Auréle Nicolet (Foto: ABPh)

Kammermusik

In memoriam Aurèle Nicolet (1926-2016)

Er galt als Poet der Flöte: Der Schweizer Aurèle Nicolet, einer der bedeutendsten Flötisten des 20. Jahrhunderts, beeindruckte mit seinem technisch makellosen und interpretatorisch sensiblen Spiel. In den 1950er-Jahren war Nicolet Soloflötist der Berliner Philharmoniker, ehe er sich seiner internationalen Karriere als Solist und seinen zahlreichen Lehrverpflichtungen widmete. Der philharmonische Soloflötist Emmanuel Pahud, ein Schüler Nicolets, und seine Kollegen aus der Flötengruppe erinnern in diesem Konzert an den Musiker, der im Januar 2016 verstarb.

Flötisten der Berliner Philharmoniker:

Mathieu Dufour

Egor Egorkin

Michael Hasel

Emmanuel Pahud

Jelka Weber

und Gäste

Benefizkonzert zugunsten der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker und Human Plus

Joseph Bodin de Boismortier

Konzert für fünf Flöten a-Moll op. 15 Nr. 2 (1. Satz)

Jörg Widmann

Petite Suite in memoriam Aurèle Nicolet

Joseph Bodin de Boismortier

Konzert für fünf Flöten a-Moll op. 15 Nr. 2 (2. Satz)

Pierre Boulez

Mémoriale (... explosante-fixe ... Originel)

Joseph Bodin de Boismortier

Konzert für fünf Flöten a-Moll op. 15 Nr. 2 (3. Satz)

Elliott Carter

Scrivo in vento

Johann Sebastian Bach

Triosonate G-Dur BWV 1039

Carl Philipp Emanuel Bach

Sonate für zwei Flöten und Basso continuo E-Dur Wq 162

Edgard Varèse

Density 21.5

Johann Christoph Friedrich Bach

Flötensonate D-Dur

Claude Debussy

Syrinx

Joseph Bodin de Boismortier

Konzert für fünf Flöten D-Dur op. 15 Nr. 3

Termine und Karten

Do, 01. Dez 2016, 20:00 Uhr

Kammermusiksaal | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie Sonderkonzert Kammermusik

Programm

Auf den Tag eine Woche nach seinem 90. Geburtstag verstarb am 29. Januar 2016 mit Aurèle Nicolet einer der bedeutendsten Flötisten des 20. Jahrhunderts. Nach Studien in Zürich und Paris begann der im schweizerischen Neuchâtel geborene Nicolet seine Laufbahn als Musiker im Zürcher Tonhalle-Orchester und (bereits als Soloflötist) im Stadtorchester Winterthur, bevor ihn Wilhelm Furtwängler 1950 an das erste Pult der Flötengruppe der Berliner Philharmoniker berief. Neun Jahre blieb Nicolet den Philharmonikern treu, dann widmete er sich seiner internationalen Karriere als Solist und seinen zahlreichen Lehrverpflichtungen, in deren Rahmen er u. a. auch einen jüngeren Landsmann, den seit 1993 amtierenden philharmonischen Soloflötisten Emmanuel Pahud unterwies.

Vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1966 als »Poet der Flöte« apostrophiert, von Günter Grass 33 Jahre später als ein »Feuerkopf, dem das Kraushaar lodert« charakterisiert, inspirierte Nicolet mit seinem technisch makellosen und interpretatorisch sensiblen Spiel nicht nur Komponisten wie György Ligeti, Tōru Takemitsu oder Edison Denisov zu Kompositionen für die Flöte, sondern war auch im Bereich der Alten Musik ein gefragter Mann und als solcher u. a. erste Wahl bei den Bach-Einspielungen von Karl Richter. Es ist der Flötengruppe der Berliner Philharmoniker eine Herzensangelegenheit, zusammen mit einer Reihe musikalischer Gäste, in diesem Kammerkonzert des Musikers, des Lehrers und nicht zuletzt auch des Menschen Aurèle Nicolet zu gedenken. Werke aus der Glanzzeit des Flötenspiels stehen ebenso auf dem Programm wie Kompositionen neueren Datums.

