Les Pastoureaux Knabenchor

Philippe Favette Chor-Einstudierung

Jugendchor der Lukaskirche Bonn

Thomas Neuhoff Chor-Einstudierung

Benjamin Britten

War Requiem für Soli, großen Chor, Kinderchor, großes Orchester und Kammerorchester

Eine Veranstaltung im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahrs 2018 »Sharing Heritage«

Termine und Karten

Programm

Genau ein Jahrzehnt ist es her, dass es sich die Berliner Philharmoniker zur Aufgabe gemacht haben, regelmäßig einige der besten Jugendorchester aus aller Welt nach Berlin einzuladen. Das Bundesjugendorchester war seitdem bereits mehrfach zu Gast im Scharoun-Bau; 2013 übernahmen die Berliner Philharmoniker dann eine bis heute bestehende Patenschaft für das traditionsreiche Nachwuchsorchester. Seine rund 100 Mitglieder sind zwischen 14 und 19 Jahre alt. Die professionelle Ausbildung zum Berufsmusiker haben die meisten von ihnen daher erst noch vor sich – wenn sie sich denn überhaupt für eine solche entscheiden. Denn die Absicht, eine Musikerlaufbahn einzuschlagen, ist keineswegs Voraussetzung für die Aufnahme in das Orchester.

Hohes technisches Können, Liebe zur Musik und der Wunsch, ein Teamplayer zu sein, reichen aus, um Teil eines Klangkörpers zu werden, dem Sir Simon Rattle 2015 ins Gästebuch schrieb: »You are sensationally good!« Doch nicht nur deshalb tut man gut daran, keines der Berliner Gastspiele des Bundesjugendorchesters zu versäumen: Aufgrund der eng gesteckten Altersgrenzen ist die personelle Besetzung dieses durch ansteckend vitale Interpretationen begeisternden Klangkörpers einer ständigen Fluktuation unterworfen – wodurch jedes seiner Konzerte auch für das Publikum zu einem »einmaligen« Erlebnis im doppelten Wortsinn wird.

Auf dem Programm des Konzerts, welches das Bundesjungendorchester auf Einladung der Berliner Philharmoniker in dieser Saison gibt, steht mit Benjamin Brittens 1962 uraufgeführtem War Requiem ein singuläres Werk der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts: Das mit drei Gesangssolisten, einem Knabenchor, einem gemischten Chor, einem Kammerorchester und einem Symphonieorchester groß besetzte Werk stellt nämlich nichts weniger dar, als einen hoch komplexen, dabei unmittelbar anrührenden musikalischen Beitrag zum europäischen Gedanken der Völkerverständigung – und wer könnte für diesen besser einstehen, als ein Orchester junger, von einem international besetzten Vokaltrio unterstützter Musiker?

Über die Musik

»Ich bin der Feind, den du getötet hast, Freund«

Benjamin Brittens War Requiem

»Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen« – diese Worte von Wilfred Owen prangen auf dem Titelblatt zum War Requiem von Benjamin Britten. Und genau das ist dessen Totenmesse geworden: eines der eindrücklichsten Mahnmale der Musikgeschichte. Zudem ein erschütterndes Bekenntniswerk Brittens, das trotz seiner kompositorischen Meisterschaft und des enormen Aufwands musikalischer Mittel in seiner Aussage beklemmend einfach und direkt bleibt. Was auch für Britten selbst das hervorstechendste Merkmal seiner Totenmesse war: »Meiner Meinung nach ist das War Requiem das Werk, mit dem man sich am längsten an mich erinnern wird. Aber nicht wegen der Musik, sondern wegen der darin enthaltenen Botschaft, die hoffentlich noch viele Jahre Gültigkeit hat.« So wurde das Klangdenkmal nicht nur zu einem Requiem für die Verstorbenen – Britten widmete es vier gefallenen Freunden, stellvertretend für alle Opfer des Zweiten Weltkriegs –, sondern vor allem zu einer Parabel für die Überlebenden. Oder anders gesagt: Das War Requiem ist der Appell eines zutiefst überzeugten Pazifisten zur Versöhnung, ein auch politisches Signal zur Völkerverständigung sowie Friedensfanal in einer Zeit, in der der bedrohliche Hintergrundlärm des Kalten Kriegs omnipräsent war.

