Orgel

Stummfilm: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt

Wer wie Guy Bovet nicht nur ein herausragender Organist, sondern auch ein leidenschaftlicher Cineast ist, der stellt sein Können gerne in den Dienst des Stummfilms. Der Schweizer begleitet einen der ungewöhnlichsten Filme der 1920er-Jahre: Walter Ruttmanns Dokumentation Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, die minutiös einen Tag im Leben der alten Reichshauptstadt erzählt, von den menschenleeren Straßen im Morgengrauen zur Betriebsamkeit des Tages und den Vergnügungen des Abends. Film ab!

Guy Bovet Orgel

Orgel & Stummfilm

Berlin – Die Sinfonie der Großstadt

Dokumentarfilm von Walter Ruttmann aus dem Jahr 1927

In Kooperation mit Europäische FilmPhilharmonie GmbH

FILMPHILHARMONIC EDITION

Film mit Genehmigung von Eva Riehl/Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

Termine und Karten

So, 23. Okt 2016, 20:00 Uhr

Philharmonie – Karl-Schuke-Orgel | Einführung: 19:00 Uhr

Programm

»Warum machen Sie nicht einen Film über Berlin – ohne Story?« Angeblich war es eine beiläufige Frage des Drehbuchautors Carl Mayer, die den Regisseur Walter Ruttmann zu einem Meisterwerk anregte. Ruttmanns Dokumentarfilm Berlin die Sinfonie der Großstadt, der im September 1927 im Berliner Tauentzien-Palast uraufgeführt wurde, erzählt minutiös einen Tag im Leben der alten Reichshauptstadt. Von den menschenleeren Straßen im Morgengrauen zur Betriebsamkeit des Tages und den Vergnügungen des Abends – Walter Ruttmanns Kameras sind immer dabei. Man begegnet Arbeitern, Angestellten und Schulkindern, beobachtet Kommerzienräte bei ihren Geschäften, verfolgt Mannequins auf dem Laufsteg und sieht Bettler in tiefer Armut. Der Rhythmus der Metropole ist unerbittlich, wenn Autos, Straßenbahnen und D-Züge durch die Szenerie rattern. Mit damals bahnbrechender Montagetechnik präsentiert Ruttmann, ein studierter Architekt und Maler, die Großstadt mit all ihren Kontrasten: Liebe, Hochzeit und Tod, das blutige Handwerk im Schlachthof, die Sommerfrische am Wannsee und die Exotik des Zoos. Berlin die Sinfonie der Großstadt zeigt eine Stadt, die es so nicht mehr gibt. Insofern ist Walter Ruttmanns Streifen eines der bedeutendsten Zeitdokumente Berlins zwischen den Weltkriegen. Die Berliner Philharmonie verwandelt sich für einen Abend in ein großes Stummfilmkino. An der Orgel waltet mit Guy Bovet einen Meister seines Fachs. Der Schweizer zählt zu den berühmtesten Organisten unserer Zeit, ist erklärter Cineast und überhaupt ein musikalischer Alleskönner. Film ab!

Über die Musik

Optische Symphonie und Malerei mit Zeit

Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von Walther Ruttmann

Im Grunde gehört es zum Selbstverständlichsten, dass man in die Philharmonie geht, um ein Symphoniekonzert zu hören. Die Symphonie ist der Inbegriff und das Kernstück der klassisch-romantischen Orchestermusik. Die Tatsache, dass es die Symphonien von Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner und Mahler gibt, ist der Grund, warum es solche Konzertsäle gibt. Und doch ist beim heutigen »Sinfonie-Konzert« alles anders.

Der Begriff der Symphonie hat viele Wandlungen durchgemacht. Vom griechischen Wortstamm her geht es schlicht darum, dass etwas zusammen klingt: »sýn« (zusammen) und »phoné« (Ton, Stimme). Im Mittelalter bezeichnete Symphonia allgemein einen harmonischen Zusammenklang im realen oder übertragenen Sinn, zum Beispiel die Sphärenharmonie. Heinrich Schütz schrieb während des Dreißigjährigen Kriegs seine Symphoniae sacrae für Gesangstimmen und Instrumentalensemble. Johann Sebastian Bach nannte sowohl einige Werke für Orchester als auch seine dreistimmigen Inventionen für Cembalo Sinfonia. Aber spätestens seit Beethoven ist die Symphonie der Mount Everest der instrumentalen Orchesterkomposition. Sie hat ihre Form gefunden mit ihren vier, manchmal fünf Sätzen. Aber selbst Beethoven sprengt bzw. erweitert diese Form wieder, indem er seine Neunte Symphonie um Chor und Gesangsolisten erweitert. Dieser Aufbruch zum noch Größeren und Kunstvolleren wird von anderen Komponisten wie zum Beispiel Gustav Mahler um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aufgegriffen und virtuos weiterentwickelt. Die Form verändert sich wieder und wieder. Aber der Qualitätsanspruch und das Ringen um die künstlerische Meisterschaft bleiben die zentrale Herausforderung dieser ambitioniertesten Gattung des orchestralen Zusammenklangs.