Über die Musik

Die Flöte – ein Geschenk der Götter

Flötenmusik vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart zu Ehren von Aurèle Nicolet

Gibt es eigentlich auch einen »kulturellen Urknall«? Es gibt ihn! Das jedenfalls konnten Tübinger Archäologen voller Staunen und Bewunderung feststellen, als sie in der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb vor einigen Jahren das bislang älteste Musikinstrument der Welt entdeckten: eine Flöte. Denn als die Archäologin Maria Malina die 31 dort gefundenen Mammutelfenbein-Splitter sorgsam wieder zusammengesetzt hatte, lag vor ihr eine filigrane 18,7 cm lange, durchaus funktionsfähige Flöte bislang unbekannter Machart. Das technisch erstaunlich hochstehende Instrument, prosaisch Flöte 3 genannt, dokumentiert, dass »Musik ein etablierter Bestandteil des Lebens der Aurignacien-Menschen gewesen ist«, jener Menschen, die auf der Kulturstufe der Altsteinzeit vor 35.000 bis 30.000 Jahren gelebt haben, betont der Tübinger Archäologe Nicholas J. Conrad. Und Friedrich Seeberger, ein schwäbischer Musikarchäologe, der inzwischen diese Ur-Flöte nachgebaut hat, stellte beeindruckt fest, dass auf ihr »eine ästhetisch ansprechende Musik gespielt« werden kann. Die Kunst, jenes Zusammenwirken von symbolischem Denken und künstlerischem Gestaltungswillen, scheint auf der Schwäbischen Alb ihre Wurzeln zu haben.

Im Laufe der Zeit hat die Ur-Flöte eine zahlreiche Nachkommenschaft bekommen. Da gibt es unter anderem Kerb- und Doppelflöten, Kernspalt- und Panflöten, Gefäß- und Blockflöten sowie die uns hier besonders interessierende Querflöte. Doch bei allʼ dieser Namensvielfalt haben die so unterschiedlichen Instrumente eines gemeinsam: Sie werden mit dem Mund angeblasen. Der Luftstrom, der in der Röhre respektive den Röhren oder dem Gefäß usw. periodisch unterbrochen wird, gerät in Schwingungen. Sie werden – je nach Beschaffenheit – durch Grifflöcher, die mit den Fingern verschlossen oder geöffnet werden können, bzw. durch Klappen stimuliert. Seit alters her ist die Flöte nicht nur ein charakteristisches Schäfer- und Hirteninstrument, sondern sie ist auch in magische Kulte – wie zum Beispiel den Totenkult – oder in bestimmte Riten eingebunden; überdies wird wieals ein Geschenk der Götter interpretiert. So geht zum Beispiel die antike Hirtenflöte Syrinx auf Pan, den Gott der Hirten und Jäger zurück.

Joseph Bodin de Boismortier: Konzert für fünf Flöten a-Moll op. 15 Nr. 2

Gleich mit fünf Flöten hat Joseph Bodin de Boismortier in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die »Fenster« der musikalischen Landschaft Frankreichs weit geöffnet. Er war der erste französische Komponist, der seine Werke Concertos nannte. Mit diesem Titel präsentierte er seinen komponierenden Zeitgenossen eine neue Form und wies ihnen den Weg zum italienischen Concerto. In seinen 1727 im Druck veröffentlichten VI Concertos Pour 5 Flûtes-Traversieres ou autres Instrumens, sans Baße. Ou peut aussy les jouer avec une Basse, op. 15 allerdings »nur« insofern, als er die dreisätzige Form und den Wechsel zwischen Solo und Tutti übernahm. Denn eine brillante Solopartie, wie es sich für ein »richtiges« Concerto vivaldischer Machart gehört, ist keinem der fünf Flötisten anvertraut. Jeder von ihnen webt gleichberechtigt und sehr kunstvoll an dem so bunten und klangintensiven Stoff. Verständlich, dass sich Boismortiers Concerti mit ihrer Melodik im style galant spontan die Herzen sowohl der Ausführenden als auch der Zuhörer eroberten und schon bald in Paris im Rahmen der erst 1725 gegründeten öffentlichen Concerts spirituels zu hören waren.