Die politisch-pazifistische Botschaft des War Requiem ist dabei eng verbunden mit seiner Entstehungsgeschichte: Im November 1940 bombardierte die deutsche Luftwaffe die englische Stadt Coventry, das Ausmaß der Schäden war verheerend: Von den fast 1000 Gebäuden im Stadtzentrum blieben lediglich 31 verschont. Zerstört wurde auch die prachtvolle spätgotische Kathedrale, von der nur die Umfassungsmauern und der Westturm unversehrt blieben. 20 Jahre später entstand neben den alten Ruinen ein neues, von Basil Spence entworfenes Gotteshaus mit einem Hochaltargobelin von Graham Sutherland und einem abstrakten Glasfenster von John Piper für das Baptisterium. Die Planer verzichteten ganz bewusst darauf, die mittelalterliche Herrlichkeit wiederherzustellen, und konzipierten statt dessen eine neue Kathedrale, aus der heraus der Blick auf die zerstörten Ruinenreste möglich ist. Das Bauwerk sollte aber nicht nur Mahnmal sein, sondern auch der Versöhnung dienen: Seine Einweihung im Mai 1962 wurde mit einem dreiwöchigen Festival der Musik und der Künste gefeiert, in dessen Rahmen zwei bedeutende Werke der britischen Musik ihre Uraufführung erlebten: Michael Tippetts Oper King Priam, die vom trojanischen Krieg handelt, und das War Requiem. Die Versöhnungsgeste des Eröffnungsfestivals wollte Britten mit der Besetzung der Solopartien aufgreifen: Die Sopranistin Galina Wischnewskaja, der Tenor Peter Pears und der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau sollten bei der Uraufführung am 30. Mai 1962 singen, stellvertretend für die ehemaligen Kriegsparteien Russland, England und Deutschland – nun vereint auf einer Bühne. Doch dazu kam es nicht, denn der russischen Sopranistin wurde von Staats wegen die Ausreise verwehrt. In jener Zeit, lange vor Glasnost, waren die russischen Behörden noch wenig an einer internationalen Aussöhnung interessiert, und so sprang die britische Sopranistin Heather Harper schließlich für die Kollegin aus der Sowjetunion ein.

Allumfassendes Thema: Tod und Trauer

Außergewöhnlich wie Umstände seiner Entstehung ist auch die kompositorische Konzeption des War Requiem, in dem Britten zu einer ganz eigenwilligen, neuen und originellenWerkgestalt findet. In der Verschmelzung höchst disparater Formelemente erscheint seine Schöpfung als eine kaum kategorisierbare Mischform aus Messe, Oratorium, Kantate und Liederzyklus – und das auf textlicher wie auf musikalischer Ebene –, die zusammengehalten wird von einem alle Schichten beherrschenden Thema: Tod und Trauer. Neben dem traditionellen lateinischen Text der Totenmesse fand Britten eine Inspirationsquelle in der Lyrik des englischen Dichters Wilfred Owen. Der hatte als Infanterieoffizier im Ersten Weltkrieg dessen Schrecken am eigenen Leib erfahren und war 1918 in Frankreich mit nur 25 Jahren gefallen – in dem Alter, in dem Britten den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erlebte. Owens Gedichte schildern die körperlichen Qualen, das Leid und das Entsetzen also aus erster Hand und wirken gerade deshalb auf so eindrückliche Weise. Es ist eine private, zutiefst verstörende, weil grausig-bittere Antikriegslyrik, die der Dichter hinterlassen hat, mithin eine expressionistische Schilderung der Kriegsgräuel.