Die Kunst der Bewegung

Und dann komponiert Walther Ruttmann im Jahr 1927 eine Symphonie. Eine Symphonie aus Bildern. In seinem Werk kann man den Rhythmus nicht hören, sondern sehen. Das virtuose Zusammenspiel der Orchesterinstrumente ist bei ihm ein Zusammenklang aus polyfonen Abläufen und atmosphärischen Flächen, die ineinanderlaufen, sich gegenseitig kontrastieren und weiterentwickeln wie musikalische Themen. »Tag für Tag fuhr ich mit meinem Aufnahmewagen durch die Stadt, um bald im Westen den verwöhnten Kurfürstendammbewohner zu überlisten, bald im Scheunenviertel ärmstes Berlin einzufangen. Täglich wurden die Aufnahmen entwickelt und ganz, ganz langsam, nur für mich sichtbar, begann sich der erste Akt zu formen. Nach jedem Schnittversuch sah ich, was mir noch fehlte, dort ein Bild für ein zartes Crescendo, hier ein Andante, ein blecherner Klang oder ein Flötenton, und danach bestimmte ich immer von neuem, was aufzunehmen und was für Motive zu suchen waren ‒ ich formte mein Manuskript dauernd neu während der Arbeit.« Er unterteilt seine Symphonie in fünf Sätze, die bei ihm allerdings (wie in einem Schauspiel) Akte heißen. Gleichzeitig verzichtet er auf fast alles, was man von einem Film erwartet. Im Programmheft zur Uraufführung heißt es: »Ein Werk wurde geschaffen, das mit allem bricht, was der Film bisher gezeigt: Es spielen keine Schauspieler und doch spielen Hunderttausende. Es gibt keine Spielhandlung und es erschließen sich doch ungezählte Dramen des Lebens. Es gibt keine Kulissen und keine Ausstattung und man schaut doch in der wilden Flucht des hundertpferdigen Panoramas die unzähligen Gesichter der Millionenstadt. Der mächtige Rhythmus der Arbeit, der rauschende Hymnus des Vergnügens, der Verzweiflungsschrei des Elends und das Donnern der steinernen Straßen: alles wurde vereinigt zur Sinfonie der Großstadt.« Obwohl es keine professionellen Schauspieler und keine Dialoge gibt, gibt es doch einen Protagonisten bzw. eine Protagonistin: Berlin.

»Als ich mich einmal entschlossen hatte, die Großstadt als Vorwurf eines Films zu nehmen, kam nur Berlin in Betracht, denn für den Film als ›Kunst der Bewegung‹ ist das junge, mit unbegrenzten Möglichkeiten angefüllte Berlin das dankbarste Objekt. Die moderne Steinhydra hatte bei den Aufnahmen Launen wie kaum eine menschliche Diva. Über ein Jahr dauerte die Arbeit, bis in vielen tausend kleinen und kleinsten Aufnahmen der vielfältige Charakter Berlins filmisch festgehalten war. Ich musste ohne Atelier, ohne gestellte Bauten, unter erschwerten Umständen ständig mit meiner kleinen Detektiv-Kamera auf der Lauer liegen, ich musste hineingehen in das Leben der Großstadt, alles unbemerkt aufnehmen, denn keines der Objekte durfte etwas von der Aufnahme wissen und im Bewusstsein, gefilmt zu werden anfangen zu spielen

Berlin – Die Sinfonie der Großstadt ist Walther Ruttmanns größter und einflussreichster Film, in dem er seinen Stil konsequent durchführen konnte und seine vielfältigen Begabungen gleichermaßen zum Ausdruck kamen. »Das Musikalische und Optische, verbunden mit dem Mathematischen lag schon immer in mir«, erklärte er in einem Zeitungsinterview.