Jörg Widman: Petite Suite

Unter den zahlreichen Instrumenten scheint die Flöte mit ihrem ungemein vielfältigen Klangmöglichkeiten besonders geeignet zu sein, eines Verstorbenen klingend zu gedenken. Ob Jörg Widmann, Pierre Boulez oder durchaus auch Elliott Carter, für sie alle ist gerade dieses Blasinstrument das ideale Ausdrucksmittel, um »in memoriam« zu komponieren. Und wenn es sich, wie bei Widmanns Petite Suite, dann auch noch um einen weltberühmten Flötisten wie Aurèle Nicolet handelt, der zum Jahresbeginn 2016 kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben ist und der von 1950 bis 1959 als Solo-Flötist zu den Berliner Philharmonikern gehörte, dann ist es naheliegend, mit genau diesem Instrument an ihn zu erinnern. Widmann, der so vielseitig begabte Komponist, Klarinettist und Dirigent, gehört mit seinem Schaffen, den Opern und Orchesterwerken, den Konzerten und der Kammermusik zu den faszinierenden und ungemein anregenden Tonkünstler unserer Tage. Kammermusik, bekennt Widmann, sei seine Leidenschaft. Leidenschaft, behutsam schattiert, durchzieht dann auch alle drei Sätze der Petite Suite. Sie ist gleichsam ein »Destillat« der 2011 komponierten Flûte en suite für Solo-Flöte und Orchestergruppen. Das dort Artikulierte wird hier weitergedacht.

Pierre Boulez: Mémoriale

Der Fähigkeit, einen Gedanken weiterzuentwickeln, aber auch eine unbändige Fantasie zu entfesseln, verdanken wir Pierre Boulezʼ Mémorialeexplosante-fixeOriginel. Die Komposition beruht auf einer 1971 als Hommage an den gerade verstorbenen Igor Strawinsky entstandenen Idee, mehr eine »Materialsammlung: eine siebentönige Hauptmatrix (Originel) und ihre sechs Varianten« (Michael Struck-Schloen). Als work in progress hat Boulez sie dann in verschiedenen, unterschiedlich besetzten Versionen weiterentwickelt: Als Mémoriale (1985) erinnert es an den kanadischen Flötisten Lawrence Beauregard (1956 – 1985), jetzt instrumentiert für Flöte und acht Instrumente. Es folgte von 1991 bis 1993 eine Bearbeitung für MIDI-Flöte, Live-Elektronik, zwei »Schatten«-Flöten und Kammerorchester. Ebenfalls 1993 war es dann ausschließlich die Flöte solo, die noch einmal an den viel zu früh verstorbenen Beauregard erinnert: mit ausholenden Gesten, sehr schnell, expressiv und dann wieder ruhig, leise, fast geflüstert. Zart, langsam und im dreifachen Piano ersterbend erklingen zum Schluss noch einmal die sieben Stammtöne.

Elliott Carter: Scrivo in vento

Scrivo in vento – Ich schreibe in den Wind. Den Titel hat Elliott Carter bei Francesco Petrarca (1304 – 1374) aus dessen Canzionere entlehnt. Die 1991 entstandene Komposition für Soloflöte ist Carters Freund, dem kanadischen Flötisten, Komponisten und Dirigenten Robert Aitken (geb.1939) gewidmet. Aitken hat das Stück am 20. Juli 1991, genau an Petrarcas 678. Geburtstag, im Rahmen der Festspiele von Avignon uraufgeführt. Also in jener Gegend, in der Petrarca 27 Jahre gelebt hat, seine an Laura gerichteten Gedichte schrieb, den dortigen Mont Ventoux, den Berg der Winde, erstieg und mit der Beschreibung dieses Abenteuers als Allererster eine Bergbesteigung poetisch dokumentierte. Auch durch Carters scrivo in vento bläst – naheliegend bei der Flöte – der Wind. Carter erklärt zu seinem Werk: »Ich benutzte die Flöte, um gegensätzliche musikalische Gedanken und kontrastreiche Register zu präsentieren, die für die paradoxe Natur dieses Sonetts stehen.«