Britten fügt die zeitgenössischen Texte allerdings nicht nahtlos in die traditionelle Liturgie ein, sondern konfrontiert die Totenklage und Erlösungsbitte der letzteren – teils in harschen Brüchen – mit Owens leidenschaftlicher Anklage und Auflehnung gegen den Wahnsinn des Kriegs. »Die großartigen Gedichte, voller Hass auf die Zerstörungswut, sind eine Art Kommentar zum Requiem«, schrieb Britten 1961 dann auch an Dietrich Fischer-Dieskau. Und mehr noch: Die sakrale Feierlichkeit der liturgischen Totenmesse wird von den Gedanken Owens mit teilweise fast blasphemischer Wucht konterkariert. Am schärfsten wohl im Offertorium. Während der Messtext hier einen unerschütterlichen Erlösungsgedanken zelebriert – »Erlöse die Seelen aller, die hingeschieden im Glauben, aus den Qualen der Unterwelt […] dass sie nicht hinabstürzen zum Abgrund.« – wendet Owen, ausgehend vom Satz »Quam olim Abrahae promisisti«, die Geschichte von Abrahams Opfer in ein bitterböses Ende: »Da band Abraham den Jüngling mit Gürteln und Riemen / und baute daselbst Wälle und Schützengräben, / und hob das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. / Doch siehe, ein Engel rief ihn vom Himmel / und sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben […] / Doch der alte Mann wollte nicht, sondern schlachtete seinen Sohn / und die halbe Saat Europas, einen nach dem anderen.«

Der Raum als dramatisierendes Moment

Der literarischen Interpolationstechnik mit den zwei so ungleichen Textschichten entspricht auch der genaue, auf die Raumwirkung zielende Aufstellungsplan für die verschiedenen Instrumental-und Vokalensembles, zu dem sich Britten von der ineinander verschachtelten Architektonik der alten und neuen Bauteile der Kathedrale von Coventry inspirieren ließ. Drei Klangebenen treffen hier aufeinander und immer wieder fallen sich die Interpreten mit ihren Texten gegenseitig ins Wort. Zum einen der Solosopran, unterstützt von gemischtem Chor und großem Orchester. Ihm ist der lateinische Text anvertraut, als Ort der traditionellen Requiemsvertonung, musikalisch mit breitem Strich gezeichnet und von der Welle symphonischer Wucht getragen. Zum anderen aber sind einige Teile des Messtexts einem Knabenchor zugeteilt, samt einer Orgelbegleitung, die sich oft in dissonant-schwebender Spannung zu den vokalen Linien bewegt, als quasi entrückter Raum, der auch in der Aufstellung in die Ferne verlegt ist. Im Vordergrund hingegen stehen Solotenor und -bariton als personifizierte Soldaten, begleitet von einem kleinbesetzten Kammerorchester. Hier sind die imaginären Stimmen der Opfer, der Aufschrei und die Verzweiflung kompositorisch eingefangen, was sich auch in der komplexen, ja zerfahrenen kammermusikalischen Begleitung widerspiegelt. Den Gesang der Solisten wünschte sich Britten dabei »von äußerster Schönheit, Intensität und Ernsthaftigkeit«.

Durch diese auf groß dimensionierte Kirchenschiffe zugeschnittene Aufteilung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund gewinnt der Raum als dramatisierendes Moment an Bedeutung. Das wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass Britten die einzelnen Ebenen auch musikalisch klar voneinander abgrenzt mittels einer seinen eigenwilligen Personalstil charakterisierenden polyglotten Schreibweise. Im War Requiem zeigt sich das an der breiten Palette unterschiedlicher Satztechniken, die den beiden Textschichten zugeordnet sind: vom strengen Fugensatz in der Spähre der mittelalterlichen Liturgie bis hin zur freien, ganz am natürlichen Sprechen orientierten Deklamation in der Welt der Gedichte. Gerade der Kontrast dieser Klangebenen, ihr gewaltsamer Wechsel sind das primäre Merkmal von Brittens Werk. Erst zum Schluss überlagern diese sich und formulieren in der gegenseitigen Durchdringung den finalen Versöhnungsgedanken eines spannungsgeladenen Stücks, dem über weite Strecken das Intervall des Tritonus, des diabolus in musica, als motivischer Kern zugrunde liegt, vor allem in der Gestalt aus den Tönen C und Fis. Erst am Ende der Komposition steht die als Auflösung empfundene Rückung in ein tonal jedoch labiles F-Dur – im Pianissimo des A-capella-Chors am Ende des »Libera me«.

