Kammermusik

face to face – Konzert von jungen Leuten für junge Leute

Musikalischer Nachwuchs aus Weimar

Das Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar gilt als musikalische Kaderschmiede für besonders begabte Schülerinnen und Schüler. Sie werden von Professoren und Lehrbeauftragten der Hochschule für Musik »Franz Liszt« unterrichtet. Auf Einladung der Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker präsentiert sich das Orchester dieser renommierten Institution im Kammermusiksaal – mit Werken von György Ligeti, Gordon Jacob und Felix Mendelssohn Bartholdy. Die waschechte Berlinerin, DJane und Radio FRITZ-Moderatorin Babette Conrady führt durch das Programm. Nach dem Konzert legt sie beim »face to face-chillout« Elektro und Pop im Foyer des Kammermusiksaals auf, so dass man bei einem kühlen Getränk mit Freunden und den Musikern des Orchesters den Abend ausklingen lassen kann.

Orchester des Musikgymnasiums Schloss Belvedere – Hochbegabtenzentrum der Hochschule für Musik »Franz Liszt« Weimar

Jörg Brückner Horn

Joan Pagès Valls Dirigent

Babette Conrady Moderation

Education lädt ein

György Ligeti

Concert Românesc für Orchester

Gordon Jacob

Konzert für Horn und Streicher

Felix Mendelssohn Bartholdy

Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 11

Termine und Karten

Mi, 28. Sep 2016, 19:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 18:00 Uhr

Programm

Das Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar ist ein staatliches Spezialgymnasium, an dem rund 120 musikalisch besonders begabte Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und dem Ausland von Professoren und Lehrbeauftragten der Hochschule für Musik »Franz Liszt« unterrichtet werden. Nachdem junge Nachwuchsmusikerinnen und -musiker bereits mehrfach in den Lunchkonzerten zu erleben waren, präsentiert sich auf Einladung der Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker nun das Orchester dieser renommierten Institution im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie: mit György Ligetis frühem Concert Românesc, das noch ganz unter dem Einfluss der ungarischen Musiktradition à la Béla Bartók steht, wobei die Streicher im Finale das mitreißende Spiel der rumänischen Roma imitieren. Anschließend erklingt das zwischen traumverlorenen Lyrismen und hochvirtuosen Läufen changierende Konzert für Horn und Streichorchester des britischen Komponisten Gordon Jacob (Jahrgang 1895), dessen Premiere mit dem Hornvirtuosen Dennis Brain am 8. Mai 1951 in der Londoner Wigmore Hall stattfand. Solist dieses von Joan Pagès Valls dirigierten Abends ist der Solohornist der Münchner Philharmoniker Jörg Brückner, der wie Valls als Professor an der Hochschule »Franz Liszt« unterrichtet. Abschließend steht Felix Mendelssohn Bartholdys Symphonie op. 11 auf dem Programm, in welcher der damals erst 15-jährige Komponist die musikalische Öffentlichkeit mit großer »Gewandtheit in der Behandlung der einzelnen Instrumente und […] des ganzen Orchesters« überraschte. (Allgemeine musikalische Zeitung)