Die Stücke von Widmann, Boulez oder Carter dokumentieren hörbar, dass die flûte traversaine, wie sie 1360 in einem Inventarverzeichnis genannt wurde, längst nicht mehr nur den Engeln vorbehalten war, wie die zahlreichen Abbildungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert glauben lassen. Inzwischen hatte sie sich zu einem vielseitig verwendbaren Instrument entwickelt. War dieses in seiner Frühzeit nur aus Elfenbein und vor allem aus Holz gefertigt, so bestand es nun auch aus Metall, ja, sogar Gold und Silber kamen zum Einsatz. Die moderne Flöte, wie sie heute solistisch oder im Orchester erklingt, verdankt ihr Aussehen und ihre Spieltechnik einem Genie: Theobald Boehm (1794 – 1881). Mit der nach ihm benannten Boehmflöte, die er 1847 aus der mehrklappigen Flöte alter Konstruktion entwickelte, hatte er den Holzblasinstrumentenbau radikal revolutioniert. Nicht nur, dass er die neuen Instrumente ausschließlich aus Silber fertigte, einige erhielten auch noch eine goldene Mundplatte und wieder andere hatte er als Altflöte konstruiert. Als Boehm für seine Erfindungen auf der Londoner Weltausstellung 1851 von einer internationalen Jury eine große Medaille in Bronze erhielt, schrieb Hector Berlioz, der der Jury angehört hatte: »Der Ton dieser Instrumente ist süß und kristallen.« Die Spieler könnten nun »ohne Schwierigkeiten in Tonarten« musizieren, die für sie vorher fast unerreichbar gewesen waren.

Edgard Varèse: Density 21.5

Selbst Platin eignet sich für den Bau einer Flöte. Eine Tatsache, die Edgard Varèse 1936 zu der Komposition Density 21.5 (die Dichte von Platin beträgt 21,5 Gramm pro Kubikzentimeter) inspirierte. Und da der französische Flötist Georges Barrère eine Platinflöte blies, hat Varèse für ihn dieses Stück komponiert. Aus einer Grundidee entwickelt der Erneuerer der musikalischen Sprache des 20. Jahrhunderts verschiedene »Klangformen« (Varèse). Sie verteilt er auf unterschiedliche Register, formt Klangskulpturen und nutzt alle akustischen Möglichkeiten der Flöte, von den höchsten bis zu den tiefsten Tönen. Dann wieder ruft er mit den tiefen Flötenklappen eine mysteriöse Stimmung hervor, bis die Klänge erneut anmutig fließen und sogar der Klage Raum gegeben wird.

Bach Vater und Bach Söhne: Sonaten für Flöte

Als Johann Sebastian Bach und zwei seiner Söhne, Carl Philipp Emanuel und Johann Christoph Friedrich, ihre Sonaten schufen, zählte die Flöte zu den beliebtesten Instrumenten. War sie doch ganz besonders in der Lage, dem »empfindsamen Stil«, dem Rührenden, Ausdrucksvollen und Redenden eine Stimme zu geben, genauso wie sie dem »alten« Stil weiterhin zu seinem Recht verhalf. Die heute erklingenden Werke der drei Bachs dokumentieren eindrucksvoll die ganze Spannbreite der Musikentwicklung im 18. Jahrhundert. Da gibt es bei Johann Sebastian Bach das Zusammenwirken und Wettstreiten der beiden gleichberechtigten Flötenstimmen über einem Basso continuo, so »dass man kaum errathen könne(n), welche Stimme von beyden die erste sey«. (Johann Joachim Quantz). Als Carl Philipp Emanuel, Cammercembalist des preußischen Königs Friedrich II., 1749 seine Triosonate E-Dur komponierte, hatten sich Schreibart und Ausdrucksideal erheblich gewandelt. Jetzt favorisierte man den »freyen« galanten und empfindsamen Stil. Der Zweite der komponierenden Söhne Johann Sebastians, war, wie er in den Bemerkungen zu seinem Trio Wq 162 schreibt, jetzt bestrebt, »durch Instrumente etwas, so viel als möglich ist, auszudrücken, wozu man sonst viel bequemer die Singstimme und Worte brauchet«. Und das durch sprechende Pausen, eine kontrastreiche Stimmführung, eine spannungsreiche Dynamik und kühne Modulationen. Die Sonate des 18 Jahre jüngeren Bruders Johann Christoph Friedrich, des sogenannten Bückeburger Bach – er war 1750 als Kammermusiker in den Dienst des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe in Bückeburg getreten und sollte dort bis zu seinem Tod auch bleiben – entstand in einer Zeit, in der sich der Stil bereits hörbar auf den Weg zur musikalischen Klassik begeben hatte. Die Kavierstimme gibt ihre rein begleitende Funktion endgültig auf und das Tasteninstrument wird ein gleichberechtigter Partner. Die Flöte dagegen begnügt sich mitunter mit der Aufgabe einer begleitenden Solostimme. Die Rollen der beiden Protagonisten sind nicht mehr eindeutig festgelegt.