Brittens pazifistische Botschaft

Die Uraufführung des War Requiem geriet zu einem ergreifenden Moment, der die Zeitgenossen zutiefst erschütterte. So schrieb der Dramatiker Peter Shaffer: »Ich glaube, es ist das beeindruckendste und bewegendste Stück geistlicher Musik, das je in diesem Land komponiert wurde. Kritik ist hier unangebracht.« Und William Mann wünschte sich in der Times, »dass alle Menschen weltweit das Werk anhören, verinnerlichen und als ultimativen Aufruf zur Nächstenliebe sehen, wie sie im Requiem verkündet wird. Praktisch jeder, der das Werk gehört hat, hat es auf der Stelle als Meisterwerk erkannt.« Hans Keller kam in der BBC zu dem Schluss, dass das Werk »dem Zuhörer, wie von Britten bezweckt, unmittelbar unter die Haut geht. Dies ist vielleicht das erste Mal in der Musik des 20. Jahrhunderts, dass die Kluft zwischen Komponisten und Publikum nicht nur überbrückt, sondern geschlossen worden ist. Gleichzeitig hat Britten an keiner Stelle den Tiefgang dem Seichten geopfert, stattdessen hat er – für eineinhalb Stunden – die Dauerkrise der zeitgenössischen Musik beendet.«

Die Zuhörer hatten Brittens Botschaft verstanden, sein pazifistisches Manifest der Versöhnung, das auf geradezu mustergültige Weise dem künstlerischen Selbstverständnis des Komponisten Ausdruck verleiht, demzufolge jedes Werk eine nach außen wirkende Absicht tragen müsse, die durch den Gebrauch einer allgemeinverständlichen musikalischen Sprache einem möglichst breiten Publikum zugänglich sein sollte. In seinem War Requiem ist ihm das fraglos gelungen, obwohl die Umstände der Uraufführung alles andere als optimal waren. Wenngleich der Name von Galina Wischnewskaja bereits im Programm stand, musste sie, wie bereits erwähnt, durch Heather Harper ersetzt werden – gerade einmal zehn Tage vor dem Konzert. Erschwerend kam hinzu, dass für den Chor nicht genügend Probenzeit eingeplant worden war. Und mehr noch: Britten, der die Premiere ursprünglich selbst dirigieren wollte, verlor kurz zuvor die Nerven und bat schließlich seine Kollegin Meredith Davies, die Leitung des großen Orchesters und des gemischten Chors zu übernehmen, während er selbst sich auf das Kammerorchester beschränkte. Davies hatte den Chor einstudiert und sollte ohnehin die zweite Aufführung in Coventry dirigieren. Ganz in Brittens Händen lag dann wenige Zeit später die erste Studioaufnahme des Werks, bei der nun endlich auch Galina Wischnewskaja die Sopranpartie singen konnte. Innerhalb von nur fünf Monaten wurden fast 250.000 Exemplare davon verkauft. Und bis heute hat das War Requiem nichts von seiner Faszination eingebüßt, ist seine Botschaft immer noch aktuell – vielleicht sogar aktueller denn je.

Bjørn Woll

Biografie

Das Bundesjugendorchester ist das Patenorchester der Berliner Philharmoniker und vereint die besten jungen Nachwuchsmusiker aus ganz Deutschland, die unter der Leitung von namhaften Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Gustavo Dudamel und Kirill Petrenko ihr Können auf nationalen und internationalen Konzerttourneen beweisen. Die jungen Instrumentalisten zwischen 14 und 19 Jahren qualifizieren sich mit einem Probespiel vor fachkundiger Jury für ihre Mitgliedschaft im Orchester. Während intensiver Arbeitsphasen erschließen sie sich mit einem Team von Dozenten (darunter auch Mitglieder der Berliner Philharmoniker) und wechselnden Dirigenten anspruchsvolle Werke aus allen Epochen; auch Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts sowie Uraufführungen sind feste Bestandteile der Arbeit.