Über die Musik

Musikalische Befreiungsschläge

Werke von György Ligeti, Gordon Jacob und Felix Mendelssohn Bartholdy

Verbotene Musik

»Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.« So steht es im fünften Artikel des Grundgesetzes, das seit Mai 1949 in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft ist. Allein die Tatsache, dass dieses Postulat an so prominenter Stelle fixiert wurde, zeigt, dass es keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist, von Kunstfreiheit auszugehen. Bestimmtem in Mittelalter und Renaissance noch die Lehren der Kirche das künstlerische Schaffen bestimmten, so gaben im 17. und 18. Jahrhundert vor allem die Höfe den Ton an. Fürsten und Könige waren die Auftrag- und somit Geldgeber. Als Gegenleistung erwarteten die Regenten in der Regel, dass das Kunstwerk ihren Ruhm und ihre Macht verherrlichen sollte. Sogar Friedrich II., genannt »der Große«, der sich für einen aufgeklärten Monarchen hielt, legte entschiedenen Wert darauf, dass die Künstler an seinem Hof den Glanz Preußens vermehrten und ihn selbst – nicht zuletzt als glänzenden Flötenvirtuosen – effektvoll in Szene setzten. Nachdem die zunehmend bürgerlich geprägte Musikszene des 19. Jahrhunderts durch eine gewisse Liberalität gekennzeichnet war, markierte der Erste Weltkrieg einen entscheidenden Wendepunkt. Bald setzten sich in vielen Ländern autoritäre Herrschaftsformen durch – Nationalsozialismus in Deutschland, Faschismus in Italien und Kommunismus in Russland beschränkten die Freiheit der Kunstproduktion in fataler Weise: Kunst hatte der Propaganda zu dienen; was nicht konform war, sondern gar kritisch, galt als »entartet«, wurde verbannt oder vernichtet. Den Nationalsozialisten genügte die Tatsache, dass der christlich getaufte Felix Mendelssohn Bartholdy jüdischer Abstammung war, um das Gesamtschaffen des Komponisten rund 100 Jahre nach dessen Tod auf den Index zu setzen.

Während in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg das Recht auf Kunstfreiheit seinen Platz im Grundgesetz fand, gab es in den kommunistisch regierten östlichen Nachbarländern keine künstlerische Freiheit. György Ligeti, 1923 im rumänischen Siebenbürgen geboren, verbrachte große Teile seiner Studienzeit in Ungarn. Da Künstlern hier jeder Kontakt zum Westen verboten war, konnte Ligeti lediglich über die stark gestörten Signale westlicher Radiosender hören, was seine avantgardistischen Zeitgenossen komponierten. Er erinnert sich: »So entstand in Budapest eine Kultur des ›geschlossenen Zimmers‹, in der sich die Mehrheit der Künstler für die ›innere Emigration‹ entschied. Offiziell wurde der ›sozialistische Realismus‹ oktroyiert, d. h. eine billige Massenkunst mit vorgeschriebener politischer Propaganda. Moderne Kunst und Literatur wurden pauschal verboten. […] Geschrieben, komponiert, gemalt wurde im Geheimen und in der kaum vorhandenen Freizeit: Für die Schublade zu arbeiten galt als Ehre.«

Dass das 1951 entstandene Concert Românesc auch ein solches Werk für die Schublade werden sollte, war zunächst nicht abzusehen. Ligeti, der sich als leidenschaftlicher Musikethnologe mit dem Sammeln und Aufzeichnen von Volksmusik beschäftigte, verarbeitete in diesem Orchesterstück eine Vielzahl rumänischer Melodien und drückte so seine »tiefe Liebe zur rumänischen Volksmusik und zur rumänischsprachigen Kultur schlechthin« aus. Die nicht ganz reinen Naturtonklänge des Horns (möglicherweise eine Anlehnung an ein Alphorn, dem Ligeti als Kind im Gebirge gelauscht hatte) und die eigenwilligen Harmonien rumänischer Dorfkapellen machen zwar den besonderen Charme dieses Stücks aus, führten aber auch zu seinem Verbot: »Obwohl einigermaßen konform, entpuppte sich das Stück als ›politically incorrect‹ infolge einiger verbotener Dissonanzen (z. B. fis innerhalb von B-Dur). Für den heutigen Hörer ist es kaum nachvollziehbar, dass solche milden tonalen Scherze als staatsgefährdend deklariert wurden«, so Ligeti, der noch 20 Jahre warten musste, bis das Concert Românesc erstmals aufgeführt wurde.

Der reife Schüler

Ebenfalls im Jahr 1951 schrieb der Brite Gordon Jacob sein Konzert für Horn und Streicher – allerdings unter ganz anderen Voraussetzungen, denn ihn behinderte dabei keine politische Zensur. Leicht hatte es der 1895 als letztes von zehn Kindern geborene Jacob trotzdem nicht. Er kam mit einer Gaumenspalte zur Welt, die sein Gesicht entstellte und ihm große Schwierigkeiten beim Sprechen bereitete. Kein Wunder, dass er ein schüchterner Schüler war, der viel Spott über sich ergehen lassen musste. Zahlreiche Operationen und Krankenhausaufenthalte sowie Sprachunterricht halfen, sein Selbstbewusstsein zu stärken. Außerdem ließ er sich als Erwachsener einen Schnäuzer wachsen, der sein Handicap verdeckte. Ein Blasinstrument konnte der musikalisch begabte Jacob aufgrund dessen allerdings nie erlernen. Umso beeindruckender ist sein Umgang mit dem Horn als Soloinstrument, dessen Vorzüge er gekonnt in Szene zu setzen versteht.