Claude Debussy: Syrinx für Flöte solo

Es ist »gewiss«, schreibt Pierre Boulez 1958 in einem Lexikon-Artikel über Claude Debussy, »dass die moderne Musik mit dem Nachmittag eines Fauns erwacht«. In der Tat, seit der umjubelten Uraufführung des Orchesterwerks Prélude à laprès-midi d’un faune 1894 in Paris atmet die Musik anders. Keineswegs umstürzlerisch, aber von einer so ungewöhnlichen Expressivität und mit bisher so nicht gehörten transparenten Klängen. Auf diese Weise also konnte man die Klangfarbe auch einsetzen! Eine neue Welt öffnete sich: »Pan, du spielst im Waldesrauschen / Erste Flötenmelodie. / Lass uns nun dem Lichte lauschen, / das entzündet Debussy.« Mit diesem – ins Deutsche übertragenen – Vierzeiler hatte sich Stéphane Mallarmé bei dem jungen Komponisten für die geniale Vertonung seiner Poesie bedankt. Fast 20 Jahre später, 1913, setzt Debussy diesen Weg der ästhetischen Erneuerung der Musik fort, nun mit Syrinx für Flöte solo.

Pan, in Liebe für die Nymphe Syrinx entbrannt, verfolgt sie. Sie flieht, bis der Fluss Ladon ihren Lauf hemmt und sie plötzlich in ein Schilfrohr verwandelt wird. Statt der heiß begehrten Syrinx umarmt Pan nun das Rohr, aus dem er eine Flöte fertigt. Als Panflöte, bei der fünf oder mehr unterschiedlich lange Röhren zu einem Skaleninstrument zusammengebunden sind, hat sie besonders Ost- und Südeuropa erobert. Dort ist sie noch heute sehr beliebt. Debussys kurzes, bewundernswert ausdrucksvolles und poetisches Stück lässt sonnengetränkte Luft um die Klang gewordene Syrinx schwirren. Außer Kraft gesetzt ist die harmonische Hierarchie der Töne. In Halbtonschritten, langsam, sehnsuchtsvoll und leidenschaftlich wandert die Melodie durch den Raum. Mit Syrinx, komponiert als Schauspielmusik zu Gabriel Moureys Psyché, war Debussy, bereits krank, noch einmal zur Kammermusik zurückgekehrt. Es sollten nur noch drei Sonaten folgen, ehe er 1918 starb. Seit Syrinx 1927 postum veröffentlicht wurde, gehört die Komposition zu den Lieblingswerken der Flötisten. Welche fantastischen klanglichen Möglichkeiten noch weiterhin in dem Holzblasinstrument steckten, konnte man damals bereits ahnen.