Tourneen führten das Orchester, häufig als Kulturbotschafter der Bundesrepublik Deutschland, durch ganz Europa, nach Nord- und Südamerika, Asien und Afrika. Im Rahmen zeitgeschichtlich bedeutender Projekte konzertierte das Ensemble zum Beispiel anlässlich des 50. Jahrestages der Berliner Luftbrücke unter der Leitung von Kurt Masur in New York, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007 in Europa und im kulturellen Vorprogramm der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Kapstadt. In der vergangenen Saison führten Gastspiele das Orchester nach China, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Italien und Österreich. Unter der Leitung von Sir Simon Rattle gastierte das Orchester bei den Osterfestspielen Baden-Baden in den Jahren 2013 – 2016. Auf Einladung der Berliner Philharmoniker, die ihr Patenorchester durch gemeinsame Proben, Meisterkurse und Konzerte unterstützen, gastierte das Bundesjugendorchester auch mehrfach in der Philharmonie, zuletzt im Januar 2017 unter der Leitung von Alexander Shelley.

Viele ehemalige Mitglieder des Bundesjugendorchester spielen heute in Berufsorchestern oder sind bekannte Solisten geworden – ein Beleg für die herausragende Bedeutung dieser 1969 gegründeten Einrichtung, dievom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), der Daimler AG, der Stadt Bonn und der Deutschen Orchestervereinigungunterstützt wird.

Das Orchestre Français des Jeunes wurde 1982 als nationales französisches Jugendorchester gegründet und hat sich seitdem zu einem Nachwuchsensemble von Weltniveau entwickelt. Lange Zeit lag die Leitung in den Händen von Dennis Russel Davies, bis 2015 David Zinman, langjähriger Chefdirigent beim Tonhalle-Orchester Zürich, diese Aufgabe übernahm. 2018 folgte ihm Fabien Gabel nach, der seit 2013 das Orchestre Symphoniqu de Quebec als Musikdirektor leitet. Die etwa 100 jungen Musikerinnen und Musiker des Orchestre Français des Jeunes treffen sich zu mehreren Arbeitsphasen im Jahr in Aix-en-Provence, wo sie von Dozenten der großen Orchester Frankreichs unterrichtet werden. Seit vielen Jahren sind die jungen Franzosen Stammgast beim Berliner Musikfestival Young Euro Classic; in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker ist das Orchestre Français des Jeunes nun erstmals zu erleben.

Thomas Neuhoff studierte u. a. bei Volker Wangenheim Evangelische Kirchenmusik sowie Dirigieren an der Kölner Musikhochschule und vertiefte seine musikalischen Kenntnisse bei John Eliot Gardiner und Helmuth Rilling. 1983 wurde er zum Kantor der Bonner Lukaskirche und Leiter des dort angesiedelten Kirchenchors, der Auerberger Kantorei, berufen. Kurz darauf übernahm er die Leitung des Philharmonischen Chors der Stadt Bonn, die er bis 2016 innehatte. Seit 2002 ist Thomas Neuhoff künstlerischer Leiter des Bach-Vereins Köln, den er zum führenden Oratorienchor der Domstadt gemacht hat. Hierbei hat er nicht nur berühmte Werke des Namenspatrons mit Originalklangensembles wie Concerto Köln zu Gehör gebracht, sondern auch diverse regionale Erstaufführungen englischer, französischer und amerikanischer Musik. Für Thomas Neuhoff ist es eine Herzensangelegenheit, Jugendliche mit Musik vertraut zu machen. Seit Jahren realisiert er Projekte zur musikalischen Nachwuchsförderung, oftmals mit zeitgeschichtlichem und gesellschaftspolitischem Hintergrund. Nach den hoch gelobten Aufführungen von Benjamin Brittens Kantate Saint Nicolas mit über 100 mitwirkenden Kindern im Dezember 2014 und »Mitsingen bei Saul« im April 2015 leitete er 2016 ein weiteres groß angelegtes Schülerprojekt zu Leonard Bernsteins Mass; 2017 folgte im Vorfeld der Kölner Erstaufführung von Edward Elgars Oratorium The Kingdom ein weiteres Schülerprojekt im Zusammenhang mit diesem selten gespielten Werk. Benjamin Brittens War Requiem hat Thomas Neuhoff bereits mehrfach in Deutschland und England dirigiert. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Daniel Spaw, in Nashville/Tennessee (USA) aufgewachsen, studierte zunächst Klavier an der Jacobs School of Music der Indiana University in Bloomington/Indiana, wo er den Bachelor of Music mit Auszeichnung erhielt. Anschließend schloss der Stipendiat des Internationalen Richard Wagner Verbands ein zweites Studium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln im Fach Dirigieren ab. Bereits während dieser Ausbildung wirkte der junge Amerikaner als musikalischer Assistent beim Bach-Verein Köln und beim Philharmonischen Chor der Stadt Bonn. Seit seiner Berufung zum Kapellmeister des Österreichischen Landestheaters Linz im Jahr 2012 hat sich Daniel Spaw ein breites Repertoire erarbeitet und neben großen, international beachteten Opernproduktionen wie Verdis La traviata (Regie: Robert Wilson) auch Musicals und Kinderkonzerte geleitet. Er arbeitete u. a. mit den Hofer Symphonikern, dem Bruckner Orchester Linz, dem Kölner Kammerorchester und der Philharmonie Südwestfalen. Seit Beginn der Saison 2017/2018 ist Daniel Spaw Erster Kapellmeister und stellvertretender Musikdirektor am Theater Hof. Bei der heutigen Aufführung von Benjamin Brittens War Requiem, mit dem der Dirigent sein Debüt in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt, übernimmt er jenen Part, auf den sich auch der Komponist selbst bei der Uraufführung 1962 konzentrierte: Spaw leitet das Kammerorchester (Orchestre Français des Jeunes), das als separater Klangkörper Brittens Vertonungen der Antikriegsgedichte der Solisten begleitet.