Walther Ruttmann wurde am 28.Dezember 1887 als Sohn eines Kaufmanns in Frankfurt am Main geboren. Schon früh zeigte er großes Interesse für Musik und begann mit 12 Jahren Cello zu spielen. 1906 ging Ruttmann nach Zürich und studierte dort Architektur. Dieses Studium brach er jedoch bald ab und zog nach München, wo er sich an der dortigen Akademie der Malerei zuwandte. Er etablierte sich als Maler, gewann Preise bei Plakatwettbewerben, und konnte so bis 1914 gut von den Einkünften aus seiner Kunst leben. Im August 1914 wurde er eingezogen und als Artillerie-Leutnant und Gasschutz-Offizier an der Ostfront eingesetzt. Die Erfahrungen im Stellungskrieg sowie der Tod seiner Frau und seines Kindes während des Ersten Weltkriegs belasteten ihn schwer. Er musizierte, malte und zeichnete zwar weiter, wurde aber zunehmend unzufrieden mit den Begrenzungen, die der Malerei aufgrund ihrer Statik innewohnen.

An der Spitze der Avantgarde

Ruttmann wollte Bewegung in seine Bilder bringen. Für ihn waren Geschwindigkeit und Tempo die Hauptmerkmale seiner Zeit, und dieses Phänomen verlangte eine entsprechende künstlerische Form. Das führte ihn schließlich konsequent zum Medium Film. Seine Gedanken dazu legt er 1919 in dem Aufsatz Malerei mit Zeit nieder: »Telegraf, Schnellzüge, Stenografie, Fotografie, Schnellpressen usw., haben zur Folge eine früher nicht gekannte Geschwindigkeit in der Übermittlung geistiger Resultate. [...] Durch diese Schnelligkeit des Bekanntwerdens ergibt sich für das Einzelindividuum ein fortwährendes Überschwemmtsein mit Material, dem gegenüber die alten Erledigungsmethoden versagen. Eine Kunst für das Auge, die sich von der Malerei dadurch unterscheidet, dass sie sich zeitlich abspielt (wie Musik), und dass der Schwerpunkt des Künstlerischen nicht (wie im Bild) in der Reduktion eines (realen oder formalen) Vorgangs auf einen Moment liegt, sondern gerade in der zeitlichen Entwicklung des Formalen. Es wird sich deshalb ein ganz neuer, bisher nur latent vorhandener Typus von Künstler herausstellen, der etwa in der Mitte von Malerei und Musik steht.«

So beginnt er um 1920 mit der Arbeit an seinem ersten Film Lichtspiel Opus 1, dem ersten abstrakten Film in Deutschland überhaupt: »Ich zog mich in meine Dachkammer nach München zurück, kaufte mir ein Lehrbuch der Kinematographie und fing an, Bewegungsstudien mit der Kamera zu treiben. Zumeist war es ein abstraktes Formenspiel von Kreisen und Linien, deren in der Bewegung miteinander kämpfende und sich harmonisch vereinende Figuren mich zu immer neuen optischen Visionen verlockten.« In der Folge entstehen weitere abstrakte Werke (Lichtspiel Opus 2 bis 4), sowie abstrakte Werbefilme, mit denen er sich an der Spitze der Avantgarde des Films etablierte. Darin betrieb er eine Komposition mit Bildern und Tönen, mit der er viele künstlerische Stile seiner Zeit verband: die konstruktivistische Formensprache, den ästhetisierenden Realismus der Neuen Sachlichkeit und das Bauhaus-Ideal einer umfassenden Ausgestaltung des Alltags.

Doch mit der Zeit trieb es ihn hinaus aus dem Fotostudio, hinein in die Realität, ohne dabei jedoch seine künstlerischen Ideale zu verleugnen. »Während der langen Jahre meiner Bewegungsgestaltung aus abstrakten Mitteln ließ mich die Sehnsucht nicht los, aus lebendigem Material zu bauen, aus den millionenfachen, tatsächlich vorhandenen Bewegungsenergien des Großstadtorganismus eine Film-Sinfonie zu schaffen.«

Ein Tag im Leben der Metropole

Damit betrat Ruttmann erneut unbekanntes Terrain und schuf mit Berlin – Die Sinfonie der Großstadt das erste abendfüllende Werk der Filmavantgarde, das sich der Zuordnung zu den Gattungen Spiel- oder Dokumentarfilm bis heute widersetzt.