Ingeborg Allihn

Biografie

Erinnerungen an Aurèle Nicolet

Ein Porträt

Aurèle Nicolet, am 22. Januar 1926 im schweizerischen Neuchâtel geboren, studierte von 1943 an bei André Jaunet und Willy Burkhard am Konservatorium Zürich. 1945 übernahm er die Position des Soloflötisten im Tonhalle Orchester Zürich, um gleichzeitig die Ausbildung in der Klasse von Marcel Moyse am Pariser Conservatoire zu vervollkommnen. Nach seinem Abschluss mit dem Premier Prix (1947) wurde Aurèle Nicolet ein Jahr später beim Concours International de Musique de Genève mit dem Ersten Preis ausgezeichnet. Von 1947 bis 1949 wirkte er als Soloflötist in dem von Hermann Scherchen geleiteten Musikkolleg Winterthur, bevor er auf die gleiche Position zu den Berliner Philharmonikern wechselte. Hier blieb Aurèle Nicolet von 1950 bis 1959, bis er seine Tätigkeit als Orchestermusiker zugunsten einer Professur an der Musikhochschule im Westteil Berlins (1953 bis 1965) bzw. an der Hochschule für Musik in Freiburg (1965 bis 1981) und einer umfassenden Solokarriere aufgab. In deren Verlauf gastierte er weltweit bei renommierten Orchestern unter der Leitung von Dirigenten wie Pierre Boulez, Sergiu Celibidache, Herbert von Karajan, Lorin Maazel, Wolfgang Sawallisch und Georg Solti. Zu seinen bevorzugten Kammermusikpartnern gehörten Bruno Canino, Michio Kobayashi, Edith Picht-Axenfeld, Jean-Pierre Rampal, Karl Richter und András Schiff. Aurèle Nicolet verfügte über ein breitgefächertes Repertoire und brachte zahlreiche ihm gewidmete Kompositionen von Edison Denisov, Paul-Heinz Dittrich, Heinz Holliger, Klaus Huber, Krzysztof Meyer und Tōru Takemitsu u. a. zur Uraufführung. Er war Jurymitglied bei den bedeutendsten Musikwettbewerben und Präsident des ersten Internationalen, nach ihm benannten, Flötenwettbewerbs 2006 in Beijing. »Einer Intuition folgen, dann aber zur Analyse übergehen, um diese erste Intuition entweder zu rechtfertigen oder zu berichtigen, die Synthese suchen und die Einheit und Einfachheit wiederfinden, das sollte, so glaube ich, der Weg sein, dem der Interpret zu folgen hat.« Dieses Zitat von Nicolet aus der Reihe Wie Meister üben begründet seine großen pädagogischen Erfolge als engagierter Lehrer vieler Flötisten – von Gérard Schaub (Jahrgang 1931) bis zu Emmanuel Pahud (Jahrgang 1970). Aurèle Nicolet starb kurz nach seinem 90. Geburtstag in Freiburg am 29. Januar 2016.

Harald Hodeige

Michael Hasel:

Im Sommersemester 1979 hatte ich das große Glück, in die Flötenklasse von Aurèle Nicolet an der Freiburger Musikhochschule eintreten zu können. Trotz einer enorm langen Warteliste musste ich nach der Aufnahmeprüfung nur ein Semester ausharren, um einen der heißbegehrten Studienplätze zu erhalten. Das kam für mich als jungem Flötisten einem Hauptgewinn im Lotto gleich, da Aurèles Unterricht und das Niveau seiner Klasse international einen ausgezeichneten Ruf besaßen. Die zwei Jahre, die ich bis zu seinem Ausscheiden aus der Hochschule in Freiburg mit Kommilitonen wie Eva Amsler, Irena Grafenauer, Robert Langevin, Thaddeus Watson –um nur ein paar Namen zu nennen – verbrachte, haben mich dann auch als Musiker ganz entscheidend geprägt.

Es war für mich die erste Begegnung mit dem großen Flötensolisten seiner Generation (neben Jean-Pierre Rampal), einem herausragenden Exponenten der »Französischen Schule«, der selbst Student des legendären Marcel Moyse gewesen war. Andererseits hatte er aber auch durch seine neunjährige Tätigkeit als Soloflötist der Berliner Philharmoniker mit Wilhelm Furtwängler als künstlerischem Leiter und allen bekannten und großen Dirigenten der Nachkriegszeit als Gastdirigenten sämtliche Tugenden und den enormen Erfahrungsschatz dieses (im besten Sinne des Wortes) typisch deutschen Traditions- und Weltklasseorchester verinnerlicht.

Als ich 1984 ebenfalls bei den Berliner Philharmoniker aufgenommen wurde, konnten sich viele der älteren Kollegen noch gut an Aurèle und den neuen Ton – sowohl auf der Flöte, als auch im Umgang – den er ins Orchester brachte, erinnern. Ihnen allen wie auch seinen zahlreichen Studentinnen und Studenten aus dieser Berliner Zeit ist nicht nur sein ausdrucksstarkes Spiel im Orchester und als Solist, sondern auch sein unwiderstehlicher Charme bis heute präsent. 1992 kam mit dem Schweizer Emmanuel Pahud – eine schöne Koinzidenz – noch ein Schüler Nicolets in die Flötengruppe, sodass wir Aurèles »Vermächtnis« in Erinnerung halten und auf jeweils eigene Weise fortführen.