Ein tiefer Einschnitt in Jacobs Leben war sein Einsatz im Ersten Weltkrieg. Nachdem er sich im August 1914 den britischen Truppen angeschlossen hatte, wurde er in Schützengräben und auf Schlachtfeldern Zeuge unvorstellbarer Gräuel. Im April 1917 nahmen ihn deutsche Truppen gefangen. Erleichtert, nicht mehr an der Front den Kugeln ausgesetzt zu sein, konnte er im Gefangenenlager sogar seiner großen Leidenschaft nachgehen: der Musik. Jacob, der zwar in jungen Jahren Klavierunterricht, aber keine fundierte musikalische Ausbildung erhalten hatte, brachte sich mithilfe von Büchern, einem Klavier und einem kleinen Ensemble aus Mitgefangenen selbständig die Grundlagen des Komponierens bei: »Ich arbeite hart und hoffe, einige Stücke zur Veröffentlichung fertig zu haben, wenn ich zurück bin, aber meine Produktivität hält sich hier zwangsläufig in Grenzen, denn das eher eintönige Leben, das wir führen, ist nicht gerade inspirierend. Dennoch habe ich ziemlich viel über das Komponieren gelernt (auch wenn ich es selbst noch nicht beherrsche)«, schrieb er 1918 an einen seiner Brüder.

Als Jacob mit Kriegsende aus der Gefangenschaft entlassen wurde und nach England zurückkehrte, war er bereits 23 Jahre alt und hatte keine Ausbildung. Zunächst überlegte er Journalist zu werden, beschloss dann aber, sich ganz der Musik zu verschreiben. Dank seiner autodidaktischen Vorbereitungen erhielt er 1920 ein Stipendium des Londoner Royal College of Music, wo er nicht nur studieren, sondern bereits von 1924 an auch unterrichten durfte. Wie sehr er schon als Schüler ein reifer Komponist war, belegt die Aussage seines berühmten älteren Kollegen Ralph Vaughan Williams, bei dem Jacob seine Ausbildung vertiefen wollte: »Ich konnte ihm nichts beibringen, das er nicht schon besser beherrschte als ich.«

Jacob beendete das Studium erfolgreich und wurde für seine Kompositionen vielfach ausgezeichnet. Im Werkkatalog finden sich so kreative Schöpfungen wie ein Tubaquartett, ein Konzert für Akkordeon und eins für Kesselpauke – letztere hatte er im Schulorchester gespielt – sowie zahlreiche Arrangements für Blasorchester, mit denen der Brite besonders lukrative Aufträge aus den USA bediente. Die Entstehung des Hornkonzerts, das sowohl durch lyrische Melodien als auch brillante Virtuosität besticht, fällt in die Zeit, in der Jacob auf dem Höhepunkt seines Ruhms angekommen war. 1953 beauftragte man ihn sogar mit der Musik für die Krönungsfeier der noch heute amtierenden Königin Elizabeth II. Jacob berichtet, dass er im Vorfeld der Zeremonie vom Buckingham Palace gefragt wurde, ob er lieber in Universitäts- oder Hofrobe erscheinen wolle, woraufhin der Komponist sich für die letztere entschied mit der Begründung: »Da passen mehr Sandwiches unter den Hut.«