Banu Böke absolvierte ihr Hochschulstudium in München bei Reri Grist und in Köln bei Klesie Kelly. Bereits während der Ausbildung erhielt deutsch-türkische Sopranistin ihr erstes Engagement an der Oper Köln, wo sie als Ensemblemitglied zwischen 1999 und 2004 viele Partien des lyrischen Sopranfachs sang. Parallel hierzu schloss sie ihr Studium mit Auszeichnung ab und besuchte Meisterkurse bei Gundula Janowitz und Montserrat Caballé. Von 2007 bis 2014 gehörte die Zweite Preisträgerin des Internationalen Gesangswettbewerbs Competizione dell’Opera zum Ensemble der Wuppertaler Bühnen, wo sie als Contessa (Le nozze di Figaro), Mimì (La Bohème), Alice Ford (Falstaff), Agathe (Der Freischütz), Rosalinde (Die Fledermaus), Roksana (Król Roger) sowie in der Titelpartie von Richard Strauss’ Arabella zu erleben war. 2012 sang Banu Böke in der deutschsprachigen Erstaufführung von Fazil Says Oratorium Nazim in der in der Historischen Stadthalle Wuppertal die Sopranpartie; im Januar 2013 übernahm sie die Rolle der Braut in Wolfgang Fortners selten gespielter Oper Bluthochzeit. Gastengagements führten die Sängerin, deren Repertoire von Alter Musik bis zu zeitgenössischen Werken reicht und auch die Genres Musical und Jazz einschließt, u. a. an das Theater Münster, an die Oper Frankfurt und an die Bayerische Staatsoper München. Seit 2009 ist Banu Böke als Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln tätig. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt sie nun ihr Debüt.

James Gilchrist sang schon als Kind im Chor des New College in Oxford und am King’s College in Cambridge. Während seines Medizinstudiums trat er solistisch sowie in Ensembles wie The Sixteen, den Tallis Scholars und der Cardinall’s Musick in Erscheinung. Erst 1996, nach etlichen Jahren als praktizierender Arzt, entschied sich der Brite für den Beruf des Sängers. International bekannt wurde er durch seine Zusammenarbeit mit John Eliot Gardiner. Heute ist James Gilchrist, der als musikalischer Botschafter seines Landes alle Kontinente bereiste, weltweit als Konzertsänger gefragt. Seine Interpretationen der Evangelistenpartien in Bachs Passionen gelten als herausragend, zahlreiche CD-Veröffentlichungen belegen seinen Rang als Experte im Bereich der Alten Musik. Zudem hat der Tenor eine besondere Affinität zum deutschen Kunstlied: Seine Einspielungen der großen Zyklen von Schubert und Schumann wurden mehrfach prämiert. Auch die von Benjamin Britten für Peter Pears geschriebenen Tenorpartien sind Säulen im Repertoire von James Gilchrist, der zudem ungewöhnliche, über das rein Musikalische hinausgehende Projekte entwickelt – etwa »Music for your Mind«, in dessen Rahmen Auswirkungen von Musik auf Gesundheit und Seele erforscht werden. Brittens War Requiem und dessen pazifistische Botschaft sind eine Herzensangelegenheit von James Gilchrist, der das Werk bereits 2005 unter der Leitung von Thomas Neuhoff in der Bonner Beethovenhalle zum 60. Jahrestag des Kriegsendes mit zur Aufführung brachte. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker ist James Gilchrist nun erstmals zu erleben.