Aurèles Neugier auf alle Arten von Musik, von der ganz alten bis zur neuesten, von Ethno- bis zur Jazzmusik, sein Interesse an Malerei, Literatur und Theater aller Stilrichtungen war bis zuletzt immens. In diesem Sinne hat er seine Studentinnen und Studenten immer angeregt, sich ebenfalls offen und ohne Vorurteile auf alles einzulassen, sich auszuprobieren und – vor allem – sich eine eigene Meinung zu bilden. Nie wollte er »kleine Nicolets« züchten, sondern interessierte, informierte, sensible, vielseitige Künstler heranbilden, denen die Flöte ein Instrument zum Ausdruck ihrer Persönlichkeit ist und kein eitler und hohler Selbstzweck.

Seine humorvolle, »französisch-charmante«, aber auch »deutsch-strenge« Art im Umgang mit uns allen in der Klasse wird mir musikalisch und menschlich als Vorbild immer in allerbester Erinnerung bleiben.

Berlin, im Mai 2016

Emmanuel Pahud:

Aurèle Nicolet hatte bis zuletzt sehr lebendige und prägende Erinnerungen an seine philharmonische Zeit in Berlin und erzählte immer gern von den ehemaligen Kollegen, den Dirigenten und Solisten, und auch wie man »hier Musik macht«. Im Juli 1992 durfte ich eine Woche mit ihm verbringen, um mich auf den Genfer Wettbewerb und das Probespiel für Soloflöte in unserem Orchester vorzubereiten. Er selbst hatte schließlich gute 40 Jahre davor beides gewonnen und konnte mir somit den Weg aufzeigen. Das Glück dieser intensiven Tage bei Aurèle Nicolet haben mein Leben verändert: Er hat mir geholfen, erwachsen zu werden.

Den Reichtum in seiner Persönlichkeit und seiner Lehre werde ich nie vergessen. Auch nicht unsere endlosen musikalischen und politischen Diskussionen, seine Neugier auf das Leben, seine stets humorvolle Weltanschauung, Betrachtung und Analyse der Ereignisse und seine Liebe zu guten Dingen. Zugleich Künstler, Intellektueller, Pädagoge und Virtuose öffnete er sich allem Neuen (und auch Alten) mit großer Neugierde, Zuneigung und Aufmerksamkeit, stets mit höchstem Anspruch und im tiefsten Respekt für die Musik – absolute Hingabe, Präsenz, Zugänglichkeit und Fürsorge waren die Säulen seiner Lehre.

Wir hatten das Glück, mit Aurèle Nicolet einen großartigen Menschen und Musiker kennenzulernen. Seine außerordentliche Persönlichkeit und seine Kunst bleiben eine ewige Quelle der Inspiration und unendlicher Bewunderung.

Berlin, im Oktober 2016

Egor Egorkin:

Ich war erst neun Jahre alt, als ich 1995 Aurèle Nicolet bei einem Meisterkurs kennengelernte. Mir, aber auch jedem Nicht-Musiker, offenbarte sich sofort seine einzigartige Kunstfertigkeit: Für alle seine Schüler und Studenten fand er stets klare Lösungen, die er mit großem Feingefühl vermittelte. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir seine Erläuterung zum Andante ma non troppo aus Mozarts D-Dur-Flötenkonzert KV 314. Er erzählte, wie er im Winter mit seinem Hund spazieren geht und die Spuren im Schnee betrachtet: Es gibt eine Hauptlinie und die Verzierung. Mir ist klargeworden, dass das nicht nur für diesen langsamen Satz Mozarts oder die Musik insgesamt gilt, sondern auch für unser Leben allgemein. Wichtig sind die Menschen neben uns, alles andere ist meistens nur Verzierung.

Als ich ihn 16 Jahre später in Freiburg bei einem Konzert wiedertraf, erkannte Maestro Nicolet mich – zu meinem großen Erstaunen – sofort wieder.

Berlin, im Oktober 2016

Auréle Nicolet (Foto: ABPh)