Im Querschnitt sollte der Tagesablauf der Großstadt gezeigt werden. Nach der Einfahrt mit der Bahn in die Stadt zunächst das schlafende Berlin, das Aufstehen, der Arbeitsbeginn. Nach dem Mittagessen und der Mittagsruhe der Großstadtverkehr und eine neue Lebendigkeit am Nachmittag, die sich bis hin zur »Großstadt-Neurasthenie« steigert. Schließlich der Feierabend, die Freizeitgestaltung, das Nachtleben. Anstelle eines Drehbuchs benutzte Ruttmann einen Karteikasten, in dem Ideen und Aufnahmen auf einzelnen Karten beschrieben und angeordnet waren. Zusätzlich zu den »gefundenen« Filmaufnahmen werden allerdings doch auch wenige, kurze Szenen inszeniert, wie z. B. eine Schlägerei oder der Selbstmord einer jungen Frau.

Seinen unverwechselbaren Charakter erhielt dieser Film dann im Schneideraum: »Beim Schneiden zeigte sich, wie schwer die Sichtbarmachung der sinfonischen Kurve war, die mir vor Augen stand. Viele der schönsten Aufnahmen mussten fallen, weil hier kein Bilderbuch entstehen durfte, sondern so etwas wie das Gefüge einer komplizierten Maschine, die nur in Schwung geraten kann, wenn jedes kleinste Teilchen mit genauester Präzision in das andere greift.«

Der Film wird ein großer Publikumserfolg. Die Mischung aus alltäglich Gesehenem und der ungewöhnlichen Präsentation als dynamische Collage gefiel dem Publikum. So schrieb zum Beispiel die Vossische Zeitung nach der Premiere: »Es blieb dem Zuschauer nicht nur das Gefühl kalten Staunens ob dieses technischen Meisterstücks, man wurde vielmehr innerlich gepackt, mitgerissen von dem optischen Tempo dieser jüngsten und kuriosesten Weltstadt.« Es gab jedoch auch viele kritische Stimmen. Ruttmann wurde mangelndes soziales und politisches Engagement vorgeworfen; der Film gebe die Stadt Berlin inadäquat wider. Ruttmann lasse sich zu sehr von der Oberfläche faszinieren, sodass der Film den Inhalt zugunsten der Form ausspare. Tatsächlich schwebte Ruttmann jedoch niemals ein wahrheitsgetreues, wirklichkeitsnahes Stadtporträt vor; er wollte den Zuschauer die Energien, die Dynamik, die Bewegung der Großstadt mit originär kinematografischen Mitteln erleben lassen.

Gleichwohl ist der Film bei aller Abstraktion auch ein Zeitdokument, das eine Metropole zeigt, die sich weiterentwickelt hat. Einerseits zeigt es eine Stadt, die es so nicht mehr gibt. Andererseits kann der Zuschauer heute, im Abstand von fast 90 Jahren zur Uraufführung, ohne weiteres Orte und Atmosphären wahrnehmen, die vom Berlin der 1920er-Jahre bis heute weiterleben. Auch wenn die Autos keine Kurbeln mehr haben, auch wenn man(n) seinerzeit fast ausnahmslos Hut trug und wenn das Auflesen von Zigarettenkippen sich heute aufs Flaschensammeln verlegt hat, so kann man hinter dieser Flut von Details ein Berliner Lebensgefühl wiedererkennen, das die Jahrzehnte überdauert hat.

Die akustische Ebene

Doch neben aller optischen Musik in diesem Film gibt es ja auch die akustische Ebene. Ruttmann arbeitete sehr eng mit dem Komponisten Edmund Meisel zusammen, der seine Partitur für ein 75-köpfiges Orchester minutiös auf den Film abstimmte. Meisel war mit seiner 1926 entstandenen Musik für Panzerkreuzer Potemkin über Nacht berühmt geworden wie kein anderer Filmkomponist seiner Zeit und mit seiner Musik wurde der Film erst zum internationalen Großerfolg. Über seine Arbeit schrieb er 1927 im Filmkurier: »Ich habe mich bemüht, mit möglichst großer Objektivität den Rhythmus und die Melodie jedes Vorganges dieses schon an sich musikalisch aufgebauten Filmes niederzuschreiben. Diese Objektivität ist nur von einer Konzession durchbrochen: Von der Rücksicht auf die Psyche des kosmopolitischen, arbeitenden Berliners. Der Großstadtmensch unseres Zeitalters und seine tägliche Umgebung sind mein Programm. Ebenso wie dieser Film ist meine Arbeit ein Hohelied auf den heutigen Menschen im Rahmen der heutigen Zeit ‒ aber ein schlichtes, nüchternes Hohelied. Keine Verherrlichung, sondern ein Abbild!«