Erik Sohn wuchs in Friedrichshafen am Bodensee auf. Nach einem Musik- und Germanistikstudium in Köln folgte auf das Staatsexamen eine Gesangsausbildung bei Berthold Schmid in Dortmund. Der in Köln lebende Bariton verfügt über ein vielseitiges Repertoire von barocker, klassischer, romantischer und zeitgenössischer Literatur bis hin zu Pop und Jazz. Gastspiele führten ihn ins europäische Ausland sowie nach Israel, Korea und in die USA. Mehrfach engagierte er sich im Rahmen von Schülerprojekten und stellte mit Thomas Neuhoff Live-Musik in Köln-Bonner Schulen vor. Bei einer Produktion von Brittens Jugendoper Noye's Fludde, in der 300 Grundschüler als Sänger sowie ein Orchester aus Jugendlichen der Region mitwirkten, übernahm er die Titelrolle. Im Bereich Chor- und Ensembleleitung für Populäre Musik lehrt Erik Sohn seit 2006 als Dozent und seit 2011 als Professor an der Hochschule für Musik und Tanz Köln; dort ist er auch Initiator des jährlich im Januar stattfindenden Festivals für Populäre Vokalmusik »voc.cologne«. Zu den von Britten im War Requiem vertonten Antikriegs-Gedichten hat der Bariton eine besondere Beziehung. So sang er sie z. B. 2008 bei einer deutsch-englischen Produktion in Oxford zur Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkrieges. Im Frühjahr 2018 wird Erik Sohn diese »War Poems« mit Thomas Neuhoff in diversen Schulen vorstellen und diskutieren, um die Schülerinnen und Schüler auf den Konzertbesuch in der Kölner Philharmonie vorzubereiten. Als Gast der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt Erik Sohn nun sein Debüt.

Im Mai 2016 feierte der Chor des Bach-Vereins Köln sein 85-jähriges Bestehen und beging dieses Jubiläum mit der Aufführung von Leonard Bernsteins Mass in der Kölner Philharmonie. Damit setzte das Ensemble, in dessen Repertoire das Œuvre Johann Sebastian Bachs einen besonderen Schwerpunkt bildet, die fruchtbare Kooperation mit dem Gürzenich-Orchester Köln fort. Zudem bewies es seine Affinität zu Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts, die immer wieder in den Programmen vertreten sind. So führte der Chor des Bach-Vereins Köln in den letzten Jahren Werke von Hermann Schroeder, Arvo Pärt, Benjamin Britten, Komitas Vardapet und Iannis Xenakis auf; außerdem gestaltete er die Kölner Erstaufführungen der Oratorien Das Buch mit sieben Siegeln von Franz Schmidt, Belshazzar’s Feast von William Walton und The Kingdom von Edward Elgar. Durch Gesprächskonzerte und kontinuierliche Jugendarbeit hat der Bach-Verein Köln während der vergangenen 15 Jahre seinem Wirkungsfeld weitere Facetten hinzugefügt. Gastspiele führten den Chor, der nun erstmals in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gastiert, u. a. nach Weimar, Potsdam, Berlin und in die Leipziger Thomaskirche.

Der Polnische Nationaljugendchor (Polski Narodowy Chór Młodzieżowy) besteht aus 60 Studentinnen und Studenten im Alter von 18 bis 26 Jahren, die zweimal pro Jahr zu intensiven Probenphasen zusammenkommen, um bei qualifizierter pädagogischer Betreuung ihre Fähigkeiten im gemeinsamen Musizieren zu erweitern. In der Arbeit mit ihrer Chorleiterin Agnieszka Franków-Żelazny lernen die Jugendlichen nicht nur musikalische Stile und Gesangstechniken kennen, denn soziologische, psychologische und völkerverständigende Aspekte des gemeinsamen Musizierens bilden weitere Schwerpunkte. Das Repertoire des Chors reicht von A-cappella-Musik bis zur Chorsymphonik. Projekte mit internationalen Dirigenten und Ensembles haben den Chor, der nun erstmals in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker zu hören ist, auch über die Grenzen Polens hinaus bekannt gemacht.