Der (Über-)Glückliche

Schon als der Bankkaufmann Abraham Mendelssohn, Sohn des berühmten jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, und seine Frau Lea, geborene Salomon, Tochter einer Fabrikantenfamilie, ihren 1809 geborenen Spross Felix nannten, war dieser offenbar dazu bestimmt, der ewig Glückliche zu sein. Wohlhabend, kunstliebend und äußerst gebildet lebte die Familie mit vier Kindern in Berlin, darunter Felixʼ Schwester Fanny, die auf dem Gebiet der Musik ebenso begabt war wie ihr Bruder, aber als Frau nicht die leiseste Chance auf eine professionelle Künstlerkarriere hatte. Abraham Mendelssohn wachte mit strenger Hand über die umfassende geistige wie körperliche Ausbildung seiner Kinder. Daraus ergab sich ein straffes Programm: Latein, Griechisch, Französisch, Englisch, Mathematik, Geografie, Zeichnen – das konnte Felix hervorragend! – und Musik, aber auch Schwimmen, Tanzen und Turnen. Natürlich wählte der Vater stets nur die besten Lehrer und so kam es, dass Felix, dessen musikalische Hochbegabung sich früh offenbarte, neben Geigen- und Klavierunterricht auch das Komponieren bei dem damals berühmten Carl Friedrich Zelter lernen durfte. Überhaupt kam Mendelssohn durch seine Familie, die in Berlin hohes Ansehen genoss, und ein intellektuelles Umfeld mit vielen prominenten Köpfen seiner Zeit in Berührung, etwa Carl Maria von Weber, dessen Oper Der Freischütz er sehr liebte, und auch Johann Wolfgang von Goethe, einem Duzfreund seines Lehrers Zelter. Den damals bereits über 70-jährigen Dichter besuchte Mendelssohn 1821 während eines Aufenthalts in Weimar, wo er als Wunderkind vorgeführt und bestaunt wurde.

Zwischen 1821 und 1823 komponierte der so umsorgte, geförderte und geforderte Felix unermüdlich, darunter zwölf Streichersymphonien, deren Wirkung er in der Wohnung seiner Familie bei den regelmäßigen »Sonntagsmusiken« erproben konnte. Ein Ensemble aus professionellen Musikern gab sich die Ehre, die Kompositionsversuche des Wunderknaben im häuslichen Rahmen aufzuführen – ein unschätzbarer Luxus für den heranreifenden Künstler, der diese Stücke jedoch sämtlich als reine Studienwerke in die Schublade verbannte. Erst die nächste Symphonie – seine erste mit Bläsern! – erkannte er selbstkritisch als vollgültiges Opus an: Als Symphonie Nr. 1 op. 11 erschien das Werk des gerade einmal 15-Jährigen im Druck. Tatsächlich unterscheidet sich dieses Frühwerk von den noch stark an barocken Vorbildern orientierten Streichersymphonien. Zwar gibt es deutliche Anklänge an Weber, Haydn und Mozart, doch offenbart das Stück mit seiner geschickten Instrumentierung, reizvollen Melodien (herausragend ist das kantable Klarinettenthema im Finalsatz!) und effektvollen Steigerungen bereits wesentliche Grundzüge eines persönlichen Stils, den Mendelssohn nur wenig später in seiner berühmten Sommernachtstraum-Musik vollends entwickeln sollte. Dennoch hat es die c-Moll-Symphonie heute schwer, sich gegenüber der Italienischen (Nr. 4) und der Schottischen (Nr. 3) in den Konzertprogrammen zu behaupten. Nicht ganz unschuldig an dieser Tatsache dürften herablassende Äußerungen sein wie diese aus einem Konzertführer: »Mendelssohn bewegt sich ungekünstelt im Rahmen dessen, was man von ihm erwartet, und spiegelt gleichwohl die Eigenschaften einer liebenswürdigen, phantasiereichen Persönlichkeit. Erregende Spannungen, revolutionären Überschwang, tragische Akzente darf man in der Musik dieses Glücklichen, von Kämpfen Verschonten nicht suchen.« Dabei übersieht der Autor, dass Mendelssohn nicht, wie noch Beethoven, in einer revolutionären Atmosphäre, sondern zur Zeit des Biedermeier komponierte, also in einer Epoche, die durch den Rückzug des Individuums in die Innerlichkeit gekennzeichnet war. Vor allem aber scheint er zu vergessen, dass es sich bei dem Komponisten dieser Symphonie beinahe noch um ein Kind handelt und es doch geradezu erschütternd wäre, wenn sich in den Werken eines so jungen Talents bereits die düsteren psychologischen Abgründe auftäten, die man aus den per aspera ad astra ringenden Symphonien des reifen Beethoven kennt.

Susanne Ziese

(Foto: Jan von Holleben)