Die (akustisch-)musikalische Ausgestaltung dieser Symphonie verantwortet heute der Schweizer Organist und Komponist Guy Bovet. Er ist einer der profiliertesten Organisten unserer Zeit. Sein Repertoire reicht von mittelalterlicher Musik bis zur Moderne, seine rege Konzert- und Dozententätigkeit führen ihn über den gesamten Globus. Sein umfangreiches Œuvre als Komponist umfasst neben Kammermusik, Konzerten und Opern auch symphonische Werke sowie zahlreiche Filmmusiken. Zu seinem Vorgehen bei der musikalischen Begleitung von Stummfilmen bemerkt er: »Ich schaue mir den Film einige Male genau an und schreibe ein Szenario mit genauen Zeitangaben. Dann komponiere oder sammle ich eine Anzahl von Leitmotiven, die sich gewöhnlich auf die Personen beziehen, unter eventueller Einbeziehung von mehr oder weniger bekannten Melodien. Der Stil der Improvisationen kann sich entweder auf die Epoche der Handlung beziehen, oder ganz frei sein. Dann improvisiere ich über das gesammelte und komponierte musikalische Material. Auf der Orgel muss wegen der Registrierungen alles relativ genau vorbereitet sein: man kann also von einer ›vorbereiteten Improvisation‹ sprechen. Es entsteht eine Art Partitur mit den zu jeder Szene verwendeten Themen und die Angabe der genauen Dauer jeder Episode.« Ideale Voraussetzungen also, dass die optische Symphonie mit einer akustischen (Orgel-)Symphonie in Wechselwirkung treten kann und in Bewegung kommt. Denn das war die Intention Ruttmanns: »Ich glaube, dass die meisten, die an meinem Berlin-Film den Rausch der Bewegung erleben, nicht wissen, woher ihr Rausch kommt. Und wenn es mir gelungen ist, die Menschen zum Schwingen zu bringen, sie die Stadt Berlin erleben zu lassen, dann habe ich mein Ziel erreicht.«

Michael Betzner-Brandt

Biografie

Guy Bovet, 1942 in Thun geboren, studierte zunächst bei Marie Dufour in Lausanne, dann bei Pierre Segond in Genf und Marie-Claire Alain in Paris. Jährlich gibt der Schweizer Organist etwa 60 Konzerte in aller Welt, die Liste seiner zum Teil preisgekrönten Einspielungen umfasst mehr als 50 Schallplatten und CDs, von denen der größte Teil auf historischen Instrumenten in Europa und Lateinamerika aufgenommen wurde. Guy Bovet setzt sich für den Erhalt historischer Orgeln ein und wirkt als Sachverständiger in Europa, Japan, Nord- und Südamerika und auf den Philippinen. Als Komponist arbeitete er für Theater und Film, wobei sein mehr als 250 Opusnummern umfassender Werkkatalog auch Orgelwerke sowie Instrumental- und Vokalmusik umfasst. Er hat die kompletten Orgelwerke von José Lidón sowie die lange erwartete Neuedition von Francisco Correa de Arauxos Facultad organica von 1626 herausgegeben, zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten über Orgeln in Lateinamerika und in Spanien verfasst und in diesem Rahmen u. a. mit der Stiftung »Pro Helvetia« und der Unesco zusammengearbeitet. 20 Jahre lang gab Guy Bovet Interpretationskurse an der Universität von Salamanca und war bis 2008 als Professor an der Musikhochschule in Basel tätig; von 1988 bis 2009 war er Organist an der Stiftskirche (Collégiale) zu Neuchâtel. Guy Bovet ist Ehrenbürger der Stadt Dallas, Texas, und Doktor honoris causa der Universität Neuchâtel. Er wurde in Japan für seine pädagogische Tätigkeit geehrt und erhielt von der Regierung der Philippinen für seinen Einsatz um den Erhalt der historischen Orgeln und die Ausbildung junger Organisten hohe Auszeichnungen. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gab Guy Bovet im Februar 2013 im Rahmen des Sonderkonzerts Ein Fest für die Königin mit Werken von Johann Sebastian Bach, Maurice Ravel und Jehan Alain sein Debüt.

(Foto: Filmmuseum Berlin - Stiftung Deutsche Kinemathek)

(Foto: Hermann Willers)