Begeisterung für den Gesang, die körperliche und seelische Erfahrung eigenen Musizierens und das sichtbare Erfolgserlebnis am Ende mitunter anstrengender Arbeitsphasen haben die Mitglieder des Jugendchors der Lukaskirche Bonn in den vergangenen Jahren immer wieder zur Teilnahme an ungewöhnlichen Projekten des Bach-Vereins Köln motiviert. Musik alter Meister wie Monteverdis Marienvesper, die im November 2018 erneut mit dem Ensemble zur Aufführung kommt, wird dabei ebenso gepflegt wie die musikpädagogisch konzipierten Werke von Benjamin Britten. Nach der Aufführung der Kantate St. Nicolas im Jahr 2014 steht mit dem War Requiem nun eines der wohl bedeutendsten Werke des Engländers in der Einstudierung von Thomas Neuhoff auf dem Programm. Bei den aktuellen Aufführungen im In- und Ausland begegnen die Jugendlichen international renommierten Jugendchören aus Belgien, England und Polen – Gelegenheit für ein musikalisches Miteinander und neue Freundschaften über Ländergrenzen hinweg. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt der Jugendchor der Lukaskirche Bonn nun seinen Einstand.

Zur Einweihung der neu errichteten Kathedrale von Coventry, die zusammen mit der Stadt in der Nacht vom 14. zum 15. November 1940 von der deutschen Luftwaffe nahezu vollständig zerstört worden war, gründeten sich an dem Bischofssitz 1962 zunächst ein Männer- und ein Knabenchor. 1993 wurde auch erstmals ein Mädchenchor etabliert. Heute besteht er aus 28 Sängerinnen im Alter von 8 bis 18 Jahren, die aus Schulen der ganzen Stadt zusammenkommen. Zum Repertoire des Coventry Cathedral Girls’ Choir gehört Musik vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Mit Kerry Beaumont, dem Kathedral-Organisten und Leiter des Chors, unternahm das Ensemble in den letzten Jahren mehrere Tourneen durch Großbritannien sowie nach Deutschland und in die Niederlande. CD-Aufnahmen und Auftritte im BBC-Fernsehen dokumentieren den ausgezeichneten Ruf des Ensembles, das in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker nun erstmals zu erleben ist.

Der Knabenchor Les Pastoureaux (Die Hirtenjungen), 1974 in Waterloo (Belgien) gegründet, wird seit 2006 von Phillippe Favette geleitet. Das Ensemble, das heute in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker debütiert, verfügt über ein breit gefächertes Repertoire, das von der Renaissancemusik bis hin zur Moderne reicht und auch Folklore und Popmusik einbezieht. Weit mehr als 1000 Konzerte haben die 7- bis 14-jährigen Mitglieder des Chores, die auch Petits Chanteurs de Waterloo (Die Sängerknaben von Waterloo) genannt werden, bereits absolviert. Über die heimischen Konzerte auf dem Podium der Chapelle Musicale Reine Elisabeth in ihrer Residenzstadt hinaus begeben sich die jungen Musiker regelmäßig auf Tourneen durch ganz Europa, nach Süd- und Nordamerika sowie nach Japan. Zudem ist der Chor ein gern gehörtes Gastensemble bei renommierten Festivals im In- und Ausland, etwa beim Flandern-Festival, beim Festival de Wallonie, bei den Musicales de Beloeil sowie bei namhaften Musikfesten in Polen, Italien und Österreich. Zuletzt gastierten Les Pastoureaux in der lettischen Haupstadt Riga, wo sie als offizielle Vertreter Belgiens am Wettbewerb Eurovision Choir of the Year 2017 teilnahmen.

(Foto: Monika Rittershaus)

Für alle bis 28

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